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  1. #16
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    Lieber Butenlänner,

    ich bin bin noch mitten im Lesen und Begreifenversuchen, aber etwas mußt du bitte noch nachschieben: Was ist bei DIR der Unterschied zwischen der Metrik einerseits und dem Rhythmus andererseits eines Verses oder einer Strophe, ganz wie du willst. Metrik, Rhythmus, Metrik, Rhythmus, Metrik, Rhythmus...
    Wortfüsse, wohin ich auch seh!

  2. #17
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    Nur ganz kurz:


    Katzengold, Peter gelang es Reserven zu finden
    Xxx-XxxXxxXxxXx (Hexa)
    So sollte man "Katzengold" Xx(X) mE in diesen Vermaßen nicht unbedingt einsetzen (wenn man es inhaltlich vermeiden kann); das führt zu einem Hebungsprall, wo keiner sein soll; es ginge allenfalls in einem Gewohnheitsmetrum mit ausschließlich Dreifüßern, aber beim Bewegungsvers braucht es mehr Klarheit. Man muss so einen Kretikus ja nicht gerade an dieser Stelle verwenden. Wäre ja auch schade darum, weil er an anderer Stelle viel besser und wirkungsvoller einsetzbar ist.

    Wo ist das Katzengold, finde Reserven ganz schnell
    XxxXxX-XxxXxxX (Penta)
    So ist das "Katzengold" im Penta sehr gut eingesetzt, finde ich; wobei natürlich der Vers inhaltlich nur als Beispielvers taugt und der Beginn mit ein indifferenten Einsilbern auch nur geht, wenn die Betonung auf "Wo" im Kontext Sinn macht.

    LG
    albaa

  3. #18
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    Lieber Artname,

    Zitat Zitat von Artname
    2. Was um Gotteswillen versteht ihr dann unter Rhythmus?
    Bei alternierenden Metrum ist es leicht:

    (ta)tamtatamtatam ...

    Beim Hexa zB

    tamtatamtatatam// tatatamtatamtatatamta

    Beim Penta zB

    tamtatatamtatam//tamtatatamtatatam

    einzelne "tatas" oder auch "tas" können auch durch "tams" = schwere Silbe, (gescheifte) Spondeen ersetzt werden, das ist eine schwebende Betonung;

    fett habe ich die Teile markiert, die immer gleich sein sollten; zu den (auch fraglichen) Ausnahmen davon siehe Claudis Fragen Faden)

    LG
    albaa
    Geändert von albaa (15.12.2017 um 23:48 Uhr)

  4. #19
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    Liebe albaa,

    Danke für deine nette Erklärung. Mir ist aber schon klar, wie man die gängigen Versfüße zählt. ich kann das auch auf die verschiedensten Gedichteformen anwenden. - Meine Frage zielt auf die Unterscheidung zwischen dem Versmaß eines Gedichtes einerseits und seinem Rhythmus andererseits. Wortwuchs.net zum Beispiel definiert das Versmaß so:

    Zitat Zitat von Wortwuchs
    Das Versmaß oder auch Metrum ist ein Begriff aus der Verslehre (Metrik). Dabei beschreibt das Versmaß, inwiefern die einzelnen Silben im einzelnen Vers betont oder unbetont sind. Dadurch kann das Versmaß innerhalb eines Gedichts selbstverständlich dessen Rhythmus und Struktur, aber auch maßgeblich die Stimmung sowie unsere Lesart beeinflussen.

    In dieser wie in vielte anderen Definitionen wird also zwischen "Versmaß" UND "Rhythmus" dezidiert unterschieden. Ich war bisher der Meinung, dass die Silbenbetonungen lt. Duden der Maßstab ist, um das Metrum eines Verses, einer Strophe, eines Gedichtes zu ermitteln und zu benennen, wo möglich. So gesehen war also für mich das Metrum die Abfolge von definierten Hebungen und Senkungen laut Duden.

    Der Rhythmus hingegen war bisher für mich die tatsächlichen Hebungen und Senkungen während der Deklamation eines Gedichtes. Hier geht es also nicht darum, wie der Duden, sondern wie der Vortragende die Worte betont.

    das Metrum von: "Das werde ich nicht zulassen" wäre also xXxXxXxx
    der tatsächliche Rhythmus könnte aber auch der einer gedehnten Drohung sein:
    Das werde ich nicht zulassen... X Xx X X Xxx

    Butenlänner schrieb nun, dass die Dudenbetonung für das Metrum nicht bindend sei, sondern nur die des tatsächlichen Vortrages. Das hat natürlich auch was. Aber was bitte ist dann der "Rhythmus"?

    Wortfüsse, wohin ich auch seh!

  5. #20
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    Zitat Zitat von Artname
    1. Spondeus (Hebungsprall):
    Schon hier beginnt die Problematik: Spondeus und Hebungsprall sind zwei Begriffe aus zwei verschiedenen Welten. Ein in griechischer Sprache abgefaßtes Hexameter hat einen sehr typischen, und wie ich finde, auch sehr angenehmen Rhythmus, dem nicht jeder deutschsprachige Hexametervers ebenbürtig sein kann. Er hat sich im Umfeld der griechischen quantitierenden Sprache entwickelt. Die Nachahmung nach dem einfachen Übersetzungsschema Langsilbe=Akzentsilbe und Kurzsilbe=unbetonte Silbe hat ihre Grenzen. Ich muß unbedingt auf die Klangzeiten der Silben achten. Wenn zwei griechische Langsilben sich zu einem Spondeus vereinen, fließen die Silben ineinander. Bei den meisten Hebungsprallen in der deutschen Sprache gelingt das m.E. weniger. Mein inneres Ohr neigt oft dazu, ersatzweise für die fehlende unbetonte Silbe eine kurze Pause einzuschieben. So funktionierte wohl auch, wenn ich es richtig verstanden habe, die Metrik in den Zeiten des suffixarmen Mittelalters in Mittel- und Nordeuropa. Da ließ man sich bei Worten mit Konsonantenhäufungen richtig Zeit sie einzeln über die Zunge laufen zu lassen. Mit Hilfe eines Hebungspralles einen Spondeus nachzuahmen hat schon etwas mit Kunst zu tun. Die meisten Hebungspralle neigen dazu, die Verse auseinanderzureißen.

    Viele Hebungspralle ergeben sich aus der Aneinanderreihung eines endbetonten Wortes und eines anfangsbetonten oder zweier Einsilber mit großer Silbenschwere im Umfeld von Silben mit vergleichsweise niedriger Schwere (Voss führte den Begriff der Klangzeit ein, Bürger ergänzte diese noch mit inhaltlicher Bedeutungsschwere).

    Hebungspralle finde ich häufig in Komposita, weniger in zweisilbigen (z.B. Eiszeit, Kuhstall) als mehr in dreisilbigen (Bahnreise, Baustelle, Burgfrieden) oder sogenannten Dekomposita (Ergänzungen von Komposita mit einem oder mehreren weiteren Wörtern (z.B. Weltkriegsgeschehen). Oft spielt das Umfeld der entsprechenden Wörter ein Wörtchen mit.

    Zitat Zitat von Claudia
    In der quantitierenden Metrik, wie z.B. in altgriechischen und lateinischen Versen, sind die Silben schwer, wenn sie lang sind. Da kannst Du schwer mit lang gleichsetzen. In der akzentuierenden Metrik, also in deutscher Verssprache, ist eine Silbe schwer, wenn sie betont ist. Ob eine Silbe betont ist, hängt zum einen von ihrer sinntragenden Funktion und zum anderen, wie Fietje schon sagte, von ihrer Umgebung ab.
    Falsch: Schwere Silben sind in der Regel betont, aber nicht jede betonte Silbe ist eine schwere Silbe. In "stille Wasser sind tief" finden wir am Ende eine schwere Hebungssilbe, am Anfang eine leichte. In der Mitte könnte man sich streiten. Ich empfinde sie schwerer als die Hebungssilbe im ersten Versfuß, aber leichte als die im letzten. Genau damit bieten sich Möglichkeiten, auch in einem durchgängig im Jambus geschriebenem Gedicht der Gefahr des Leierns zu entgehen. Mit einem geschickten Wechsel von Versfüßen mit schweren Hebungssilben und solchen mit leichten Hebungssilben kann ich dem Gedicht Dynamik (Leben) einhauchen. Heine war ein Meister darin:

    Zitat Zitat von Heinrich Heine
    ...

    Mein Sehnen und Verlangen wächst,
    die alte Frau hat mich behext.
    Ich denke immer an die Alte,
    die alte Frau. die Gott erhalte.

    Die alte Frau hat mich so lieb,
    und in den Briefen, die sie schrieb,
    seh ich, wie ihre Hand gezittert,
    wie tief das Mutterherz erschüttert.
    ...
    LG Eremit
    Hinweis: Lyrik im Foyer 2018 in Frankfurt (Oder)

    -------------------------------------------
    Weh denen, die dem Ewigblinden
    Des Lichtes Himmelsfackel leih'n!
    Sie strahlt ihm nicht, sie kann nur zünden
    Und äschert Städt' und Länder ein. (F. Schiller)

  6. #21
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    Hallo Eremit,

    Wenn ich dich richtig verstehe, suchst du für dich einen Kompromiss zwischen quantitierendem (antik) und akzentuierendem (germanisch) Versmaß. Das ist mir sehr sympathisch, da ich als Liedtexter ja ebenfalls ständig mit langen und kurzen Tönen umgehen muss. Du du beziehst dich wohl ausschließlich auf Lyrik, aber ich seh da keine großen Unterschiede.

    Ja, dein Beitrag bestätigt mir, dass das Thema Metrik komplizierter ist, als Deutschlehrer oder mancher hiesige Forendichter meinen. Auch ich spüre beim Schreiben oft, dass unterschiedliche Klangzeiten oder Bedeutunggewichte existieren. Praktisch bin ich aber wohl zu stark am Inhalt orientiert und verlieren deshalb zu schnell die Kraft, mich explizit auf den Klang eines Gedichtes zu konzentrieren. Die Beachtung von Klang und Beteutungsschwere wäre ein einleuchtender Grund, Wochen an einem Gedicht zu arbeiten. Aber das in Zeiten des Internets...?
    Wirklich anschaulich und praktikabel ist für mich deine Art der Unterscheidung zwischen Hebungsprall und Spondeus. Auch die deutsche Sprache kennt schließlich unterschiedliche Silbenlängen. Ein "Laufrad" wirkt phonologisch anderes als ein "Rennstall". Das geht unter, wenn mal liest: Hebungsprall (Spondeus).

    Auch dein Hinweis auf "Konsonantenhäufungen" zeigt mir, dass du ähnliche Kriterien wie ich heranziehst, wenn du über Metrik und Klang nachdenkst.

    Meinen besonderen Dank für deinen Beitrag

    Kannst du mir auch noch sagen, welchen Unterschied du zwischen Metrum und Rhythmus siehst?

    lg
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  7. #22
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    Zitat Zitat von Artname Beitrag anzeigen
    Lieber Butenlänner,

    ich bin bin noch mitten im Lesen und Begreifenversuchen, aber etwas mußt du bitte noch nachschieben: Was ist bei DIR der Unterschied zwischen der Metrik einerseits und dem Rhythmus andererseits eines Verses oder einer Strophe, ganz wie du willst. Metrik, Rhythmus, Metrik, Rhythmus, Metrik, Rhythmus...
    Hi,
    Metrik, Rhythmus, Metrik, Rhythmus, ok, ich versuche es zu erklären, behalte dabei auch den Hexameter Spondeus im Auge und komme später auf die wertvollen Beiträge von Eremit und Albaa zurück.

    Wir brauchen wohl auch noch 2 andere Kriterien, ich nenne sie einfach mal Betonungsintensität der Silben und wie auch schon angesprochen, die unterschiedlichen Längen der Silben.

    1klar, sie begehrte den Vers göttlicher Funken, ein Hoch;
    X-xxXxxX-XxxXx-xX (Penta)
    2Wollust trieb sie an, den Stab wild fuchtelnd zu führen!
    XxXxX-xXXXxxXx (Hexa)
    3Küsse , bis endlich, welch Qual, selig ein Vers mir entrann!
    Xx-xXx-xX-XxxXxxX (Penta)

    Alle drei Verse haben unterschiedlich Geschwindigkeiten und unterschiedliche Kurven im An- und Abstieg der Töne.
    Vers 2 ist sehr schnell und hämmernd, Vers 3 langsam und stärker absteigend als Vers 1.
    In Vers 2 bleibt einerseits die Metrik des Hexameters erhalten, wenn auch hart an der Grenze des Zulässigen, andererseits wird der Rhythmus schneller und hämmernd. Die veränderte Rhythmusgeschwindigkeit ist hier passend zum Inhalt gewählt. Die Töne steigen am Ende des zweiten Verses steil an, nehmen an Geschwindigkeit zu, was sich auch auf die erste Hälfte des nachfolgenden Pentas überträgt, dort allerdings mit langen Pausen, und gehen dann in der zweiten Pentahälfte in eine mäßige Geschwindigkeit über.




    dazu:
    Das Distichon
    Im Hexameter steigt des Springquells flüssige Säule,
    XxXxxXxXXXxxXx
    --Im Pentameter drauf fällt sie melodisch herab.
    XxXxxXXxxXxxX
    (Friedrich Schiller, Epigramm)


    Nun wolltest du ja lieber artname, den Unterschied zwischen Metrik und Rhythmus erfahren. Dieses war nun meine Sicht der Dinge, mag sein ich habe da einige Begrifflichkeiten durcheinander geworfen. Die Geschwindigkeit und Intensität der Töne steht wohl dichter beim Rhythmus, der Taktstock bei der Metrik. Vlt bietet die Musik hinsichtlich Takt und Rhythmus Parallelen?

    Zurück zum Kernthema, dem Spondeus:
    >Wollust trieb sie an, den Stab wild fuchtelnd zu führen!<
    Gibt es hier Zweifel?

    Ich gebe noch 2 weitere Spielflächen fürs Auge hinzu:

    Reiß mal das Fenster auf, Poet, sonst krepier ich im Dunst von
    Moder und Mottenkugeln, der knallt mir voll in den Riecher,
    Mann! Okay - schon besser - jetzt können wir Tacheles reden:
    Bock auf den Vers der Verse, da kannst du einen drauf lassen,
    geht mir am musischen Arsch weißgott nicht vorbei, doch vergiss das
    Urgroßvatergeschwurbel. Die Zeit ist reif für was Frisches!

    (Hexameter von Claudi)

    Kennt ihr vermutlich schon, auch hier finde ich ist der Spondeus unmissverständlich.

    Hier die Hebungsprälle auszumachen, ist schon schwieriger:

    Zweifelt, so viel euch beliebt, und erwägt philologische Gründe,
    Aber dem Dichter erscheint mindestens Eines verbürgt:
    Wer den Gesang anhub mit dem Falken im Traume der Chriemhild,
    War auch den Tod Siegfrieds schon zu verkünden gewillt.

    (E. Geibel)

    Ich komme wieder, brauche aber noch etwas Zeit! Das liegt nicht an mir, sondern an meinem Verstand, er braucht immer ziemlich lange, um alles zu sortieren.

    f

  8. #23
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    Lieber Butenlänner,

    und dann dieser Druck, der entsteht, wenn man plötzlich in dunkle Tiefen tauchen soll, wo man ursprünglich klare Begriffe sah. So jedenfalls erlebe ich viele theoretische Diskussionen.

    Also die Musik unterscheidet (neben den Tonhöhen) zwischen Vortragstempo (wird gewöhnlich in Viertelschläge / Minute gemessen), Rhythmus (generelle Abfolge dauernder Tönen und Pausen) und Dynamik (Betonung durch unterschiedliche Lautstärke, Tonfluß, vorübergehende Auflösung eines festen Tempos usw.)

    Wenn ich eine formale Parallele zwischen Musik und Lyrik ziehen sollte, würde ich sagen: Musik hat mehr formale Gestaltungsmöglichkeiten. Vor allem eine spezielle Notenschrift, wo alle Formelemente explizit ausgewiesen werden (könnten). Das fehlt bei der Sprachdarstellung völlig.

    Das Metrum wiederum existiert (soviel ich weiß) nur für Verse. Und hat nur für alternierenden Verse eine spezielle Bedeutung. Denn es verweist auf Regelmäßigkeit wiederkehrende Versfüße. Rhythmus hingegen ist für mich generell die Abfolge von betonten und unbetonten Silben, egal ob sie alternieren oder nicht. So gesehen könnte man von regelmäßigen und unregelmäßigen Rhythmen sprechen. Aber nicht von unregelmäßiger Metrik.

    Und hier setzt meine Frage an: wenn Metrik auf Regelmäßigkeit verweist, wie kann Metrik dann vom jeweiligen Vortrag abhängen, der ja immer einmalig sein wird?

    Rhythmus besteht mMn aus Regelmäßigkeit und Unregelmäßigkeit. Metrische Verschiebungen verhindern, das Strophen bzw. Gedichte leiern. Ein einzelner Vers allein leiert mMn noch nicht. Aber man kann innerhalb eines Verses die Metrik verschieben, das Metrum ausdünnen bzw auffüllen. Und so entstehen scheinbare Artefakte: Pfingstochsen, Zäsuren....

    lg
    Geändert von Artname (16.12.2017 um 15:17 Uhr)
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  9. #24
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    Hallo Artname,

    nein, ich suche keinen Kompromiss zwischen dem quantitierenden und akzentuiertem Versmaß. Das taten unsere Klassiker schon ausgiebig genug und haben uns damit Gelegenheit gegeben, ohne Kenntnis der antiken Sprachen zumindest eine Ahnung von der Schönheit der antiken Poesie zu erfahren.

    Wenn ich mich der klassischen Form eines Hexameters bediene, dann ist mir bewußt, dass dieser eher in der Tradition einer jüngeren Entwicklung innerhalb unserer Sprache steht als in seinem antiken Ursprung. Diese Form ist zwar sicherlich durch die Antike beeinflußt, kann sie aber nicht 1:1 wiedergeben, sie ist vielmehr durch einen eigenen unserer Sprache entsprechenden Rhythmus geprägt. Mit dem Begriff "jüngere Entwicklung" erlaube ich mir, auch die Epoche der Klassik einzubeziehen.

    Im Übrigen verwehre ich mich der permanenten Versuchung, unsere Sprache zu vergriecheln, mehr als ihrer Anglifizierung. Für unsere Südeuropäer, denke ich, ist die globale Anglifizierung weitaus gefährlicher für den Erhalt ihrer Sprachkultur.

    Zitat Zitat von Artname
    Ja, dein Beitrag bestätigt mir, dass das Thema Metrik komplizierter ist, als Deutschlehrer oder mancher hiesige Forendichter meinen. Auch ich spüre beim Schreiben oft, dass unterschiedliche Klangzeiten oder Bedeutunggewichte existieren. Praktisch bin ich aber wohl zu stark am Inhalt orientiert und verlieren deshalb zu schnell die Kraft, mich explizit auf den Klang eines Gedichtes zu konzentrieren. Die Beachtung von Klang und Beteutungsschwere wäre ein einleuchtender Grund, Wochen an einem Gedicht zu arbeiten. Aber das in Zeiten des Internets...?
    Die Orientierung an den Inhalt sollte ja eigentlich für Lyrikautor und Lyrikkonsument gleichermaßen nicht nur aus praktischen Gründen im Vordergrund stehen. Reine Klanggedichte empfinde ich (als ganz persönliche Meinung) als reine Spielerei, eine Spielerei, die sich mit den Mitteln der Musik sicherlich viel spannender umsetzen lässt. Als handwerkliche Fingerübung mag ich sie noch akzeptieren. Aber wie gesagt, das ist eine sehr persönliche Meinung und mag vielleicht auch nicht richtig sein.

    Für mich besteht die Kunst der Lyrik darin, den Klang und den Rhythmus der Verse so mit den transportierten Äquivalenten der Worte zu verbinden, dass das Ganze an Intensität gewinnt, Gehirnregionen und Gehirnprozesse angeregt werden, die sich sonst bei den entsprechenden Themen in der Kommunikation gern zurückziehen. Die Kunst besteht für mich darin, die Wortäquivalente mit dem, was wir gern als das zwischen den Zeilen Stehende bezeichnen, ergänzen.

    Zitat Zitat von Artname
    Kannst du mir auch noch sagen, welchen Unterschied du zwischen Metrum und Rhythmus siehst?
    Das ist so, als wenn Du mich nach dem Unterschied zwischen einem Tacho und der Fortbewegung fragst …

    In der Lyrik wird unter Metrum das Versmaß verstanden. Das Versmaß versucht den Silbenrhythmus innerhalb eines Verses zu bestimmen. Der Silbenrhythmus ist eines von vielen Rhythmuselementen der Sprache, so etwas wie der Grundtakt, der mal prägnant in den Vordergrund drängt wie beim Schlagzeugsolo in der Musik und mal eher unauffällig im Hintergrund agiert und für das Fließen eines Textes sorgt oder auch für sein Innehalten.

    Der Rhythmus eines Gedichtes wird aber durch noch viel mehr Elemente beeinflusst, als da wären z.B. periodisch sich ändernde Verslängen, Reimfolgen, Alliterationen, Wortwiederholungen, Verswiederholungen, Refrains, These/Antithese, Thema/Rhema etc., etc. ...
    Ich erinnere mich noch ganz schwach, an eine Diskussion darüber, ob ein Gedicht ein Gedicht wäre oder doch eher ein Prosawerk. Oft sind die Grenzen kaum noch auszumachen. Aber in jenem diskutierten Gedicht fand ich einen interessanten Kreisel um drei verschiedene Metapher, die immer wieder in einem periodischen Wechsel erschienen, was für mich das Pendel ganz klar in Richtung Lyrik ausschlagen ließ. Leider erinnere ich mich nicht mehr an den Titel und den Verfasser. Es schwimmt irgendwo in diesem unendlichen www.

    In den oft leidigen Metrikdiskussionen wird oft vergessen, dass vor jeder „metrischen Regel“ oder jeder Form mindestens ein lyrisches Kunstwerk stand. Diese sogenannten Regeln sind ein gutes Mittel, ein Gedicht zu durchleuchten, zu erfahren, was seinen Rhythmus ausmacht. Auch können sie für einen Lernenden sicherlich mal als „Schablone“ herhalten.
    Aber wenn es dem Lehrling nie gelingt, sich von den Schablonen freizumachen und den Rhythmus, einschließlich den Silbenrhythmus parallel zur Wort- und Metapherauswahl zwischen den Ohren entstehen zu lassen, wird er den Level des Lehrlings nie verlassen. Es ist nun mal so, das die Lyrik eine Kunst ist und Talent erfordert und nicht mit dem Lösen eines Kreuzworträtsels zu vergleichen ist. Sie ist nicht jedem gegeben - Punkt.

    Das soll nicht die Sinnhaftigkeit von uns Hobbyautoren in Frage stellen, aber wenn ich gefragt werde, welchen Sinn ich in meiner „Dichterei“ sehe, so gebe ich gerne zu: In dem Maße, wie ich schreibe, wächst in mir die Freude am Lesen, Hören und Einprägen guter Texte und auch der Respekt vor seinen Autoren. Das Schreiben bringt mich dazu (setzt mich vielleicht auch dazu mehr in die Lage), mich an guten Gedichten zu erfreuen und so zu erfreuen, dass der ärgerliche Gedanke, dass diese Gedichte leider nicht meiner Feder entstammen, in den Hintergrund tritt … :-

    LG Eremit

    PS: Ein spannender Tanz auf der Grenze zwischen Lyrik und Prosa: Philip Herold- Das Spiel
    Hinweis: Lyrik im Foyer 2018 in Frankfurt (Oder)

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  10. #25
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    Hallo Eremit,

    Zitat Zitat von Eremit Beitrag anzeigen
    In der Lyrik wird unter Metrum das Versmaß verstanden. Das Versmaß versucht den Silbenrhythmus innerhalb eines Verses zu bestimmen. Der Silbenrhythmus ist eines von vielen Rhythmuselementen der Sprache, so etwas wie der Grundtakt, der mal prägnant in den Vordergrund drängt wie beim Schlagzeugsolo in der Musik und mal eher unauffällig im Hintergrund agiert und für das Fließen eines Textes sorgt oder auch für sein Innehalten.

    Der Rhythmus eines Gedichtes wird aber durch noch viel mehr Elemente beeinflusst, als da wären z.B. periodisch sich ändernde Verslängen, Reimfolgen, Alliterationen, Wortwiederholungen, Verswiederholungen, Refrains, These/Antithese, Thema/Rhema etc., etc. ...
    Ich erinnere mich noch ganz schwach, an eine Diskussion darüber, ob ein Gedicht ein Gedicht wäre oder doch eher ein Prosawerk. Oft sind die Grenzen kaum noch auszumachen. Aber in jenem diskutierten Gedicht fand ich einen interessanten Kreisel um drei verschiedene Metapher, die immer wieder in einem periodischen Wechsel erschienen, was für mich das Pendel ganz klar in Richtung Lyrik ausschlagen ließ. Leider erinnere ich mich nicht mehr an den Titel und den Verfasser. Es schwimmt irgendwo in diesem unendlichen www.
    Sehr interessant, dass du den Rhythmus eines Gedichtes auch auf dessen argumentative Verarbeitung erweiterst. Auf entsprechende Wiederholungen oder Steigerungen. Das finde ich sehr anregend - weit über das engere Thema dieses Fadens hinaus. Ich bin halt ein rhythmisch orientierter Typ. Vordergründig fallen mir dazu natürlich metrische Variationen ein. Aber Rethorik eben auch als Rhythmus zu empfinden, erhöht sofort meinen Puls. Muß ich weiter sacken lassen, baut mich aber schon jetzt auf. Danke

    Auch deine anderen Gedanken kann ich gut verstehen und teilen. Philip Herold kannte ich noch nicht - und ich finde ihn ebenfalls spannend.

    lg
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