1. #1
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    Das himmlische Theater

    Der Himmel ist wie ein Theater.
    In der Königsloge sitzt Gottvater.
    Daneben sich Sohn Jesus räkelt,
    nicht weit davon Maria häkelt.

    Der Heil'ge Geist darüber schwebt,
    Gottesmutters Blick erbebt.
    Hat einstens er sie hoch beglückt,
    Maria ist noch heut' entzückt.

    Ein Logenplatz nur dem gebühret,
    wer wird als Heiliger geführet.
    Dort sitzen Päpste, Kirchenlehrer,
    sie sind so hehr, es geht nicht hehrer!

    Im grossen Auditorium,
    da sitzt der Durchschnittschrist herum.
    Nur wer keusch, besonders fromm,
    sich einen Platz, fußfrei erklomm.

    Am Stehplatz sich der Pöbel tummelt.
    Viele haben sich hereingeschummelt.
    Sie schafften nur mit Müh' und Fleiß,
    zu schlüpfen in das Paradeis.

    Auf der Bühne sieht man dann,
    ein Stück welches sich Gott ersann.
    Der Teufel führt dabei Regie,
    gequält wird dort das Sündenvieh.

    Warst kritisch du und warst Rebell,
    in die Hölle kamst du schnell.
    Vergnügt sehn es die Jesusjünger,
    dazu Gottvater hebt den Finger:

    Er spricht: Auf Erden hattest du die Wahl,
    ab nun gibt's Folter, Höllenqual.
    Nichts endiget die große Pein.
    Gerecht bin ich, ich muss so sein.

    Gott verlangt nach seiner Ruh.
    Es geht daher der Vorhang zu.
    Die Englein unterdrücken schon das Gähnen,
    weil sie sich ins Bette sehnen.

    Petrus löscht das Licht im Saal,
    der Hölle Abgrund wird ganz fahl.
    Auch der Teufel will jetzt pennen
    und nicht mehr zum Feuern rennen.

    Doch morgen pünktlich um halb acht,
    wird der Vorhang wieder aufgemacht.
    Wieder sieht man Satan heizen,
    denn Gott darf nicht mit Strafe geizen!

  2. #2
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    Hallo, Alfredo,

    die Idee, ein Himmelstheater aufzuführen, finde ich richtig klasse. Ich habe es amüsiert gelesen. Der räkelnde Jesus und die häkelnde Maria. Die Hehren und der Pöbel (und sowas zu Ostern, Schelm du).
    Der Aufbau vom Anfang bis zum Schluss ist richtig gut (wartendes Publikum, Vorhang auf, Aufführung, Vorhang zu, ).

    Ich bin auch noch nicht lange beim Dichten, daher können die andere vielleicht über Metrik mehr sagen als ich. Ich greife aber mal was raus:

    Im grossen Auditorium,
    da sitzt der Durchschnittschrist herum.
    Nur wer keusch, besonders fromm,
    sich einen Platz, fußfrei erklomm.

    In der 1., 2. und 4. Zeile ist die jeweils erste Silbe unbetont, in der Dritten aber betont. Mein Vorschlag für die 3. Zeile: "Denn nur, wer keusch, besonders fromm ..."

    Eine weitere Strophe:

    Am Stehplatz sich der Pöbel tummelt.
    Viele haben sich hereingeschummelt.
    Sie schafften nur mit Müh' und Fleiß,
    zu schlüpfen in das Paradeis.

    Dort fällt die 2. Zeile auf. Da ist die erste Silbe betont, in den übrigen Zeilen erst die Zweite. Eine Möglichkeit wäre: "Man hat sich halt so reingeschummelt".

    Strophe 9 ist diesbezüglich auch nochmal anzusehen, die 3. Zeile mit den gähnenden Englein. Aber da fällt mir jetzt so schnell keine Lösung ein.

    Ich hoffe, ich hab mich nicht zu weit aus dem Fenster gelehnt. Wie gesagt, ich bin auch noch ein Frischling.

    Gesegnete Ostern
    Und immer schön Nächstenliebe. Punkte sammeln für oben. Sonst: unten!

    LG Delaine
    Geändert von Richmodis (15.04.2017 um 13:15 Uhr)

  3. #3
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    Hoi alfredo
    Für mich hat dieses Theater etwas zu wenig Würze, zumal es ja doch ein Thema aufgreift, das für manche als Parodie tabu wäre. Ist es für mich nicht prinzipiell, aber gerade die häkelnde Maria, die Delaine gefällt, ist mir dann zu plakativ und und scheint mehr so dem Reim geschuldet. Dass es dabei nicht um richtig oder falsch geht zeigt sich daran, dass gerade diese Zeile auch zu gefallen mag.

    @ Delaine: Metrisch fände ich es dann doch etwas öde, wenn elf Strophen haargenau gleich daher kämen. So was leiert ganz schön. Insofern finde ich es gut, dass ein bisschen mit den Auftakten und Endungen variiert wird. DieHereingeschummelt-Zeile in S5 würde mit den 5 Hebungen eine nette Abwechslung ergeben. Leider bleibt es etwas zufällig, weil nur dort vorhanden, ebenso die Englein.
    Die Auditoriumstrophe dagegen finde ich eigentlich soweit ok so wie sie ist. Wenn dann müsste man kritisieren dass man fussfrei und nicht fussfrei betont, wie hier das Metrum vorgibt.

    Gruess, gugol

  4. #4
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    Hallo Gugol,

    Ja, ich neige zum Leiern (s. mein Gedicht "Jetzt komm ..." und die Kommentare). Ich finde auch Abwechslung im Metrum mittlerweile gut, aber mal stören mich die Unregelmäßigkeiten (wie oben) und mal nicht. Erklären kann ich das aber nicht. Vllt. weil es bei alfredos Text wie du sagst, es etwas zufällig bleibt ...
    Da hilft nur lesen, vergleichen und so lernen.

    LG Delaine

  5. #5
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    Hallo Alfredo,
    mit Deinem Gedicht hast Du genau meinen Geschmack getroffen! Es ist originell und humorvoll.
    Allein schon die Idee, den Himmel mit einem Theater zu vergleichen ... Toll umgesetzt.
    Zum Metrum (oder heißt es "zur Metrik"?) Deines Gedichts wurde ja bereits viel geschrieben. Sicherlich ließe sich noch etwas daran feilen, aber das ist Geschmackssache. Von mir gibt's auf jeden Fall einen "Daumen hoch".

    LG Cori

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