Argon



Die Personen

Leon: Sohn
Der Vater: Säufer und Vater
Filipe: Arbeitskollege der Mutter
Romina: Das Mädchen





Ein alter kleiner Apfelbaum steht mittig auf der Bühne. Er trägt nur noch wenige Äpfel. Links davon mit einigem Abstand sitzt der Vater mit einer Flasche Wein am Gartenmobiliar.


1. Auftritt Leon
Als ich acht Jahre alt war, ging mein Vater mit mir in unseren Garten. Wir hatten einen richtig schönen großen Garten mit riesiger Wiese und vielen Bäumen. Vater ging, wie er eigentlich immer ging, mit klarem schnellen Schritt auf einen Apfelbaum zu, von dem ich neulich probierte, da ich nun endlich an einen der Äste herankam. Das war der saftigste Apfel, den ich mit meinen acht Jahren je probierte. Mein Vater sah mich an und schwieg einfach nur.

Leon: Darf ich einen probieren Papa?

Der Vater spricht nur französisch.

Vater: Nein.

Schweigen


(schmunzelt) Kein wirklich rede-freudiger Mensch, mein Vater. Ich glaube auch, dass das einzige was er damals in dem Alter für mich empfand einfach nur pure Abneigung und Abscheu war. Vielleicht auch ein bisschen Ekel.


Leon: Warum darf ich nicht probieren Papa?

Vater: Weil ich es dir sage.

Leon: Und darf ich irgendwann mal probieren?

Vater: Nein. Nie.

Leon: Ich muss dir was sagen, Papa. Ich habe neulich schon einmal davon probiert.

Vater (lacht): Ich weiß. Hältst du mich wirklich für so blöd?

Leon: Sagst du mir warum ich nichts vom Baum nehmen darf?


Der Vater springt wutentbrannt auf, reißt einen Apfel vom Baum, geht damit auf Leon zu und schlägt ihm diesen immer wieder gegen den Kopf, bis er matschig ist.


Vater: Überleg doch nochmal, Leon. Weil ich dein Vater bin. Und wenn ich dir sage, dass du nichts davon nehmen sollst dann tust du das verdammt nochmal! Verstanden?


Vater setzt sich wieder, kommt zur Ruhe und schüttet sich noch ein Glas Wein ein.


Es war komisch mit einem so jähzornigen Mann zuhause zu wohnen, obwohl ich eigentlich wusste, dass er dies nicht war. Das war das letzte Mal, dass ich von dem Baum aß.
Zuhause wurde nicht viel gesprochen. Die meiste Zeit waren mein Vater und ich einfach nur einsam. Und meine Mutter ist…

Der Vater starrt Leon an und bringt ihn so zum Schweigen.


Vater: Und? Wie läuft es in der Schule?!

Leon: Sehr gut. Hab gestern Mathe wiederbekommen. Hab ne‘ 2.

Vater: (lacht höhnisch) Sehr gut?!

Leon: Ja! Ich war der Klassenbeste.

Vater: Und Freunde? Hast du mittlerweile Freunde?

Leon: Nein. Ich mag die Leute in meiner Klasse nicht, Papa.

Vater: Warum nicht?

Leon: Keine Ahnung. Außer Lena. Die ist wenigstens nicht so laut wie die anderen. Und sie spricht mit mir. Für die anderen bin ich einfach nur komisch.

Vater: Lena? Deine Freundin?

Leon: Nein sie ist nicht meine Freundin, Papa. Sie ist einfach nur eine Freundin.


Meine einzige Freundin. Schon komisch. Wenn ich eine Frage immer und wieder gehört habe, dann die, ob ich eine Freundin hätte. Und das mit zwölf. Mit 13 begann ich mich nicht mehr für die Dinge zu interessieren, die ich bis dahin machte. Ich bin nicht mehr zum Fußballtraining gegangen und Hausaufgaben machte ich nur noch in Deutsch, wenn es dort um Literatur ging. Mein Vater tickte förmlich aus, als er mitbekam, dass er umsonst meinen Vereinsbeitrag bezahlte. Ich erzählte ihm, dass ich viel lieber Tanzunterricht nehmen würde.


Vater: Tanzen? Willst du mich verarschen? Bist du mein Sohn oder meine Tochter?

Leon: Ich bin kein Mädchen. Ich bin ein Junge! Und ich bin dein Junge.


Musik setzt leise ein. Leon fängt an zu tanzen. Der Vater steht auf, geht auf Leon zu, schaut ihn eindringlich ein, doch Leon hört nicht auf zu tanzen. Der Vater schreit ihn an, dass er aufhören solle, doch Leon hört ihn nicht. Er schreit immer lauter und lauter. Als Leon auf ihn zu tanzt und ihn auffordern will mitzutanzen, ohrfeigt der Vater ihn.


Das war nicht das erste Mal, dass er mich geohrfeigt hat. Doch diesmal überraschte es mich ehrlich.

Vater: Ich habe dir gesagt, dass du damit aufhören sollst.

Mein Vater schlug mich, weil ich Spaß haben wollte.

Vater: Wer nicht hören will, muss fühlen.

Mein Vater schlug mich, weil ich im Gegensatz zu ihm Leidenschaft entdeckte.

Vater: Vergiss nicht, wer hier das Sagen hat, klar?!

Mein Vater schlug mich, weil ich glücklich war. Und er nicht.
Vielleicht schlug er mich auch einfach nur für das, was ich war. Und weil ich sein Sohn bin, machte ihm das Angst.


Noch eine Ohrfeige. Der Vater setzt sich wieder. Trinkt nun direkt aus der Flasche.


Mit 15 begannen die Selbstzweifel.


Leon: Was stimmt nicht mit mir, Papa?

Vater: Alles.

Leon: Ich habe keinen einzigen Freund.

Vater: Was ist mit Lena?

Leon: Die hat jetzt einen Freund. Ignoriert mich nur noch. So wie alle anderen auch. Außer Sascha hört mir keiner zu.

Vater: Wer ist Sascha?!
Leon: Er ist mit mir in der Theater AG. Neulich sollten wir alle unser Lieblingsgedicht mitbringen, weißt du? Und Sascha trug eins von Hermann Hesse vor. Es heißt eigentlich „Für Ninon“. Doch er nannte es „Für Leon“. Ein Gedicht für mich, verstehst du? Das ist das erste Gedicht, was jemand nur für mich vorgetragen hat. Willst du es hören?

Vater: Nein!

Leon: Ich trage es dir vor.

Für Leon

Daß du bei mir magst weilen,
Wo doch mein Leben dunkel ist

Vater: Hör auf!

Und draußen Sterne eilen
Und alles voll Gefunkel ist,

Vater: LEON!

Daß du in dem Getriebe
Des Lebens eine Mitte weißt,

Vater: Sei verdammt nochmal ruhig!

Macht dich und deine Liebe
Für mich zum guten Geist.

Vater: (wirft eine Flasche) Wenn du nicht sofort aufhörst…

In meinem Dunkel ahnst du
Den so verborgnen Stern.

Vater: (diesmal auf Deutsch, mahnend auf ihn zugehend) Halt’s Maul du verdammte Schwuchtel!

Mit deiner Liebe mahnst du
Mich an des Lebens süßen Kern.


Der Vater schubst Leon von der Bühne.


Ich musste es ihm sagen.


Leon: Vater, ich glaube ich habe mich in Sascha verliebt.


Der Vater starrt ins Leere. Er lässt seinen Blick noch einmal durch den Garten schweifen und geht dann von der Bühne.


„Das Leben ist sehr lang“. -T.S. Eliot. Als ich diesen Satz gelesen habe, dachte ich da kommt eigentlich noch was. Doch da kam nichts mehr. Tja was soll ich sagen. Ich glaube T.S. Eliot hat Recht. Ich glaube aber auch, dass das Leben für manche deutlich länger ist, als für andere. Unabhängig davon, wie alt sie werden.
Ich dachte eigentlich immer ich wäre ein recht witziger Typ. Doch wissen Sie was die einzige Sache war, über die mein Vater je gelacht hat? Das war an dem Tag, als meine Mutter uns verließ und ich meinen Vater fragte wann Mami denn wiederkommen würde. Ich war gerade sieben. Mein Vater lachte so laut, wie ich ihn noch nie hatte lachen hören. Der kriegte sich gar nicht mehr ein. Muss ein echt guter Witz gewesen sein für einen siebenjährigen. Danach ging mein Vater immer noch lachend raus, riss diesen Apfelbaum hier aus der Erde und schmiss ihn in die Tonne. Am nächsten Tag pflanzte er ihn dann wieder ein.
Nachdem ich meinem Vater von Sascha erzählte, kam die wohl schwierigste Zeit. Sascha wollte nur mit mir befreundet sein und mein Vater redete kein einziges Wort mehr mit mir. Ich war immer seltener Zuhause und meinem Vater machte das nichts aus. Ich flüchtete mich ins Tanzen. Ich tanzte und tanzte und tanzte. Ein ganzes Jahr lang tanzte ich nur noch. Und gleichzeitig begann sich mein Körper zu verändern. Die Muskeln definierten sich, mein Gang wurde sicherer und meine Haltung wurde aufrecht. Durch das viele Saufen meines Vaters sah ich mittlerweile deutlich mehr nach einem Mann aus als er.
Eines Tages als ich 17 war kam ich etwas früher nach Hause als üblich, da ich mir beim Tanzen den Knöchel verletzte.


Der Vater kehrt mit einem anderen Mann zurück auf die Bühne.


Mein Vater stand im Garten und hatte anscheinend Besuch.


Die beiden unterhalten sich und lachen viel. Sie bemerken Leon nicht.


Das muss wohl Jahre her gewesen sein, dass mein Vater hier Zuhause Besuch empfing. Oder bekam ich dies einfach nur nicht mit, weil ich so oft nicht Zuhause war in letzter Zeit?


Bei der Verabschiedung umarmen sie sich eine Sekunde zu lang.


Leon: Hallo Papa.

Vater: Leon! (erschrickt) Das ist Filipe. Ein Bekannter aus alten Zeiten.

(Pause)

Leon: Sie waren ein Arbeitskollege meiner Mutter oder?

Filipe: Ja.


Es herrscht Stillschweigen. Der Vater verabschiedet sich noch einmal von Filipe mit einem Händedruck. Der Vater setzt sich wieder ans Gartenmobiliar und trinkt.


Ein paar Tage später kam ich erst spät nachts nach Hause. Ich dachte wir hätten schon wieder Besuch. Von einer Frau. Doch es war keine Frau. Es war mein Vater, der sich alte Klamotten meiner Mutter anzog und mit einem Weinglas vor unserem Apfelbaum stand. Zuerst dachte ich er müsse so besoffen sein, dass er nicht merkte, was er da eigentlich anhatte. Doch mein Vater war nicht betrunken. Er wankte nicht, noch fand ich irgendwo tonnenhaft leere Weinflaschen. Er stand einfach nur da und schaute ins Nichts. In dem Kleid meiner Mutter. Ich überlegte mir, ob ich ihn ansprechen und so lächerlich machen sollte. Oder vielleicht Fotos schießen, um ihn so erpressbar zu machen. Doch eins schien mir unbegreiflich an dieser Situation: Mein Vater wusste genau, dass ich sonst zu dieser Zeit nach Hause kam. Er hätte wissen müssen, dass ich ihn dort in Frauenkleidern hätte vorfinden können. Und doch stand er da.
Ca. einen Monat später war Filip wieder da als ich nach Hause kam. Er saß mit meinem Vater auf der Wiese. Ziemlich eng aneinander. Diesmal begrüßte ich Filip nicht. Ich ging in mein Zimmer und schloss leise die Tür, sodass sie mich nicht hören konnten. Und ich sie auch nicht.


Leon verlässt die Bühne.


Vater: „Das Leben ist sehr lang.“-T.S. Eliot. Was für ein bescheuerter Satz, ehrlich. (Pause) Ich habe neulich von meinem Vater geträumt. Er war Gärtner. Und Säufer. Und Schläger. Ich denke er wäre sehr stolz auf mich. In dem Traum rupften wir beide Unkraut raus. Das ist sehr komisch. Denn eigentlich war das früher immer nur meine Aufgabe gewesen. Mein Vater war sich zu schade dafür. Doch in dem Traum knieten wir beide nebeneinander und machten eine Fuge nach der anderen frei. Wir redeten nicht. Und mein Vater lächelte. Irgendwann stand er auf, nahm eine Schaufel und ging. Ich glaube er wollte irgendetwas pflanzen gehen im Garten oder so. Als ich später nachkam, war er dann nicht mehr da. Da lag nur noch die Schaufel. Und dann bin ich aufgewacht.

Der Vater verlässt die Bühne. Vorhang zu.







2 Auftritt Leon:
Leon setzt sich ans Gartenmobiliar und überlegt, ob er Wein trinken soll. Das Mädchen kommt auf die Bühne. Sie schaut sich den Apfelbaum an und nimmt sich schließlich einen Apfel davon. Leon möchte protestieren doch unterlässt es. Das Mädchen fängt an zu tanzen. Sie fordert Leon auf mitzutanzen. Die beiden lachen viel und stoßen beim Tanzen den Apfelbaum um. Sie tanzen inniger. Sie schauen sich tief in die Augen. BLACK.

2 Auftritt Vater: (die Bühne ist leer)
Der Vater hockt vor dem umgekippten Apfelbaum. Er hat kein Alkohol dabei. Leon und das Mädchen betreten wieder die Bühne.



Leon: Vater. Das ist Romina.

Der Vater starrt Romina an. Romina ist eingeschüchtert.

Vater: Kann sie sich nicht selber vorstellen?

Leon: Ich stelle sie dir doch gerade vor.

Romina geht auf den Vater zu und möchte ihm die Hand schütteln doch der Vater weist ab.

Vater: Nein.

Leon: Vater?!

Vater: Nein Romina tut mir leid aber das kannst du besser!

Leon: Vater!!!

Vater: (brüllt) Du kommst jetzt nochmal rein und begrüßt mich ordentlich!


Romina verlässt geschockt die Bühne, kehrt nach einem kurzen Moment wieder zurück, geht direkt auf den Vater zu und stellt sich vor.
Der Vater verweigert ihr immer noch den Handschlag und wendet sich stattdessen an Leon.



Vater: Ist das dein Ernst?! Die sieht doch genauso aus wie deine Mutter, als die noch jung war.

Leon: Woher soll ich denn wissen, wie Mutter früher aussah. Du erzählst mir ja nie von ihr.


Der Vater versucht die beiden nach draußen zu schieben. Leon wehrt sich dagegen. Es kommt zum Kräftemessen zwischen den beiden, aus dem der Vater als Verlierer hervorgeht. Er setzt sich in eine Ecke und verweilt dort niedergeschlagen. Romina fängt indes an alles von der Bühne zu räumen und den Garten mit eigenem Mobiliar zu bestücken. Der Apfelbaum wird von der Bühne geschmissen.



Mein Vater konnte es nicht verkraften, dass sein kleiner schwuler Sohn plötzlich mit einer Freundin zuhause ankam. Und er hat es auch nie verkraftet. Und Filipe konnte ihn auch nicht mehr trösten, der erlag nämlich seinem Gehirntumor.
Mein Vater starb ebenfalls als ich 19 war. Er ist nachts besoffen ins Auto gestiegen und BUMM.
Der Vater reagiert auf das was er gerade hört.
Wissen Sie was das skurrile an der ganzen Sache ist? Mein Vater war nicht schuld am Unfall. Ein Auto von der Gegenfahrbahn ist ihm frontal hineingefahren, dessen Fahrer auch besoffen war. Der ist mit ein paar Kratzern davongekommen. Hatte ein sehr sicheres teures Auto, dessen Airbag ihm das Leben gerettet hat.
Ich glaube, das war die letzte Beleidigung meiner Mutter. Denn eigentlich gehörte ihr das Auto, dessen nicht funktionierender Airbag meinen Vater in den Tod fuhr.


Filipe tritt in einem weißen Anzug auf und holt den Vater von der Bühne.


Romina: Leon erzähl mir von deinem Traum heute Nacht! Du bist schweißgebadet aufgewacht und warst völlig außer dir.

Leon: Ich habe von meinem Vater geträumt, Romina. Du weißt ja wie er war. In dem Traum rupften wir beide Unkraut raus. Das ist sehr komisch. Denn eigentlich war das früher immer nur seine Aufgabe gewesen. Mein Vater wollte nicht, dass ich das mache. Doch in dem Traum knieten wir beide nebeneinander und machten eine Fuge nach der anderen frei. Wir redeten nicht. Und mein Vater lächelte. Irgendwann stand er auf, nahm eine Schaufel und ging. Ich glaube er wollte irgendetwas pflanzen gehen im Garten oder so. Als ich später nachkam war er dann nicht mehr da. Da lag nur noch die Schaufel. Und dann bin ich aufgewacht.

Romina: Ist doch ein schöner Traum, Leon.

Leon (beißt in einen Apfel): Ja. Ein sehr schöner Traum.