1. #1
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    Dostojewski gewidmet / Nabokov

    .

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    Zum Todestage Dostojewskis / На годовщину смерти Достоевского

    Eine Legende (aus den Apokryphen) / Сказание (из апокрифов)

    ﹆﹆﹆﹆﹆﹆ ﹆ Vladimir Nabokov, Berlin, 1921


    Christus und die zwölf auf einem Hügel.
    Glühend heiß der Sand und bunt.
    In der Sonne, Pfauenaugenflügel,
    zwischen Sträuchern lag ein toter Hund.

    Seine weißen Zähne bleckten trocken
    unter dunklen Lefzen. Stickig dumpf
    schwebten süße Myrten-Weihrauch-Flocken
    durch des Todes stinkenden Triumph.

    Prall, zum bersten aufgebläht, sein Bauch
    voller klebrig glitschig-wimmelnd Maden -
    Johann stellte sich, wie Jungfrau’n an, den
    gaffenden Matthäus widerte es auch.

    Einer der Aposteln sprach zum zweiten:
    „Arg war der, gar eklig anzusehn
    war sein Tod“.
    ﹆﹆﹆﹆﹆﹆ ﹆ Doch Christus sprach bescheiden:
    „Seine Zähne sind wie Perlen schön.“

    .

    .
    Geändert von Alcedo (02.07.2017 um 16:19 Uhr)

  2. #2
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    Hallo Alcedo,
    mir gefällt deine Übersetzung - sie ist originaltreu, was den Inhalt und die Form betrifft.
    „Durch des Todes stinkenden Triumph.“ – wirklich klasse übertragen!
    Kleinigkeit: in der zweiten Zeile könnte es um einen Versfuß mehr sein.
    Eine Frage: Warum hast du die dritte Strophe weggelassen? Noch genauer eine Leiche anzuschauen ist zwar unangenehm , aber es hat, nach meiner Meinung, etwas mit Nabokovs Meinung zu Dostojewski zu tun.
    Später, in einer seinen Vorlesungen in USA, sagte Nabokov über Dostojewski zu Studenten:
    Ich mache kein Geheimnis daraus, dass ich sehr gerne Dostojewski „entheiligen“ möchte…. Wenn ihr, als Leser, ihn auf der Reise in die Tiefe der kranken menschlichen Seelen begleitet – überwiegt dann der ästhetische Genuss bei euch, oder Ekel und „ungesunde“ Interesse zum Verbrechungsvorgang?“
    Ist, vielleicht, dieses Gedicht ein „Vorbote“ zu seiner späteren Vorlesung?

    @ Das Gedicht wurde zum Dostojewski Todestag gedruckt,
    nach einigen Quellen, 1921. Wenn es wirklich so ist, dann auch im Jahr seines 100-jährigen Jubiläums.
    Geändert von cuellar (28.04.2017 um 07:16 Uhr)

  3. #3
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    hallo cuellar

    danke fürs Feedback. „des Todes stinkenden Triumph“ habe ich aber aus einer anderen Übertragung entnommen, die ich als Vorlage hatte. leider fehlte in dem Buch die Quellenangabe. => Zinaida Schachowskoy: Auf den Spuren Nabokovs von Ullstein, 1981. sie schreibt dazu lediglich, dass das Gedicht aus „Grosd“ (Die Traube) stammt, Verlag Gamajun, 1923, Berlin.

    es gibt dazu noch eine Strophe? wußte ich nicht. auch das hatte die Autorin nicht erwähnt.

    in Z2 könnte ich noch Adjektive als Füllsel verwenden. das sähe dann so aus:

    Glühend heiß der Sandstein, grell und bunt,

    dachte aber die Straffung stünde dem Text besser zu Gesicht.

    ich fand das Gedicht deshalb so interessant, weil es wohl die einzige Hommage Nabokovs an Dostojewski darstellt (damals im Berliner Exil geschrieben). danach ist über den „Heiligen“ nur noch Verachtung bis Hass von ihm zu hören. er ließ fast keine Gelegenheit aus, ihn zu schmähen oder ihn lächerlich machen zu wollen. ob vor seinen Studenten in den USA bei den Literaturkursen an der Cornell University in Ithaka, New York, oder anderswo. entsinne mich auch früher mal was im Spiegel darüber gelesen zu haben, im Bezug auf seine Interviews bei der Newsweek. er verstieg sich angeblich sogar dazu, Dostojewski als Autor von Kriminalromanen zu bezeichnen, auf einer Stufe mit Leblanc und Edgar Wallace, schreibt Schachowskoy, die ihn, als Schwägerin, persönlich kannte. sie bilanziert das Verhältnis der beiden folgendermaßen:
    Dostojewski ist ein Metaphysiker des Seins, Nabokov ein Metaphysiker des Nichtseins. In irgendwelchen Abgrundtiefen berühren sie sich - aber selbst diese Berührung und die Vorstellung, die Leser könnten sie beide nebeneinanderstellen, war Nabokov unerträglich.

    Gruß
    Alcedo




    (…) wird mir nicht gelingen, was ich zu berichten versuche, werden als einzige Spuren die Leichname erdrosselter Wörter zurückbleiben (…)
    Einladung zur Enthauptung / Vladimir Nabokov

  4. #4
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    Hallo Alcedo, du hast recht, die kürzere Zeile ist besser. Im Originaltext steht auch nur "песoк" - Sand.
    Hier ist die fehlende Strophe:
    Труп гниющий, трескаясь, раздулся /полный склизких, слипшихся червей.../ Иоанн, как дева, отвернулся,/
    сгорбленный поморщился Матфей...
    oder auf Deutsch:

    verwesende Leiche, berstend, blähte sich auf ,
    war voll von glitschigen, zusammengeklebten Würmern…
    Johannes, wie eine Jungfrau, wandte sich ab,
    Der bucklige Matthäus verziehte sein Gesicht.

    Zuerst wurde das Gedicht in einer Berliner Zeitschrift "Руль", (Steuer, bzw. Ruder) gedruckt:
    "Садом шел Христос с учениками..." "Руль", II ноября 1921 под назв. "Сказание (из апокрифа)".
    Und dann im Buch.

    Diese "Hommage" scheint mir ziemlich kritisch zu sein. Sie, denke ich, spiegelt Nabokovs Urteile über Dostojewski wider, ungefähr solche:
    „seine Art Leser zu gewinnen - zuerst das Abscheuliche zu beschreiben und dann in diesem Dreck das Schöne zu finden und weinen lassen“.
    Schöne Grüße,
    cuellar
    Geändert von cuellar (05.05.2017 um 16:21 Uhr)

  5. #5
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    hallo cuellar

    1921, da war er ja erst 22 gewesen! klar könnte man es auch als Anmaßung sehen, nämlich dass Nabokov Dostojewski unterschwellig vorwirft, die ewigen heilland-bärtigen Protagonisten in seinen Romanen dauernd mit messianischen Zügen ausstatten zu wollen. aber ich denke es war/ist letztlich doch eine Reverenz, in jungen Jahren, vor diesem, ihm im Wesen so ähnlichen Romancier und vor der prosaischen Wucht seiner Charaktere.

    Vielen Dank für die nachgelieferte Strophe, cuellar. habe sie jetzt oben eingebaut und mir erlaubt, den fehlenden Versfuß von Z2, dem Matthäus zu verpassen, der dabei womöglich das Gesicht verzieht.

    dieses Gleichnis hat nämlich seinen Ursprung im West-östlichen Divan Goethes, der sich dort seinerseits auf ein Gedicht des persischen Dichters Nisami (Ilyas ibn Yusuf Nizami) bezog. Nabokov konnte deutsche Literatur leider nicht direkt rezipieren - sein Deutsch war wohl nicht ausreichend gewesen - aber er kannte diese Stelle offensichtlich, überträgt sie aber auch selbständig vom profanen Marktplatz auf einen apostolischen Hügel - wie ich glaube, Dostojewski zuliebe - dem er damit, für mich, die gleiche Gabe bescheinigt, in etwas wie in einem verwesenden, faulenden Körper, das einzige zu sehen, was angeekelte Betrachter vermutlich selbst nicht besitzen - makellose Zähne. Goethes Faust hielt Nabokov zwar über weite Strecken für „Poschlost“, wie viele andere germanischen Werke, schreibt Schachowskoy (was dann aber auch für deine These spräche, cuellar), aber er erwies Nisami & Goethe damit unbestreitbar die Ehre der Erwähnung. Goethe hatte Nisami damals, 1819, in seinem „Divan“ frei übersetzt und so kommentiert:

    Ferner kostet’s dem orientalischen Dichter nichts, uns von der Erde in den Himmel zu erheben und von da wieder herunter zu stürzen, oder umgekehrt. Dem Aas eines faulenden Hundes versteht Nisami eine sittliche Betrachtung abzulocken, die uns in Erstaunen setzt und erbaut.

    „Herr Jesus, der die Welt durchwandert,

    Ging einst an einem Markt vorbei;
    
Ein toter Hund lag auf dem Wege,

    Geschleppet vor des Hauses Tor;

    Ein Haufe stand ums Aas umher,
    
Wie Geier sich um Äser sammeln.
    
Der eine sprach: „Mir wird das Hirn
    
Von dem Gestank ganz ausgelöscht.“
    
Der andre sprach: „Was braucht es viel,
    
Der Gräber Auswurf bringt nur Unglück.“

    So sang ein jeder seine Weise,

    Des toten Hundes Leib zu schmähen.

    Als nun an Jesus kam die Reih’,

    Sprach, ohne Schmähn, er guten Sinns,

    Er sprach aus gütiger Natur:

    „Die Zähne sind wie Perlen weiß.“
    
Dies Wort macht den Umstehenden,
    
Durchglühten Muscheln ähnlich, heiß.“

    Jedermann fühlt sich betroffen, wenn der so liebevolle als geistreiche Prophet nach seiner eigensten Weise Schonung und Nachsicht fordert. Wie kräftig weiß er die unruhige Menge auf sich selbst zurück zu führen, sich des Verwerfens, des Verwünschens zu schämen, unbeachteten Vorzug mit Anerkennung, ja vielleicht mit Neid zu betrachten! Jeder Umstehende denkt nun an sein eigen Gebiss. Schöne Zähne sind überall, besonders auch im Morgenland, als eine Gabe Gottes hoch angenehm. Ein faulendes Geschöpf wird durch das Vollkommene, was von ihm übrig bleibt, ein Gegenstand der Bewunderung und des frömmsten Nachdenkens.


    Gruß
    Alcedo

    PS:

    wie wäre aber jetzt die korrekte Überschrift dafür?

    Zum Todestage Dostojewskis?

    so?
    nein.
    so:

    Am Jahrestag von Dostojewskis Tod / На годовщину смерти Достоевского // Nabokov


    habe ich diese Überschrift richtig zitiert und übersetzt?

  6. #6
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    Hallo Alcedo,
    Verzeihung, daß ich so lange nicht geantwortet habe – war ohne Internet auf einer Dienstreise.
    Jetzt ist deine gut gelungene Nachdichtung komplett.
    Es ist sehr interessant, was du schreibst - woher Nabokov die Idee für dieses Gedicht entnommen hat; ich wußte es nicht, danke!
    Habe auch gegoogelt. Es gibt eine Übersetzung dieser Geschichte auch von Dehmel „Der tote Hund – nach Nizami“.

    Und Nabokov hat es zuerst unter dem Titel "Сказание (из апокрифов)" - "eine Legende (aus Apokryphen)" veröffentlicht.

    Im russischen Internet, auf einer Seite der russisch-orthodoxen Kirche habe ich auch etwas darüber gefunden. Man schreibt, daß das angeblich eine Stelle aus Koran ist (was ich bezweifle):

    „А вот что говорится о Христе (пророк Иса) в сказаниях Корана: "Увидев мёртвую собаку, ученики с отвращением отвернулись. Иса же сказал им: зубы её белее жемчуга" (сохранность зубов в некоторых народных преданиях считается признаком праведности).“

    Das interessante in diesem Zitat ist, dass "die gesunden Zähne in manchen Volksüberlieferungen ein Merkmal der Rechtschaffenheit sind". 

    Die Überschrift auf Deutsch ist: Zum Todestag… „ oder vielleicht „Auf den Todestag…“

    Hier geht es nicht darum, daß am Todestag das Gedicht geschrieben wurde.
    Es geht darum, daß der Todestag ein Anlass war, das Gedicht zu schreiben.

    In diesem Fall hat die Präposition „на“ die Bedeutung „auf“. Wie zum Beispiel "на здоровье" – „auf die Gesundheit“.
    Geändert von cuellar (14.06.2017 um 14:34 Uhr)

  7. #7
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    hallo cuellar

    Vielen Dank dass du drangeblieben bist. dieses Merkmal für Rechtschaffenheit, die makellosen Zähne, habe ich, glaube ich, auch mal bei Tolstoi gefunden, in seinem letzten Roman „Auferstehung“, welcher von der Läuterung seines Protagonisten handelt. er lässt es einem Geisteskämpfer/Duchoborzen zugute kommen, der zuerst auf einer Fähre beschrieben wird und dann erneut im Gefängnis auf den Protagonisten trifft, der dieses da mit einem Missionar besichtigt (kurz vor dem Ende des Romanes). für diese Geisteskämpfer (Duchoborzen) hatte Tolstoi übrigens auch diesen Roman geschrieben und damit Tausenden von ihnen die Ausreise nach Kanada finanziert. hatte mich noch gewundert warum dort im Text (auf der Fähre) das Gebiss des alten Mannes beschrieben wird.

    die Überschrift werde ich nach deinem Hinweis anpassen. „Auf den Todestag …“ kann ich aber nicht nehmen, das wäre unpassend (zu schnippisch, wie ein Trinkspruch). korrekter Weise hieße es mir „Zum Todestag …“ oder „Zum Todestage …“ und ich werde wohl auch das mit den Apokryphen, von der ersten Veröffentlichung, als Untertitel nehmen. merci nochmal, cuellar, für diese wertvollen Hinweise.

    ich weiß nicht ob es auch für den Koran Apokryphen gibt (similär zu nicht in die Bibel eingeflossene Texten, wie etwa das Evangelium der Maria (Magdalena)), welche diese Passage enthalten, oder ob es gar wirklich im Koran steht. Nabokov scheint aber offensichtlich apokryphe Schriften gelesen zu haben.

    dass Richard Dehmel auch eine Übersetzung dazu geliefert hatte wusste ich bisher nicht. habs mittlerweile nachgelesen: er schreibt dazu er hätte es für „deutsche Christen umgeformt“, da es wohl zuvor wegen seiner Dichtung „Venus Consolatrix“ zu Problemen mit der damaligen Zensur gekommen war.

    seine Version endet mit diesen Paarreimen:

    Seht! sprach er und stand voll Sonnenschein:
    seine Zähne sind wie Perlen rein!
    Und lächeltte - daß alle die’s erlebten,
    durchglühten Schlacken gleich erbebten.


    Gruß
    Alcedo

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