1. #1
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    Letzte Begegnung

    I.
    Dieses verhuschte Tier auf Knien und Händen ist Pfand für
    Höchste Emphase in rosiger Enge, ist letzte Begegnung?
    Aus dem verlausten Schamhaar dringt Gestank, bestialisch.
    Wirbelnde Ängste der Wilden um faulige Reste von Menschsein
    Jagen Rot durch den Geist: Der Unschuld die Kehle durchtrennen!

    Helles Blut der Erlösung, geopfert der Freiheit, dem Klirren
    Tausender Töne von Weiß in formlosen Welten aus Licht, in den
    Wasserfall der Verzückung geträufelt im Tanz mit den Bäumen.
    Schwärendes Menschsein besamen, was könnte mehr Elend erzeugen?
    Sprecht das Gebet: Nicht lieben, nicht denken, nicht leiden und morden.

    II.
    Wendet sich ab
    Ist frei
    Ist
    Wendet sich ab
    Ist mehr nichts
    Licht
    Gehe
    Bin sterblich
    Wende mich ab
    Zähle mehr nichts
    Violette …

    III.
    … Salzblüten sind Wegweiser
    und grellorange Sandrosen
    auf der schiefen Ebene 1° Gefälle
    kaum merkbar das Laufen fällt leicht
    auf der Aschebahn
    fast unmerklich führt sie immer abwärts
    immer bleibt graues Endlos nach großen Bränden
    leichtes Gelände für lange zähe Muskelfasern
    bleiben Blasen an Händen und Füßen dann Schwielen
    und Zellen auf Entbehrung gedrillt
    für Einen der das Universum trinkt
    sich in salzigen Tümpeln suhlt und reinigt
    und dankbar ist
    für vierzigtausend gleichförmige Tage
    aus denen ihn nur noch der Tod reißt -
    lange nach der letzten Begegnung

    IV.
    Vor mir liegen
    im Gleißen des nährenden Lichts
    der Rest des Ozeans und
    die Insel:

    Ich





    inspiriert von „Die Möglichkeit einer Insel“ von Michel Houellebecq
    Geändert von albaa (28.04.2017 um 07:26 Uhr)

  2. #2
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    Hallo Albaa,

    großes Kino zu einem faszinierendem Roman (hab ihn zweimal gelesen, so sehr hat er mich beeindruckt)!
    Für mich lassen sich die vier Abschnitte sehr gut den verschiedenen Handlungsebenen zuordnen und spiegeln auch die jeweiligen Stimmungen auf kunstvoll-poetische Weise.

    Chapeau! Sehr gerne gelesen

    Okotadia

  3. #3
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    Hallo Okotadia,

    Ja, dieses Buch ist faszinierend, aber auch extrem irritierend, und daher hat mir dieser Text einiges abverlangt (va auch emotional).

    Umso mehr freu ich mich (wie ein Schneekönigin!) über deine Zustimmung, obwohl ich das chapeau nicht annehmen kann. Das alles (das Buch, H.'s geniale und absolut kompromisslose Art zu schreiben, dieses abgründige Thema) ist einfach zu groß für mich. Aber ich habe jedenfalls gekämpft ... um lyrischen Ausdruck (und meine Fassung ).

    Lieben Gruß
    albaa

  4. #4
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    Liebe albaa,

    von Houellebecq habe ich dies und jenes fasziniert und widerstrebend gelesen, „Die Möglichkeit einer Insel“ am widerwilligsten. Zwar hatte ich wie der Rezensent der TAZ „einige Freude an den "naturalistisch-sexistisch-abenteuerlichen Szenarien" in den Daniel1-Teilen (die bei Dir nicht Thema sind), aber mit dem science fiction konnte ich absolut überhaupt total gar nichts anfangen. Es verwundert mich, Okotadia (sei gegrüßet), dass Du, eine Biologin, das sogar zweimal lesen konntest, vielleicht bewundere ich das sogar, Dein Spektrum ist irgendwie weiter als meins. Schon die autotrophe, also photosynthesebetreibende Konstruktion des „Neomenschen“ krieg ich nicht auf den Schirm, die geologischen Verwerfungen nach der Katastrophe genauso wenig. Wie überleben Esther31 und ihr Hund in Teil III die Wanderungen durch den radioaktiven Fallout? Lieber läse ich auch nochmal die Beschreibungen der „Wilden“ in Margaret Atwoods „Oryx and Crake“ als das hier.

    Wie grauenhaft das ist, hast Du, albaa, ja in Deiner SI geschildert und dem tatsächlich pathetischem Houellebecqschen Konglomerat aus Zivilisationsabkehr und Sehnsucht nach Unschuld, aus Elend und Verzückung Deine Hexameter gewidmet. Allerdings finde ich im Buch weder „rosige Enge“, noch „Rot“ und „Geist“, noch „Tanz mit den Bäumen“, noch „Besamungen“. Auch „Salzblüten“ und „Sandrosen“ (SIII) gibt’s nicht, und selbst die Farbe Violett kommt nur zweimal vor und da an ganz anderer Stelle und ohne die starke Betonung wie am Ende Deiner SII.

    Du hast Dich also von dem Buch wohl „inspirieren“ lassen, dann aber Deinen eigenen Kosmos geschaffen. Das macht Dein Gedicht doppelt hermetisch, man (ich) kann es nicht mit dem Buch verstehen und nicht ohne es. Vielleicht bist Du, Okotadia, so freundlich, „die vier Abschnitte den verschiedenen Handlungsebenen etwas genauer zuzuordnen“. In SII und SIV finde ich es auch selber gut und konzentriert gelungen, Chapeau.

    Und wirklich erinnern S1 und SIII auf verquere Weise dann doch an die „Stimmungen“ in diesem verqueren Buch. Du hast es sozusagen weiter geschrieben.

    Michael

    Denkst Du auch, dass solche Buchbesprechungen in einem Unterforum "Über das Schreiben / Gedichte über Gedichte und Bücher" besser untergebracht wären?
    Geändert von Michael Domas (21.12.2017 um 01:45 Uhr)
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  5. #5
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    Lieber Michael,


    Vielen Dank für deine ausführliche Besprechung, dies umso mehr, als du "Die Möglichkeit einer Insel" nur "widerwilligst" gelesen hast - wie auch das Gedicht.

    Ich habe das jetzt schon so lange nicht mehr gelesen, dass ich selbst kaum mehr weiß, was es im einzelnen genau bedeuten soll. Die Farb- und Wüstensymbolik (Jesus Erleuchtung in der Wüste) ist mir aufgefallen und natürlich die verschiedenen Abschnitte. Der Hexameter, der ja von den Griechen stammt, am Anfang hat auch einen besonderes Sinn - es soll auf den Untergang der Zivilisation hinweisen/die Bilder dort unterstützen.

    Ich schrieb ja auch schon oben, dass mich das Buch schwer irritiert hat und das spiegelt sich bestimmt in dem "sperrigen" Gedicht. Was ich hier beschreibe ist ja eigentlich die Houllebecqs'sche "Erlösungsgeschichte" von Daniel aus dem "ewigen Leben". Dann haben mich die Extreme fasziniert. Auf der einen Seite diese geklonten unmenschlichen "Eliten", die völlig abgeschirmt leben und nur mehr virtuellen Kontakt zu den anderen Mitgliedern dieser geklonten Gesellschaft haben, und auf der anderen Seite, die Menschen, die die Katastrophen überlebt habe und im Überlebenskampf "die dünne Schicht der Zivilisation" abgestreift haben und "tierähnlich“ leben - alles grauenvoll und erschreckend – aber durchaus vorstellbar.

    Daniel begibt sich jedenfalls auf die Suche nach der „Insel“ eine Art Paradies für diese Eliten (was aber gleichzeitig bedeutet, dass er sterben wird, weil ihn dort keiner mehr klont) und trifft dabei auf die „Wilden“. Der Dreh- und Angelpunkt ist nun Daniels „letzte Begegnung“ mit einem „Weibchen“ der „Wilden“, das im Liebesdienste anbietet, die er allerdings nicht annimmt; sein Sexualtrieb ist verkümmert und es graust ihm vor seinen Artgenossen. Was soll ich sonst noch sagen? Am Ende steht jedenfalls die wirklich "letzten Begegnung" - das ist immer die mit sich selbst (?)

    LG
    albaa
    p.s. Ja, zu deinem Link noch

    Denkst Du auch, dass solche Buchbesprechungen in einem Unterforum "Über das Schreiben / Gedichte über Gedichte und Bücher" besser untergebracht wären?
    Ich habe dort schon geantwortet. Wenn es also eine Rubrik "Negligé" geben sollte, dann würde ich das Gedicht dorthin verschieben lassen.
    Geändert von albaa (23.12.2017 um 10:40 Uhr)

  6. #6
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    Hallo ihr,

    da hast Du mir, lieber MD, eine ganz schön schwierige Hausaufgabe verpasst. Glücklicherweise habe ich grade ein paar Tage frei.
    Mein Problem ist auch, dass das schon lange her ist. Das Buch habe ich vor Jahren gelesen, hatte es aber innerlich irgendwie auf dem Schirm (vielleicht auch mittlerweile völlig verzerrt). Meinen Kommentar zu albaas Gedicht nicht mehr so recht. Ich erinnere mich aber, dass ich sehr bewunderte, dass es jemand wagt, ein so stimmungs- und irritationsgeladenes Gedicht zu diesem Roman zu schreiben.
    Fangen wir also mal mit dem Roman an.
    Als Prämisse sehe ich:
    1.Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Wohin der Weg führt, lässt sich weder bestimmen, noch vorhersagen, weil die Dinge Eigendynamiken entwickeln.
    2. Sexualität, Fortpflanzung und Liebe sind aneinander gebunden und können getrennt nicht fortdauern.
    Im Leben von Daniel 1 herrscht der Zeitgeist der Selbstsucht und des Hedonismus. Liebe, Sexualität und Fortpflanzung werden entkoppelt. Die Liebe wird auf einen Hund beschränkt und Fortpflanzung als Last abgelehnt, die Sexualität dient auschließlich der Lust und wird mehr und mehr zur Obsession. Weil dadurch die Zukunft nur noch bis zum eigenen Tod reicht, braucht es das ewige Leben im Hier und Jetzt. Die dazu passende Religion (bzw. Sekte) ist das Vehikel dafür. Sobald genügend Menschen daran glauben, wird es mit Hilfe biotechnischer Methoden (die sind halt völlig fiktiv, wie immer in science fiction, das stört mich überhaupt nicht) möglich gemacht. Infolge dessen, wird aber früher oder später auch die ins Leere laufende Sexualität unnötig (durchaus im Sinne der Evolution).
    Die Neomenschen sind einerseits Klone, andererseits eigenständige Individuen, die nach einigen Generationen mit ihren genetischen Vorfahren nur noch einen Teil der Gene (auch nicht alle, da sie ja zur Photosynthese optimiert wurden) gemeinsam haben, aber kaum mehr Kultur, Erfahrung, Gedächtnis. Übrigens hat mich gerade das als Biologin sehr gefreut, denn die Individualität wird bei Klonen völlig unterschätzt (und glaube mir, ich weiß, wovon ich rede).
    Der Tod eines Klons ist jedoch gerade deshalb ein echter Tod, während die Wiedererweckung seines Nachfolgers keine echte Wiederauferstehung des Individuums ist. Insofern wird durch die Unterbrechung der Kette von aufeinanderfolgenden Kopien der Daniels und Maries das Bewusstsein vom endlichen Ich (der Insel) wieder hergestellt.
    Soweit meine Interpretation des Romans.
    Albaa bezieht sich in ihrem Gedicht mMn nicht auf die Handlungsstränge (warum ich damals Handlungsebenen geschrieben habe, weiß ich nicht mehr. Würde ich jetzt nicht mehr tun) sondern auf die Sinnebene.
    In I beschreibt sie die Begegnung von wilden und Neo-Menschen, das Unverständnis und die Abscheu vor der Sexualität sowie die erstrebte Auflösung des Körperlichen ins Geistige.
    II ist etwas rätselhaft. Es gibt – der Sterblichkeit geschuldet - einen Übergang vom er (oder es) zum ich. Das passt sehr gut zu meiner Interpretation. Die Zeilen ist/zähle mehr nichts und Violette verstehe ich auch nicht (mehr?).
    III ist klar: der Weg auf der Suche nach der Insel. Sprachlich sehr schön!
    IV Siehe letzter Satz meiner Interpretation.

    Ist das verständlich so?

    LG
    Okotadia

  7. #7
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    Liebe Okotadia,

    Ich musste jetzt schmunzeln, wie eine Naturwissenschafterin einem Naturwissenschafter Houellebecqs Werk erörtert. H. hat ja Landwirtschaft studiert und ist sehr interessiert an den Naturwissenschaften, aber wissenschaftlich schlüssig ist sein Buch natürlich nicht, es bleibt natürlich sehr lückenhaft in seiner Zukunftsvision. Es gibt bestimmt SiFi Romane, die überzeugender sind, aber ich denke, dass ist hier auch nicht wichtig.

    Dieser Roman passt eher zu einem Statement von H. betreffend seine Art zu schreiben - eigentlich geht es um das Verhältnis zwischen Poesie und Roman bei H. Er schreibt in einem Essay (aus den 90iger Jahren) im Essayband "Interventionen": "Wenn ich Gedichte schreibe, dann im Grunde vor allem, um die Betonung auf einen monströsen Mangel zu legen (den man als Mangel an Affektionen, an Sozialem, an Religion oder an Metaphysik definieren kann, und jeder dieser Ansätze wäre wahr). Ein anderer mag sein, dass die Poesie die einzige Möglichkeit ist, diesen Mangel im Reinzustand, im Geburtszustand auszudrücken, jeden seiner komplementären Aspekte gleichzeitig auszudrücken."

    Also ich habe das Gefühl, auch wenn H. in diesem Essay über seine Lyrik schreibt, ist doch "Die Möglichkeit einer Insel" (aus dem Jahr 2005) ein Kind dieser Gedanken und ein sehr poetischer Roman; jedenfalls zum Ende hin.

    Auch interessant, aus dem gleichen Essay, das : "Das 20.Jh. wird auch als jenes paradoxe Zeitalter zurückbleiben, in dem die Physiker den Materialismus widerlegten, auf den lokalen Determinismus verzichteten und alles in allem jene Ontologie der Dinge und Eigenschaften völlig aufgaben, die sich zur gleichen Zeit in der breiten Öffentlichkeit als das konstitutive Element einer wissenschaftlichen Weltanschauung durchsetzte."

    In diesem Sinne vielen Dank auch hier für Dein Einlassen!

    LG
    albaa
    Geändert von albaa (30.12.2017 um 20:07 Uhr)

  8. #8
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    Liebe albaa,

    meine kurze Interpretation bezog sich natürlich nur auf den Inhalt. So hatte ich jedenfalls Michaels Frage, wie ich als Biologin so einen Roman gut finden könne, verstanden.
    Aus molekularbiologischer Sicht ist die Handlung im Leben von Daniel 1 gar nicht so daneben. Zwar sind manche Details falsch, aber bereits Anfang des Jahrtausends behauptete eine Sekte, Menschen klonen zu können und inzwischen funktioniert es leider sehr gut. Viele der Anfangsprobleme konnten gelöst werden und man kann heute z.B. Mäuse über viele Generationen hinweg gesund und fertil vermehren. Bei Menschen wäre das genau so möglich, wenn es genügend reiche Leute gäbe, die es wünschen (und darauf kannst Du wetten). In China sollen bald Millionen von Haustieren industriell geklont werden und dort hat man auch keine Hemmungen, menschliche Embryonen für therapeutische Zwecke zu produzieren und vorher mittels gene editing noch entsprechend zu optimieren.
    Da der Roman sehr weit in die Zukunft reicht, ist im science fiction Sinne eigentlich alles erlaubt. Aber Du hast recht, darauf kommt es eigentlich nicht an.
    Es ist aber gut, dass Du die Form ansprichst. Du hast ja ein sehr poetisches Gedicht geschrieben, dafür eignet sich die Geschichte der späten Klone natürlich viel besser, weil bereits die Vorlage poetisch ist. Ich finde, es ist Dir gut gelungen, weil es die Stimmung (jedenfalls meine beim Lesen) trifft. Das lässt sich natürlich nur schlecht allgemein begründen, wurde aber auch von Michael so wahrgenommen.

    Die Poesie als Mittel, den Mangel in seiner Reinheit (man könnte auch sagen, eine schwer zu definierende Sehnsucht) auszudrücken. Das ist schön. Das können wir doch so mit ins Neue Jahr nehmen!

    Ich wünsche Dir einen fröhliches Hineingleiten - aber nicht unter dem Eis

    LG Okotadia

  9. #9
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    Liebe albaa,

    verglichen mit Deiner „Farb- und Wüstensymbolik“ ist die von Houellebecq ocker und sandfarben. Und das Paradies gefunden hat Daniel ja nicht, der dümpelt nachher in seinen Salztümpeln rum und schreibt am Ende: „Ich hatte vielleicht nich sechzig Jahre zu leben; über zwanzigtausens Tage, die alle völlig gleich verlaufen würden. Ich würde es vermeiden zu denken, es vermeiden zunleiden. Alle Hindernisse des Lebens waren längst überwunden; ich war jetzt in eine friedliche Phase eingetreten, aus der mich nur der Tod reißen würde. … Die Zukunft war leer; sie war das Gebirge. Meine Träume waren von affektiven Präsenzen bevölkert. Ich war, ich war nicht mehr. Das Leben war real.
    Wenn das „die wirklich "letzte Begegnung"“ ist, „die mit sich selbst“ – das ist ja noch „grauenvoller und erschreckender“ als das Schicksal der „Wilden“ (oder auch das von Daniel 1), eine „"Erlösungsgeschichte"“ jedenfalls lese ich hier nicht.

    Liebe Okotadia,

    sicher wird man auch den Menschen klonen können. Aber Houellebecq fantasiert das als Fortbestand der individuellen Existenz und veranstaltet einen Riesenhokuspokus, um das glauben zu machen, z.B. die Geschichte von der „Auferstehung“ des „Propheten“. Man kann sich eine Menge Motive vorstellen, weshalb jemand sich klonen lassen würde (wahrscheinlich aus Eitelkeit, vielleicht ja auch aus mystischen Gründen, wie es Houellebecq hier nahelegt) – auf die Idee, so auch die eigene Subjektivität erhalten zu können, kommt dann doch wohl keiner. 1999 hat Charlotte Kerner in „Blueprint – Blaupause“ sehr eindringlich geschildert, wie sich ein geklontes Kind gegen die Besitzansprüche seiner „Mutter“ die eigene Individualität erkämpft.

    Kommt hinzu, Houellebecq hat, obwohl er diplomierter Landwirtschaftsingenieur ist, nicht die geringste Ahnung von Evolutionstheorie: „Sie [die „Wilden“] befanden sich auf dem Gipfel der Nahrungskette,sie hatten keine natürlichen Feine, daher mussten sie selbst die Alten oder Kranken eliminieren, um den Stamm bei Gesundheit zu halten. Da sie nicht auf den natürlichen Wettbewerb zählen konnten, mussten sie auch ein System sozialer Kontrolle schaffen, das den Zugang zu der Vagina des Weibchens regelte, um das genetische Kapital der Art zu erhalten.“ Oh wei oh wei.

    Kurzum, für mich taugt der Roman weder als negative Utopie noch als positive, sondern gar nichts. Dann ist mir Dein Gedicht noch lieber, albaa.

    Trotzdem habe ich ihn gelesen, tja

    Michael
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  10. #10
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    Liebe Okotadia, lieber Michael,

    Wo fange ich jetzt an? Was du über das Klonen schreibst, Okotadia, ist sehr interessant und richtig beängstigend, da wir ja wissen, dass die Ethik nicht viel zählt, wenn es um Kohle geht.

    Michael, du kommst so überhaupt nicht mit H. zurecht. Das was da am Ende mit Daniel passiert, kann nur dann als "Erlösung" betrachtet werden, wenn man fernöstliches Denken/Mystik/Religion aufruft.

    Aber egal was man aufruft und wie man dazu steht, am Ende steht so oder so immer das "Nichts", wenn es nichts mehr gibt, was einem ablenkt, was unseren Affengeist hin- und herjagt. Den Geisteszustand von Daniel am Ende kann man daher durachaus als Erleuchtung (Erlösung aus der ewigen "Wiedergeburt" sehen - die natürlich keine Forsetzung der Individualität ist, vielmehr lernt jeder Klon "wer er ist" aufgrund der Geschichte seiner Vorgänger, die er studiert - was ja auch auf unsere reale Existenz zutrifft: Wir lernen, dass wir das christliche bzw. das griechisch humanistische Erbe anzutreten haben; oder anderswo halt das islamische oder hinduistische ... ) oder auch als lange Phase des Sterbens sehen; wir Westler geraten bei der Vorstellung eines solchen "sinnlosen" Existierens - ohne Ablenkung und Unterhaltung - in Panik, für einen Buddhisten wäre vermutlich die Entwicklung Daniels erstrebenswert: Ich war, ich war nicht mehr. Das Leben war real. Das erinnert natürlich schon sehr an den Buddha-Weg, wie vieles in diesem Buch.

    Diese Prophetengeschichte stört dich? Aber das ist ja auch Realität in diversen Sekten. Und so ein "Glaube" entsteht genau aus diesem "monströse Mangel" (siehe oben #7) in unserer Gesellschaft der H. beschäftigt und woraus eben solche Sekten entstehen, wie diejenige, der sich Daniel angeschlossen hat. Okotadia schreibt ja, dass es tatsächlich eine Sekte gibt/gab (?), die behauptet Menschen klonen zu können.(ich habe noch nie davon gehört, aber ich werde dann einmal googlen).

    Zitat Zitat von Michael Domas
    Kommt hinzu, Houellebecq hat, obwohl er diplomierter Landwirtschaftsingenieur ist, nicht die geringste Ahnung von Evolutionstheorie: „Sie [die „Wilden“] befanden sich auf dem Gipfel der Nahrungskette,sie hatten keine natürlichen Feinde, daher mussten sie selbst die Alten oder Kranken eliminieren, um den Stamm bei Gesundheit zu halten. Da sie nicht auf den natürlichen Wettbewerb zählen konnten, mussten sie auch ein System sozialer Kontrolle schaffen, das den Zugang zu der Vagina des Weibchens regelte, um das genetische Kapital der Art zu erhalten.“ Oh wei oh wei.
    Was ist daran so absurd? Die Wilden leben in kleinen Stämmen und kämpfen tagtäglich ums Überleben, habe jede "Kultur" abgelegt; da ist es durchaus vorstellbar, dass sie die Alten und Kranken "elimieren" (müssen). Und dann stellt sich natürlich auch die Frage, ob das nicht ein Überzeichnung davon ist, wie wir mit unseren Alten umgehen.

    Und ein soziales System, dass den Zugang zur Vagina regelt, gibt auch bei uns (Die Ehe ist zumindest als solches gedacht: "Du sollst nicht begehren deines nächsten Weib"). Das Prinzip der "Erhaltung des genetischen Kapitals", im Sinne der Erhaltung von Macht und Einflusses einer bestimmten Schicht, ist heutzutage nicht mehr unbedingt Thema (siehe jüngst Prinz Harry), aber es ist immer noch so, dass die Alpha-Männchen die "besten" Weibchen bekommen, oder? Wer zum Zug kommt, bestimmt sich halt nicht mehr unbedingt nur nach jugendlichem Alter, Gesundheit und Kraft, wie bei H.'s Stämmen, sondern auch nach Vermögen und Status.

    LG
    albaa
    Geändert von albaa (05.01.2018 um 20:00 Uhr)

  11. #11
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    Liebe albaa,
    Lieber Michael,

    das ist für mich ein sehr interessanter Faden, gerade weil die Herangehensweise und die Sicht auf die Geschichte so unterschiedlich ist.
    MMn zeigt sich hier auch die Qualität des Romans, er ist sehr vielschichtig.

    Ich möchte Dir insofern widersprechen Michael, als H. eben nicht vom Fortbestand der individuellen Existenz fantasiert, sondern er lässt seine Figuren davon fantasieren, um genau dies dann zu zerlegen.
    Im Christentum gibt es die Vorstellung von der Auferstehung des Fleisches (gemeinsam mit der Seele), im fernöstlichen Denken nicht. Ich vermute, das Klonen wird in China auch viel mehr aus praktischen Zwecken (Aufbau der Wirtschaftsmacht) betrieben und die Idee von der Auferstehung des Individuums (für die ja auch noch das Einfrieren angeboten wird) ist den Chinesen fremd - es sei denn man kann Geld damit verdienen. Es wäre interessant, das einmal mit Wissenschaftlern aus diesen Kulturkreisen zu diskutieren.

    Was die Evolution angeht, wird es schwierig, wenn man den Boden der Biologie verlässt und sich mit Kulturen beschäftigt. Auf die wirken sicherlich auch Evolutionsmechanismen, aber dort wird es wesentlich komplexer. Da scheint mir der Ansatz von albaa nicht verkehrt. War es früher nicht bei den Eskimos üblich, die Alten und Kranken auf einer Eisscholle auszusetzen, weil sie die Gruppe zu sehr belasteten und daher eine Gefahr für die Allgemeinheit darstellten?

    Danke nochmal Euch beiden. Michael für die kritischen Fragen, albba für die Antworten. Beide sind für mich sehr anregend.

    Okotadia

  12. #12
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    Ihr Lieben,

    Dein Einwand, Okotadia: „H. fantasiert eben nicht vom Fortbestand der individuellen Existenz, sondern lässt seine Figuren davon fantasieren, um genau dies dann zu zerlegen.“ hat mich überzeugt. Das würde H. eben die Raffitücke bescheinigen, die ihm nachgesagt wird und ich an anderer Stelle (z.B. bei „Unterwerfung“) schon genossen habe. Wie gruselig (und zum Lesen unattraktiv, jedenfalls für mich) diese Weiterexistenz ist, passt da rein. Und wenn sie sich nachher in einem sozusagen buddhistischem Nirwana auflöst, albaa, kann man ja nur froh sein. David25 ist dann von seinem tristen Neonmenschen-Dasein endlich „erlöst“ und ich als Leser bin's dann vom Roman.

    Die Prophetengeschichte als solche, hat mich gar nicht so sehr gestört, albaa, im Gegenteil habe ich sie wie Du als Karikatur moderner gesellschaftlicher Tendenzen nicht ohne Interesse gelesen (so wie überhaupt den ersten Teil mit einigem pornografischem Vergnügen), nur fand ich das Bohai um die „Wiedergeburt“ einen Schwindel. Aber, sagt Ihr, der (erkennbare) Schwindel ist doch gerade Houllebecqs Trick. Diese Teile des Romans sind ja aber nicht mehr Thema Deines Gedichts, albaa.

    Meinen Einwand gegen die biologisch unplausible Konstruktion der „Wilden“ allerdings habt Ihr beide selber fortgeführt, indem Ihr auf die kulturellen Regelungen des Zugangs zur Vagina verwiesen habt. Nur sind ja diese Wilden explizit aus der Kultur rausgefallen. Dann gilt aber, Okotadia, dass die Selektion am Individuum ansetzt und nicht am Kollektiv.

    Ja, ein sehr interessanter Faden. Aber lasst uns doch über ein anderes Buch sprechen, über „Qualityland“ von Marc-Uwe Kling. Du hast es gerade gelesen, Okotadia, ich auch.

    Wer schreibt das Gedicht dazu? Aber so schön mystisch wie Deines, albaa, kann's nicht werden

    Michael
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  13. #13
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    Hallo ihr zwei,

    Ja, es ist einfach schön und anregend mit euch zu plaudern! Ich danke Euch sehr für eure spannenden Beiträge, das würde ich mir öfter wünschen.

    Zitat Zitat von Michael Domas
    Meinen Einwand gegen die biologisch unplausible Konstruktion der „Wilden“ allerdings habt Ihr beide selber fortgeführt, indem Ihr auf die kulturellen Regelungen des Zugangs zur Vagina verwiesen habt. Nur sind ja diese Wilden explizit aus der Kultur rausgefallen. Dann gilt aber, Okotadia, dass die Selektion am Individuum ansetzt und nicht am Kollektiv
    Ich kann natürlich nicht als Biologin antworten, aber ich habe jetzt die entsprechende Stelle aus dem Buch herausgesucht:

    "Wenn sie nicht jagten, schienen sie die meiste Zeit zu schlafen oder sich zu paaren - zumindest jene, denen die Möglichkeit dazu geboten wurde. Der Stamm war nach einem strengen hierarchischen System aufgebaut, [...]. Der Anführer war ein männliches Wesen um die Vierzig mit leicht ergrautem Haar; ihm zur Seite standen zwei junge Männchen mit muskulösem Oberkörper, die bei weitem die größten und kräftigsten der Gruppe waren; nur sie hatten das Vorrecht, mit den Weibchen zu kopulieren: Wenn diese einem der drei dominanten Mänchen begegneten, hockte sie sich auf alle viere und boten ihre Vagina dar; wenn jedoch andere Männchen Annäherungsversuche unternahmen, stießen sie diese heftig zurück. [...] In dem Stamm gab es keine älteren Wesen, und das Alter von fünfzig schien die Obergrenze zu sein, die sie erreichen konnten. Kurz gesagt, sie besaßen eine Organisationsform, die den menschlichen Gesellschaften durchaus nahestand, insbesondere jenen der letzten Zeit, nachdem die großen föderierenden Systeme zusammengebrochen waren. Ich war mir sicher, dass sich Daniel1 in dieser Welt nicht fremd vorgekommen wäre und sich leicht in ihr zurechtgefunden hätte."

    Daniel1 lebte in einem Zeitalter ähnlich dem unseren. In diesem Abschnitt zeigt sich H. "Raffitücke" deutlich. Es geht ihm selbstverständlich nicht um eine naturwissenschaftlich oder biologisch plausible Zukunftsvision, sondern um die Darstellung wie wir diesen "Wilden" ähneln (mit einer dünnen Schicht Kultur darüber).

    Das wird ja auch im Buch "Unterwerfung" so deutlich, wo die Herrn Professoren der anerkannten Universitäten sofort bereit sind mit ihre katholisch humanistischen Tradition zu brechen (=Titel:"Unterwerfung")und sich nicht scheuen in einer orthox-islamischen Universität zu lehren und zum Isalm zu konvertieren, weil sie mit viel Geld aus den reichen arabischen Ländern gekauft und dazu noch mit blutjungen (Ehe)frauen belohnt werden, wogegen die Frauen wieder auf ihre traditionellen Rollen verwiesen werden.

    Also eine solche Machowelt könnte vielleicht - auch wenn ich die Sexismusdiskussionen der letzten Zeit bedenke - wirklich eine starke Anziehungskraft auf westliche Männer haben; selbst hier im Forum kann man hie und da eine ziemlich unkultivierte, also "wilde", Selbstherrlichkeit der User beobachten, dies gegenüber Userinnen, aber auch wenn Machtkämpfe unter den Herren Usern ausgetragen werden. Also ich denke H. ist einfach nur ein guter Beobachter.

    Lieben Gruß
    albaa
    Geändert von albaa (12.01.2018 um 17:26 Uhr)

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