1. #1
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    Zwischenzeilen

    In manchen Nächten singt der Vogel leiser,
    an manchen Tagen hängt der Himmel tief.
    Die Worte wurden mit den Jahren weiser,
    doch quält der Schmerz, der zwischen Zeilen schlief.

    Er ruht in einem Raum voll Sonnengleichen,
    verpuppt sich immer fort, stirbt doch dahin.
    Vor kalten Stimmen muss er ängstlich weichen,
    sucht meine Feuer und wächst weiterhin.

    Jedoch was war, das halten Spinnennetze
    für kurze Zeit im letzten Sommerwind.
    Und richtungslos entfliehe ich und hetze
    nach losen Blättern wie ein Findelkind.

    Ein Lachen hörte ich, so dunkel, heiser,
    das stiller wurde während ich noch rief.
    In manchen Nächten singt der Vogel leiser,
    an manchen Tagen hängt der Himmel tief.

  2. #2
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    Hallo Margot,

    wie perfekt, wie schön und wie nachfühlbar traurig.
    Zumindest für Experten in der Hetze nach losen Blättern.

    Es gibt hier nichts mehr zu verbessern.

    Ich suchte nicht nach goldenen Dublonen
    und trotzdem fand ich sie bei Dir.
    Wie schön sie auf dem blauen Sammet thronen,
    wie traurig klingen sie nun nach - in mir.

  3. #3
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    Lieber Flam

    Wie ich sehe, bist du immer noch in den alten Gefilden unterwegs.

    Vielen Dank für deine nette Rückmeldung.

    Beste Grüsse
    Margot

  4. #4
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    Nicht immer noch, eher wieder einmal.
    Noch habe ich nicht viel wiedererkannt und Deine Zwischenzeilen haben mir quasi einen angenehm überraschenden Anker zugeworfen.
    Und dann noch einen so schönen.

    Danke auch & lieber Gruß,
    Flam

  5. #5
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    Hallo MargotS.Baumann,

    Dein Gedicht hat mich mich fragen lassen, ob ich mir immer vollständig, auch den zwischendurch leiseren Tönen in mir, bewusst zu gehört habe.
    Die Antwort war nach Nachdenken und -Fühlen ein suchendes wie sinnierendes: "Jein!"

    Dein Gedicht habe ich beim Lesen für mich zu meiner leichteren Zustimmung ein wenig wie folgt verändert:

    n manchen Nächten singt der Vogel leiser,
    an manchen Tagen hängt der Himmel tief.
    Die Worte wurden mit den Jahren weiser,
    doch quält der Schmerz, der zwischen Zeilen schlief.

    Er ruht in einem Raum voll Sonnengleichen,
    ... Er ruht in einem Raum voll Seinesgleichen
    verpuppt sich immer fort, stirbt doch dahin. ... verpuppt sich immer fort, stirbt kaum dahin.
    Vor kalten Stimmen muss er ängstlich weichen,
    sucht meine Feuer und wächst weiterhin.
    ... suchend nach Hilfe, wächst dann weiterhin.

    Jedoch was war, das halten Spinnennetze
    für kurze Zeit im letzten Sommerwind.
    Und richtungslos entfliehe ich und hetze
    nach losen Blättern wie ein Findelkind.

    Ein Lachen hörte ich, so dunkel, heiser,
    das stiller wurde während ich noch rief.
    In manchen Nächten singt der Vogel leiser,
    an manchen Tagen hängt der Himmel tief.
    ... an manchen Tagen auch der Himmel schlief.

    Danke und Lob für das Kennenlernen und mit liebem Gruß, wenigviel
    wenigviel


    Es kann sein, alles ist anders als wir es wahrnehmen und erkennen und doch müssen wir es uns glauben.

  6. #6
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    Hallo wenigviel

    Vielen Dank für dein Feedback.

    Ja, Poesie muss persönlich sein und werden, wenn sie gefallen will. Wenn dir mein Gedicht auf deine Weise besser gefällt, soll es so sein.

    Beste Grüsse
    Margot

  7. #7
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    Liebe Margot,

    schon seit Tagen kehre ich immer wieder zu deinem Gedicht zurück, lese, lasse wirken, lese und lasse mich in Bann ziehen, setze an, eine Rückmeldung zu verfassen und kapituliere dann. Deine Verse wirken, wirken intensiv, greifen ans Herz und überziehen mit Melancholie, zuletzt lassen sie die Leserin allein, lassen sie sitzen in einem diffusen Gefühl von Verlorenheit, das sich höchst schwer in Worte fassen lässt. Nun stellt eine solche Konstellation - Lyrik, die mich bannt, die sich aber nicht auf Anhieb entschlüsseln lässt - für mich eine Herausforderung dar, der ich mich zu stellen versuche. Zu gern fände ich heraus, was die Zeilen mir sagen wollen, was im Einzelnen die verwendeten Bilder, und außerdem, was mir Verlorenheit vermittelt und warum! In der Hoffnung auf etwas klarere Sicht beginne ich einfach mal mit der Bestandsaufnahme:

    Ist nicht – so mein erster analytischer Gedanke - ist nicht genau dies eine der wichtigsten Funktionen von Lyrik, nämlich etwas nicht oder schwer Fassbares fühlbar zu machen?

    Dies gelingt Deinem Gedicht exzellent! Als passgenau dazu empfinde ich daher die Titelwahl. In den im Text wieder aufgegriffenen „Zwischenzeilen“ schlummern nicht nur der dort erwähnte Schmerz, sondern auch eine „an manchen Tagen“ vage empfundene Traurigkeit des LI, mehr noch, die unbestimmte Schwermut, die jede Leserin (oder jeder Leser) zuweilen empfindet, u.U. ohne sie genau er- oder begründen zu können.

    Vielleicht – so beginne ich (wirklich erst) gerade zu ahnen – ist es gerade diese Unbestimmtheit, die die von mir zunächst als zu zusammenhangslos empfundenen Einzelbilder miteinander verklammern, vielleicht ist es gar nicht (nur) die Intention der Autorin, die Trauer über einen konkreten Verlust in kryptischen Bildern zum Ausdruck zu bringen, die es „zu knacken“ gilt, will der Leser die Wehmut der Autorin ergründen, vielleicht zielen Bilder und Verschlüsselung auch nicht vorrangig darauf ab, der Leserin Spielraum zu lassen, einen eigenen Verlust und die damit verbundene Traurigkeit zwischen den Zeilen wiederzufinden, sondern vielleicht ist eben die unergründliche Melancholie Hauptthema des Gedichts?

    Was genau an diesem Gedicht vermittelt die Melancholie?

    Es handelt sich um durchgängig kreuzgereimte, vierhebige Verse im alternierenden Versmaß mit Auftakt (die Bezeichnung „jambischer Vierheber“ finde ich hier problematisch, weil m.E. die Mehrzahl der Sinneinheiten eher trochäischer Natur ist) und wechselnden Kadenzen. Ein Leiern des Rhythmus‘ wird durch Akzentverschiebungen an manchen Stellen (z.B. in S 2, V 1 „voll“, V2 „stirbt“, V4 „und wächst“) vermieden. Schaue ich mir das formale Gerüst an, so spricht dies eher für Leichtigkeit und Frohsinn als für Wehmut, die gegensinnige Ausstrahlung geht also mehr von Sprache und Inhalt aus.

    In erster Linie sind dies die „Verlust vermittelnden“ Wendungen und Einzelbilder wie leiser werdender Vogelsang und stiller werdendes Lachen, der zwischen den Zeilen schlafende Schmerz, das Dahinsterben trotz Verpuppung, das ängstliche Weichen, das richtungslos fliehende Findelkind, die losen Blätter und - mein Lieblingsbild – die von äußerst fragilen Spinnennetzen gehaltenen, und daher vom Verwehen bedrohten, letzten Erinnerungen/Anklänge im letzten Sommerwind. Der schon zu Beginn wie auch am Ende noch tief hängende Himmel drückt die Stimmung zudem nachhaltig. Die Wiederholung des das Gedicht einleitenden Doppelverses am Ende gibt den losen Bildern dazwischen Halt und Rahmen und bewirkt bei der Leserin einen Aufstau und Festhalten der Ratlosigkeit, die durch sich auftuende Fragen entstanden ist. Der annähernd anaphorische Beginn dieses Doppelverses erzeugt einen Hauch Pathos, der durch das Fehlen von Akzentverschiebungen in der ersten oder letzten Strophe unterstützt wird. Und ich glaube, diese Kombination von Verlustgefühl, von Beunruhigung durch nur rudimentär beantwortbare Fragen und von Pathos, das der erzeugten Emotion Gewicht verleiht, machen das Gefühl von Melancholie und Verlorenheit aus, das sich nach dem Lesen einstellt.

    Wie oben schon angedeutet, nahm ich in den erste Lesedurchgängen die Einzelbilder zuerst als ziemlich beliebig „zusammengewürfelt“ wahr, empfinde sie jetzt aber als stimmig ins Konzept passend, vielleicht sogar selbst als „lose Blätter“, die das LI zusammenzuhalten sucht. Aufgrund dieser Strophe, im Zusammenhang mit dem letzten Sommerwind, der Richtungslosigkeit und Sich- als-Findelkind-Empfinden des LIs taucht gerade auch die Assoziation einer beginnenden Demenz vor meinen Augen auf. Könnte auch passen.
    In manchen Nächten singt der Vogel leiser,
    an manchen Tagen hängt der Himmel tief.
    Die Worte wurden mit den Jahren weiser,
    doch quält der Schmerz, der zwischen Zeilen schlief.
    Mindestens ebenso plausibel erscheinen mir meine ersten Assoziationen: Da empfand ich Deine Verse eher als Abgesang auf den singenden Vogel, der für die Jugend stehen könnte, für Lebensfreude, Unbekümmertheit, Freiheit und Sorglosigkeit, die mit zunehmenden Jahren aus verschiedenen Gründen verloren gingen, er könnte sogar besonders – und darauf deuten für mich die weiser gewordenen Worte hin – als verloren gehende Unbekümmertheit und Spontaneität der Dichterin im Umgang mit der Sprache verstanden werden, deren Verlust erst in der Retrospektive erkennbar wird, weshalb der Schmerz darüber eben „zwischen den Zeilen schlief“.
    Er ruht in einem Raum voll Sonnengleichen,
    verpuppt sich immer fort, stirbt doch dahin.
    Vor kalten Stimmen muss er ängstlich weichen,
    sucht meine Feuer und wächst weiterhin.
    Er ruht – nur wer? der Schmerz? Was will der unter „Sonnengleichen“? Müsste der ängstlich weichen? der Vogel? Kann der weiterhin wachsen? – bei (den?) Sonnengleichen: Erleuchteten? Strahlenden Göttern? Ist eine Anlehnung an Platons Sonnengleichnis intendiert und sollen hier „die Guten“ (Dichter?) assoziiert werden? Wer auch immer scheint dort in dem Raum dahinzukümmern, obwohl „er“ sich „immer fort“ (im Sinne von immerzu? - dann wäre es zusammenzuschreiben - oder tatsächlich immer in die Ferne? Oder soll vielleicht beides offenbleiben?) „verpuppt“, maskiert, womöglich anpasst.
    Dahinsterben und gleichzeitig Weiterhin-Wachsen scheinen paradox zu sein, wären erklärbar, wenn „er“ den Schmerz meinte, der durch Missachtung sterben könnte, sich jedoch trotzdem – schlafend – vergrößern könnte, indem er durch versiegende Leidenschaften des LIs genährt wird. Die „kalten Stimmen“ kriege ich nicht so recht integriert, womöglich die Stimmen der ratio?
    Jedoch was war, das halten Spinnennetze
    für kurze Zeit im letzten Sommerwind.
    Und richtungslos entfliehe ich und hetze
    nach losen Blättern wie ein Findelkind.
    Meine Assoziationen zu dieser Strophe habe ich oben bereits ausgebreitet. Ergänzend entdecke ich auch hier wieder eine Beziehung zur Dichtung, gab es doch bis 2007 eine Literaturzeitschrift dieses Namens, die in Berlin viermal im Jahr herauskam und Texte von jungen wie namhaften Autoren publizierte. Geht es hier evtl. auch darum, einer Vision, einer Zeit der Hoffnung hinterherzutrauern, dass Lyrik mehr Gehör bzw. eine Leserschaft finden könne?
    Ein Lachen hörte ich, so dunkel, heiser,
    das stiller wurde während ich noch rief.
    In manchen Nächten singt der Vogel leiser,
    an manchen Tagen hängt der Himmel tief.
    Hier wirft das Lachen Fragen auf: Wessen Lachen? Was bedeuten „dunkel“ und „heiser“? Ein höhnisches Lachen? Vielleicht der Sonnengleichen? Wieso sollte das verstummen? (Vor dem „während“ fehlt ein Komma ) Dann eher doch ein sinnliches Lachen der Leidenschaft, also des Vogels?

    Fragen über Fragen, deren Beantwortung mich zwar interessierte, aber u.U. das Konzept zerstörte. Trotzdem: Ich habe nun ausgebreitet, was mir beim Versuch des Aufdröselns so durch den Kopf ging. Da ich nun schon zu gern erführe, was die Autorin sich beim Dichten gedacht haben mag, hoffe ich sehr, Du wirst mir im Gegenzug für meine Gedanken vielleicht doch etwas von Deinen verraten. Nein, eine Entschlüsselung erwarte ich nicht, aber vielleicht ein bisschen was zum Konzept und zu dem, was Dich bewegt hat, bewegt hat beim Schreiben, bewegt hat, so zu schreiben.

    Immer wieder staune ich, wie sehr das Aufschreiben beim Gedankensortieren helfen kann und was für Lichter einem dabei aufgehen können. Dein Gedicht ist mir nun sehr nah und noch faszinierender als zuvor. Ich danke Dir für’s Teilhaben Lassen!

    Liebe Grüße,
    witch
    Geändert von the witch (14.05.2017 um 08:48 Uhr)
    .........................................
    Kindlein, liebt euch, und wenn das nicht gehen will, lasst wenigstens einander gelten. (J.W.Goethe)

  8. #8
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    Liebe witch

    Ganz herzlichen Dank für deine Worte/Gedanken/Fragen zu meinem Gedicht. Ich weiss jetzt auch wieder, weshalb ich gedichte.com (früher) so mochte. Und danke auch für den Hinweis wegen des Kommas ... bis jetzt hat das nie jemand gemerkt, moi non plus. ^^

    Das Gedicht schrieb ich 2007, ist also schon ein Weilchen her, und wenn ich jetzt ehrlich bin, kann ich mich nicht mehr so genau erinnern, was damals meine Intention war. Das tut mir natürlich leid, weil ich weiss, wie gerne man wüsste, was dem Verfasser beim Schreiben durchs Hirn schoss.

    Ich kann mich aber daran erinnern, dass es grundsätzlich um das Thema Verlust und den daraus resultierenden Schmerz geht. Ob ich beim Schreiben jetzt aber an eine vergangene Liebe (alte Briefe) oder an Inspiration (alte Texte) gedacht habe, weiss ich nicht mehr. Ich finde beide Themen sind gut abzuleiten, je nach dem, wie man es liest und in welcher Verfassung man beim Lesen gerade ist. Das ist ja auch das Schöne an der Lyrik, nicht?

    Ich hoffe, dass du jetzt nicht zu sehr enttäuscht bist, bedanke mich aber nochmals für die Zeit, die du in mein Gedicht investiert hast. Einfach grossartig!

    Beste Grüsse
    Margot

  9. #9
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    Manchmal nehme ich mir auch gern die Zeit so manche Zeilen die ich gerne mag auseinander zu klabüstern ... in diesem Fall möchte ich dir einfach sagen ... : Volltreffer! Danke ... wunderschön, der Titel hat mich hier herein gezogen und was versprochen war wurde noch übertroffen. Dankesehr ...
    In der Tiefe ruht die Kraft
    In der Kraft ruht Bewegung
    In Bewegung ruht die Form
    In der Form ruht der Raum
    In dem Raum ruht die Tiefe

  10. #10
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    Hi, Jun'ai Kamiko

    Vielen Dank für das Lob.

    Beste Grüsse
    Margot

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