1. #1
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    Regen(?) - verhangen

    .
    .
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    Es schien so nah, doch ist mein Herzblut ausgegangen,
    vom Unsvertrautsein ist nichts mehr zu finden:
    Vorbei die Zeit, als warme Liebesworte klangen.

    Ich wisch das Wein-um-Dich von meinen weißen Wangen,
    versuche stock und starr ins Leben mich zu winden -
    es schien so nah, doch ist mein Herzblut ausgegangen.

    Das Turtelblau zeigt sich seit gestern grau verhangen,
    Dein Seelenfenster scheint seit Tagen zu erblinden
    vorbei die Zeit, als warme Liebesworte klangen.

    Mir, Liebster, fehlt es auch: mir fehlt Verlangen
    wie konnte kopfverkehrtbegluckt verschwinden?
    Es schien so nah, doch ist mein Herzblut ausgegangen.

    Ein kleines „Frag-mich-doch“ schwirrt noch im Raum

    – befangen –

    doch ist das Kellerkühl nicht zu verwinden,
    vorbei die Zeit, als warme Liebesworte klangen.

    In Deinem Selbstverliebt war ich so lang verfangen,
    und suchte lieb-um-Stich mich fest an Dich zu binden!
    Es schien so nah, doch ist mein Herzblut ausgegangen:
    Vorbei die Zeit, als warme Liebesworte klangen.
    .
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    Geändert von linespur (24.06.2017 um 10:59 Uhr)
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  2. #2
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    lb linespur,

    das ist wieder einmal eins deiner kleinode, die man gern überliest, wenn man sich der form nicht nähern will, weil man "anders" gestrickt ist. du hast sie wunderbar ausgefüllt und auch aufgebrochen und hast es erreicht, mit zwei endreimen auszukommen, ohne daß das ergebnis gekünstelt wird. schön sich auch die neologismen, die du verwendest. ergebnis: große sprachkunst, wie man sie hier selten liest.

    ich bedanke mich bei dir für dieses lesevergnügen!

    lg W.
    Keine Signatur ist auch eine. Die andere wurde gelöscht.

  3. #3
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    Liebe Nina,

    dem Urteil von Walther schließ ich mich an, nur die Neologismen, oder vielmehr die Komposita gefallen mir nicht so wie ihm.
    Unsvertrautsein“ finde ich ein Lesehemmnis, dreimal habe ich das (un)s übersehen. Auch fehlt in Z2 ja eine Betonung und sind es nur 5, satt wie sonst 6. Klänge nicht natürlicher „von unserer Vertrautheit ist nichts mehr zu finden“.

    das Wein-um-Dich“ in S2Z1 empfinde ich als Verballhornung. Auch hier wäre, wenn Du willst., leicht Abhilfe zu schaffen. Nur wirst Du das (wohl auch bei den anderen Kursiva) nicht wollen (deshalb führe ich sie nicht weiter auf), das kopfverkehrtbegluckt (beglückt, oder?) ist ja, womit Du hier spielst. Für mich hat das fast etwas Kindliches – was ja hier nicht schlecht passen muss.

    S4Z1 (Mir, Liebster, fehlt es auch: „mir fehlt Verlangen“) habe ich nicht verstanden. Wird da der Liebste zitiert? Aber was fehlt dann dem LI, das eigene Verlangen? Oder meinst Du: Mir, Liebster, fehlt, wie wir uns einst verlangten.

    Trotzdem, eine bewegende Villanelle. Am besten hat mir die Zeile gefallen: versuche stock und starr ins Leben mich zu winden.

    Michael

    Nochwas: Was heißt in der letzten Strophe "lieb-um-Stich" ?
    .................................................................................................... ..........................
    poetry trifft Poesie, der Slammer Christian Gottschalk als mein Gast "Zum Goldenen Bock", Köln, Do., 25.1.18, 19.30 Uhr

  4. #4
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    Na, da muss man sich doch echt ein Messer in den Bauch rammen, wenn man so wortreich als "Liebster" bezeichnet abserviert wird....
    Aber für den Leser, der das Spiel mit Sprache liebt, finde ich das sehr schön (beinahe hätte ich das nicht gemerkt, wenn mir nicht Walther und Michael Domas über die ersten drei Verse hinweggeholfen hätten, danke also den beiden).
    Oder war es, weil ich beim zweiten Mal Lesen das s übersah und vom verschwundenen "Unvertrautsein" las? Jedenfalls entdeckte ich danach eine sprudelnde Spielerische Kraft, die "lieb- und stichfest" die Villanelle zum Strauss bindet (band, sorry, ist ja alles vorüber, ist ja alles vorbei).
    Du hast einer toten Form und einem totgedichteten Thema mit deinen kleinen Wortmonstern wieder Leben eingehaucht.
    Find ich gut.
    w27

  5. #5
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    Grüß Dich Walt,

    ich bedanke mich sehr für Deine wohlwollenden Worte. Es tut gut, einfach mal ein Lob einzustecken
    Ich nehme mir immer wieder vor, etwas mehr im Forum umherzuschauen, aber irgendwie geht mir immer die Zeit aus. Da wird man schnell zur Unbekannten im alten Daheim und nun hast Du den Text doch vorm Vergessen bewahrt. Auch dafür Dank.

    Mit besten Vorsätzen
    Nina

    Hey Michael,

    mit Neogolismen hast Du es ja generell nicht so. Da kann ich schon verstehen, dass sie hier auf Dich störend wirken. Ich kann mich von denen ja selten lösen. Allerdings wundere ich mich, dass sowohl Du als auch Wilma über dies Unservertrautsein so stolpern - eigentlich ist das ja ziemlich gängig inzwischen und ich würde es längst nicht mehr als Neogolismus bezeichnen. Das aus Eurem Missverständnis ein Spiel mit unvertraut wird, gefällt mir aber irgendwie sehr *grins*. Das gibt dem Dings eine Wendung, die zwar nicht geplant, aber irgendwie ganz reizvoll ist. Ich glaube, ich nehme es mal als Anregung mit, sowas demnächst gewollt verbauen zu versuchen.
    Die empfundene Verballhornung versuch ich noch zu verstehen. Für mich ist das die Phase des lI, in der man trotz Traurigkeit auf den Trichter kommt, dass man ja weiter machen muss. Da werden sehr selbstbestimmt die Tränen halt weggewischt, um die verheulten Augen für einen neuen Fokus wieder sehfähig zu machen. Parodistisch? Nö, eigentlich nicht ... ?!!

    Dass in S1Z2 schon Silben fehlen, ist mir ehrlich gesagt nicht aufgefallen, lach. Ich hab gerade - Du erinnerst Dich - mit den Fingern nachzählen müssen, lachnochmehr. Das ist eines der runtergeschriebenen, wo ich nicht viel nachgedacht habe. Man könnte es ja leicht lösen, sogar ohne wirklich zu ändern, aber Befriedigendes fällt mir gerade nicht ein, weil ich sonst zu viele Füllworte da reinstopfen müsste, alla "vom Unsvertrautsein ist schon lang nichts mehr zu finden", "vom Unsertrautsein kann ich leider nichts mehr finden" oder so. Da muss ich drüber nachdenken.

    Die Verlangen-Strophe, die ist in der Tat wohl verschwurbelt. Ich dachte, das ist so etwas, wo man lange drüber spricht, aber die Bedeutung tatsächlich erst sehr spät erkennt; manchmal sagt man ganz oft was, was traurig macht, aber es dauert, bis einem wirklich klar wird, wie weh es tatsächlich tut. Mit den Anführungszeichen wollte ich klar machen, dass das lI da aus alten Gesprächen zitiert. Gesprochen wird ja gerade eigentlich schon nicht mehr. Noch was zum Nachdenken und ändern - Runtergeschriebenes ist eher nie perfekt, nicht wahr?

    "lieb-um-Stich": lD kommt in der Strophe nicht gut weg. Der Kerl war selbstverliebt und wenn man solchen Personen gefallen will, tut man sich oft selbst ziemlich weh, kaschiert das aber mit dem ach-so-großartigem-Lieben. Und dem lD tut man dabei nicht mal einen Gefallen; man hätte ganz anders agieren müssen.

    Danke fürs Aufzeigen und liebste Grüße
    Nina

    Hallo Wilma,

    dass Du das Dings wirklich zweimal gelesen hast, ist für mich ein tolles Kompliment, danke! Und dass mir Dein Verlesen gefällt, sagte ich oben schon. So fasse ich mich also kurz und belass es bei einem tiefen Knicks

    Nina
    .
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  6. #6
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    Hallo linespur,

    Villanellen finde ich immer wieder beeindruckend, vor allem, wenn sie so spielerisch leicht daherkommen. Die Neogolismen haben mich auch stocken lassen, da musste ich beim Lesen neu ansetzen. Tatsächlich habe auch ich das Unservertrautsein ohne "s" gelesen, es geht in dem langen Wort zu leicht unter.

    Mir, Liebster, fehlt es auch: „mir fehlt Verlangen“

    In diesem Vers stört mich ein wenig das doppelte "fehlt"

    Ansonsten schließe ich mich den positiven Äußerungen der Vorkommentatoren an und wünsche ein schönes Wochenende.

    LG Sidgrani

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  7. #7
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    @linespur



    Grüße.


    Ich denke der Anfang könnte einen Schluck Dramatik mehr vertragen.

    Wie:

    Es schien so nah, zum Greifen nah, ich spürte schon den Atem.
    doch ist mein Herzblut ausgegangen, verkümmert unsre Saaten
    (ach ich sehe grad meine Idee scheint nicht zu funktionieren)


    Noch was, Zitat: weißen Wangen, blassen Wangen // „blass“ finde ich stärker

    wie konnte kopfverkehrtbegluckt verschwinden?
    wie konnt der Himmelblaue Traum verschwinden?

    Return

    Meine Argumente waren nur ein lautes Denken, ob sie wirklich funktionieren, ein schulterzucken.
    Ich wünsch dir was.
    der Gedankenspringer

  8. #8
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    Hallo Sidgrani,

    ich danke für Deinen wohlwollenden Kommentar. Das mit dem unsvertraut gibt mir allmählich zu denken. Neologismen hingegen möchte ich in meiner Sprache nie missen wollen; ohne sie ist es doch sehr schwer, in kappen Worten Bilder - womöglich sogar nachvollziehbare - unterzubringen. In meinen Augen gelingen die meisten Gedichte ohne sie nur sehr schwer. Nun mag ich da auch ein wenig anders ticken, als die meisten - wer riecht schon Farben?

    Liebe Grüße
    Nina

    Gedankenspringer! Ich bin fröhlich (immer), wenn Du einen meiner Texte besuchst. Die weißen Wangen sind der Alliteration geschuldet. Ich hadere ein wenig noch mit mir, ob blasse Wangen stärker wäre - zumal ich verstehe, dass blass wohl stärker wäre. Aber ich hänge doch sehr an Alliterationen, schmunzel. Mit dem -atem gibst Du recht schwere Reimworte vor - da kaue ich seit ein paar Tagen dran rum und hab noch nichts gefunden, um das vollständig umzuschreiben. Ich bin schlicht kein guter Dichter, sehe ich wieder ein
    Der "himmelbaue Traum" steckt aber bereits im "Turtelbau" - das würde ich ungern wiederholen, oder möchtest Du das wirklich so betont wissen?

    Deine Anregungen lasse ich mir zu gern auf der Zunge treiben!
    Herzlich
    Nina
    .
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  9. #9
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    Zitat Zitat von linespur Beitrag anzeigen

    Gedankenspringer! I Ich bin schlicht kein guter Dichter, sehe ich wieder ein

    (Grüße erstmal.)

    Erzähle nicht so was! Du bist eine guter Dichterin, punkt aus.

    Zitat:

    Die weißen Wangen sind der Alliteration geschuldet.

    Sorry, habe ich nicht beachtet. Eigentlichkeit, wenn ich Ehrlich bin, habe ich noch nie dieses Stilmittel benutzt. es was so wie eine Nebenrichtung der Dichtung und ist somit (meinerseits) nicht gewürdigt worden. lass dir Zeit beim Abwegen und bleib deiner Linie treu. Es sei denn, es überzeugt.

    Return:

    Aber deine Antwort an mich lässt mich wachsen, grins. nein, sie ist angenehm.
    ich wünsch dir was.
    der Gedankenspringer

  10. #10
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    Hallo Nina,
    soweit wie ich sowas in dieser form beurteilen kann, ist es gut. der inhalt, eine hälfte hat gegluckt? wie eine mama? finde ich nicht optimal für eine beziehungskiste. (bin aber auch kein guter ratgeber in diesen dingen, ich lebe prima mit meiner bindungsangst, nur die anderen leiden

    es liest sich romantisch, poetisch, verbittert- resigniert
    hebt sich deutlich ab von anderen autoren,

    gerne gelesen ist mir eigentlich zuwenig um dieses hier angemessen zu würdigen
    hoffe du schreibst noch öfter hier in dieser rubrik damit andere in eine solche stimmung kommen


    lg vom GE-wicht
    Wann immer sich alte Männer schändlich benehmen, liegt es unweigerlich an ihren jugendlichen Seelen,
    die entweder irrtümlich oder absichtlich das Ausmaß ihrer physischen Hinfälligkeit verdrängen.
    - ustinov -

  11. #11
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    Hallo lGE-wicht,

    Du hast mich erwischt, weil ich hab bei dem kopfverkehrtbegluckt eher an Glück, denn an das beglucken gedacht, wobei mir Glück dann zu Gewollt und letztendlich unpassend klang, und da sind die Ü-Tüpfelchen in den Müll gewandert. Hm, aber begluckt ist eigentlich auch nicht so verkehrt und vielleicht hat das Unterbewustsein gesprochen? Ich neige zum Glucken, sogar zum Beglucken, wenn ich ehrlich bin und scheitere letztendlich dran, weil ich zum Glucken nicht tauge, und Menschen, die begluckt werden wollen auf Dauer langweilig finde. Dilemma *g*

    Jedenfalls lange Rede kurzer Sinn: Ich find Dein Aufzeigen passend und darum, nur darum lass ich es jetzt drin. Letze Woche wollte ich die Punkte schon wieder draufpacken, aber nee, nun nicht mehr *lachtleise*.

    Herzlichen Dank Dir!
    Nina
    .
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  12. #12
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    huhu nina...
    schön nach so langer zeit die ich nicht da war, wieder von dir zu lesen.
    die neos schräg zu stellen ist der einzige makel der mich stört. ich könnte deine farben besser riechen wenn sie im kissen stecken und nicht wie ein haufen oben drauf geschmiert wirken

    ein wundervolles werk... aber bitte versteck doch das besondere einfach wieder... entdecken macht mehr spass

    lieben gruss
    federich
    wissen zerstört... denken befreit

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