1. #1
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    Was ist ein Senryu?

    Der werte Kollege horstgroße2 sagt mir blank und deutlich, ich würde mich irren, was Senryu betrifft.
    Im Netz habe ich PMO gefunden, einen Blog für "poets" und "poetry forms".
    Da wird ein Text von Judi van Gorder zitiert, der klipp und klar das Senryu erklärt.
    Vielleicht irrt sich diese Dame ebenfalls, vielleicht hat sie keine Ahnung von der Materie wie ich – jedenfalls fasst sie schön zusammen, was ich über Senryu zu wissen meine.
    Wenn ihr (du, lieber Kollege) euch diesen Text anschaut, könnt ihr danach vielleicht sagen: Es gibt eine klar definierte Gedichtform namens Senryu, vieles daneben ist nur "von Senryu und Haiku inspiriert" und sollte nicht senryu genannt werden.
    oder ihr bleibt dabei: Judi van Gorder und wilma27 "irren sich".
    Ist es nicht so, dass man in der Kunstgeschichte zwischen chinesischer Tapete und "Chinoiserie" unterscheidet? Auch in der Forendiichterei fällt doch keinem ein zacken aus der Krone, wenn seine Gedichte "Chinoiserien" sind... Oder doch?
    Naja, ist vielleicht nur mein Problem.
    Trotzdem danke fürs Lesen und
    tschüss
    w27

    P.S. van Gorders eigene Senryu-Beispiele führen mMn echt in die Irre.

    Hier der Text von van Gorder:

    Senryu is a Japanese syllabic verse that deals primarily with human nature and is often expressed through humor. It developed in the 18th century and is named after Karai Senryu who was a judge of comic verse contests. They were originally poems of the merchant class and often made fun of corrupt officials and professionals.

    The official's child---
    How well he learns to open
    and close his fist!
    ---anonymous

    The focus of the modern Senryu can be just about anything as long as it has a human or humorous slant. Senryus are lively, often humorous and sometimes even vulgar.

    The main characteristics of the Senryu are energy or liveliness in the focus and choice of words, humor as revealed in human nature and use of subjects such as relationships, family, professions, children and pets. It is written in the same frame as the haiku, 17 syllables or less, 2 units of imagary and 1 unit of enlightenment.

    So if you are wondering if a 3 line, 17 syllable poem is Haiku or Senryu, you can pretty much place the serious poem in the Haiku column and the more human, humorous poems as the Senryu. (but there are humorous Haiku and serious Senryu, go figure..)

    The elements of the Senryu are:

    a poem in 3 lines or less.
    syllabic, 17 syllables or less.
    commonly written in 3 lines but can be written in 2 lines and can be written with fewer syllables, never more.
    L1 5 syllables describes image.
    L2 7 syllables, adds conflicting image or expands first image
    L3 5 syllables provides insight (the ah ha! moment)through a juxtaposed image.
    written as a natural human experience in language that is simple, humorous, sometimes bawdy or vulgar.
    presented with an energy or liveliness in the focus and choice of words
    often humorous
    written in the moment.
    an imagist poem (draws the humor from the image)
    untitled but can be #ed.
    Kinder, jetzt gilt's ernst!
    Sie quatschen im Cybertalk
    über Cybersex.

    (StadtHaiku)

  2. #2
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    Hallo Wilma,

    Für mich bestand der Unterschied bisher quasi im Außen- bzw. Innenleben des LIs. Oder einfacher: Das Senryu läßt Wertungen zu und ist mehr auf die Gefühlswelt fixiert.

    Besonders interessant finde ich aber HIER die Beschreibung des S. Quasi als Comic. Zeile 1: Auslösendes Bild... Zeile 2: Weiterführendes Bild.... Zeile 3: Rückführung des 2. Bildes zum 1. - aber so, dass Paradoxie entsteht. Nicht schlecht, Herr Specht! Liest sich praktikabel.
    Mal aus der Hüfte - Pointen Kann man natürlich nicht brutal erzwingen - aber trotzdem interessante Schablone. Ähnlich wie beim Limerick.

    Twittergedichte -
    die Seele in 3 Zeilen.
    Nobelpreis für Trump!

    bzw:

    USA ändern
    ihre Nationalhyme!
    Trump twittert fleißig.


    Danke für deinen Hinweis. - Was ist denn für DICH das Anregende dieser Definition?

    lg
    Geändert von Artname (16.06.2017 um 16:39 Uhr)
    Wortfüsse, wohin ich auch seh!

  3. #3
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    Für mich ist der ganze Text von Frau van Gorder die einzige bisher dem Senryu wirklich auf den Leib geschneiderte "Definition", die ich gefunden habe. Nicht zuletzt deshalb, weil sie auch den Charakter des haiku mit beschreibt, ohne welches das Senryu nicht wäre. Besseres habe ich im Netz nirgends gefunden. Vielelicht habe ich zu wenig gesucht?
    In der aktuellen Diskussion mit horstgrosse2 war mir hier unter anderem wichtig,
    - a) dass die Autorin die verschiedenen Ebenen eines Senryu (haiku) anspricht, welche in der Zwei- oder Dreiteilung ihren formalen Ausdruck finden. (Dabei füge ich persönlich gerne an, dass in der japanischen Schrift es nicht wie im Deutschen von Zeile zu Zeile abwärts geht, sondern von Zeile zu Zeile "hinauf" zu einer "höheren Ebene".)
    - b) dass die Autorin auf den "konkreten" Inhalt des Senryu verweist. (Als hiesiger Lyrikfan könnte man ausrufen: "Ist doch nichts Neues! Wir kennen schon seit Homer die Metapher als Ausdrucksmittelder Lyrik!")
    Ja, und wie gesagt, als ganzes grenzt der Text von van Gorder eben sehr schön haiku/senryu von dem ab, was in Foren wie diesem gerne als "japanische Form" präsentiert wird. Was aber in seiner Art durchaus hohe Qualität haben kann, obwohl es eben nichts mit japanischen Formen gemein hat...!
    Zufrieden?
    w27

  4. #4
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    Hallo zusammen,

    ich halte den van-Gorder-Artikel für brauchbar, bin aber unsicher, ob er den Charakter eines Senryu wirklich voll erfasst. Die Frage ist, woher die Dame ihr Wissen bezogen hat. Ich fand bisher einen etwas umfangreicheren deutschsprachigen Artikel sehr informativ, den ich da mal gefunden hab und der nicht nur Haiku und Senryu gegenüberstellt sondern auch von den heute überwiegenden als solche deklarierten Dreizeilern abgrenzt, die dem Wesen beider Lyrikformen nicht gerecht werden. Diesen Artikel findet man, wenn man mit den Schlagwörtern "Wirth (Autor des Artikels), Haiku, Senryu" recherchiert. Zu diesem Artikel würde mich Eure Meinung interessieren. Mir kommt er fundiert und aussagekräftig vor. Er hat mir überhaupt erst einmal eine griffige Vorstellung eines Senryu vermittelt, während ich mich in den ersten Jahren meiner Auseinandersetzung mit den japanischen Dreizeilern ausschließlich darauf konzentriert habe, zu begreifen, was denn ein Haiku ausmacht.

    Ich teile Deine Meinung, Matthias, dass die allermeisten Dreizeiler hier ggf. gute und anspruchsvolle Dreizeiler sind, aber nur manchmal als Senryu und höchst selten als Haiku bezeichnet werden sollten.

    Da ich es jedoch als sehr schwierig empfinde, das Wesen dieser hochanspruchsvollen - und unserem Denken so fremden - Lyrikformen vollständig und richtig zu erfassen, und mir meiner eigenen Einschätzung unsicher bin, wage ich kaum, den hier als Koryphäen angesehenen Usern zu widersprechen. Wenn man die Fäden verfolgt, erweist sich eine diesbezügliche Diskussion ja außerdem doch als Kampf gegen Windmühlen...

    Liebe Grüße - witch
    Geändert von the witch (23.06.2017 um 12:44 Uhr)
    .........................................
    Kindlein, liebt euch, und wenn das nicht gehen will, lasst wenigstens einander gelten. (J.W.Goethe)

  5. #5
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    hallo witch

    froh, dass du mir in teilen zustimmst.
    oder sogar in grossen teilen?

    z.b. darin:
    senryu und haiku sind von einer kulturtradtition geprägte gedichtformen.
    schöne kurzlyrik in deutscher sprache kann daneben sehr wohl existieren und uns leser erbauen,
    ohne dass sie in thema, stil und ausdruck anschluss an diese beiden traditionen findet
    (diesen eventuell gar nicht sucht).
    solch erbauliche, bereichernde, schöne deutsche kurzlyrik
    mit japanischen namen zu bezeichen,
    da liegt der grund für das ärgernis.
    das ist wie "chinoiserie" in deutschen schlössern.
    nein, eben doch nicht, denn diese wird eben mit dem begriff "chinoiserie"
    klar abgegrenzt von dingen aus dem fernen osten,
    welche zu diesen europäisch inspirierten werken formal anregten.
    wenn hier die haiku- und senryu-dichter ihre verse als "japonerie" anpreisen würden,
    würde ich mich keinesfalss dagegen wehren.
    aber sie nennen es eben haiku oder senryu
    und werden erst noch zornig,
    wenn man den finger hebt und sagt, das treffe nicht zu...


    ob frau van gorder die nätige erfahrung und das nötige wissen hat, um ihren artikel (oben) zu schreiben, kann ich nicht mal ahnen. aber als basis für ein "zheng ming" (konfuzius) in sachen kurzlyrik scheint mir ihre zusammenfassung sehr brauchbar.

    edit:
    danke sehr für den texthinweis. ich will ihn suchen und lesen, kann das aber nicht gleich tun.
    schönen abend
    matthias
    Geändert von kaspar praetorius (03.07.2017 um 22:27 Uhr) Grund: edit

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