1. #1
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    Wunscharithmetik

    Dass sie macht, was sie macht,
    dass ich's mir wünsche,
    ist Voraussetzung dafür, dass ich
    machen kann, was sie sich wünscht.

    Darüber Lichterscheinungen,
    als drücke man mit dem Daumen
    auf die geschlossenen Lider.

    Was ich mit dir mache,
    was ich dir an- und mit dir tue,
    was dich widerstrebend erbeben lässt,
    macht mich dir ergeben.

    Ein Geflimmer, die Ränder fraktal,
    Flächen, die sich ineinander schieben,
    geschichtet wie durch eine Rakel.

    Dann hören wir auf zu wünschen
    und erfüllen uns gegenseitig,
    was wir uns wünschen,
    ohne dass wir noch wünschen.

    Am Ende das lichte Grau
    eines nachglimmenden Bildschirms.
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    poetry trifft Poesie, der Slammer Christian Gottschalk als mein Gast "Zum Goldenen Bock", Köln, Do., 25.1.18, 19.30 Uhr

  2. #2
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    Lieber Michael,

    Das steht unter "Erotik"!?

    Ziemlich unsinnlich dieses Dings.

    Ich hoffe es war kein Pay-(SM)-Chanel, vor dem das LI einschlief.

    LG
    albaa
    Geändert von Albaa (19.06.2017 um 20:40 Uhr)

  3. #3
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    Liebe albaa,

    „SM“ nach dem Motto?: „Bitte, quäl mich.“ - „Nein!“

    Nun gut, es heißt „Arithmetik“, ist also ein formales Konzept, zu dem man sich die Füllung denken muss. Sagen wir, wie es Marcel Reich-Ranicki über James Joyce gesagt hat: Ein Bouillon-Würfel. Ihn selbst kann man nicht essen, aber viele schmackhafte Suppen daraus kochen.

    Inspiriert wurde mein Text von Helmut Heißenbüttels „Dialog mit Gegend“.

    Mögest Du das Wasser für die Suppe finden. Würfelförmige Grüße

    Michael
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  4. #4
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    Hallo Michael,

    dein Kommentar erinnern mich an einen Arzt, der mir erklärte, warum in bestimmten Therapieformen der Psychater hinter dem Patienten sitzt und schweigt: Sein permanentes Schweigen dient nichts anderem als der Projektion. Der Patient wird mit nix anderem als seinen eigenen Projektionen konfrontiert. - Diese Aussage fand ich sehr, sehr interessant.

    Nun hast du aber nicht geschwiegen. Sondern im Gedicht beschrieben. Und gewertet. Auch ich lese das Thema Onlinesex. Wegen der Rubrik und dem Hinweis auf einen Bildschirm.

    Wenn ich den Gedanken "Projektion" weiterverfolge, würde ich mehr "sprechende" Details eleminieren. So, wie ich deinen interessanten Text verstehe, könnte das in etwa so aussehen.

    Es

    Sie macht, was sie denkt.
    Sie denkt, sie macht, was ich will.
    Ich will, dass sie genau DAS macht.

    Ihr widerstrebendes Beben
    macht mich ergeben.

    Dann, am Ende eines verglimmenden Graus
    hören wir auf zu wollen.

    ----

    Danke für deine anregenden Worte.

    Lg
    Geändert von Artname (20.06.2017 um 13:32 Uhr)
    Wortfüsse, wohin ich auch seh!

  5. #5
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    Lieber Michael,

    Ein "formales Konzept"= ein Suppenwürfel für Erotik klingt ziemlich abturnend, ob die Protas so noch die Kurve kratzen?:

    Dann hören wir auf zu wünschen
    und erfüllen uns gegenseitig,
    was wir uns wünschen,
    ohne dass wir noch wünschen.

    Mir gefiele weniger Abstraktheit/Theorie in der Erotik-Abteilung eher, aber ... erinnert mich irgendwie an die geklonten Menschen der Zukunft, die ohne Sex leben, von Houellebecq (über die ich auch schon schrieb).

    LG
    albaa

  6. #6
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    Liebe albaa,

    wer oder was sind „Protas“, Protagonisten?

    Ausgerechnet die Strophe, die Du von mir zitierst, beschreibt für mich einen Kernmechanismus der erotischen Verschmelzung. Wie das im einzelnen stattfindet und sich ereignet, ist dann natürlich den jeweils Agierenden überlassen, aber „geklonten Menschen, die ohne Sex leben“ sicher nicht zugänglich. Ich selbst habe ja weiter unten „stückweise“ eine mögliche Füllung der Arithmetik geschrieben, war aber vielleicht ein bisschen speziell.
    Hier aber ist jeder zu seinen eigenen Projektionen eingeladen, hoffe ich.

    Dieser Gedanke ist ja von Dir,
    lieber Artname,
    und gefällt mir gut, aber auf „Onlinesex“ wäre ich nicht gekommen, auch Albaa sprach von „Channel“. Der „nachglimmende Bildschirm“ sollte sich aber in die anderen „Lichterscheinungen“ einreihen (die an der Stelle stehen, wo Heißenbüttel „Gegend“ beschreibt),
    Deine Zusammenfassung, Artname, fasst einige meiner Gedanken zusammen, allerdings ziemlich rüde. Meine eigene 1. Strophe ist einigermaßen kompliziert formuliert, das soll sie auch, erst in der vorletzten Strophe wird alles ganz einfach.

    So, wie bei fortschreitendem Sex – wenn's gut geht

    Michael
    Geändert von Michael Domas (22.06.2017 um 01:09 Uhr)
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  7. #7
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    Hallo Michael,

    ich weiß leider nichts über Heißenbüttel. Und damit auch nicht über die Stelle, wo er Gegend beschreibt. Kannst du dich bitte etwas ausführlicher dazu äußern?

    Jetzt, wo du es schreibst, kann ich den Bildschirm als verglimmendes Licht eines eben noch dramatischen gedanklichen Filmes einordnen. Als Metapher. Und eben nicht als eigentlichen Ort der Handlung. - Projektionen eben. In diesem Fall befeuert davon, dass ich am Schluß eines Gedichtes eine Pointe erwarte. Da war plötzlich und überraschend Onlinesex, käufliche Liebe, naheliegend... selbst "widerstrebendes Erbeben" konnte ich als gute Schauspielerei umdeuten.
    Aber letztlich kann DIR das egal sein. Oder sogar als Beleg deiner guten Ausdruckskraft gelten. Berechtigt!

    Da ich jedoch gerade dieses Mißverständnis befürchtete, schrieb ich halt (für mich!) einen Entwurf, der keinen Bildschirm enthielt. Und kam zu Aussagen, die an deinen vorbei gingen. Vielleicht auch darüber hinaus gingen.

    lg
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  8. #8
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    Lieber Artname,

    danke der Nachfrage. Helmut Heißenbüttel scheint inzwischen ganz vergessen, es ist mir eine Ehre, an ihn zu erinnern. In „Dialog mit Gegend“ gibt es eine sehr streng durchgeführte Etüde zum Thema: „ich habe nicht gedacht, daß das noch klappt / ich habe überhaupt nicht an klappen gedacht“. Sie endet nach über 2 Seiten mit:
    wenn man sich darauf verläßt, daß es egal ist und nichts ist weniger egal als das worauf man sich verläßt daß es egal ist klappt es dann
    wenn nichts weniger egal ist als das worauf man sich verläßt daß es egal ist dann klappt es

    Die Parallelen zu den Paradoxien des Liebeslebens scheinen mir auf der Hand zu liegen, beim Schreiben dachte ich sogar, mit der Zeile zu enden, „Es kann nichts schiefgehen“.
    Unterbrochen wird Heißenbüttels Dialog immer wieder durch Betrachtungen wie:
    "waagerecht geht das Licht was sich bewegt bewegt sich ins Licht hinein oder heraus das Licht ist gelb und füllt den Zwischenraum wie die fleckigen Wände eines Kanals."

    Deine Interpretation, Artname, meines „Bildschirms“ als Projektionsfläche finde ich ausnehmend passend. Und dass man da noch alles mögliche andere, sogar käufliche Liebe, reininterpretieren könnte, ließe ich mir tatsächlich gerne als „Beleg meiner guten Ausdruckskraft“ gefallen.

    Dein Entwurf
    „Sie macht, was sie denkt.
    Sie denkt, sie macht, was ich will.
    Ich will, dass sie genau DAS macht.“
    geht an meiner Intention nicht vorbei, im Gegenteil, aber reduziert sie auf etwas Berechenbares, auf etwas, was sich bei einigem (sexuellem) Geschick willentlich herstellen ließe. Die Pointe ist aber: Nein, lässt sich nicht, und die fängst ja auch Du mit Deiner Schlusszeile auf: „hören wir auf zu wollen“.
    Von den „geklonten Menschen der Zukunft, die ohne Sex leben“, an die sich albaa erinnert fühlt, glaube ich eben nicht, dass sie das leisten können – eben deshalb nicht, weil es kein Gegenstand von Leistung ist, sondern etwas, was sich ereignet. („Gnade“ nennen die Christen das.)

    Damit verlassen wir natürlich auch den Bereich des Sagbaren (gar eines Algorithmus). Da müssen dann die Dichter ran
    oder schweigen

    Michael
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  9. #9
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    Lieber Michael,

    ich finde es etwas verwirrend, dass zunächst von ihr die Rede ist und dann von dir, als seien das zwei verschiedene Personen.
    Was steckt dahinter?

    Okotadia

  10. #10
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    Liebe Okotadia,

    schön, dass es Dir aufgefallen ist. Dass die Pronomen von ihr auf dir auf wir wechseln, soll zunehmende Annäherung darstellen.

    Ich habe noch mal in Jon Elsters Buch, „Subversion der Rationalität“ geblättert, im Kapitel „Zustände, die wesentlich Nebenprodukt sind“, weil sie „nicht absichtlich hervorgebracht werden können“. Als Beispiele diskutiert er u.a. Spontaneität, Selbstachtung, Schlaf und Demut.

    Von einem ähnlichen Paradox handelt mein Text. Deshalb auch das „Geflimmer“ in den Strophen über die „Lichterscheinungen“. (Bei Heißenbüttels „Gegend"-Strophen verstand ich, ehrlich gesagt nie ganz, was sie bedeuten. Aber sie ergaben so ein flimmerndes Gefühl, das mit den kalten, logischen „Dialogen“ interferierte.)

    „Am besten ist es, nicht zu wissen, das man weiß“ (Lao-tse)

    Michael
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  11. #11
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    Das hatte ich schon vermutet, allerdinngs kam mir dann - wegen des Bildschirms - auch die Idee, da hätten zwei einen Film geguckt und sich anschließend mit sich beschftigt. Was ich ehrlich gesagt, ziemlich banal gefunden hätte und ich mir bei der sprachlichen Qualität auch nicht vorstellen konnte.
    Fazit: Die Intention verstehe ich, allerdings macht der Wechsel es dem Leser nicht gerade einfach.

    LG Okotadia

  12. #12
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    Liebe Okotadia,

    komisch, dass so viele wg. „Bildschirm“, obwohl er doch am Ende steht, Television assoziiert haben. Sagt das was über den Zeitgeist? Inzwischen, auch wegen Artnames Lesart als „Projektionsfläche“, ist ja alles klar.
    Der Rest auch, hoffe ich. Ist es der Job des Autors, es dem Leser einfach zu machen? Viele lehnen das ab, ich selbst bin eigentlich immer kundenfreundlich

    Michael
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  13. #13
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    Hallo Michael,

    ich bin gerade erstaunt, worüber diskuttiert wird, ohne dass einer fragt, ob das Ende nicht doch auch ein wenig traurig ist. Für mich ist es das nämlich ... Ich kann Dir folgen, wenn Du von "Kernmechanismus der erotischen Verschmelzung" sprichst und dann auch mit dem Zitat kommst
    „wenn man sich darauf verläßt, daß es egal ist und nichts ist weniger egal als das worauf man sich verläßt daß es egal ist klappt es dann
    wenn nichts weniger egal ist als das worauf man sich verläßt daß es egal ist dann klappt es“
    Ich kann das sogar gut, aber ohne Deine Erklärung, blieb mir dies ohne dass wir noch wünschen im Halse stecken, weil für mich die Traurigkeit da anfängt, wo das Wünschen aufhört. Für mich der Endpunkt der Beziehung, nicht der Höhepunkt.

    Das ist komisch, dass wir ganz oft so unterschiedlich ticken und uns dennoch wiederum auch blendend blind verstehen, lächel. Das mit den Lichterscheinungen beim auf die Lider drücken, das mag ich dolle gern da drin. Das ist mir sehr nah und ich versuche immer, die Bilder zu erkennen, die dabei entstehen können.

    Bei dem Bildschirm am Ende hab ich nicht ans TV, sondern ans Forum denken müssen; da ist es auch manchmal so, dass man einen Text findet, der so tief geht, dass man den Bildschirm ausmacht, ihn ausmachen muss, damit es nicht zu viel wird. Und obwohl der dann aus ist, sieht man den Text immer noch, weil man gerade dann nichts mehr ist, als Text. Aber freilich, dann ist die Zeit des Wünschens noch nicht vorbei ... Ich widerspreche mir also gerade selbst

    Macht nix, denk ich. Liebe Grüße an Dich
    Nina
    .
    .

    "gesammelte Empfehlungen" von linespur
    Du vermisst einen Kommentar zu Deinem Gedicht?

    Genie ist weniger eine Gabe denn aus blanker Not geborener Erfindungsreichtum.
    Jean Paul Sartre

  14. #14
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    Liebe Nina,

    solange wir uns selbst widersprechen und das so stehen lassen können, werden wir uns weiterhin blendend verstehen, Dein lächel erwidere ich.
    Darauf, „ob das Ende nicht doch auch ein wenig traurig ist“, wäre ich selbst nicht gekommen, aber natürlich lässt der Vers „ohne dass wir noch wünschen“ auch an Handkes treffende Formulierung vom „wunschlosen Unglück“ denken. Hier aber scheint mir von Erfüllung die Rede, vor allem nach den komplizierten Verschränkungen der Erwartungserwartungen in S1.
    Vielleicht, Nina, ist der Unterschied zwischen uns: Bei den Lichterscheinungen beim auf die Lider drücken, versuche ich nur selten, die Bilder zu erkennen, die dabei entstehen können. Ich hab's ganz gerne geflimmert.
    In der Liebe und bei Gedichten steh ich darauf, wenn sie das Nennbare übersteigen

    Michael
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