1. #1
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    Die Möglichkeit der Hingabe

    .




    Ich hänge an Angelhaken,
    stolz auf das hellrote Blut auf dem
    schwarzbehandschuhten Zeigefinger
    vor meinem Mund,
    stolz auf den Schmerz.

    Ich schmecke Eisen, Lack, Leder –
    Ah!

    Der Peitschengriff trifft mich hart
    am Hinterkopf,
    demütig baumelt mein schlaffer Schwanz
    (während mir Lederriemen Striemen
    in den Hintern brennen)
    unter mir, und die Hoden, durchbohrt.
    Blut tropft auf blankpolierte Stiefelspitzen,
    gierig strecke ich die Zunge heraus.

    Ein Ruck, meine Zunge streift unverhofft
    nackte Schenkel:
    weiches Fleisch, warme Haut, salzige Bitterkeit –
    die Möglichkeit der Hingabe
    (in den Schlitzen der Maske sehe ich
    zusammengepresste Lippen
    und deine geweiteten Augen)
    schmerzt.








    Inspiriert von Michael Domas "stückweise", und insbesonderse von wilmas frage #5
    Geändert von albaa (27.06.2017 um 21:37 Uhr)

  2. #2
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    Liebe albaa,

    das Setting ist ja grauselig. Und dazu soll ich „inspiriert“ haben, Du „aufgeraute“ (MD) „Au-frau“ (wilma)?

    Aber dem Titel (der könnte von Deinem Houellebecq sein.) wird es gerecht. Das Blut muss wohl die Nagel- (Angelhaken-)probe der Hingabe darstellen, und die Frage, wie einer (!) seinen „Stolz“ in sowas finden kann, durch Extremisierung geschärft werden. Extrem finde ich auch, dass es dem „schlaffen Schwanz“ nicht mal um Sex zu gehen scheint, dann muss es ja um was großes (oder was wirklich perverses) gehen.
    Umso „unverhoffter“, wenn „die Zunge nackte Schenkel streift“. Und umso deutlicher die Pointe, dass es in Wirklichkeit die Domina ist, die sich schmerzhaft hingegeben hat. Am Ende fällt gar das persönliche Fürwort.

    Sprachlich finde ich interessant, wie realistisch die Detaills genannt, aber meist gleich gewertet werden: stolz, stolz, hart, demütig, gierig, unverhofft usw. Den Kommentar „Ah!“ in S2 jedoch empfinde ich eher als satirisch. Vielleicht weglassen und Zeilensprung hinter „schmecke“?

    In der S3
    demütig baumelt mein schlaffer Schwanz [...]
    unter mir, und die Hoden, durchbohrt.

    Ist mir grammatisch nicht klar. Baumeln die Hoden auch?

    Ungern, aber mit Anerkennung gelesen. Man muss ja in der Erotik-Abteilung vielleicht von seinen persönlichen Vorlieben abstrahieren

    Michael
    Geändert von Michael Domas (25.06.2017 um 01:52 Uhr)
    -----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
    poetry trifft Poesie, der Slammer NO LIMIT als mein Gast "Zum Goldenen Bock", Köln, Do., 12.4.18, 19.30 Uhr

  3. #3
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    Herzlichen Dank für deinen einfühlsamen Kommentar, lieber Michael!

    Über das Ah! werde ich noch nachdenken, ich habe es wegen der grundsäztlichen Lächerlichkeit des Settings gewählt - wäre da nicht die Qual/der Schmerz/die Demütigung - es hat etwas Tragisch-Komisches, oder?

    Zum komischen Satzbau: Das ist einerseits an die Auflösung des Prosa-Satzbaus in der klassischen Lyrik angelehnt und soll andereseits die bruchstückhafte Bewusstwerdung unterstützen, bis am Ende dann das persönliche Fürwort auftaucht, - schön, dass dir das aufgefallen ist.

    Lieben Gruß
    albaa
    Geändert von albaa (27.06.2017 um 21:47 Uhr)

  4. #4
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    Hey Albaa,

    was für ein leidenschaftliches Gedicht, oder eine Szenenbeschreibung, Vorstellung. Es fängt ja schon mit Angelhaken an, woran das LI hängt. Das weckt mein Interesse. Ja, so kann ich mir das durchaus vorstellen. Eisen, Leder, Lack?


    Diese Zeilen

    "demütig baumelt mein schlaffer Schwanz
    (während mir Lederriemen Striemen
    in den Hintern brennen)
    unter mir, und die Hoden, durchbohrt."

    verstehe ich nich nicht, was durchbohrt die Hoden (AUA!!)?

    "weiches Fleisch, warme Haut, salzige Bitterkeit –
    die Möglichkeit der Hingabe
    (in den Schlitzen der Maske sehe ich
    zusammengepresste Lippen
    und deine geweiteten Augen)
    schmerzt."

    Fleisch, Haut, Bitterkeit (Stiefel?)

    "In den Schlitzen der Maske sehe ich", das ließt sich für mich als würde hier die Perspektive zur Domina wechseln? Sehr interessant ... Und eine Person hat so eine schwarze Maske über, mit Schlitzen ...

    Ein relativ extremes Gedicht, das mir thematisch gefällt, weil es Unterwerfung und Macht behandelt, wirklich grundlegende Themen. Ich bin für mehr Beiträge in diesem Themengebiet, in verschiedenen Abstufungen der Darstellung!

  5. #5
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    Hallo MiauKuh,

    Ich weiß nicht, ob man das als "leidenschaftliches Gedicht" bezeichnen kann.

    Ich wollte ja eigentlich darstellen, dass diese Persversion (als etwas anders kann ich dieses SM-Setting, inbesondere dieses extreme hier mit Angelhaken in Hoden, Blut, ... leider nicht sehen) - wo jemanden gequält und erniedrigt wird und dieser sich das freiwillig antut, für mein Gefühl nichts anderes ist als die Unfähigkeit zur wirklichen Hingabe (was für die Frauen noch schwieriger ist, denn sie müssen sich ja vertrauendvoll "öffnen" - das war die Assoziation zu "Aufrauen" und "Aua-frauen" in wilmas kommentar zu "stückweise" - siehe Link unter dem Gedicht) und Liebesfähigkeit und überhaupt Angst vor echter menschlicher Nähe. Das passt sehr gut zum modernen Narzissmus und Egomanentum des Neokapitalismus, der ja bereits jede Menge überzeugte Singles und seelisch Kranke produziert (zB Depressionen, Burnout).

    Die zufällige Berührung von nackter Haut "Ein Ruck, meine Zunge streift unverhofft nackte Schenkel:" erinnert die Protagonisten an die Möglichkeit von echter Hingabe (und Liebe) und löst so einen Schmerz aus oder legt ihn bloß, den die Protas eigentlich verdrängen wollten, und zwar sowohl bei der Quälerin (das kann auch die Maskierung nicht verbergen, wobei an dieser Stelle das LD überhaupt erst wahrgenommen wird - bis dahin kreist das LI nur um sich selbst), als auch beim Gequälten.

    Danke für das Dalassen deiner Gedanken!

    Lieben Gruß
    albaa

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