1. #1
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    Kinderaugen II

    Kinderaugen II

    Wie oft haben wir uns schon verabschiedet...
    Wie oft glänzten deine Augen…nicht weil sie lachten…

    „Call it love and devotion“

    „Tschüüüüsssss….tschüssss Baba…“

    Rufst du von der Toilette aus. Ich gehe, denn deine Mutter ist gleich zurück von der Arbeit. Mein Weg führt zu einem anderen Ort. Der mir noch fremd ist. Du warst etwa drei. Das Bild und deine Stimme sind eingefroren in meinem Herzen. Zu einem Eisblock.

    Du sitzt im Restaurant mir gegenüber. Deine Augen glänzen. Nicht die Freude über dein gutes Zeugnis. Nicht die Freude über das chinesische All-You-Can-Eat Buffet. Bestimmt auch nicht wegen dem Mann, der mutmaßlich bei dir einziehen wird. Ich verstehe dich und kanns nicht ändern. Ich versuche dir einzureden, dass es sogar Vorteile haben kann. Das du immer bei mir sein kannst, wenn alles zu viel wird. Doch nichts befriedigt deine kleine verletzte Seele. Nichts außer der Gute-Nacht-Wunsch, welches wir uns wie früher nicht mehr geben können.

    Du sitzt im Auto. Dein Lächeln versinkt nach der Umarmung. Der Blick fällt auf den Boden. Das Wasser ist in meiner Hand. Bereit, deine Reise nach alter türkischer Tradition zu segnen. Du lässt das Fenster runter. Deine Hand reicht nach mir. Ich erwidere und halte sie fest. Klein und Warm fühlt es sich an. Der Wagen bewegt sich. Deine Finger streifen meine noch. Das Wasser platscht auf den Kofferraum. Du winkst bis ich dich nicht mehr sehen kann.

    Meine Augen glänzen. Sie hören nicht mehr auf. Wie blind und wütig. Zerzaust. Die Nase läuft und der Rotz schmeckt nach Salz. Ich sage alles ab. Heute nicht. Heute bade ich in mir. In mir und meinen Nervenenden. Ich fahre Achterbahn mit meinen Gefühlen und drehe Extrarunden. Bis der Schwindel mich überfällt wie ein Bankräuber und alles raubt, bis auf meinen leeren Körper.

    Wie oft haben wir schon zusammen gelacht…
    Wie oft haben deine Augen vor Freude geglänzt…weil sie nicht mehr aufhören konnten zu lachen…

    „She tells him "ooh love"
    No one's ever gonna hurt you, love
    I'm gonna give you all of my love
    Nobody matters like you”

    “Ich will wieder, dass es wie früher wird. Warum kann es nicht wieder wie früher werden?“

    Schreit es leise aus dir heraus.

    Mein Zimmer ist voll von Essensresten. Ich räume alles in mich hinein. Wie früher. Erst nachdem ihr gegessen habt, habe ich mir eure Reste genommen. Nur nicht in den Müll. Ordnung muss sein. Wisst ihr noch? Ich räumte euch hinterher. Jetzt räume ich hier auf. Mit Zeilen versuche ich wieder die Fassung zu erlangen. Nein nicht heute. Ich brauche euch nicht heute. Ich schreibe sie auf. Die Worte, die mich umkreisen, wie riesige Geier. Gierig nach ihrer Beute. Regungslos lasse ich mich von ihnen verspeisen. Werde ein Teil von ihnen. Und reise euch hinterher. Wir werden gemeinsam Schwimmen. In die Wellen eintauchen und lachen bis die Sonne zurück auf unsere Haut lacht. Weinen bis die Wolken mit uns weinen. Hauptsache gemeinsam. Unter dem Mond werden wir zelten und mit Gute-Nacht-Wünschen den Tag verlassen.

    Wie oft haben wir schon zusammen gelebt…
    Wie oft haben sich unsere Augen berührt…weil sie miteinander verbunden sind…
    Geändert von facelle (03.07.2017 um 11:43 Uhr)

  2. #2
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    Hallo facelle,

    ich glaube, wir kennen uns noch nicht, aber dank Deines Textes wird das nun werden *zwinker*

    Mir gefallen die Zeitsprünge, mir gefallen die tiefen Perspektiven, die Du versuchst, in den Text einzuflechten. Ich habe gerade heute länger mit einer Freundin gesprochen, deren zehnjährige Tochter 400 km entfernt beim Vater wohnt, weil es so besser für sie ist; weil sie dort einen geregelten Alltag hat, eine neue Mutter, einen kleinen Halbbruder ... (und ich habe sie dennoch innerlich weinen gehört, was sie niemals zugeben würde). Diese zerrissenen Familien tragen nicht nur Schmerz in sich, sie bergen auch Möglichkeiten. Das scheint mir hier auch irgendwie anzuklingen, erinnerte mich jedenfalls daran.

    Trotzdem fehlt mir ein wenig Länge, was ich selten bei Kurztexten sage. Da ist die türkische Tradition - ein hübsches Beiwerk im Gesamtbild, aber sie kommt zu plötzlich und vergeht zu schnell und dann sitzt man ein wenig verdutzt da und wundert sich. Das dürfte in meinen Augen ein wenig klarer sein.

    Auf die eingestreuten Songtext-Passagen könnte ich hingegen wiederum gut verzichten. Das mit der Musik, das hat Tücken, denn nur weil mir selbst ein Stück Musik viel bedeutet, heißt das noch lange nicht, dass der Leser genauso dabei fühlt, oder es könnte sogar sein, er kennt es gar nicht. Ich riete, auf sowas zu verzichten.

    Du schreibst gehoben, da sticht dann ein Wort wie Rotz furchtbar hervor und wirkt wie ein Fremdwort. Würde ich ändern - andere Möglichkeit wäre, es auszubauen um zu verdeutlichen, dass Verzweiflung manchmal auch etwas Wut in sich trägt und diese sich dann auch in der Sprache niederschlägt.

    Nichts außer der Gute-Nacht-Wunsch, welches wir uns wie früher nicht mehr geben können.
    Da stolperst Du ein wenig, lächel. Richtiger wäre vielleicht:
    Nichts außer dem Gute-Nacht-Wunsch, den wir uns nun nicht mehr - wie früher - geben können. oder auch:
    Nichts außer dem Gute-Nacht-Wunsch, der uns nun schmerzlich fehlen wird.

    Aber das sind peanuts, denn insgesamt habe ich den Text gern gelesen!

    Grüße
    Nina
    .
    .

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    Genie ist weniger eine Gabe denn aus blanker Not geborener Erfindungsreichtum.
    Jean Paul Sartre

  3. #3
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    Hallo Nina,

    ich danke dir für deine ausführliche Kritik

    Meine Texte dienen in erster Linie, meinem Seelenheil. Ich versuche hierbei nicht auf Leser einzugehen. Weil es mein Innenbild verzerren würde. Immer wenn ich es früher gemacht habe, war der Text nicht mehr so, wie ich es haben wollte. Nämlich unvollkommen Vollkommen. So wie ich es bin Schreiben ist für mich reine Selbsttherapie. Alles andere ist Sahne mit Kirschen und Schokostreusel drauf

    Grüße
    Fatih

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