1. #1
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    Im Jahr des Donnerkeils (Fortsetzungsgeschichte)

    Weit oben, am nördlichsten Zipfel des Landes, wo die Luft kälter wird und salzig schmeckt, steht die kleine Hafenstadt Pommerow. Viele ihrer Bewohner leben von dem großen Meer, welches die Stadt umrandet, und welches auf der Ostseite „Kalte See“, auf der Westseite „Weiße Bucht“ genannt wird. Sie fahren mit ihren Booten am Hafen auf die Kalte See hinaus, fischen lange Aale, flache Flundern, blaue Makrelen und kleine Sprotten. Wenn es stürmt und die Wellen der Kalten See über den Kai treten, raffen die Fischer schnell alle herumliegenden Dinge zusammen und beeilen sich, in ihre Häuser zu kommen. So tun es auch die Badegäste am Strand der Weißen Bucht, und wer seinen Liegestuhl nicht rechtzeitig vor den diebischen Fluten rettet, der hat ihn im nächsten Augenblick an das Wasser verloren. Ja, die Menschen von Pommerow lieben ihr Meer und sie fürchten ihr Meer. Aber sie kennen es nicht.
    Sie wissen nichts von den wundersamen Wesen, die es tief in seinem Inneren verbirgt.
    Noch heute verehren die Menschen von Pommerow ihre alten Könige, die in früherer Zeit prachtvolle Schlösser und Burgen auf die Felsen der Steilküste gebaut hatten. Aber sie haben nicht die geringste Ahnung, dass die Kalte See zu ihren Füßen vom majestätischen Wasserbischof Hyron beherrscht wird. Sie könnten sich im Traum nicht denken, dass nebenan, in den tiefsten Ebenen der Weißen Bucht, die Meereskönigin Thetis regiert. Längst wissen sie nichts mehr von der funkelnden Stadt aus Erz und Gold, die einmal ihnen gehörte, doch vor mehr als tausend Jahren durch eine Sturmflut in das Reich des Meeres gelangte und nie wieder freigegeben wurde. Freilich gibt es bekannte Sagen und Lieder, die über Julin berichten und von der Zeit schwärmen, als sie die wichtigste Handelsstadt der ganzen Republik war. Diese Lieder singen von kostbaren Skulpturen und Wendeltreppen aus hellem Sandstein, glänzenden Marmorböden und einer undurchdringlichen Stadtmauer, durch die nur ein wuchtiges Tor aus Eisen ins Innere führt. Jedes Kind von Pommerow kennt diese Lieder. Aber sie singen sie wie die Lieder vom Weihnachtsmann, der für sie auch nicht mehr ist, als ein schönes und bisweilen schauriges Märchen. „Julin, mawahai fu jolu“, so lautet die letzte Zeile eines dieser Lieder. Seltsame Worte, von denen niemand weiß, was sie bedeuten. Doch die Kinder singen sie in der Schule, auf der Straße und am Strand, sie bewerfen sich dabei mit Quallen und jagen einander durch die flachen Wellen bis zur ersten Sandbank. „Julin, mawahai fu jolu.“ So inbrünstig es die Kinder von Pommerow grölen, es wird für alle stets ein schrulliger Kauderwelsch bleiben. Alle – bis auf einen.
    Dies ist die Geschichte von Jakob Pfeiffer. Und sie beginnt mit einem schwachen Leuchten.
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  2. #2
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    los mach... ich bin gespannt ! fängt toll an...

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  3. #3
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    Der schmale Junge grub seine Zehen in den feuchten Sand und erinnerte sich. Drei Jahre waren vergangen, seit er zum letzten Mal an diesem Strandabschnitt stand, der sich direkt vor dem Haus seiner Kindheit befand. Wie schnell das abenteuerliche Gefühl zurückkam, das er schon als kleines Kind beim Anblick seiner See empfand. Seine gute alte Bucht, die zwar im Sommer voller Menschen war, aber im Herbst und Winter immer nur ihm gehört hatte. Der Junge dachte an Berlin. Die Stadt war laut gewesen, hektisch und lebhaft. Ähnlich wie sein Vater. Er hatte drei Jahre lang Zeit gehabt, sich daran zu gewöhnen, und es war ihm auch ganz gut gelungen. Immerhin, er hatte gelernt, seine Hausaufgaben in der U-Bahn zu machen, nach der Schule hinter der Bühne des Theaterhauses auf seine Eltern zu warten und Kabel für die Tontechniker aufzurollen. Er hatte sich daran gewöhnt, abends öfter im Restaurant als am eigenen Esstisch zu sitzen und meistens spät ins Bett zu gehen, wenn die Blaulichter mit ihrem Abendgesang begannen. Berlin war ein Abenteuer gewesen. Aber trotz allem, das merkte er, schien ihm die Küste lebendiger. Sie fauchte, manchmal säuselte sie, sie konnten schweigen und manchmal war es, als ob sie spielte. Und wie früher passte ihr Verhalten wieder einmal zu seiner Stimmung. Darüber hatte er eigentlich nie groß nachgedacht, denn er war hier geboren worden, hatte seine ersten Schritte am Strand gemacht und sich an scharfkantigen Miesmuscheln die ersten Schnittwunden zugezogen. Jetzt, plötzlich, war er ein Heimkehrer, der das Meer fragend ansah, wie einen alten Freund, in der Hoffnung, dass es ihn noch kannte.
    „Pfeiffer, Jakob!“ Herr Brautrechts laute Stimme vom Morgen hallte noch in seinen Ohren nach. „Hier“, hatte Jakob gehaucht, weil ihm der Ton weggeblieben war, wie immer, wenn er im Unterricht aufgerufen wurde. Das Mädchen mit den hellgrünen Augen aus der vordersten Reihe hatte sich zu ihm umgedreht und ihn verwundert angesehen. Ausgerechnet sie. Sogar in dieser Erinnerung wich Jakob ihrem Blick aus und beugte sich schnell über den Steinhaufen zu seinen Füßen, um einen flachen Stein zum Fitschen zu suchen. „Willkommen in der Klasse 6b! Stellst du dich deinen Mitschülern bitte vor?“ Auch das noch. Nun hatten sich tatsächlich alle Augen zu ihm umgedreht, Jakobs Kopf schien zu explodieren. „Mein ... Name ... ist Jakob Pfeiffer. Ich ... komme aus Berlin. Aber eigentlich ... komme ich von hier.“ Ein paar Mitschüler hatten gelacht. Jakob seufzte, wie er es heute morgen getan hatte. Er fand einen flachen, grauen Stein und rieb ihn in seiner Hand, bis er ganz heiß wurde. Wieder sah er das Mädchen aus der ersten Reihe vor sich. Wie war ihr Name gewesen? Es hatte sich jedenfalls schon weggedreht, bevor er zuende gesprochen hatte. Ihr hellbrauner Lockenzopf schwang sich den Rücken hinunter. Ganz offensichtlich fand sie ihn langweilig. Natürlich, sie trug ja schon Lederjacke, auf seinen Socken liefen noch kleine Dinosaurier herum. Jakob fitschte seine Gedanken weg und atmete tief aus. Der Stein ploppte fünfmal auf, dann verschwand er im Wasser. Sein Großvater hatte es einmal auf neun Aufschläge gebracht. An diesen Rekord konnte er sich gut erinnern. „Sieben auf einen Streich!“, hatte der angekündigt und Jakobs kleine Kinderhand mitsamt Stein schwungvoll Richtung See gesteuert. Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs – der Stein segelte wie eine fliegende Untertasse – sieben ... acht ... neun! Jakob war vor Jubel in Gustavs Arme gesprungen.
    Diese Erinnerung schmerzte, denn Gustavs Krankheit war der Grund für seine Rückkehr nach Pommerow. Der graue Riese, der da war, solange Jakob denken konnte, war verstummt. Er, der ihm jeden Sonntag bereits vorm Morgengrauen aus der „Wunderburg im Meer“ oder russischen Märchen vorgelesen hatte, der mit ihm im Wohnzimmer gezeltet und auf Nachtwanderungen mit der Taschenlampe Feldhasen aufgespürt hatte. Der ihm beigebracht hatte, Feuersteine aneinanderzuschlagen, bis sie Funken sprühen und Bernsteine von Donnerkeilen zu unterscheiden. Letztere hielt Gustav für die wertvollsten Schätze der See. Dank ihm konnte Jakob Donnerkeile in allen Farben und Formen erkennen, denn wenn er an einem Tag mehr als Gustav gefunden hatte, schenkte dieser ihm zur Belohnung seine Funde und es war immer Jakobs Ehrgeiz gewesen, eines Tages die Sammlung seines Großvaters zu übertrumpfen. Bernsteine hatte Gustav hingegen zurück in den Sand geworfen. „Für die Touristen,“ hieß es dann.
    Dieser Mann konnte sich mittlerweile nicht mehr in seinem eigenen Haus zurecht-finden. Wenn er Jakob oder seine Mutter sah, lächelte er schwach. Aber er wusste schon seit einem Jahr nicht mehr, wie sie hießen. Anfangs war ihm das so unangenehm, dass er sich ständig entschuldigte. Und als hätte er es irgendwann nicht mehr ertragen, hatte er vor kurzem einfach aufgehört, zu sprechen. „Wir können meinen Vater nicht in den Sophienhof geben,“ hatte Jakob seine Mutter zu seinem Vater sagen hören. „Dort ist er nicht mehr er selbst. Auch, wenn er nicht mehr für sich sprechen kann – er gehört in sein Haus, er gehört in sein Kaminzimmer und nicht an einen Ort, an dem eine Nummer an seiner Tür klebt.“ „Wie stellst du dir das vor?“, hatte sein Vater ruhig gefragt. „Wir ziehen nach Pommerow zurück, und ich nehme einen Job bei der Stadtverwaltung an?“ „Nein, natürlich nicht. Ich habe mir noch gar nichts gedacht“, hatte Ani leise gesagt. Mehr wurde an diesem Abend nicht gesprochen. Doch ein paar Tage später hatten sie Jakob zu sich geholt und ihm erzählt, dass seine Mutter mit ihm zurück nach Pommerow ziehen und sie als Familie eine Weile lang nicht mehr zusammenleben würden. Zumindest unter der Woche. Sooft es ging, wollte sein Vater nach Pommerow kommen. Aber der Zusammenschluss von Theaterhaus und Staatsballett stehe direkt bevor und er habe jetzt als Verwaltungsdirektor so viel zu tun, wie nie zuvor. Da müsse alles glatt über die Bühne gehen. Jakob hätte das alles geglaubt, wäre da nicht diese seltsame Stimmung zwischen seinen Eltern gewesen, die ihm bis in die Magengrube fuhr. Sie würden eine Trennung ausprobieren. Und dann kam die Scheidung, das war ja klar.
    Eine Welle schwappte über Jakobs Füße. Erschrocken wich er vor dem eiskalten Wasser zurück, dann kickte er wütend in die Welle hinein. Das Meer war dunkler geworden und raute sich in kleinen gezupften Mustern auf. Es war schon spät. Jakob nahm seine Turnschuhe in die Hand und warf seinen Ranzen um die Schultern. Er wollte gerade gehen, als sein Blick auf einer kleinen Stelle im Sand stehenblieb, etwa zehn Meter von ihm entfernt. Etwas war dort. Jakob stutzte.
    Von der Stelle schien ein dumpfer Lichtschein auszugehen, so wie von einem Tee-licht. Langsam bewegte er sich auf das Leuchten zu und kniff die Augen zusammen, um es besser zu visieren. Einige Steine reflektierten die Sonnenstrahlen, das war nichts besonders. Aber dieser kleine Punkt schimmerte, als ob er selbst ein Licht ausstrahlte. Je näher er ihm kam, desto schwächer wurde es. Als er direkt über ihm stand, war das Leuchten verschwunden. An seiner Stelle fand Jakob einen kegelförmigen Donnerkeil. Er beugte sich zu ihm hinunter und hielt seine Hand daneben. Der Stein war so groß wie sein Daumen. Auch, wenn er seine Sammlung lange nicht mehr betrachtet hatte - das musste der größte Donnerkeil sein, den er je..., den sogar Gustav je gefunden hatte. Als er ihn berührte, zuckte er zusammen, denn es fühlte sich an, als ob sich Stein und Hand elektrisch entladen hatten. Dann hob er den Stein auf und strich ihm bewundernd über die kalte, glatte Oberfläche. Der Donner-keil war schwer, von rötlich-gelber Farbe und er hatte eine perfekt symmetrische, spitz auslaufende Form. Jakob lächelte mit einem Mundwinkel und schüttelte kurz den Kopf. Dann steckte er den Stein in seine Jackentasche und eilte nach hause.
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  4. #4
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    Wow, bitte weiter schreiben! Wie geht es weiter? Bin schon ganz gespannt.

  5. #5
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    Abschnitt 2

    „Psst, seid still. Ich glaub, ich höre was“, raunte eine tiefe Stimme knapp über dem Meeresboden.
    „Endlich... das hat ja ewig gedauert“, stöhnte eine zweite, deutlich hellere Stimme.
    „Stillsein hat Tibus gesagt!“ zischte eine dritte. „Beim Kugelblitz, Geduld ist ja wirklich ein Fremdwort für Undinen.“
    „Ich knips’ Dir gleich das Licht aus, Lumin!“
    „Seid ihr jetzt bitte mal leise?“ Der dicke Schweinswal schloss die Augen, legte die Stirn in Falten und versuchte, sich zu konzentrieren. Für einen Moment waren die Freunde still, auch wenn der kleine Wassergeist mit aller Kraft versuchte, sich aus dem festen Griff der Undinententakeln zu befreien.
    Eine Minute lang war nichts weiter zu hören, als das monotone Rauschen der Wellen über ihnen. Dann schüttelte Tibus missmutig den Kopf. „Nein, nichts. Ich habe mich geirrt, das ist etwas anderes. Wahrscheinlich fängt es am Hafen gerade an, zu regnen.“
    „Schade“, Kosima lies ihre sechs Krakenarme hängen. Lumin atmete geräuschvoll aus und zog seinen leuchtenden Schweif mit mehreren Plopps von ihren Saugnäpfen ab. Auch er machte ein sorgenvolles Gesicht, sagte aber nichts. Kosima schwebte unruhig um den Wal herum. „Langsam ist es komisch. Wenn er nun gar nicht mehr wiederkommt? Vielleicht ist ihm etwas passiert? Weiß der blöde Himmel, was in seinem Einsiedlerkopf so vorgeht. Vielleicht hatte er Hunger, ist in eine Kneipenküche gekrabbelt, und liegt nun selber als Vorspeise auf einem Teller.“
    Tibus versuchte, sie zu beruhigen. „Das Boot wird schon noch kommen. Es ist immer gekommen. Wenn es jetzt regnet, verspäten sich die Fischer bestimmt, weil sie sich anders ausrüsten müssen.“
    „Ich hoffe, du hast recht. Ich würde es mir nie verzeihen, wenn...“ Kosima kniff den Mund zusammen.
    „Monsieur Latreille ist klüger als du denkst, Kosima“, Lumin klang fast ein wenig trotzig. „Dass er nicht spricht, hat nichts zu sagen. Er versteht alles, ich sehe das. Und er würde nie in eine Kneipenküche laufen. Bisher ist es doch auch immer gut gegangen.“
    Die Undine sah den kleinen Wassergeist dankbar an. „Dein Wort in Hyrons schuppiges Ohr! Aber wehe, du irrst dich, dann...“ Kosimas Tentakel schnellte auf Lumin zu, aber diesmal war er vorbereitet und entwischte ihrem Griff mit einer flinken Bewegung, so dass ihr Arm nur ein paar grünlich leuchtende Blasen umschlang.
    „Pssst! Jetzt... jetzt kann ich etwas hören“, Tibus schaute seine Freunde angestrengt an, seine Schwanzspitze vibrierte leicht. „Mach’ Dein Licht aus, Lumin!“ Der kleine tropfenförmige Wassergeist leuchtete schwächer und schwächer, dann wurde er unsichtbar. Für einige Sekunden waren alle mucksmäuschenstill. Schließlich öffnete der Wal sein riesiges Maul langsam zu einem breiten Lächeln.
    „Ganz klar, das ist das Fischerboot von gestern. Und Monsieur Latreille hat gerade sein Klopfzeichen gegeben. Sie müssten in einer halben Stunde hier sein.“
    „Ha!“, Kosima klatschte in die Hände und drehte sich im Kreis, ihre Arme wanderten in Wellenbewegungen hinter. Lumin jubelte wortlos ein paar sprudelnde Blasen. Erleichtert beobachteten die drei Freunde den einsetzenden Regen, der die Wasseroberfläche verdunkelte.
    Als das Fischerboot kurze Zeit später direkt über ihnen zum Stehen kam, sprang ein kleiner Einsiedlerkrebs mit einer Seeanemone auf dem braunweiß gefleckten Muschelrücken von der Reling und ließ sich reglos zu ihnen hinunterfallen. Tibus schwamm ihm ein paar Meter entgegen und drehte ihm den Rücken zu, sodass er sanft darauf landen konnte. „Schön, dass du wieder da bist. Wir sind stolz auf dich, Latti!“ Der Schweinswal lachte ein donnerndes Lachen und Monsieur Latreille zog sich sofort in seine Muschel zurück. Dort klirrte es vielversprechend. Kosima und Lumin umkreisten den kleinen Kerl neugierig. Als er wieder herausgekrochen kam, hatte er eine silberne Uhr um den Kopf gewickelt und an jeder Schere drei goldene Ringe. Zudem scharrte er einen Schlüsselbund sowie einen kleinen Haufen Geldstücke vor sich her.
    „Das ist ja der helle Wahnsinn. Davon können wir uns ein ganzes Alkunenschloss kaufen!“ jubelte der Wassergeist.
    „Was wollen wir denn mit einem Alkunenschloss, da passen höchstens ein paar Nöcks wie du hinein. Außerdem kann man es nirgendwohin mitnehmen,“ widersprach Kosima. Ihre Augen leuchteten. „Mit diesen Dingen bestechen wir die Klabauter, um auf die Weiße Bucht zu gelangen.“
    Tibus zeigte sich verhaltener. „Eins nach dem Anderen. Das sind wahre Schätze, Latti", nickte er dem Krebs anerkennend zu. "Sie helfen uns ganz gewiss eine gute Zeit lang über die Runden. Aber für die Klabauter ist es noch zuwenig. Da habe ich meine Erfahrungen. Die Reise zur Weißen Bucht muss warten. Zuerst sollten wir all unsere kaputten Sachen reparieren lassen. Das kostet genug.“
    Der Einsiedlerkrebs trommelte heftig auf den Walrücken und lief so aufgeregt hin und her, dass es aussah, als ob er seinen Freunden etwas sagen wollte. Lumin rückte dicht an ihn heran. „Was hat er?“, fragte Kosima verwundert. „Das versuche ich gerade herauszufinden“, zischte der Nöck. „Wenn Du einmal kurz deinen Undinenschnabel hältst, bitte?“ Kosima verschränkte beleidigt ihre Arme. Der Wassergeist ignorierte die Undine, legte seinen bläulich schimmernden Kopf an Monsieur Latreilles und schaut ihm tief in die Augen. Er nickte. Dann öffnete er erstaunt seinen Mund und nickte wieder. „Latti hat etwas gesehen, auf der anderen Seite. Er war am Strand der Weißen Bucht.“ Tibus stieß eine kleine Fontäne aus seinem Atemloch. „Wo bist du gewesen?“ fragte er erstaunt.
    Lumin übersetzte weiter die Gedankenbilder im Kopf des Einsiedlerkrebses. „Als er am Hafen angekommen war, hatten alle Kneipen und Restaurants geschlossen. Also konnte Latti nicht, wie sonst, in den Taschen der Kneipengäste wühlen. Er ist durch die Stadt gewandert und zur anderen Seite gelangt. Dort ging er durch einen kleinen Wald..., dahinter befand sich ein Strand mit vielen Menschen.“ Lumin kicherte. „Alle Dinge, die ihr hier seht, hat er in ihren Handtaschen gefunden.“ Kosima schnalzte bewundernd mit der Zunge. „Das war sehr mutig von dir, Monsieur Latreille.“ „Shhht,“ fuhr der Nöck sie an. „Er will uns etwas Wichtiges erzählen. Anscheinend blieb er bis zum Abend am Strand, weil er für seinen Rückweg bis zum Anbruch der Dunkelheit warten wollte. Jetzt zeigt er mir ... einen Stein. Was ist das?“ Die Freunde schauten sich ratlos an. „Nochmal bitte!“, forderte Lumin den Krebs auf, der hektisch mit den Fühlern winkte. Wieder sah er ihm tief in die Augen. Nach einer Weile stammelte der Wassergeist ungläubig: „Du... du hast den leuchtenden Donnerkeil gesehen?“
    „Das kann nicht sein.“ Tibus schnappte Wasser. „Wo ist er?“, hauchte Kosima atemlos. „Ein junger Mensch hat ihn in seine Tasche gesteckt, bevor er ihn erreichte,“ flüsterte Lumin, der ganz in Monsieur Latreilles Gedanken vertieft war. Die Freunde sahen sich schweigend an. Schmuck und Geld waren von einem Augenblick auf den anderen vergessen.
    Tibus fand als erster seine Worte wieder.
    „Wisst ihr... was das bedeutet?“
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  6. #6
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    Abschnitt 3

    Als Jakob in den Vorgarten einbog, dampfte es vielversprechend aus dem Küchenfenster. Ani kochte. Wie lange war das schon her gewesen? Erst jetzt spürte er, wie sehr sein Magen knurrte. Im Flur angekommen, warf er seinen Ranzen in die Ecke und spurtete in die Küche. Tatsächlich, auf dem Herd brodelten Kartoffeln und Apfelschnitze, in einem zweiten Topf garten Blutwürste – es gab ‚Himmel und Erde’. Jakob wurde ganz schwindlig vor Appettit. „Hallo Schatz“, seine Mutter drehte die Temperaturregler nach unten und gab ihm einen Kuss auf die Stirn, er entwischte nur knapp. „Wie war dein erster Tag in der Schule?“
    Jakob schaute auf die Uhr. „Ist jetzt vier Jahre her, kann mich nicht erinnern.“
    „Ha-ha“, antwortete Ani spöttisch. „Wie war dein erster Tag in der Reuterschule?“
    „Gut“, presste Jakob heraus.
    „War Herr Brautrecht nett zu dir?“
    „War okay.“
    „Kanntest du noch ein paar deiner Klassenkameraden von früher?“
    „Ja, den dicken Kai und die Zwillingsmädels.“
    „Alma und Anita? Wie nett!“, Ani goss das Wasser aus dem Kartoffeltopf ab. „.Sind sie immer noch gleich angezogen?“
    „Nein, sie tragen inzwischen unterschiedlich hässliche Sachen.“
    „Nun aber, Herr Pfeiffer! Die beiden waren früher oft hier. Lad’ sie doch gleich mal wieder ein, dann freundet ihr euch an!“
    Jakob verdrehte die Augen. Wie kam seine Mutter darauf, dass sich Mädchen und Jungs in seinem Alter anfreundeten? Mit Alma und Anita wollte er sicher nichts zu tun haben. Die beiden hatten in der großen Pause peinlich tanzen geübt und ihn gefragt, warum er so glotzte.
    Ani erriet den Grund seines Schweigens und sah ihn zwinkerte ihm entschuldigend von der Seite zu: „Ach, vergiss was ich sage. Du wirst schon selbst wissen, mit wem du dich gut verstehst.“ Sie begann, die Kartoffeln und Äpfel zusammenzustampfen. „Das Essen ist gleich fertig. Zehn Minuten.“
    „Alles klar.“ Jakob ging aus der Küche, nahm seinen Schulranzen und trug ihn über den langen Flur, an dessen Ende links das Esszimmer offenstand, rechts eine angelehnte Tür zum Kaminzimmer seines Großvaters führte. Vorsichtig klopfte er an und trat ein.
    Gustav saß im Ohrensessel und reinigte seine Pfeife. Er rauchte schon lang nicht mehr, reinigte aber den lieben langen Tag mit Leidenschaft seine Pfeifensammlung. „Hallo Opa!“, begrüßte Jakob ihn mit gesenkter Stimme. Gustav sah ihn an, hob er-staunt seine buschigen Augenbrauen an, und pustete in einen Pfeifenkopf. Immerhin schaut er nicht einfach nur aus dem Fenster oder in den Kamin, dachte Jakob. Dieser Anblick war irgendwie traurig. Aber wenn er seine Pfeifen putzte, sah er fast aus, wie früher.
    „Den ersten Schultag hab’ ich also hinter mich gebracht.“ Jakob lächelte und ließ sich in den zweiten Sessel fallen. Früher war er darin versunken und manchmal hatte er sogar auf ihm einschlafen dürfen, während das Feuer flackerte und Gustav Bücher las. Er betrachtete die gegenüberliegende Wand. Nichts hatte sich verändert. Über dem Kamin hing ein Bild vom Pommerower Kreidefelsen, auf dem Sims stand eine Porzellanfigur, eine Frau mit Hund, die geradewegs in das Bild hineinzulaufen schien. Auf der anderen Seite hingen drei vergilbte Bleistiftzeichnungen. Die erste zeigte einen Feldweg, der zu einem Brunnen unter einem Lindenbaum führte, die zweite schien eine direkte Fortsetzung des ersten Bilds zu sein, da der düstere Schimmelreiter, der hier gezeigt wurde, auf demselben Feldweg ritt. Die dritte Zeichnung zeigte den Erlkönig, der seine hängenden Äste nach dem Reiter des zweiten Bildes ausstreckte. Den Erlkönig hatten sie inzwischen auch in der Schule gelesen. Jakob sah genau hin. Er hatte immer nur einen Reiter erkannt. Aber war es viel-leicht möglich, dass sich auf dem zweiten Bild noch ein Kind versteckte? Ja, der Reiter hielt tatsächlich etwas im Arm. Das war ihm vorher nie aufgefallen. Seltsam, dachte er. Dann sah er seinen Großvater aus dem Augenwinkel an, holte tief Luft und beschloss, einfach weiter mit ihm zu reden, so wie es seine Mutter immer tat.
    „Ich bin in der 6b gelandet. Hätte schlimmer kommen können. Der Lehrer ist in Ordnung, glaube ich.“ Jakob zog die Beine an sich heran. „Eins der Mädchen trägt schon eine Lederjacke.“ Sein Großvater drehte unbeirrt einen flauschigen Draht durch den Pfeifenschaft. „Sie hat echt grüne Augen. So richtig hellgrün.“ Jakob über-legte. „Ich glaube, sie ist ziemlich cool. Anders, als die anderen jedenfalls.“
    „Essen ist fertig!“ Anis Rufen unterbrach sein einsames Gespräch.
    Jakob sprang auf. „Komm’, Opa!“, forderte er den alten Mann auf. Seine Mutter kam herein und lächelte. „Da seid ihr zwei!“ Sie strich Jakob über den Arm. „Lass’ nur, ich mach das. Deck’ doch du schonmal den Tisch!“
    Das Essen schmeckte umwerfend. „Kochst du jetzt jeden Tag?“, fragt Jakob hoffnungsvoll, als er sich den zweiten Teller schöpfte.
    „Wenn du jeden Tag ‚Himmel und Erde’ verträgst, gern.“
    „Tu’ ich,“ sagte Jakob mit vollem Mund.
    Ani nickte. „Du hast schon recht, eigentlich könnte ich jetzt wirklich öfter mal in die Kochbücher schauen.“
    „Und wenn du schon dabei bist, koch’ doch gleich, was drinsteht.“, sagte Jakob grin-send, diesmal spuckte er dabei aber einige Krümel Kartoffelbrei über den Tisch.
    Ani prustete los und hielt sich schnell die Hand vor den Mund, aber es war schon zu spät – auch sie musste Kartoffelbreikrümel heraushusten.
    Gustav schaute erstaunt von einem zum anderen.
    „Tja, Papps,“ sprach sie mit krächzender Stimme, „Nun ist’s vorbei mit der Ruhe, wir sind jetzt wieder da und werden dich ordentlich auf Trab halten.“
    Gustav beugte sich wieder über seinen Teller und gabelte Blutwurststückchen auf. Seine Augen schienen zu lächeln.
    Den Rest des Abends verbrachten sie mit Mühle und Witzen über Anis Haushaltskünste. Jakob stellte fest, dass er eigentlich nichts gegen sein neues altes Leben in dieser kleinen Stadt einzuwenden hatte, wenn ab nun jedes Abendessen so gemütlich vonstatten ging. Als er im Bett lag und an seinen Vater dachte, mischte sich jedoch ein Gefühl von Wut in die Bauchgegend. Was war eigentlich so schlimm der Stadtverwaltung in Pommerow? Und was war an Berlin so viel besser?
    Noch etwa eine halbe Stunde lang ließ er seine Füße an den Dachschrägen über seinem Kopf entlang laufen. Dann kraulte er sich unter die Decke und schlief ein.

    In der Nacht hatte Jakob den seltsamsten Traum seines Lebens.
    Scheinbar mühelos schwamm er einige hundert Meter unter dem Meer auf ein bemoostes Schiffswrack zu, auf dessen Deck er die Umrisse einer seltsamen Kreatur erkannte. Ein grau-blaues Wesen mit schuppiger Haut und Schwimmhäuten an Händen und Füßen hockte auf einem muschelbesetzten Thron. In der Hand hielt es einen silbernen Stab mit geringeltem Kopf, auf seinem Haupt spannte sich ein dünner Flossenkragen um eine permuttfarbene Krone. Obwohl das Wesen ihn nicht zu bemerken schien, hielt Jakob ehrfürchtig ein paar Längen Abstand und besah sich seine Umgebung. Um ihn herum schwammen kleine Tänzerinnen mit quallenartigen Quasten auf und nieder, von überall her drang ein heller Gesang an seine Ohren.
    „Jakob!“ rief plötzlich eine vertraute Stimme. Er drehte sich zu ihr um, und wachte noch im selben Augenblick schweißgebadet in seinem Bett auf. Die Stimme war eindeutig aus der Richtung seines Schreibtischs gekommen. Sein Herz trommelte wie verrückt. Er knipste das Licht an und fuhr sich ein paar Mal durch die Haare. Woher kannte er diese Stimme? So sehr er auch überlegte, im Moment konnte er sie keinem Menschen zuordnen. Langsam stand er auf und ging zu seinem Schreibtisch. Dort lag nichts außer einem Stapel Hefte, einem Kugelschreiber und ... seiner Jacke. Der Donnerkeil. Jakob hatte ihn ganz vergessen. Er griff in die Tasche. Wieder zuckte es kurz in seiner Hand, als er ihn berührte. Dann nahm er ihn heraus, ging zur Nachttischlampe und hielt ihn gegen das Licht. Was für eine leuchtende Farbe er hatte. Ein paar Minuten lang musterte er die Maserungen in dem goldbraunen Stein und dachte an die unwirklichen Gestalten in seinem Traum. Ihm fiel kein Buch, kein Film und kein Bild ein, das die Vorlage für diese Wesen hätten sein können. Der liebliche Gesang schwirrte ihm noch eine Weile durch den Kopf. Dann überkam ihn die Müdigkeit und er legte sich wieder hin, den Donnerkeil fest umschlungen. Aus irgendeinem Grund fühlte er sich von ihm beschützt.
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    Abschnitt 4

    In den folgenden Nächten schlief Jakob tief und traumlos. So eindrücklich er auch versuchte, sich vor dem Schlafengehen an den fischartigen König und die kunstvollen Bewegungen der Quallentänzerinnen zu erinnern, sie kamen nicht zurück.
    Tagsüber musste er feststellen, dass der Unterricht auch in seiner neuen Schule nicht spannender war, als in seiner alten. Nach wie vor kam er in Mathe ganz gut mit, fand im Deutschunterricht die Gedichte sinnlos und stammelte in Englisch verschämt vor sich hin. Besonders, wenn Evin ihn ansah. Der dicke Kai hatte ihm inzwischen erzählt, dass ihre Eltern aus dem Iran stammten. Von Tag zu Tag entdeckte Jakob etwas neues an ihr, das ihm gefiel. Ihre dicken Haare waren mal offen, mal in vielen kleinen Strähnen zu einem Zopf gebunden. Sie hatte einen Leberfleck auf der Wange, der aussah, wie der Schlusspunkt nach einem schönen Satz. Sie meldete sich selten von allein, gab aber nie eine dumme Antwort, wenn sie aufgerufen wurde. Und sie trank in den Pausen aus einem großen Kaffeebecher, was ziemlich erwachsen aussah. „Ist nur Tee, ich hab sie schon gefragt“, hatte Kai ihm verraten, nachdem er einmal heimlich im Vorbeigehen hineingeschaut hatte. Jakob hatte sich ertappt gefühlt und so beiläufig wie möglich mit den Schultern gezuckt.
    Kai war in Ordnung. Obwohl er früher wenig mit ihm anfangen konnte, war er nun als Neuer in der Klasse froh, ihn zu haben. Kai machte sich nichts aus Fußball, wie er. Dafür kannte er alle Straßenbahnen, die seit den 1920er Jahre in Pommerow gefahren waren, mit Namen und Modellnummer. Außerdem zeigte er Jakob die Überreste stillgelegter Gleise und ordnete sie den Linien zu, die sie einmal befahren hatte.
    „Verrückt!“, hatte Ani gesagt, als Jakob ihr von ihm erzählte. „Ja, irgendwie abgefahren“, gab Jakob zu. Aber ein schräges Hobby war ihm lieber als der Unsinn, mit dem sich manch Anderer seiner Klasse hervortaten. Schon am dritten Tag düste ihm ein krummer Papierflieger gegen den Kopf. „Ab nach Berlin“, stand darauf. „Ohne Rückflugticket!“, brüllte Finn aus der anderen Ecke des Klassenzimmers hinterher.
    „Sehr witzig“, Jakob zerknüllte das erbärmliche Bauwerk und warf es zielgenau neben den Mülleimer. Großes Gelächter. Er verschränkte die Arme und schaute aus dem Fenster.
    Kai nicht. Er stand auf und tippte sich mit seinen wuchtigen Händen gegen die Stirn. „Diese Krücke schafft es nichtmal aus dem Fenster raus, vielleicht lernst du besser mal was über Aerodynamik!“
    Jakob lachte laut auf.
    „Ich schwing dir gleich mal aerodynamisch meine Faust ins Gesicht, Speckschwarte!“, Finn sprang auf und wurde nur durch das Eintreten der Geschichtslehrerin daran gehindert, auf Kai loszustürmen.
    „Kinder, was ist denn hier los?“, Frau Riedel schaute von einem zum anderen. „Finn und Kai – ihr kommt gleich mal mit nach vorn.“ Sie ging zum Lehrertisch und setzte ihre Tasche ab. „Jeder an einen Tafelflügel, ihr habt fünf Minuten Zeit. Nennt mir die Herrschaftsformen der griechischen Antike und beschreibt, wodurch sie sich unterscheiden!“
    „Mist!“, Kai schaute Jakob fragend an. Der zischte ihm so schnell wie möglich zu: „Monarchie, Aristokratie, Demok...“
    „Sieh an, Jakob!“, unterbrach ihn die Lehrerin. „Anscheinend willst du die Aufgabe für deinen Freund übernehmen. Dann komm doch einfach du nach vorn!“ Sie hat-te ihn offenbar gehört. Jakob hörte vor allem eins: ‚Freund’. Er nickte und sah Kai an, der erleichtert grinste. Dann ging er an die Tafel. Was er schrieb, war nicht perfekt, aber gut genug für Frau Riedel und allemal besser als Finns Ansatz, der ‚Demokratie’, noch die ‚Monarchokratie’ und die ‚Hierarchie’ zur Seite zu stellen.
    Seit diesem Tag wartete Kai morgens beim Bäcker vor der Schule auf Jakob und begleitete ihn nachmittags bis zum Waldrand zurück, wo der Seeweg begann.
    Manchmal lästerten sie über ihre Sportlehrerin, die sie beide gern vorturnen ließ und dann kommentierte, „So sollte man es nicht tun.“ Manchmal lachten sie über die Vorstellung, wozu es Finn wohl einmal bringen würde (Flugzeugingenieur, Historiker). Aber an den meisten Tagen redeten sie nicht viel, und es war ihnen beiden recht.
    So vergingen die ersten Wochen in Pommerow, ohne dass noch einmal etwas besonders passierte. Aber Jakobs Sehnsucht nach den wundersamen Traumbildern blieb ungebrochen und nachdem er Morgen für Morgen enttäuscht aufgewacht war, ohne sich an einen neuen Traum zu erinnern, begann er irgendwann, etwas früher aus dem Haus zu gehen, um wenigstens für wenige Minuten seine Bucht zu besuchen.
    Hier rauschten seine Gedanken zu einem Strom zusammen, der sich hin und her wiegte. Mal verdunkelte ein leichter Windstoß die wandernden Wasserflächen, dann erkannte er die Farben der königlichen Gestalt auf dem Schiff. Mal glitzerte das Meer wie ein Kristallspiegel, dann trug es die Farben der leuchtenden Quallen. Jakob prüfte stets die Wassertemperatur mit beiden Händen und grub unter der Brandung seine Finger in den kühlen Sand, bis er die rauen Kiesel spürte, die sich unter der weichen Oberschicht verbargen. Er wusste, sie bestanden zu großen Teilen aus Quarz, der sich vor Millionen Jahren aus skandinavischen Sandsteindecken gelöst und mit der Eiszeit auf die Reise zu seinem jetzigen Ort gemacht hatten. Sie verschwiegen ihm eine Geschichte, die älter war, als er es sich vorstellen konnte. Sie schwiegen wie sein Großvater, der die Tür zu sich selbst von innen verschlossen hatte und niemanden mehr hineinließ. Jakob schürfte tiefer und tiefer, als könnte er sich einen Weg in diese Geschichte graben.
    Immer wieder dachte er an die Stimme, die ihn aus dem Schlaf gerufen hatte. Sie hatte nicht zum Traum gehört, sie war laut und deutlich von außen gekommen. Auch sie war für ihn nicht mehr erreichbar. Und je mehr Zeit verging, desto weniger konnte er sich an sie erinnern.
    Oft vergaß er in der Schweigsamkeit dieser Morgenstunden, dass er noch einen längeren Schulweg vor sich hatte. Wenn es ihm wieder einfiel, beeilte er sich, seine Hände abzuklopfen und den Seeweg entlang zum Stadtinneren zu hetzen, wo Kai mit einer Nussecke in der Hand schon auf ihn wartete.



    Abschnitt 5

    Grelles Licht blendete seine empflindlichen Augen, das gepanzerte Höllentier rauschte mit betäubendem Lärm auf ihn zu. Monsieur Latreille zog sich augenblicklich in sein Muschelgehäuse zurück und wartete, starr vor Schreck, auf sein nahes Ende. Der LKW donnerte über ihn hinweg und hüllte ihn in eine Wolke aus beißendem Qualm. Dann bog er um die Ecke und ließ den kleinen Krebs hustend und zu Tode verängstigt auf der gepflasterten Straße zurück. Als sich der Rauch verzog, rollte bereits aus der Ferne ein neues Höllentier auf ihn zu. Panisch visierte er den Bordstein – würde er ihn rechtzeitig erreichen?
    Latti nahm allen Mut zusammen und holte tief Luft, dann wetzte er, so schnell er es seinen zwei Vorderbeinchen befehlen konnte, auf den Bürgersteig zu. Das Grollen wurde lauter und lauter, gleich hatte es ihn erwischt. Er quiekte einen erstickten Schrei, stob durch ein braunes Pfützenloch, erkletterte die Bordsteinkante und schleuderte sich mit letzter Kraft auf den kleinen Grasstreifen zwischen Straße und Gehweg. In dieser Sekunde sauste das Auto haarscharf an ihm vorbei und bespritzte ihn über und über mit schwarzer, stinkender Moddergatsche. Latti keuchte. Die hupenden Maschinen, die hektisch redenden Menschen, die klingelnden und blinkenden Geräte – all dies verschwand unter dem Trommelwirbel seines Herzens. Wenige Schritte neben sich entdeckte er einen schwarzen Kasten mit Loch und steuerte darauf zu. Als er den Mülleimer erkletterte, spürte er schon einen leichten Schwindel. ‚Nicht aufgeben’, dachte er. ‚Du hast es gleich geschafft.’ Er ließ sich in die weite Öffnung hineinfallen, gerade noch rechtzeitig, um nicht entdeckt zu werden. ‚Nicht aufgeben!’, wiederholte er in seinem Kopf. Immerhin, bis hierhin hatte er Haus und Frau retten können. Auch wenn die Anemone furchtbar beleidigt aussah unter ihrem Kleid aus Straßenmatsch. ‚Wenn das alles vorbei ist, werde ich ihr eine schöne Perle schenken,’ dachte Latti, während er auf einem Berg aus Bananenschalen, Zigarettenstummeln und Coladosen landete. Dann wurde ihm schwarz vor Augen.
    Als er spät am Abend wieder erwachte und aus dem Mülleimer kroch, war die Straße leer. Ein paar Fußgänger stampften hier und da im Schein der Laternen herum, aber Latti hielt sich im Schatten und wurde von niemandem entdeckt. Er musste diesen bizarren Ort überqueren, das wusste er. Dann kam er auf die anderen Seite, zum Strand, an dem er den Jungen mit dem Donnerkeil gesehen hatte. Einen anderen Anhaltspunkt gab es nicht. Vielleicht war es ein Ding der Unmöglichkeit, ihn zu finden. Vielleicht hätte er auf seine Freunde hören sollen, die ihn davor gewarnt hatten, wieder quer durch die Menschenstadt zu krabbeln. „Beim ersten Mal ist es gut gegangen. Wer weiß, ob du ein zweites Mal so glimpflich davonkommst?“, hatten sie auf ihn eingeredet. Die Menschenstadt sei voller Gefahren. Ja, inzwischen bereute er seinen Übermut zutiefst. Aber gleichzeitig wollte er Kosima, Tibus und Lumin gern beweisen, dass auch er, der unscheinbarste von allen, einmal zu einer großen Heldentat imstande war. Und noch war er am Leben. Bis auf den schmächtigen Hintern ramponiert, aber am Leben.
    Nachdem er eine Stunde lang von einer dunklen Ecke zur nächsten gekrochen war, fasste er allmählich neuen Mut. Nun schien es gut zu laufen. Je dunkler es wurde, desto weniger Menschen begegnete er. Sie mussten Angst vor der Dunkelheit haben, diese achsostarken Wichtigtuer. Mit diesem Gedanken lief er kichernd immer erhobeneren Hauptes die Gassen und Straßen von Pommerow entlang, ohne recht zu wissen, ob ihn seine Wege ans Ziel führte, aber mit der treuherzigen Zuversicht eines Abenteurers, für den es keinen Weg zurück gab. Vermutlich hätte er sich mit diesem Schicksalsvertrauen noch viele Tage zwischen Birkenallee und Kiefernweg im Kreis gedreht. Aber das Glück kommt, zu wem es will, und manchmal auch zu den Kleinsten und Hilflosesten. Monsieur Latreille krabbelte gerade an einem weißen Holzzaun vorbei, da kläffte ihn ein dunkelbraunes Riesenmonster von der Seite an. Er machte vor Schreck einen Satz in die Luft, rutschte beim Landen mit seinen Scheren unkontrolliert auf dem Pflasterstein herum und plumpste geradewegs in ein Gulliloch. Auf dem Boden angekommen, merkte er schnell, dass es ihm hier gleich etwas besser gefiel. Um ihn herum war es stockdunkel, feucht und eng. Ein kleiner Wasserstrom floss in ein Rohr, das aus der Seitenwand ragte. Die ganze Nacht lang folgte er dem Verlauf der Rohre. Und als die erste Morgensonne auf die Weiße Bucht schien, schlüpfte der kleine Einsiedlerkrebs aus dem einzigen Abfluss, der in ihre flachen Gewässer führte hervor. Er ließ seinen geschundenen Körper von den kühlen Wellen überschwemmen und wusch sein Gehäuse mitsamt Seeanemone sorgsam aus. Dann suchte er sich am Strand ein angespültes Stück Treibholz, kroch darunter und schlief, still triumphierend aber restlos erschöpft, ein.
    Das Glück kommt, zu wem es will, aber es bleibt nie länger, als es muss. Nur knapp verpasste Monsieur Latreille den schmalen Jungen, der zu ebendiesem Zeitpunkt den hölzernen Dünenweg hinunterstieg.
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    Abschnitt 6

    Es war die letzte Stunde des Tages, und im Natur-und-Technik-Raum der Reuterschule herrschte reges Stimmengewirr. Der alte Herr Voigtländer hielt unbeirrt ein Bild in die Höhe.
    „Hier sehen wir eine Zauneidechse beim Sonnenbaden.“ Er blickte in die Gesichter der Kinder, ob sie seine Begeisterung für Reptilien teilten. Es schien nicht so zu sein. ‚Nun ja, diese Klasse ist vielleicht in schwieriger Fall’, dachte er für sich. Mit geheimnisvoller Betonung fuhr er fort:
    „Aber jeder, der schon einmal das Treiben an einem Teich beobachtet hat weiß, das sich Frösche und Kröten nicht allzu lang der direkte Sonne aussetzen. Weiß jemand von euch, warum das so ist?“ Herr Voigtländer nahm seine Brille ab und und sah sich fragend um. Sein Blick blieb auf Jakob hängen, der gedankenverloren aus dem Fenster schaute.
    „Jakob, vielleicht kannst du etwas dazu sagen?“ Er bekam keine Reaktion.
    „Jakob?“, Herr Voigtländer hustete geräuschvoll. Das Gemurmel im Klassenzimmer erstickte allmählich.
    „Herr Jakob Pfeiffer, bitte!“, dröhnte seine tiefe Stimme durch den Raum.
    Jakob zuckte zusammen und richtete sich auf. „Ja?“
    „Ich werde meine Frage nicht wiederholen.“ Der Lehrer setzte seine Brille wieder auf und zeigte auf das Bild.
    Jakob blickte ratlos zu Kai. Der flüsterte gepresst: „Ich weiß nicht, irgendwas mit der Sonne...“ Jakob dachte fieberhaft nach. Es ging also um das Blut. Wie war das nochmal bei Eidechsen? „Es sind Warmblütler?“ riet er schließlich.
    „Fast richtig. Frösche und Kröten sind Warmblüter. Wir werden uns heute damit beschäftigen, wie die Körpertemperatur von Amphibien ihr Verhalten beeinflusst. Schlagt bitte die Seite acht auf.“
    Jakob nahm sein Buch in die Hand und verließ in diesem Moment gedanklich schon wieder das Klassenzimmer, um zu den Geschehnissen der letzten Nacht zurückzukehren. Es waren im Grunde keine Geschehnisse, und doch fühlte es sich an, als hätte er die ganze Nacht an einem anderen Ort verbracht.
    Endlich. Endlich war es wieder soweit gewesen. Nach drei endlos lang dahinschleichenden Wochen war sein Traum zurückgekehrt und diesmal hatten die Bilder sein ganzes Vorstellungsvermögen übertroffen.
    Wieder war er ein schwereloser Beobachter, der über dem tiefsten Meeresgrund schwebte. Um ihn herum jedoch tobte ein ausgelassenes Fest voller Meeresgetier, bunter Fische und Fabelwesen, die unterschiedlicher nicht sein konnten. Nixenartige Frauen und Männer, die sich in kleinen Gruppen unterhielten, auf Schilfrohren fröhliche Lieder bliesen und von Trichtermuscheln tranken. In ihren langen Haaren steckten bunt schimmernde Perlen und weiße Blüten. Zwischendrin schwammen etwas kleinere Wesen, deren Oberkörper menschlich aussah, während der untere Teil aus kräftigen, wendigen Krakenarmen bestand. Sie drehten sich im Kreis und zogen dabei grünblaue Tücher wie wallende Schleier hinter sich her. Über ihnen flitzten tropfenförmige Geister herum, die mal dunkler, mal heller strahlten und dabei Lichtblasen ins Wasser sprudelten.
    Jakob blätterte gedankenverloren in seinem Naturkundebuch herum. Doch statt nach der Seite acht zu suchen, rief er sich den kleinen Hügel in Erinnerung, um den all seine Traumgestalten herumgetanzt hatten. Er war über und über mit kleinen Türmchen und verschlungenen Treppen versehen, die zu filigranen Torbögen und schließlich ins Innere des Hügels führten. Aus den Türmchen und Toren schwebten die Quallentänzerinnen in perfekt abgestimmter Weise aus und ein. Zart wie hellrote Nebelschwaden bewegten sie sich zur Musik der Schilfrohre. Auch die Scharen von Lichtpunkten, die sie umkreisten, schienen ein Eigenleben zu führen.
    Der Anblick war überwältigend gewesen. Jakob musste unwillkürlich lächeln, als er daran dachte. Noch immer hatte er Seite acht nicht gefunden. Kai schlug sie ihm ungeduldig auf. „Was ist denn los mit dir? Schlecht geschlafen?“
    Jakob brauchte eine Weile, um die Worte zu verstehen. Dann blinzelte er, wie kurz nach dem Aufwachen. „Nein, nein. Einfach spät ins Bett.“ Kai nickte skeptisch und drehte sich wieder nach vorn.
    Jakob schaute durch ihn hindurch. Vor sich sah er moosbewachsene Baumstämme und Steinbänke, an denen wieder andere unglaubliche Geschöpfe saßen. Sie verschwommen zu einer undeutliche Fülle an schlangenförmigen Gliedern, blitzenden Muränenaugen, Krabbenscheren und anderem Meeresgetier. Um die Gesellschaft herum scharten sich silberne Heringsschwärme und kleinere Wale. Es herrschte eine ausgelassene Stimmung, wie auf einem Jahrmarkt. Jakob war wie berauscht zwischen den Figuren hin und her gehuscht. Auch diesmal bliebt er unbemerkt.
    Hinter der festlichen Schar, im schattigen Umkreis der Lichtpunkte, hatte er die Umrisse gebückter Männer erkannt. Er sah sie noch deutlich vor Augen. Sie trugen zerrissene Seemannskluft und unterhielten sich mit einer Art von Kobolden. Schuppige Gestalten, die keinen Hals und eher Fischköpfe als menschliche Gesichter hatten. Gerade, als er sich an der Menge vorbeiwinden und zu ihnen schwimmen wollte, spürte er einen Sog nach oben. Da war sie wieder, die unbekannte und doch wohlvertraute Stimme aus einer anderen Welt. Sie erklang aus der Ferne, erst leise, dann immer lauter. „Jakob!“, rief sie und ließ ihn in die Höhe treiben. ‚Nein’, hatte er gedacht. ‚Noch nicht. Noch ein kleines bisschen...“ Aber eine unsichtbare Kraft bewegte ihn immer weiter weg und das bunte Treiben unter ihm wurde dunkler und dunkler.
    Schließlich wachte er ruckartig auf und japste mit vielen kräftigen Zügen so viel Luft, dass seine Lungen zu platzen schienen. Ihm war, als hätte er viele Minuten lang nicht geatmet.
    Woher war die Stimme diesmal gekommen? Eins war sicher: nicht aus seinem Zimmer. Sie war viel weiter entfernt. Nachdem er das Licht angeknipst hatte und die Treppen zum Erdgeschoss hinuntergegangen war, gab es dort unten aber nichts, was ihm ungewöhnlich schien. Das einzige Geräusch, das deutlich zu hören war, war sein knurrender Magen. Jetzt, wo er schon einmal unten war, hatte er gedacht, konnte er eigentlich genauso gut etwas essen.
    Jakob war in die Küche gegangen, um sich ein Nutellabrot zu schmieren und es hastig mit einem Glas Milch hinunterzuschlingen. Nach dem letzten Bissen hatte er sich wieder klarer gefühlt. Wer waren all diese Wesen? Und wie konnte er sich diese außergewöhnlichen Bilder bewahren? Es war unmöglich, sie aufzuzeichnen. Er bekam ja nicht einmal einen ordentlichen Hund zustande.
    Am Flur vobeigekommen, war ihm der Donnerkeil wieder eingefallen, der noch in seiner Jacke am Garderobenständer hing. Er hatte ihn herausgeholt, mit in sein Zimmer genommen und unter das Kopfkissen gelegt.
    Jetzt, in dieser Sekunde, mitten im Naturkundeunterricht, dämmerte es ihm.
    Jakob hob den Kopf und setzte sich gerade auf. Sein Herz pochte. Zweimal war die Stimme aus der Richtung des Donnerkeils gekommen. Das konnte nicht sein. Oder doch? Er runzelte die Stirn, dann schüttelte er den Kopf.
    „Nicht, Jakob? Hast du Einwände gegen den Zusammenhang von Herzschlag und Temperatur? Da bin ich ja mal gespannt.“, Herr Voigtländer legte sein Buch auf den Lehrertisch und sah ihn belustigt an.
    Jakob orientierte sich kurz. „Ähm... Nein, so war das nicht gemeint. Ich dachte nur ...“
    „Ja, bitte?“
    „Ich dachte nur,... was es nicht alles gibt.“
    Herr Voigtländer schmunzelte. „Ja ja, was es nicht alles gibt, wenn man die Gabe hat, zu träumen.“
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    Abschnitt 7

    Zuhause angekommen, stürmte Jakob die Treppen hinauf in sein Zimmer und riss das Kopfkissen herunter. Dort lag er. Ein versteinerter Belemnit mit angerauter Oberfläche. Eigentlich sah er eher unschuldig aus und in diesem Augenblick ziemlich farblos.
    Jakob nahm ihn mit zu seinem Schreibtisch und legte ihn auf die Tischplatte. Das restliche Tageslicht gab dem Stein seine goldene Farbe zurück.
    Keine Frage, dieser Donnerkeil war das beeindruckendste Exemplar, das er je gesehen hatte. Aber hatte er irgendwelche ungewöhnlichen Kräfte? Die Kraft, zu leuchten? Die Kraft, ihn zu rufen? Jakob betrachtete ihn von allen Seiten. Er konnte sich keinen Reim darauf machen.
    Er schob ein Blatt Papier unter den Stein und begann, seine Umrisse zu zeichnen. Ein perfekter Keil. Gerade, als er die Linien am spitze Ende wieder zusammenführen wollte, schlug ein leises, klirrendes Geräusch gegen die Fensterscheibe.
    Jakob verzog den Strich und sah verärgert zum Fenster. Nichts. Vielleicht war ein Insekt gegen die Scheibe geflogen. Dennoch fühlte er sich seltsam beobachtet. ‚Was ist denn hier los?’, dachte er für sich.
    Er setzte sich zurück an den Tisch, radierte den verkrakelten Strich weg und probierte es von Neuem. Die Bleistiftlinie schloss sich zu einer sanft abgerundeten Spitze und offenbarte, dass es sich wirklich um eine makellose Form handelte.
    Jakob nahm ein 2-Euro-Stück aus seinem Portemonnaie, legte es daneben und zeichnete auch seine Umrisse. Der Kreis reichte nicht einmal zur Hälfte an die Höhe des Donnerkeils heran. „Wahnsinn“, entfuhr es Jakob. In diesem Moment trippelte erneut irgendetwas gegen die Scheibe.
    ‚Das darf nicht wahr sein', dachte Jakob genervt. Er stand auf, beugte sich zum Fenster und schaute nach allen Seiten hinaus. Wieder war nichts zu sehen. Wurde er langsam verrückt? Irgendetwas hatte gegen diese Scheibe getippt, so leicht, wie ein dünner Ast. Aber der einzige Baum, der im Hof stand, war zu weit entfernt, um an das Fenster heranzureichen. Jakob fand nichts weiter, das dieses Geräusch erklären konnte.
    Er blieb ein paar Sekunden vor seinem Schreibtisch stehen und überlegte. Nein, hier oben fand er gerade keine Ruhe. Er steckte den Donnerkeil in seine Hosentasche, holte seine Blockflöte aus der unteren Schublade und ging hinunter ins Kaminzimmer, zu seinem Großvater.

    Abschnitt 8

    Monsieur Latreille hielt sich mit schlotternden Beinen unterhalb des Fensterbretts fest und hatte keine Ahnung, wann es sicher war, wieder nach oben zu klettern. Lang würde er es nicht mehr aushalten, er konnte spüren, wie ihn die Kraft verließ.
    Er fühlte sich so dumm. So viel Glück hatte er gehabt, den Jungen wiederzusehen und seinen Spuren bis zum Haus zu folgen. Warum beim rostigen Anglerhaken hatte er nun vor lauter Aufregung seine Scheren gegen die Scheibe geschlagen? Zwei Mal hintereinander!
    Sicher, es war seit vielen Tagen das erste Mal gewesen, dass er den leuchtenden Stein wiedersah. Und diesmal befand er sich nur wenige Meter von ihm entfernt, auf dem Tisch im Zimmer dieses Jungen. Er hatte ihn ganz genau gesehen. Konnte er sich denn so wenig beherrschen, dass er nun all seine Mühen am Ende wieder zunichte machte? Lattis Fühler zitterten vor Wut. Er musste wieder an die Oberfläche klettern, keinen Herzschlag länger konnte er sich an diesem glatten Steinbrett festhalten. Wenn er jetzt erwischt wurde, dann war es eben so, in aller Meeresgötter Namen.
    Monsieur Latreille schlug seine rechte Schere über das Fensterbrett, hievte sein gewichtiges Muschelhorn mit einem Schwung hinterher und erklomm den Sims. Oben angekommen, kniff er ängstlich die Augen zusammen und blickte zum Fenster hinein. Der Junge war weg. „Pffiiihhh...“ schnaufte er quietschend aus. Wieder hatte er mehr Glück gehabt, als Verstand.
    Aber wo war der Wunderstein?
    ‚Nein!’ Latti trippelte auf und ab. ‚Nein, nein, nein!’ Der Stein war weg. Sein Augen waren nicht die besten. Aber der Tisch war leer, so viel war klar.
    Der kleine Krebs sackte in sich zusammen. So nah am Ziel, und wieder kam er ihm nicht näher.
    Aus der unteren Etage des Hauses erklang eine melancholische Flötenmusik. Schmerzlich erinnerte er sich an Kosimas Zitterrohrspiel. Er vermisste seine Freunde. Niemand spielte so traurig schön, wie die launische Undine. Niemand trug ihn so sicher auf seinem Rücken durch den Ozean, wie der starke Tibus. Und niemand konnte seine Gedanken lesen, so wie der Wassernöck Lumin. Diese Menschenwelt war nichts für ihn.
    Drei Tage hatte er nun auf diesem Aussichtsbrett vor dem geschlossenen Glasfenster ausgeharrt und von den wenigen Regenwürmern gelebt, die er sich auf dem Weg hierher in seine Muschel stopfen konnte. Nun war er vor Hunger ganz schwach. Hätte der Junge in all den Tagen doch wenigstens einmal sein Fenster geöffnet... Falls er nicht bald einen Weg hineinfand, würde es eng werden. Ein drittes Mal durch die große Stadt zum Hafen zurück zu krabbeln, um in die Kalte See zu gelangen, das würde er in seinem jetzigen Zustand nicht schaffen. Dann blieb ihm nur noch, zurück an den Strand und in die Weiße Bucht zu ziehen. Mutterseelenallein, in den Untiefen von Thetis’ Reich. Beim Gedanken daran lief ihm ein kalter Schauer über den Rückenpanzer. Wie anders es dort bestimmt war, als in seiner Heimat. Einige Nixen und Nöcks kannten noch die Zeit, in der beide Meere vereint gewesen waren. Die älteren von ihnen erzählten die Geschichte wieder und wieder. Wie sie ihre ihre engsten Freunde und Verwandten zurücklassen mussten, als der Gnadenlose die See geteilt hatte.
    Angeblich lebten auf beiden Seiten dieselben Meereswesen. Vielleicht gab es sogar Einsiedlerkrebse. Aber er hatte diese Seite des Meeres eben noch nie gesehen und fand sich nicht gern in fremden Umgebungen ein. Aller Wahrscheinlichkeit nach würde er sofort von einer hässlichen Flunder verspeist werden.
    Doch dann dachte er an den Wunderstein und stampfte kämpferisch auf. Noch war es nicht soweit. Sieben Tage und Nächte hatte er nun schon durchgehalten. Und er würde erst aufgeben, wenn der Mond das letzte Mal für ihn schien.



    Abschnitt 9

    Ani betrat das Kaminzimmer, hockte sich neben den Sessel ihres Vaters und lauschte Jakobs Lied. Es war ein wehmütiges Lied, sie hatte es früher selbst einmal gespielt, bevor sie sich ganz der Bühnenbildnerei gewidmet hatte. Jetzt, wo sie wohl für längere Zeit kein Theater mehr von innen sehen würde, bekam sie wieder Lust darauf, eine Flöte in die Hand zu nehmen. Sie schloss die Augen und legte ihre Hand auf Gustavs. Obwohl dieser teilnahmslos aus dem Fenster schaute, spürte sie, dass seine Finger im Rhythmus des Flötenspiels zuckten.
    Als Jakob sein Stück beendet hatte, lächelte sie sanft.
    „Dein Vater hat angerufen. Er würde sich freuen, dich heute noch einmal zu hören.“
    Jakob schwieg und packte seine Blockflöte in die Tasche. „Ja, vielleicht“, murmelte er verhalten.
    Ani sah ihn bedrückt an. „Mach’ es ihm doch nicht so schwer. Er fragt jeden Tag nach dir.“
    Jakob ging ans Bücherregal und las sich die Buchrücken durch. Dann zuckte er die Schultern. Sein Vater hatte es sich selbst schwer gemacht. Sollte er doch nach ihm fragen. Wenn es nach ihm ginge, könnte er ruhig noch ein Weilchen warten. „Ich ruf’ ihn an, wenn ich Zeit habe“, sagte er ohne seine Mutter anzusehen.
    Ani seufzte und stand auf. „Gut. Hast du noch Hausaufgaben auf?“
    „Nein. Ich möchte hier bleiben und lesen.“
    „Was liest du denn gerade?“, wollte sie wissen.
    „Ich suche ein Buch... Es war dunkelgrün. Weißt du noch? Märchen aus Pommerow, oder so?“
    Ani griff gezielt in das Regal, das links vom Kamin stand. „Hier. ‚Sagen und Mythen aus dem Pommerower Land’. Seit wann interessierst du dich für sowas?“
    „Seit gerade eben.“ Jakob nahm das Buch entgegen und setzte sich in den zweiten Sessel.
    Ani schaute ihn verwundert an, verstand aber, dass sie nun besser gehen sollte.
    Sie legte Gustav eine Decke über die Beine und verließ den Raum.
    Ihr Sohn war schon immer ruhig gewesen. Aber er verhielt sich anders, seit sie zurückgekehrt waren. Sie konnte nicht einmal sagen, woran es lag. Er zog sich stärker zurück, verbrachte manchmal Stunden in Gustavs Zimmer und jetzt las er auch noch ungewöhnliche Bücher.
    Sie stieg die Treppen hinauf und warf einen Blick in sein Zimmer. Ein unordentliches Bett, auf dem Boden lagen Socken und CDs. Alles war wie sonst.
    Nur die Luft war so stickig, als wäre seit Tagen nicht gelüftet worden. Das musste das Alter sein. Vielleicht, dachte sie für sich, beginnt nun auch die Zeit, die ihr Vater immer die ‚Kindermorphose’ genannt hatte. ‚Die Zeit, in der sich die Kinder verpuppen, um zu jungen Erwachsenen zu werden. Dabei darf man nicht allzu sehr stören’, hatte er einmal gesagt. Sie nickte vor sich hin.
    „Aber ein bisschen frische Luft muss sein!“, sagte sie laut.
    Ani ging zum Fenster und öffnete es sperrangelweit.
    Geändert von Jona (18.08.2017 um 11:47 Uhr)
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