Thema: Erste Wohnung

  1. #1
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    Erste Wohnung

    Hallo! Ich habe mit dem Versmaß Schwierigkeiten. Es wäre toll, wenn ihr mir sagt, ob die Metrik geht.

    Ich kann beim Spiel der Glocken
    nun lesen, schreiben, kochen

    und bei dem Streit der Nachbarn
    nach Hause wieder fahr'n.

    xXxXxXx
    xXxXxXx

    xXxXxXx
    xXxXxX

    Kann ich dasselbe Wort ("nach") im Gedicht unterschiedlich betonen? Bei "Nachbarn" ist es betont und bei "nach Hause" unbetont.

    Martin123
    rucke di guhl
    rucke di guhl
    Blut ist im Stuhl

  2. #2
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    Hallo Martin,

    1. Zunächst die einfache Nachricht: Speziell einsilbige Worte können betont werden, wie es gerade der Sinn verlangt.
    2. Mehrsilbige Worte haben eine phonologisch geregelte Wort-Betonung. Im Duden leicht nachlesbar.
    3. Dann gibt es noch die Metrik eines Gedichtes. Manche nennen es auch den Rhythmus. Dahinter verbergen sich, näher betrachtet, oft Betonungsregeln enzelner Gedichteformen, wie zum Beispiel Sonett, Ballade oder Hexameter. (Ist im theoretischen Teil des Forum super aufgelistet und erklärt.)
    Viele Dichter nehmen so ein metrisches Klischee und füllen es mit den geeigneten Worten. In diesem Falle übernimmt die vorgeschriebene Form, was in einer Zeile betont werden soll und was nicht. Als wichtiges Indiz gilt: Je stärker das entsprechende Wort die Aussage der Zeile betont, umso größer sein metrisches Gewicht. Hierzu zählen beispielsweise Verben und Substantive Je geringer das Wort die Aussage betont, umso geringer das Gewicht. Das gilt beispielsweise für Artikel, Füllwörter, Präpositionen.
    4. Und dann gibt es freie Verse, wo man die Worte so frei betont, wie es zum Beispiel das eigene Gefühl diktiert.

    Nun zu deinem Beispiel:

    Ich kann beim Spiel der Glocken
    nun lesen, schreiben, kochen

    und bei dem Streit der Nachbarn
    nach Hause wieder fahr'n.


    ICH entscheide mich dafür: Alle vier Zeilen enthalten drei Betonungen (Hebungen). Du kannst nun mühelos sehen, wie die Senkungen auf Konjunktionen, Präpositionen und Artikel entfallen. Neben den jewiligen Endungen, die lt. Duden unbetont sind. Nochmal: ICH habe ich mich entschieden, in allen 4 Zeilen genau drei Hebungen zu sehen. Damit ist der Rest ein Kinderspiel.

    Apropos Kinderspiel: Den Gedichteformen und ihren Regeln eigene Erfahrungen einzuhuchen, ist das Eine. Aber vergiß nicht, dass man meist verschiedene Möglchkeiten hat, zu betonen. Es ginge auch folgendes:


    Ich kann beim Spiel der Glocken
    nun lesen, schreiben, kochen

    und bei dem Streit der Nachbarn
    nach Hause wieder fahr'n.


    Hier prallen in V1 und V3 zwei Betonungen auf einander. Man spricht vom Hebungsprall, wenn beide gleich stark betont werden.
    (Vom Sinn her ginge es hier nicht um beliebige Nachbarn oder Glocken, sonder um ganz spezielle, piefige: DIE Nachbarn. Da wäre meine überschrift aber nicht, "neue Wonung", sondern eher "alte Heimat")

    Man könnte sich sogar "Spiel" und "Streit" gänzlich unbetont denken.

    Ich kann beim Spiel der Glocken
    nun lesen, schreiben, kochen

    und beim Streit der Nachbarn
    nach Hause wieder fahr'n.

    Du siehst also, man muß nicht auf seine Kinderspiele verzichten. ABER: Der Mensch mag es nicht komplizert. Die meisten Gedichteleser suchen einen festen Rhythmus, den Gewohnheitsrhythmus. Wie zum Beispiel den in der ersten Variante. Wenn sie keinen finden, murren sie gern: "Det is ja jar keen Jedicht!"

    Mach was draus.

    P.S.: Mir fällt gerade kein Sinn ein, für den ich das "nach" in "nach Hause" betonen sollte. Hlf mir mal.
    Geändert von Artname (12.07.2017 um 12:58 Uhr)
    Wortfüsse, wohin ich auch seh!

  3. #3
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    "P.S.: Mir fällt gerade kein Sinn ein, für den ich das "nach" in "nach Hause" betonen sollte. Hlf mir mal."

    Du hast es verwechselt. Bei "nach Hause" unbetont und bei "Nachbarn" betont. Ich wollte oben nur wissen, ob ich ein und dasselbe Wort in einem Gedicht unterschiedlich betonen darf.

    "Wie zum Beispiel in der ersten Variante."

    Du meinst meine Variante? Da war also meine Betonung richtig? Verstehe ich das richtig, du teilst meine Leseart?
    Ist die fehlende Senkung in der letzten Zeile schlimm? Eigentlich ist das abrupte Ende wegen der fehlenden Senkung interessant.

    Wieso gibt es Hebungsprall? Er zerstört die feste Metrik eines Gedichtes. Es sei denn man verwendet jenen Hebungsprall in einem Gedicht regelmäßig?
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  4. #4
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    Hallo Martin,

    die Kurzversion: deine Betonung ist nah liegend! Ob sie tatsächlich richtig ist, kannst nur DU entscheiden.
    Die fehlende Senkung in V4 hast du ja selber bemerkt. Demnach hat du mMn keine Probleme, das Versmaß zu erkennen. Du hast mMn höchstens Probleme mit der Geduld oder der Konzentration. Klar, die männlich Katenz (X) in v4 kommt unerwartet, denn V3 endet ja weiblich (Xx )... aber besonders elegant wirkt der Schluß nicht auf mich.


    Falls dich der... ich nenn es jetzt mal "zerschossene" Endreim stört, mich würde er stören, dann mußt du eben daran weiter feilen. Es gibt da verschiedene Möglichkeiten. Ich deute mal grob an

    Umstellung:
    wenn sich die Nachbarn streiten
    kann ich zu Hause bleiben.

    Neue Endreim:
    ich kann bei Streit der Nachbarn
    nach Hause in der Nacht fahrn

    usw.

    Es gibt beim Dichten kein "richtig" oder "falsch". Es gibt nur deinen eigenen Anspruch, ob dein Gedicht noch in Arbeit ist... oder bereits fertig. Ich empfehle dir ganz freundschaftlich, lass das angefangene Gedicht ein, zwei Tage liegen. Danach fallen dir garantiert noch weitere Lösungen ein. Vertrau mir.

    Ach ja, und der Hebungsprall wirkt zunächst tatsächlich unrhythmisch. Aber wenn du weiter dichten solltest, wird dir dieser Begriff vielleicht wieder begegnen. Auch als positive Anregung. Denn manchmal kann ein Hebungsprall den Leser wach rütteln, wenn dieser sich bereits so eingegroovt hat, dass er schläfrig wird. Eine feste (man sagt auch alternierende) Metrik kann nämlich durchaus leiern...

    mach weiter.

    Lg

    P.S. Man kann Metrik und Rhythmus auf verschiedenen Wegen studieren: Entweder man markiert Hebungen und Senkungen in Gedichten. Aber die sind ja bereits leicht verdaulich zubereitet.
    Oder man trainiert unter erschwerten Bedingungen: ich spreche täglich und wahllos Absätze von Zeitungsartikeln. Hier wimmelt es von metrisch schwierigen Worten. Wie betont man beispielsweise "Kooperation" - ich bin für Ko-Opera-tion. Und schon hätten wir einen Hebungsprall.
    Wenn man diesen schwierigen Weg wählt, empfiehlt es sich, in einem Satz zunächst DIE Hebungen zu markieren, die klar sind. Den Rest muss man improvisieren. Dabei lasse ich mich kompromißlos von der Regel leiten: Niemals mehr als zwei unbetonte Silben hintereinander.

    Viel Spaß.
    Geändert von Artname (13.07.2017 um 10:12 Uhr)
    Wortfüsse, wohin ich auch seh!

  5. #5
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    Hallo Martin
    Zur Metrik wurde ja oben schon vieles gesagt. Mir fällt jedoch auf, dass du mit streiten/bleiben und insbesondere mit Nachbarn/fahr'n Reime hast und doch nicht. Ist die Passage denn Teil eines Reimgedichts? Falls nein, würde ich weniger ähnlich klingende Wörter ans Zeilenende setzen. Falls ja, solltest du darauf achten, dass du reine Reime wählst, d.h. solche, die NACH der letzten betonten Silbe identisch sind oder zumindest beim Lesen gleich klingen.
    Da bei NACHbarn die erste Silbe betont ist, müsste das Reimwort auch etwas mit "achbarn" sein, aber da will mir jetzt gar nichts einfallen. Das Reimwort zu STREIten müsste auf "eiten" enden, was schon viel einfacher ist: gleiten, bereiten, verbreiten, weiten....
    E liebe Gruess, gugol
    Die Normalität ist eine gepflasterte Strasse; man kann gut darauf gehen - doch es wachsen keine Blumen auf ihr.
    Van Gogh

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