1. #1
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    Menschen abends am Bahnhof II

    Ein Bukowski-Fan auf einem On-The-Road-Again-Trip

    Charles-Bukowski-Leser, mit kranzförmigen, 210 Zentimeter langen Ziegen-Kinnbart, mit riesigem Rucksack, Shorts, die etwas traditionell anmuten, bayerisch?, Stiefeln bis übers Schienenbein, kommt von einem viertägigen Tripp aus Freiburg im Breisgau.
    Als ich ihn auf sein Buch anspreche, bekennt er, er sei Charles-Bukowski-Fan und käme aus jener Stadt, die die wärmsten Deutschland ist.
    „Gibt es wohl einen Charles-Bukowski-Fan-Club, der sich dort im Breisgau alle Jahre wieder trifft?“
    „Hm?“ Ich stelle mir vor, dass die dann einen Aufmarsch in Richtung Innenstadt machen, am Münster vorbei, bis zu dem Traditions-Hauptplatz und dann jeder ein Buch in der Hand in die Höhe wirft oder zumindest hält und schreit: „Hoch, lebe Charles-Bukowski!“
    Aber ich sollte nicht so frech sein, gemahne ich mich und kann froh sein, dass er mich nicht richtig verstanden hat. So ändere ich meine Aussage, um von der peinlich-provokanten Bemerkung abzulenken. Am Ende habe ich eine Faust im Gesicht, obwohl mein Gegenüber sehr friedlich, glücklich und high wirkt. Naja, die Sudentendeutschen, die Schlesinger und sonstigen Landmannschaften – wenn man ihnen nicht ins Wespennest stochert, sind sie mit ihrem Wust glücklich bis zum Ende ihrer Tage – Gott hab sie selig!
    „Freiburg, nomen est omen! Dort leben viele Künstler!“
    „Ja, sehr, sehr viele!“
    „Ich weiß! Wenn du schon Bukowski kennst, kennst Du auch „On the road“ von Jack Karouc?”
    “Natürlich
    “Und Allen Ginsberg?”
    „Der wird ständig bei Charles Buckowski erwähnt.“
    „Ja, ich habe ihn im Gesamt-Orginal gelesen. Was bei mir (nur) hängen geblieben ist, ist, dass er Paranoia vor Löwen hatte.“
    Wir stehen an der Rampe, sprich an der Ausgangstür des Zuges, der in den Zielbahnhof gerade einfährt.
    „Übrigens, die selbe Angst habe ich bei Nietzsche gefunden: Also, sprach Zaratustra!“ Kennt das heutzutage noch jemand. Egal, muss man nicht. Wirklich nicht. Auch Allen Ginsberg wohl nicht. Der Pop-Poet der 68iger! Wie Bob Dylan, auch so ein Messias-Typ, der mittlerweile, Ironie des Schicksal, vom bekämpften, gehassten und verachteten Establishment den höchsten zu vergebenden Preis zuerkannt bekommen hat. Aristoteles sei zitiert: Der Mensch ist widersprüchlich. Oder, leider kann ich keinen Großen dieser Spezies zitieren: Ein Idiot!
    Nun springe ich förmlich aus dem Zug, sowie er hält, um den Anschlusszug zu erreichen.
    Und jetzt füge ich etwas hinzu, dass wirklich kein Scheiß ist, auch wenn es mir die wenigsten glauben werden, aber es stimmt.
    Kennt man den Song von Canned Heat „On the road again?“ Wenn nicht, sei er kurz beschrieben. Er beginnt mit einer Eingangsmelodie wie ein Pausengong von einer Schule, woraufhin die Musik einsetzt mit dem Gesang eines pupertierenden, an sich selbst leidenden Schülerstimme, die davon singt, wie der Träger der selben von der Straße, die aus seinem Ort herausführte magisch angezogen wird und ihr das erste Mal folgt, aber quasi von der Stimme der Mutter zurückgepfiffen wird: „Junge, verlass mich nicht!“ – so in etwas. Aber diese hohe, piepsende, gebrechliche Jungenstimme singt weiter: „On the road again!“ Daraufhin schickt sie ihren geliebten Sohn direkt in die Hölle, sprich sie ruft ihn einem Fluch nach, der ihm verbietet, jemals wieder zurückkehren zu dürfen.
    Solch Initiationsriten gibt es viel ein der Popmusik, an ein Lied von Paul Simon sei auch erinnert, wo die Mutter dem bänkelwollenden, halbwegs erwachsen gewordenen Sing-Song-Writer derartig streng zurückweist, dass sie ihm droht, wenn er nicht dabliebe, wäre sie nicht mehr seine Mutter und er sein Sohn.
    Gut, jetzt kommt das Unmögliche. Sag einer, Zufall gäbe es nicht.
    Ich unterrichte gerade an einer Schule, in der der Pausenton genau die Melodie von diese Canned-Head-Song ist. Jemand soll mir erklären, wie diese Melodie an eine berufliche Schule im konservativsten Bundesland Bayern kommt, um mich alle einundeinhalb Stunden daran zu erinnern, sofort den Büttel hinzuwerfen, um mich wieder auf die Straße zu begeben! Dabei vergewaltige ich mich jeden Tag, dort hinein zu gehen, weil ich an meine lausige Rente denken muss – aber die Melodie wie ein Sirenengesang tönt jeden Tag vier Mal: „Tüteltatata . on the road again!“
    Der Mensch ist ein Idiot!
    Und ich muss, ich sollte in dieser Schule bleiben, war ich doch wie kein anderer Jahrzehntelang auf der Straße gestanden, trotz der höchsten Zertifikate, die diese Gesellschaft und Staat vergibt, ja, war ich arbeitslos, in fremden Ländern durch dunkle Straßen geirrt, sei’s drum – jetzt war es Zeit geworden, bisschen was für die Altersversorgung zu tun – aber die Pausenglocke quält mich: On the Road again.
    Der Mensch ist ein Idiot!
    Aber ich bleibe eben, wo ich bin. Vielleicht, weil vor mir solche Menschen sitzen, die von the On-the-Road-Again kommen, auf der Road über das Mittelmeer nach Europa, Flüchtlinge, der ich gerne einer sein will, weil mich diese Melodie quält.
    Wie reagiere ich mittlerweile darauf?
    „Die Pause, Herr Werner!“
    „Wie bitte.“
    „Es hat geklingelt!“, sagen die Schüler.
    Ich habe es nicht gehört. Ich höre ab jetzt nicht mehr diese Melodie, wirklich. Ich höre es nicht mehr, wenn es zur Pause klingelt. Ich wiederhole es, damit es klar ist: Wirklich!
    Eben, der Mensch ist ein Idiot!
    Bin ich endlich den Sirenen entkommen wie Odysseus an seinem Pfahl, stürme ich nach Hause, reisse die Gitarren an mich und singe wie ein deutscher Bänkelsänger: „Doch so laschen Argumenten wie Sicherheit und Renten will ich mich nun einmal nicht beugen – Leben, so wie ich es will!“
    Der Mensch ist ein Idiot! Daraus, mit diesen Zeilen als Refrain, werde ich meinen nächsten Song dichten! Yeah!!!
    Sollte ich dafür auch den Nobelpreis bekommen – aber nein, so groß ist des Menschen Idiotie doch auch wieder nicht!?

  2. #2
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    Cooles Teil, wie der canned heat song, nur leider sind die Bandmitglieder keine m.js und j.ms

    Ja, man kann schon ein bisschen frustriert sein, wenn man sieht wie die Dinge tatsächlich laufen. Der Anfang gefällt mir besonders gut, wo der Ziegenbarttyp (210 m? tatsächlich) den C.B. wie eine Mao-Bibel schwingt.
    Ja, wer sollte da noch zweifeln: Der Mensch ist ein Idiot!
    Besser er hat eine sichere Rente (bzw. erlebt sie überhaupt), damit man sich hie und da einen Joint leisten kann, als zeifelhafte Ideale, oder?
    Dein Schreibstil ist vielleicht ein bisschen choatisch, aber vielleicht passt das zum Thema.

    "Herr Werner, es hat ausgeklingelt!"

    Danke fürs Lachen!

    Lieben Gruß
    albaa
    Geändert von Albaa (14.07.2017 um 19:25 Uhr)

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