Thema: holometabol

  1. #1
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    holometabol

    wie sich das anfühlt
    vergangen sein
    aber nicht tot
    die auflösung im bauplan

    abgetreten von einer bühne
    und beim nächsten auftritt
    beim aushärten im licht
    die unbekannte rolle
    bereits vollendet einstudiert
    applaus vom leben inbegriffen

    ob es erinnerungen gibt
    an die bewegungen der larve
    den auftrag: fressen
    wachstum, häutungen
    ein ums andere mal
    bis zum befehl von innen
    unausweichlich

    der rückzug genau dorthin
    kapsel sein, nichts weiter
    und innen brei
    und werden

  2. #2
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    hi octadia

    sehr nachdenklich - sehr gut. ist man nur ein hautsack ohne ziel und sinn? jein.

    lg W.
    Keine Signatur ist auch eine. Die andere wurde gelöscht.

  3. #3
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    Zitat Zitat von Okotadia Beitrag anzeigen
    wie sich das anfühlt
    vergangen sein
    aber nicht tot
    die auflösung im bauplan

    abgetreten von einer bühne
    und beim nächsten auftritt
    beim aushärten im licht
    die unbekannte rolle
    bereits vollendet einstudiert
    applaus vom leben inbegriffen

    ob es erinnerungen gibt
    an die bewegungen der larve
    den auftrag: fressen
    wachstum, häutungen
    ein ums andere mal
    bis zum befehl von innen
    unausweichlich

    der rückzug genau dorthin
    kapsel sein, nichts weiter
    und innen brei
    und werden
    hallo Okotadia

    eine interessante Frage die du hier aufwirfst, die vollständige Metamorphose betreffend, etwas was ich mich selbst schon oft gefragt habe: weiß die Drohne wie es war in der Wabe, genährt von süßem Honig? oder weiß es der Schwalbenschwanz wie es war vom grünen Dill zu raspeln? bleibt etwas in den Neuronen-netzen über das Puppenstadium hinweg gespeichert oder wird alles zu zellularem Genbrei zerlegt, woraus sich der Imago als völlig neues Lebewesen verfestigt. entstehen analog zu den Facettenaugen und zu den Flügeln, neue unbeschriebene Ganglionen? oder bleiben Teile des Nervensystems über alle Stadien der Metamorphose erhalten?

    beim Schwalbenschwanz scheint es zumindest so zu sein, dass er sich an seine Wirtspflanze „erinnert“. ähnlich wie beim Kuckuck, der meist seine Eier in Nester jener Vogelart legt, welche ihn aufgezogen hatte, so legen die Imagos des Schwalbenschwanzes zumeist ihre Eier auf Wilde Möhren, wenn sie auf solchen als Raupen lebten, und Dillknabbrer meistens auf Dill.

    das lyrische Ich scheint hier keine Zweifel zu haben. als sei es selbst als Kind, Larve des Menschen gewesen, welches es momentan ist und nachdenkt & fragt und ergo „sum“ ist (Cogito, ergo sum. / Descartes) so versucht es sich unmittelbar, ohne Majuskeln und unnötigen Schnickschnack, in ein holometaboles Insekt einzufühlen. und dieser emphatische Transfer gelingt hier so gut, dass ich spontan beim Lesen ein schlechtes Gewissen bekomme, weil ich mal selbst als juveniler „Forscher“ eine dicke Puppe zerlegt hatte, welche kaum mehr wackelte mit dem Hinterleib, also außen fast schon erstarrt war, aber nichts fand, wie Flügel, Facetten-Augen, harten Chitin oder Beine, sondern nur Brei. innen war alles nur Brei „innen brei … nichts weiter“, den ich dann hilflos in die Hülle zurückzustopfen versuchte, was freilich nichts brachte, denn das Tier stank bereits den nächsten Tag nach Verwesung, und dann alles wieder vergaß bis zur Lektüre dieses Textes, der mir jetzt nicht nur deshalb sehr gefiel.

    einzig beim letzten wiederholten Bindewort fragte ich mich, ob das nicht überflüssig sei. so würde es, denke ich, völlig reichen fürs Finale:
    und innen brei
    werden.


    oder besser so:
    und innen im brei
    werden.


    Gruß
    Alcedo
    Geändert von Alcedo (22.07.2017 um 17:54 Uhr)

  4. #4
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    Hallo Okotadia,

    Alcedo hat dein außer/ungewöhnliches Werk schon so interessant besprochen, dass ich da gar nicht groß stören möchte.

    Diese Metamorphose ist zweifellos faszinierend, als sollte wir daran erkenne, dass der Tod nur ein Zwischenstadium ist.

    Letztlich sind wir wohl nie etwas anderes als Brei, in ständiger Verwandlung/Veränderung begriffen und voller unbewusster Erinnerungen (Selbst was dieses Leben hier betrifft, ist unsere Erinnerung nicht sehr zuverlässig, eher vage und vielfach nur durch Wünsche und Verdränungsmechanismen verändert). Wir wissen gar nicht an welchen Fäden wir gezogen werden.


    Sehr gerne und nachdenklich gelesen

    Lieben Gruß
    albaa

  5. #5
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    Lieber Walther,
    Liebe(r) Alcedo,
    Liebe Albaa,

    bereits die erste Zeile meines Gedichts lädt den Leser dazu ein, sich in den Vorgang der Metarmorphose einzufühlen. Das habt Ihr getan und dafür danke ich Euch. Walther und Albaa sind dabei bis zu existentiellen Fragen gegangen, Alcedo verweilte gedanklich eher bei den biologischen Prozessen.
    Tatsächlich war die Metarmophose holometaboler Insekten lange Zeit kaum erforscht, weil sich der recht primitive Larvenkörper in der Puppe wirklich fast vollständig zu Brei auflöst. Es ist im Wesentlichen nicht ein Umformung, sondern eine komplette Neuentstehung. Nur ganz wenige Zellen überleben und formen innerhalb von wenigen Tagen das adulte Tier mit seinen hochkomplexen Strukturen. Und was da schlüpft, sei es Fliege, Biene oder Schmetterling muss den Gebrauch der Sinnesorgane und Flügel, samt Navigation nicht erst mühsam erlernen, wie der Mensch das Laufen oder Schwimmen. Für mich ist dies stets eine Quelle der Faszination und der Ehrfurcht vor dem Leben.

    Versucht man sich in einen so fremden Prozess einzufühlen, kann man eigentlich nur vergleichen mit Vorgängen, die man kennt: der eigenen Entwicklung im Mutterleib ("kennt" man sie? gibt es unbewusste Erinnerungen?), dem Tod und den Vorstellungen der Wiederauferstehung in verschiedenen Religionen - die Auferstehung des Fleisches, die Reinkarnation der Seele in einem anderen Körper. Deshalb sind die Fragen nach der eigenen Existenz und das durch die Sinne begrenzte Erleben der Welt auch so naheliegend.

    Die Umformulierung der letzten Zeilen lasse ich mit nochmal durch den Kopf gehen, Alcedo. Hänge im Moment noch im eigenen Singsang fest.


    Euch allen noch einen schönen Sonntag Abend!
    Okotadia

  6. #6
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    Hallo Okotadia,
    kritisieren kann ich hier nichts, ich muss gestehen, mich mit diesen themen noch nicht intensiv genug befasst zu haben.
    (bisher war ich nur bei ungeziefer, ob sie denken können? ob sie schwarzes fell bevorzugen um eine höhere lebenserwartung zu haben, aufgrund der tatsache dass mein hund keine untermieter anschleppt)
    nur am rand habe ich vorsorglich vor meiner tür zum anlocken den sommerflieder, sonnenhut und wegwarte angepflanzt, sehe also nur fertigen fliegenden endprodukte.
    mag es aber gern lesen,
    als anreiz und weiterbildung.


    lg vom GE-wicht
    Wann immer sich alte Männer schändlich benehmen, liegt es unweigerlich an ihren jugendlichen Seelen,
    die entweder irrtümlich oder absichtlich das Ausmaß ihrer physischen Hinfälligkeit verdrängen.
    - ustinov -

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