1. #1
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    Eine Stadt geht schlafen

    Im scharfen Hektiktakt pulsiert das Leben,
    vom Großstadtlärm in dessen Duft getaucht,
    der dunstig fahl in graue Himmel raucht,
    um in die Unverbrauchtheit aufzustreben.

    Die Anonymität, sie scheint zu schweben,
    als Einsamkeit auf den Asphalt gehaucht.
    Die Menschlichkeit riecht irgendwie verbraucht.
    Der Bruder, er ist fern, doch dicht daneben.

    Steril, mit Smoggewölbe überdacht,
    begibt die Metropole sich zur Ruhe,
    hinein in eine neue Neonnacht.

    Im Echohall der Pflasterklapperschuhe
    ist hohl in Schattengassen Angst erwacht.
    Ein trüber Mond steht über dem Getue.

  2. #2
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    Hallo Galapapa,

    Dein Gedicht hat mich das Gesagte überzeugend fühlen und damit deutlich empfindend sehen lassen.

    Mit liebem Leser-Lob-Gruß, wenigviel
    wenigviel


    Es kann sein, alles ist anders als wir es wahrnehmen und erkennen und doch müssen wir es uns glauben.

  3. #3
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    Lieber Galapapa,

    ich freue mich, Dich wieder hier lesen zu dürfen. Irgendwie kaben mir Deine Gedichte gefehlt, auch wenn mich dieses hier nicht ganz so überzeugt wie den Kollegen wenigviel.
    Eiinige Bilder fand ich ausgezeichnet andere etwas widersprüchlich. Der erste Widerspruch stieß mir gleich in der ersten Zeile auf. Vielleicht spielt dabei auch das ungelenke Wort Hektiktakt eine Rolle, dessen Artikulation meine freudige Erwartung beim Anblick der Sonettform gleich etwas in den Hintergrund drängte. Dieses ungetüme Wort hindert mich am Erfassen Deines Bildes, weil es meine ganze Konzentration benötigt, es zu artikulieren. Dieser kt-Konsonantenhaufen sollte vielleicht doch wenigstens durch eine Zwischensilbe aufgebrochen werden. Aber auch ungeachtet meines Missfallens, was den Klang dieses Wortes betrifft, finde ich, dass es im Widerspruch zum pulsierenden Leben steht. Hektik hat den unangenehmen Beigeschmack einer sinnlosen Bewegung. Das kann ich vom Pulsieren nicht behaupten. Pulsieren weckt in mir zwar auch ein Bild von Bewegung und Veränderung, aber von einer angenehmen Art. Genaugenommen hat die Hektik ja auch keinen Takt, wenn ich den Takt als ein wiederkehrendes rhythmisches Element verstehe. Die Hektik ist ja eher mit einer chaotischen Bewegung vergleichbar.

    In der nächsten Zeile erschließt sich mir nicht ganz, wessen Duft mit dessen Duft gemeint ist. Duftet der Großstadtlärm, die Hektik oder das Leben? Nach längerem Überlegen komme ich - Salopp formuliert - darauf, das der Lärm dafür sorgt, dass das Leben seine eigene Pupswolke ertragen muß. Aber eigentlich muss das Leben ja beides ertragen - den Lärm und die Wolke.

    Die zweite Strophe beginnt, wie ich finde, sehr verheißungsvoll. Nur der Bruder in der letzten Zeile lässt mich wieder ratlos. Er taucht plötzlich auf, ohne dass es in den Bildern zuvor Personen oder Personifizierungen gab, zu denen ich einen Bezug herstellen könnte. Eine Ahnung lässt mich vermuten, Du meintest vielleicht den Bruder des Lebens - den Tod. Aber für diesen Bezug lägen zuviele Worte und Zeilen zwischen dem Leben und dem Bruder.

    Die auf den Asphalt gehauchte Anonymität finde ich sehr bemerkenswert, was sag ich - ich finde das Bild toll, wie auch die Pflasterklapperschuhe. Nur wie erwacht man in einer Gasse hohl? In der Satzstellung wird das Wörtchen "hohl" doch zum Adverb für das Erwachen. War das so beabsichtig?

    Also wie gesagt, dieses Gedicht hat mich nicht so richtig überzeugt. Aber ich freue mich trotzdem, dass Du wieder hier bist und hoffe, dass es Dir gut geht und ich noch mehr von Dir zu lesen bekomme.

    LG Eremit
    Werkeverzeichnis: Die Gedichte eines Eremiten
    Neu: F..., Auf dem Olymp, ein bisschen völkisch, wellenlied

    -------------------------------------------
    Weh denen, die dem Ewigblinden
    Des Lichtes Himmelsfackel leih'n!
    Sie strahlt ihm nicht, sie kann nur zünden
    Und äschert Städt' und Länder ein. (F. Schiller)

  4. #4
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    Hallo wenigviel,
    genau das sollte es auch, fühlen und vor allem hören lassen.
    Herzlichen Dank für Deinen lobenden Kommentar!
    Liebe Grüße!
    Galapapa

    Hallo Eremit,
    danke für Deinen ausführlichen Kommentar! Ich habe ihn mit Freude gelesen, zeigt er mir doch, dass Du Dich mit dem Text recht intensiv befasst hast.
    Vielleicht hast Du dabei zu viel Gewicht auf Dinge gelegt, die hier nur eine untergeordnete Rolle spielen.
    Ich will vorausschicken, dass meine Gedichte ziemlich intuitiv entstehen, ganz besonders dieses. In meinem Kopf waren beim Schreiben die Geräusche und Klänge der Großstadt. Als ich merkte, dass es ein Sonett werden könnte, habe ich das dann auch in diese Richtung vorangetrieben. Sonette sollen ja „Klinggedichte“ sein.
    So erklärt sich auch schon die Wortschöpfung „Hektiktakt“. Unter „pulsieren“ war das täglich, ja stündlich wiederkehrende Auf-und-Ab der Lärmkulisse gemeint, das ich immer als ein Pulsieren erlebt habe. Dazu passt das Wort „Hektiktakt“ meiner Meinung nach sehr gut, steckt doch in ihm sogar ein „Tick-tak“.
    Für mein Empfinden sind die Geräusche der Stadt sehr schrill und hart, was natürlich auch im Text Ausdruck finden sollte.
    Als Widerspruch bleibt der weiche Jambus und die harte Sprache, aber ist nicht auch das Treiben der Großstadt im Widerspruch zur Beschaulichkeit unserer natürlichen Umwelt?
    Ein Duft ist ja ein Geruch, ein Aroma. Der Widerspruch, der mit dem Begriff „Duft“ entsteht, ist hier gewollt. Gemeint ist natürlich die üble Luft der Städte, Duft ist also ironisch zu verstehen.
    Dieser Duft nun steigt hinauf in saubere Höhen, als könne er seinen Herkunftsort nicht mehr ertragen.
    Dann bin ich schon beim „Bruder“. Die Wahl dieses Wortes finde ich im Nachhinein auch nicht besonders passend, gemeint ist damit natürlich der Nächste, der Mitmensch. Die Aussage ist somit eine Kritik an der wachsenden Abschottung in ein Singledasein hinein, ein Verlust an Brüderlichkeit. Vielleicht sollte ich da „Bruder“ durch „Nächste“ oder „Nachbar“ ersetzen. Das Ganze hat natürlich Bezug auf die Anonymität.
    Bleibt noch das „hohl“: Wie Vieles ist auch das ein Wort, das in diesem Text vorwiegend der Klangerzeugung dient. Wenn es wirklich ruhiger wird, spät in der Nacht oder eher früh am Morgen, dann klingt das Klappern von Schuhen, wie auch alle anderen, harten Geräusche, irgendwie hohl, als kämen sie aus einer Röhre. Das erzeugt hier das Bild einer dunklen Gasse in der Finsternis und ist ein Bild für die erwähnte, erwachende Angst vor den Bedrohungen, die das Großstadtleben mit sich bringt. Die Angst erwacht hohl, in hohlen Klängen.
    Eine Alternative wäre hier:
    …Im hohlen Hall der Pflasterklapperschuhe
    ist in den Schattengassen Angst erwacht….
    Vielleicht sollte man dieses Gedicht weniger lesen, als viel mehr hören. Vielleicht aber können auch meine Erklärungen dazu dienen, den Text einfach einmal unter der Prämisse „Klang und Geräusche“ zu erfassen und auf sich wirken zu lassen, anstatt es mit scharfem Verstand zu analysieren.
    Um Abschließend nochmals den Begriff „Widerspruch“ aufzugreifen: Für mich, der als ein Kind vom Lande ein verhasstes Berufsleben in Großstädten hinter sich hat, ist die Großstadt irgendwo ein Widerspruch in sich.
    Ich war einige Jahre lang jährlich zu Dichtertreffen und Lesungen in Berlin und habe Kinder und Enkel dort; mehr als zwei, drei Tage halte ich es dort nicht aus.
    Danke nochmal fürs Lesen meines Textes und für Deinen Kommentar!
    Liebe Grüße!
    Galapapa

  5. #5
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    Hallo Galapapa, ich mag dein Gedicht und als Ohrenmensch auch die von dir kommentierte Intention. Basta.

    Mit einem komme ich aber schwer zurecht. Obwohl ich in einer eher ruhigen Lage Berlins wohne: die ganze Stadt hat immerzu ein derartiges Grundrauschen, dass man eigentlich auch nachts keine Schuhe stöckeln, geschweige den hallen hört. Das mag auch daran liegen, dass ich mich schon sehr anstrengen muss, um mir hiesige "Schattengassen" vorzustellen. Klar, Spandauer Altstadt, Nikolaiviertel.... aber eigentlich sind hier selbst die kleinen Staßen breiter als lauschigen Gassen.

    Lg
    Wortfüsse, wohin ich auch seh!

  6. #6
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    Hallo Artname,
    danke für Deinen Kommentar!
    Zunächst geht es hier nicht nur um Berlin, sondern um Großstadt an sich. Aber diesse "Gassen" existieren ja z.B. auch in Unterführungen, nicht nur in der Enge von historischen Altstädten. Eigentlich ging es mir auch nur darum, mit diesen Bildern zu veranschaulichen, dass es in den Großstädten eben nachts, bzw. früh morgens, ganz schön unheimlich werden kann in der Finsternis.
    Ich kenne Berlin auch recht gut (früher beruflich, Dichtertreffen und Lesungen, zwei Kinder und zwei Enkel in Berlin) und ich habe die Pflasterklapperschuhe trotz Grungrauschen spät nachts in "normalen" Wohnstraßen, z.B. um den Alex, vernommen (nicht streunend, sondern wachliegend im 4. Stock ). Gerade dieses Grundrauschen und die Reizüberflutung sind es, die mich jedesmal wieder in meinen Schwarzwald zurück vertreiben.
    Aber, wie gesagt, es ging nur um die Lautmalerei (Klappern, hohl, finster) und die Bilder, die dabei entstehen.
    Es freut mich, dass Du mein Gedicht magst! Vielleicht treffen wir uns mal auf ein Bierchen, wenn ich wieder in der Hauptstadt bin.
    Liebe Grüße!
    Galapapa

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