Thema: Die Sestine

  1. #1
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    Die Sestine

    Nötige Grundlagen: Etwas Metrumkenntnisse, um das Schema zu treffen.
    Ziel: Kennenlernen und Erlernen der Gedichtform der Sestine
    Unterstützende Links: Lyrisches Lexikon der Nachteule
    Quellen: Universal-Lexikon.de; Dichtung als Spiel von Alfred Liede; Zumgedicht.de
    Folgende Lektion: Keine

    Einführung


    Die Sestine ist eine Gedichtform, die aus 6 Strophen a 6 Versen und einer Strophe a 3 Versen besteht. Hierbei werden die Wörter am Ende der Verse von Strophe zu Strophe nach einem bestimmten Schema vertauscht. Hierbei haben sich zwei Varianten herauskristallisiert.

    Form


    Bei der ersten Variante wird jeweils das Endwort des letzten Verses der Vorgängerstrophe auf die erste Position verschoben, alle weiteren folgen in der selben Reihenfolge um eine Position nach hinten versetzt, die Schlussstrophe enthält im ersten Vers das erste und das letzte Schlusswort, der zweite Vers das vorletzte und drittletzte und der dritte Vers das dritte und zweitletzte Endwort. Besonders schön wird die Schlussstrophe, wenn die mittleren Endwörter innerhalb des Verses an der selben Stelle stehen und im besten Fall sogar mittig:

    1.Strophe:
    1/2/3/4/5/6

    2. Strophe
    6/1/2/3/4/5

    3. Strophe
    5/6/1/2/3/4

    4. Strophe
    4/5/6/1/2/3

    5. Strophe
    3/4/5/6/1/2

    6. Strophe
    2/3/4/5/6/1

    Schlussstrophe
    1+6/5+4/3+2

    Die zweite Variante vertauscht schon komplizierter. Die Endwörter der letzten drei Verse weben sich dabei über Kreuz, in umgekehrter Reihenfolge, also mit dem sechsten an erster Stelle, in das Schema der Vorstrophe ein. So wird das fünfte auf die dritte Stelle und das vierte an die fünfte Stelle gewechselt und die ersten drei um jeweils eine Stelle mehr nach hinten verschoben. Auch hier ist jedes Endwort auch einmal in jedem Vers angesiedelt. Eine andere Herangehensweise der Erläuterung ist, dass isch jede Strophe der Reimwörter der Vorgängerstrophe in dieser Reihenfolge bedient: Reimwort des letzten, des ersten, deszweitletzten, des zweiten, des drittletzten, des dritten Verses.
    Ein Blick auf das Schema und den Vergleich von Strophe 1 und 2 sollte beim Verständnis der schwer in Worte zu fassenden Vertauschung sicherlich helfen:

    1. Strophe
    1/2/3/4/5/6

    2. Strophe
    6/1/5/2/4/3

    3.Strophe
    3/6/4/1/2/5

    4. Strophe
    5/3/2/6/1/4

    5.Strophe
    4/5/1/3/6/2

    6.Strophe
    2/4/6/5/3/1

    Schlussstrophe
    1+2/3+4/5+6


    Bei den Schlussstrophen hat sich neben den hier aufgelisteten Schemata herauskristallisiert, dass sie frei gewählt werden. Somit sind die hier angebrachten Schemata (der Schlussstrophen) lediglich als Beispiele zu verstehen, weswegen sie nicht näher erläutert werden.

    Durch die Vertauschung der Endworte ist ein gleichbleibendes Reimschema nicht möglich. Darum und weil es das gesamte Gedicht deutlich komplizierter gestalten würde, sind Sestinen ungereimte Gedichte. Aus dem selben Grund empfiehlt es sich auch, alle Verse mit den selben Kadenzen zu versehen.

    Das Metrum der Sestine ist der 5-hebige Jambus. Ob ihr euch dabei für männliche oder weibliche Kadenzen entscheidet, liegt bei euch.

    Beispiele


    Zum besseren Verständnis zeige ich euch hier einmal einen Text aus meiner eigenen Feder, bei der ich euch aufzeige, wie sie aussehen könnte. Die Qualität soll hierbei keine Rolle spielen, sondern lediglich die Regeln sollen verdeutlicht werden. Hier habe ich die gleichen Endwörter in der gleichen Farbe hervorgehoben und die Nummer des Verses in der ersten Strophe, um die Vertauschung besser darzustellen.

    Lottoscheinwelt



    1 Am Samstag wird der Harald Stubenhocker:
    2 Im Ersten ziehen sie die Lottozahlen,
    3 Auf seinem Tischchen stehen Gummibärchen;
    4 So kann das Losglück endlich zu ihm kommen!
    5 Gerade als sie seine sechs gezogen
    6 Ist auch die Gattin schon dazu gestoßen.

    6 Als leise Kugel aneinanderstoßen,
    1 Da sitzt sein treues Weib schon auf dem Hocker.
    2 Es löst sich "sechsundzwanzig" aus den Zahlen
    3 Er fragt laut: "Bringst mir mal ein Bierchen?" "Bärchen,
    4 So sähest du es sicher gerne kommen!
    5 Du bist ja heute gänzlich unerzogen!"

    5 "Du sagst, ich wäre heute schlecht erzogen?
    6 Wen willst du damit vor den Kopfe stoßen?"
    1 Erfragt der Harry kleinlaut Richtung Hocker
    2 Schon ziehen sie die nächste seiner Zahlen;
    3 Er nuschelt, fast nicht hörbar, "wunderbärchen".
    4 Die Einunddreißig wollte wirklich kommen!

    4 Nun wär die achtunddreißig sehr willkommen!
    5 Und schon wird sie auch wundersam gezogen;
    6 Er wähnt sein Glück ans Ende angestoßen,
    1 Denn das Ergebnis reißt bereits vom Hocker.
    2 Er ist erfreut von seinen Lieblingszahlen.
    3 In seinem Mund verschwindet schnell ein Bärchen,

    3 Nervös gefolgt von weitren Gummibärchen.
    4 Nun sollte wirklich noch die Nächste kommen!
    5 Doch wird sie heute Abend auch gezogen?
    6 Sonst hätte seine Glücksfee ihn verstoßen!
    1 Auch seine Gattin hälts auf keinem Hocker,
    2 Denn seine Dreiundvierzig folgt den Zahlen.

    2 "Ach, bitte auch die letzte meiner Zahlen!"
    3 Die fünfundzwanzig! Ja, es fliegen Bärchen!
    4 Gefühlt ist er der Alten bald entkommen,
    5 Gedanklich ist er längstens ausgezogen,
    6 Schon während Gläser aneinanderstoßen,
    1 Wild feiernd neben ihrem Stubenhocker.

    1/2 Der Stubenhocker konnt kein Los bezahlen.
    3/4 Der Gattin Bärchen wird kein Geld bekommen;
    5/6 Des Glücks entzogen wird sie ihn verstoßen...

    Wie ihr seht, sind die meisten Endwörter recht abwechslungsreich entweder in ihrer Bedeutung oder der Kombination eingesetzt. Die große Ausnahme sind hierbei "Zahlen" und "Hocker", die eher selten abgewechselt werden.

    Da die Sestine eine relativ alte Form ist, gibt es natürlich auch ältere Werke, welche ich euch hier verlinken möchte. Zwar folgen sie nicht allen Regeln oder Tipps, aber für einen Überblick oder um ein Gefühl für die Form zu bekommen, können sie hilfreich sein:

    Martin Opitz: Schäfferey von der Nimfen Hercinie
    Georg Rudolf Weckherlin: Über den Tod von Myrta
    Friedrich Rückert: Sestine

    Praktische Anwendung und Tipps


    Wie beim Lesen des Leitfadens aufgefallen sein wird, enthält die Sestine alleine schon durch die Wiederholung der Endwörter sehr viele gleiche Begriffe, was es bei anderen Gedichten eigentlich zu vermeiden gilt, um Langeweile vorzubeugen. Hierbei gibt es einen kleinen Trick, der hilft, dies zu umgehen: Dazu genügt es meist, das Endwort etwas zu variieren, indem man etwas anhängt. So kann aus dem Baum, ein Tannenbaum, ein Weihnachtsbaum oder gar ein Apfelbaum werden. Dadurch bleibt zwar das Endungswort gleich, doch es ist eine gewissen Abwechslung gegeben. Vor allem bei den Strophenübergängen ist das hilfreich, da dort zweimal das selbe Endwort auf einanderprallt. Anders als bei Reimgedichten ist es allerdings kein Beinbruch, wenn ein „nackter“ Baum mehrfach vorkommt.
    Die gewählten Wörter sollten zudem auch relativ variabel einsetzbar sein. Steht es immer in der selben Bedeutung und ohne Veränderung am Schluss des Verses, kann schnell die erwähnte Langeweile aufkommen. „Plan“ könnte zum Beispiel sowohl in der Bedeutung des Stadtplans, des Vorhabens und der flachen Ebene verwendet werden und bietet sich somit als Wort an, wenn es denn in die zu erzählende Geschichte passt. Durch das Abwechseln der Wörter wird die Sperrigkeit, die der Form zu eigen ist, etwas genommen.
    Die Geschichte, die das Gedicht erzählt, die Situation, die es darstellt oder die Betrachtung die es beschreibt, sollte genug Inhalt bieten, um ein so langes Gedicht auch ausfüllen kann. Immerhin dauert das Gedicht 39 fünfhebige Verse, die gefüllt werden möchten und den Leser nicht langweilen sollen. Gefühlt kommen die wenigsten Gedichte über 4 Strophen mit 4 Versen hinweg. Da darf die Geschichte nicht an Fahrt verlieren oder langweilen, da der Leser sonst schnell aufgibt, wenn es sich nicht zu lesen lohnt, oder zumindest so scheint.
    Darüber sollte man sich als Dichter zuvor schon im Klaren sein, da es schwierig wird, das gesamte Gedicht zu überarbeiten. Mit anderen Worten es ist vermutlich unmöglich.
    Wenn ihr euch schwer damit tut, euch das Schema zu merken, könnt ihr euch auch das Schema daneben legen oder einfach schon mal in eurem Worddokument oder auf eurem Stück Papier die Endwörter in die entsprechenden Verse schreiben. Nach vorne ergänzen geht ja immer noch. Hauptsache ihr trefft das Schema.

    Nachdem ihr euch jetzt durch die trockene Theorie gekämpft habt, könnt ihr euch jetzt an die Praxis wagen!
    In diesem Sinne wünsche ich euch viel Spaß beim Nachtdichten!
    Geändert von Nachteule (22.07.2017 um 16:01 Uhr) Grund: Siehe Anti Chris.
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  2. #2
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    Moin

    Gute Arbeit, Herr Eulerich. Erlaube mir aber trotzdem, ein paar kleine Anmerkungen zu machen

    Zunächst würde ich mich noch über einen kleinen geschichtlichen Hintergrund freuen. Habe selbst bei meiner kurzen Recherche was von Singdichtung und Trobadoren gelesen, was ja auch Erklärungen über das Warum dieser speziellen Form liefert. Vielleicht belebt das die Theorie noch etwas?
    Die italienische Herkunft und die ursprüngliche Verwendung des endecasillabos könnt sicher auch interessant sein.

    An diesen anknüpfend könnte man auch nochmal deine Regel zur Verwendung des 5hebigen Jambus ansprechen. Ja, der ist das Pendant zum endecasillabo, aber ich meine gelesen zu haben, dass im Deutschen durchaus auch Verse mit weniger Jamben möglich sind. Demnach auch für die Sestine. Durch verkürzte Verse und somit mehr Material für die vielen Verse könnt man sicher auch der von dir angesprochenen Langeweile besser entgegenwirken.

    Bei deiner Beschreibung des Reimworttausches der zweiten Variante wird es tatsächlich sehr kompliziert. Vielleicht kann man da an einer Version arbeiten, die auch in Worten etwas eingängiger ist. Ich habe mir das beispielsweise so gemerkt:


    Jede Strophe bedient sich der Reimwörter der Vorgängerstrophe in dieser Reihenfolge:
    Reimwort des letzten, des ersten, deszweitletzten, des zweiten, des drittletzten, des dritten Verses.

    ist das klarer oder hat sich das nur für mich nun so eingebrannt?^^


    Danke für die Mühe und beste Grüße
    Chris
    Sturmherz ist jetzt Anti Chris.

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  3. #3
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    Hallo Anti Chris.,

    Erlaube mir aber trotzdem, ein paar kleine Anmerkungen zu machen
    Abgelehnt.

    Aber im Ernst:
    In meinen Erklärbär-Themen hatte ich eigentlich nie etwas zur Geschichte geschrieben. Auch, weil ich mich damit nicht wirklich auskenne. Und ich versuche eigentlich, die alle relativ ähnlich im Aufbau zu halten. Angefangen mit der einheitlichen Kopfzeile. Bei den Unterüberschriften könnte ich aber vielleicht noch ähnlicher werden. Wenn du mir etwas bringst, könnte ich das aber vielleicht in der "Einführung" einbauen. Etwas recherchiert hast du ja auch schon. Zum endecasillabos habe ich beispielsweise nicht gefunden, dass dieser auch verkürzt werden kann. (Mit der Einschränkung, dass er im Deutschen meist als 5-hebiger Jambus verwendet wird, was ja bedeutet, dass er auch als 10-Silber verwendet werden kann.)

    Ob deine Erklärung leichter ist, weiß ich nicht. Ich glaube, wenn man das umkehrt einweben verstanden hat, kann es auch ein gutes Bild sein. Aber deins kann ich gerne zusätzlich, sozusagen als zweiten Erläuterungsansatz, einfügen. Dann kann sich jeder selbst aussuchen, ob er sich das verweben, deinen Ansatz oder das Bildliche besser merken kann.

    Vielen Dank für die Ausseinandersetzung mit meiner kleinen Einführung in die Sestine und vor allem das Lob im ersten Satz.

    nächtlicher Gruß, gutes nächtle und carpe noctem
    Nachteule
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