1. #1
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    Kratziges Sonett in As

    Folgendes Gedicht ist mein Versuch, auf ein anderes hier in diesem Unterforum praktisch zu reagieren. Entsprechend schnell entstand es. Die Assonanzen stören mich hier nicht, könnt ich aber auch rasch anpassen. Die Betonungen sind halbwegs ok, allerdings trotz einiger Mühe noch nicht optimal . Aber der Entwuf spiegelt meine Gegenauffassung vermutlich auch so schon recht anschaulich. Ich möchte, dass Großvater, Sohn und Enkel fast stumm Entfremdung erzählen. Kommt das an?


    zwei mütter rufen anonym die polizei
    als ich grad übern zaun gebeugt leis mit ihm sprech
    ich bin dein opa heut gehn wir gemeinsam heim
    die bullen echt mal lacht sein vater is ja frech

    und zwischen kita und zuhause läuft der brave
    und zwischen sohn und vater singt der wirbelwind
    bläst auf der mundharmonika kaskaden
    wer weiß wie einsamkeit im kinderherz zerspringt

    ich hab 's vergessen und mein sohn - was weiß denn ich
    wir essen schweigend eis der wirbelwind jagt tauben
    wie schnell es dunkelt er muß schlafen krächzt mein Sohn

    dann gehn sie fort wie traurig so ein fortschritt ist
    an was soll ich mich morgen halten woran glauben
    der sohn geht starr - mein enkel dreht sich zweimal um

    ----
    Wilma schlägt folgende Schlußzeile vor:

    Zitat Zitat von Wilma27
    da gehen sie - nur einer dreht sich nochmal um.
    --------
    Geändert von Artname (11.08.2017 um 13:42 Uhr)
    Wortfüsse, wohin ich auch seh!

  2. #2
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    Hallo P'nP,

    herzlichen Dank für dein ausführliches Feedback.Ich hab überlegt, ob ich die Sache mit Eminem nicht lieber im anderen Faden beantworte. Ich will aber versuchen, die strittige Passage auf meinen Text zu übertragen.

    Eminem sagt Im Refrain: "
    And that's why I am like I am cause I'm like her." Ich verstehe das so: und deshalb bin ich, wie ich bin, ich bin wie sie.

    Genau DIESE Sicht hat auch das LI in meinem Text. So unterschiedlich seine Gefühle für Sohn und Enkel auch sein mögen - sie sind beide sein Fleisch und Blut. Um sich selber hinreichend lieben zu können, muss er beide lieben können.

    Zum meinen "professionellen" Künstler: Die ernähren sich (überwiegend) von ihrer künstlerischen Tätigkeit. Aber ich glaube, diesen Anspekt sollten wir in dem anderen Faden klären.


    Ich hoffe noch auf weitere Reaktionen und halte mich deshalb noch etwas bedeckt.

    Lg
    Geändert von Artname (09.08.2017 um 19:29 Uhr)
    Wortfüsse, wohin ich auch seh!

  3. #3
    hebo&hibo Guest
    Hallo Artname,

    bei mir kommt die schleichende Entfremdung zwischen Vater und Sohn ebenso detailliert an wie die bedingungslose Liebe zum Enkelkind. Die ist gleichsam naturgegeben, weil sie eben nicht an eigene pädagogische Vorgaben gebunden ist. Deshalb findet sich das Phänomen großväterlicher Nachsicht im Kontrast zur vormals erlebten strengeren Beziehung zum Sohn nicht eben selten. Das ist es ja gerade, was die Söhne wütend macht.
    Hinzu kommt eine Lebenssituation, die oft als konkurrierend empfunden wird, insbesondere in ökonomischer Hinsicht.

    Das alles hast du gut herausgearbeitet.
    Das zweite Quartett fällt mir ein wenig aus dem Konzept, wirkt sprachlich dem Resttext zu wenig angepasst. Vielleicht ließe sich da noch was machen ...
    Ansonsten ist dein Sonett für mich ein kunstvolles, melancholisches lyrisches Gebilde. Eines, das Spuren hinterlässt.

    Sehr angetan
    h&h

  4. #4
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    hallo artname
    willkomenes gegenbeispiel.
    in zeile 8 und auch ein wenig in zeile 14 drückt für mich ein bisschen der oberschlaue opa aus der vorlage durch.
    die schwer zu lesenden zeilen stören mich hier nicht, weil von anfang an die worte mehr auf einen haufen geschmissen als auf schnüre gereiht sind. das ist mMn dem thema, der geforderten denkleistung des lesers und (hilfe, jetzt kriege ich haue!) eigentlich auch der sonettform passend.
    sind kaskaten kaskaden?
    schönen tag dir
    w27

  5. #5
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    Hallo h&h,

    herzlichen Dank für für deine generelle Zustimmung. Mir ist klar, dass die gewählte Form automatisch unterschiedliche Interpretationen hervor rufen dürfte. Übrigens: Irgendwie hatte ich auch deinen Erzählstil von "Vorstadthölle" noch im Kopf, als ich mit v1 begann...

    Ich bin überrascht, dass du die Entfremdung von Großvater und Enkel nicht explizit erwähnst. Wenn besorgte Mütter die Polizei verständigen, da ein scheinbarer Fremder mit dem Enkel spricht... wenn ein Opa sich als "dein" Opa vorstellt... Ich wollte eine seltene Begegnung zwischen den drei Generationen skizzieren. In der allseits Unsicherheit vorherrscht. Und ja, männliche Konkurrenz. Das hab ich beim Schreiben nicht dominant empfunden, aber nachträglich sehe ich das auch so.

    Die Darstellung der Unsicherheit des Enkels war mir wichtig. Er geht nicht an der Hand der Erwachsenen. Er springt aufgeregt zwischen ihnen wie ein junger Hind, der in dieser Situation nicht so recht weiß, wer sein "Herrchen" ist.- Vielleicht habe ich im zweiten Quartett zu viel empfunden - und zu wenig ausgedrückt. Das ist immer die größte Gefahr, wenn man gern nur andeutet. Man möchte kurz und bündig schreiben wie Hemingway und schießt dabei leider (anders als H.) am springenden Punkt vorbei...

    Hallo Wilma,

    dir ebenfalls herzlichen Dank. Du kannst so charmant korrigieren. Natürlich Kaskaden.

    Nicht der Opa, sondern der Autor gibt sich etwas zu oberschlau in V8. Da war ich mir nicht sicher, ob in der Aufgescheuchtheit des Enkels auch seine Unsicherheit deutlich wird. Seltsam. Gerade das zweite Quartett gefiel mir. Vielleicht weil ich in V8 etwas mehr Interpretation bei die Fische gab? Weil eine Stimme in mir sagte: So ist die scheinbare Banalität nicht ganz so groß? Kennst du diese Inkonsequenz auch? Du schreibst ja ebenfalls gern in Andeutungen...
    Deine analoge Kritik zu V14 kann ich nicht nachvollziehen. Für mich ist das eine wertfrei geschilderte Beobachtung.

    Und besonderen Dank für die Bemerkung, dass hier die Worte "auf einen Haufen geschmissen, und nicht auf Schnüre gereiht" worden. Vielleicht ist das einem Zufall geschuldet. Hätte ich in V3 und V4 Großschreibung und korrekt geschriebener Wörtlicher Rede benutzt, wäre mir die Form viel zu zerrissen geworden. Also entschied ich mich für Kleinschreibung und gegen Zeichensetzung. Sofort bemerkte ich, dass das langsamer gelesen werden muss. Und DAS ermutigte mich regelrecht, meine Absicht in Andeutungen weiter zu schreiben!! Vielleicht war das eine bewußte Aktion. Vielleicht aber einfach nur mein Schreib- und Denkstil.

    Natürlich bemerkte ich, dass sich das formal (auch weben der 6. Hebung) weniger wie ein Sonett liest. Aber ich ertappe mich oft beim Lesen zeitgenössischer Sonettschreiber dabei, dass ich mich etwas langweile: Zuviel Ästhetik, zuwenig Biß. Also ertrug ich meine Unsicherheit, ob das noch nach Sonett klingt - und schrieb DIE herausfordernd in den Titel

    Allgemein: ich wollte bewußt einen Text schreiben, dessen Sinn man sich erarbeiten muss. Denn gerade bei familiären Konflikten scheint es nur allzu leicht, ein Leben lang im Schützengraben der spontanen Schuldzuweisungen zu verharren. Momente des Nachdenkens hingegen ermöglichen das Finden kleiner Kapitulationsgesten.

    lg
    Geändert von Artname (11.08.2017 um 10:42 Uhr)
    Wortfüsse, wohin ich auch seh!

  6. #6
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    der sohn – mein enkel

    kann sehr wohl absichtlich so gestaltet sein, aber eben, es malt nicht, es erklärt.

    geht starr, dreht sich

    es malt nicht, es erklärt

    es ist mir ernst: ein gutes sonett spielt mit dem leser, piekst ihn, lässt ihn auflaufen. die sechste "hebung" drängt sich im deutschen beinahe auf, weil wir da mit so vielen trochäen (vor allem mit unbetonten endsilben) geschlagen sind. dein text (mit den erwähnten wenigen stilistischen verwässerungen) bleibt für mich total in der sprache des sonetts drin.

    w27
    Geändert von kaspar praetorius (11.08.2017 um 10:55 Uhr)
    Kinder, jetzt gilt's ernst!
    Sie quatschen im Cybertalk
    über Cybersex.

    (StadtHaiku)

  7. #7
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    Der Sohn... mein Enkel - ich habe beim Schreiben die Pronomen wieder und wieder ausgetauscht. Mal war 's mir zu gleichmacherisch, mal zu distanziert. Hm...was schlägst du vor?

    "Gehen" und "sich umdrehen" ist anschaulich und neutral. "Starr" - tja, das wertet tatsächlich etwas.

    dann gehn sie fort wie traurig so ein fortschritt ist
    an was soll ich mich morgen halten woran glauben
    ich hoffe einer drehte sich noch einmal um

    Wilma, gestrenger Lehrer, ist Hoffen erlaubt?
    Wortfüsse, wohin ich auch seh!

  8. #8
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    meine schüler waren der meinung, wenn sie einen strengen lehrer hätten, würden sie wenigstens was lernen....
    ob ich das streng sein hier noch lerne? ich glaube nicht.
    ich habe nur auf eine frage von dir geantwortet.
    cäsuren sind eh immer gut. darüber haben wir schon mit andern gestritten, stimmt's?
    deshalb ist die jetzige letzte zeile (mit einer sehr schwachen cäsur) ein rückschritt.
    idee:
    da gehen sie – nur einer dreht sich noch mal um
    oder
    da gehen sie - der kleine dreht sich noch mal um

  9. #9
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    Wilma, das war doch nur neckisches Wortspiel - aber ich respektiere dich als meinen (mir unbekannten) Lehrer. Jo!

    "Da gehen sie - nur einer dreht sich noch mal um" finde ich sehr gut!

    Lg
    Geändert von Artname (11.08.2017 um 14:03 Uhr) Grund: Wilmas Vorschlag mußte erstmal durch meine lange Leitung sickern
    Wortfüsse, wohin ich auch seh!

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