1. #1
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    Wunder fischen II

    Als ob wir beide gar nichts wiegen,
    wenn Gischte sich wie Schäfchen bauschen,
    um nackte Haut die Kiesel rauschen
    und Wasser sich an Felsen schmiegen.

    Willst du die Zunge kreisen lassen
    (wie Böen über Klippen flattern,
    wie Möwen gleiten, leichthin schnattern)
    nach prallen Anemonen fassen,

    mit leisen Händen Wunder fischen?
    Um Hüften lass uns Seegras wickeln,
    bis über uns die Wellen zischen;

    ich will dich endlos in mir wiegen:
    Ein Wirbeln, luftig leichtes Prickeln;
    der süße Tod kann niemals lügen.
    Geändert von albaa (16.09.2017 um 16:49 Uhr)

  2. #2
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    Liebe albaa,

    wie Okotadia war ich von Deinem „Wunderfischen I“ hin und hergerissen, gerade, dass „Zögernd und berauschen sich widerspricht“ fand ich aber auch reizvoll, Erotik und Selbstwiderspruch vertragen sich ja gut.

    .Nun hast Du den Text „auf mehr Klarheit/Stringenz überarbeitet“, und das Ergebnis kann sich sehen lassen, schon die Sonettform zeigt an, dass Du Disziplin aufgewandt hast, um einen „ordentlichen Text“ zu schreiben. Auch dass Du diesmal Kommas setzt, kommt dem zugute.

    So will ich auf hohem Niveau ein bisschen rummmeckern:
    wenn Gischte sich wie Schäfchen bauschen,“ . Ich glaube, das tun sie nicht, da fand ich „Nur zögernd [oder was anderes] wie sich Gischte bauschen“ im Unterschied zu Okotadia besser, und weniger kitschig war es auch.
    Wenn am Strand „die Kiesel rauschen“, ist die Strömung heftig glaube ich, da wird’s mit Liebesspielen etwas ungemütlich, aber wird’s bei „zischenden Wellen“ in S3Z3 auch, und „Rauschen“ kannst Du ja nicht ändern, nehmen wir's also metaphorisch oder glauben, dass dem Sex on the beach alles möglich ist.
    Nur, wenn in S1Z3 schon von der „nackten Haut“ die Rede ist, solltest Du dem sich schmiegendem Wasser eine Zeile drauf ein bisschen mehr als „Felsen“ anbieten.
    Grammatisch fassen in S2Z4 die Möwen die prallen Anemonen. Vielleicht: Ich lass dich Anemonen fassen oder ähnlich, dann hättest Du auch das schreierische „prall“ weg.
    Auch in der letzten Zeile könntest Du ein wenig entdramatisieren, indem Du „nur“ durch „den ersetzt.

    Dann bleibt noch genug vom dramatischen Wasserspiele

    Michael
    .................................................................................................... ...............................................................
    Am Do., 30.8., sind bei "poetry trifft Poesie" die Slammerin Anke Fuchs und die Lyrikerin Adrienne Brehmer meine Gäste, am Do., 27.9., kommt der Slammer Christofer mit f.
    Köln, Zum Goldenen Bock, 19.30 Uhr.

  3. #3
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    Lieber Michael,

    Siehe meine Anwort im Zitatenkästchen in Blau:

    Zitat Zitat von Michael Domas Beitrag anzeigen
    Liebe albaa,

    wie Okotadia war ich von Deinem „Wunderfischen I“ hin und hergerissen, gerade, dass „Zögernd und berauschen sich widerspricht“ fand ich aber auch reizvoll, Erotik und Selbstwiderspruch vertragen sich ja gut.

    Ja, mir gefiel dieses Spannungsverhältnis von zögernd und berauschen auch gut.

    .Nun hast Du den Text „auf mehr Klarheit/Stringenz überarbeitet“, und das Ergebnis kann sich sehen lassen, schon die Sonettform zeigt an, dass Du Disziplin aufgewandt hast, um einen „ordentlichen Text“ zu schreiben. Auch dass Du diesmal Kommas setzt, kommt dem zugute.

    Danke!

    So will ich auf hohem Niveau ein bisschen rummmeckern:
    wenn Gischte sich wie Schäfchen bauschen,“ . Ich glaube, das tun sie nicht, da fand ich „Nur zögernd [oder was anderes] wie sich Gischte bauschen“ im Unterschied zu Okotadia besser, und weniger kitschig war es auch.

    Nein, meine Schäfchengischte lass ich so - ich habe das so gesehen und es soll gleich am Anfang klar sein, dass es da ein bisschen verspielt und märchenhaft zugeht. Das hier ist ein anderes Konzept als die Version I.

    Wenn am Strand „die Kiesel rauschen“, ist die Strömung heftig glaube ich, da wird’s mit Liebesspielen etwas ungemütlich, aber wird’s bei „zischenden Wellen“ in S3Z3 auch, und „Rauschen“ kannst Du ja nicht ändern, nehmen wir's also metaphorisch oder glauben, dass dem Sex on the beach alles möglich ist.

    Ja, genau, so ist es. Allerdings können die Kiesel schon bei geringer Brandung rauschen; leise halt und das fühlt sich ziemlich fein an auf der Haut, wenn man dort in der Brandung liegt.

    Nur, wenn in S1Z3 schon von der „nackten Haut“ die Rede ist, solltest Du dem sich schmiegendem Wasser eine Zeile drauf ein bisschen mehr als „Felsen“ anbieten.

    Ja, da fiele mir schon einiges ein, aber allzu sehr übertreiben will ich dann auch wieder nicht, der Fels ist ja immerhin was Hartes

    Grammatisch fassen in S2Z4 die Möwen die prallen Anemonen.

    Ich habe das jetzt mit Klammern gegliedert, das mag das eigentlich ganz gerne (?)

    Vielleicht: Ich lass dich Anemonen fassen oder ähnlich, dann hättest Du auch das schreierische „prall“ weg.

    Ohne das "prall" geben die Anemonen in diesem Erotikmärchen wenig her, finde ich (?). Und ich hatte ja auch so ein Bild vor Augen, wo die Seeanemonen ihre Tentakeln noch eingezogen haben .

    Auch in der letzten Zeile könntest Du ein wenig entdramatisieren, indem Du „nur“ durch „den ersetzt.

    Ja, hab ich gemacht. Vielen Dank für deine Gedanken und Anregungen!

    Dann bleibt noch genug vom dramatischen Wasserspiele

    Michael

    Lieben Gruß
    albaa

  4. #4
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    Hi Albaa,

    also die zweite Version deines Winderfischens finde ich viel schöner als die erste. Sie hat ja nun auch eine künstlerische Sonettform erhalten, das tat ihr wirklich gut. Die Erotik setzte für mich mit der Hüfte ein Die letzten 3 Zeilen haben zu einen Kommentar veranlasst:

    ich will dich endlos in mir wiegen:
    Ein Wirbeln, luftig leichtes Prickeln,
    den Lüsten dienen, uns ganz fügen.
    Ich will dich endlos in mir wiegen, wie ein Wirbeln, luftig leichtes Prickeln, um damit den lüsten zu dienen, uns ganz zu fügen?
    Die Frage ist, warum sprichst du zwei Zeilen drüber von "ich" und dann von "uns"?
    Ginge da auch die Variante:
    Ich will dich endlos in mir wiegen, wie ein Wirbeln, luftig leichtes Prickeln, den Lüsten dienen, mich ihnen fügen.

    Also die Idee sich den Lüsten zu fügen:

    ich will dich endlos in mir wiegen:
    Ein Wirbeln, luftig leichtes Prickeln,
    den Lüsten dienen, ihnen fügen.
    ?

    Wer weiß, in jedem Fall gefällt mir dein hübsches Sonett

  5. #5
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    Lieber M.K.,

    Freut mich, dass du es hübsch findest. Als ich meinen Antwort an Oktadia zur Version I schrieb, war ich eigentlich davon überzeugt, dass eine Überarbeitung für mich völlig unmöchlich ist, vor allem weil Reim-Klang-Gedichte und Erotik für mein Gefühl extrem schlecht zusammen gehen.

    Plötzlich ist mir dann die Sonettform in den Sinn gekommen, eigentlich um mich inhaltsmäßig zu "disziplinieren". Zu streng/klassisch sollte es aber auch nicht werden: also ein "aufgelockerten Reimschema" und statt der klassischen fünf, nur "knackige" vier Heber - und ehrlich gesagt finde ich auch, dass dieses Korsett dem Dings gut steht, ich mags auch.

    Ja, die letzte Zeile ist noch nicht optimal, danke, wie wärs mit (?):

    ich will dich endlos in mir wiegen:
    Ein Wirbeln, luftig leichtes Prickeln,
    im Wellentakt der (Rhythmus unsrer) Lust vergnügen.

    Ich freu mich über allfällige weitere Vorschläge.

    Lieben Gruß
    albaa

  6. #6
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    Hey Albaa,

    Zitat Zitat von Albaa Beitrag anzeigen
    ich will dich endlos in mir wiegen:
    Ein Wirbeln, luftig leichtes Prickeln,
    im Wellentakt der (Rhythmus unsrer) Lust vergnügen.
    Nein da war deine vorherige Version schöner.

    "
    ich will dich endlos in mir wiegen:
    dein Wirbeln, luftig leichtes Prickeln,
    vom Wellentakt der Lust getrieben."

    ??

  7. #7
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    Zitat Zitat von MiauKuh Beitrag anzeigen
    Hey Albaa,


    Nein da war deine vorherige Version schöner.

    "
    ich will dich endlos in mir wiegen:
    dein Wirbeln, luftig leichtes Prickeln,
    vom Wellentakt der Lust getrieben."

    ??

    Oh, vielen Dank, M.K.!

    Ja, das ginge auch, es muss ja nicht unbedingt ein reiner Reim sein;
    Der letzte Vers kann hier über den Charakter des Gedichtes entscheiden, man glaubt es kaum.

    Das Gedichtlein sollte ja mehr eine spielerische Fingerübung sein, ich wollte eigentlich nicht, dass das in Textarbeit ausartet, aber jetzt kann ich mich irgendwie nicht entscheiden, wohin die Reise gehen soll: ob einfach Leichtigkeit (vergnügen), oder ernsthafter (fügen) oder mehr Aktion (getrieben) :

    Was mir noch gut gefallen würde (vor allem klanglich) - auch mit einer gewissen doppelbödigen und augenzwinkernden Ernsthaftigkeit, und näher an der Version I:

    ich will dich endlos in mir wiegen:
    Ein Wirbeln, luftig leichtes Prickeln;
    der süße Tod kann niemals lügen.


    Lieben Gruß
    albaa
    Geändert von albaa (16.09.2017 um 13:49 Uhr)

  8. #8
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    hi albaa,

    "der süße Tod kann niemals lügen."

    das finde ich wiederum schön (sprachlich jedenfalls, es verschwimmt das Gedicht ein bisschen, weil es metaphorischer wird, das ist aber schön, ich finde die Zeile ist sehr gut. (Auch als Gedichtanfang, so wie viele Enden Anfänge sind).

  9. #9
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    Vielen Dank für deine nochmalige Hilfe, hat Spaß gemacht!

    Ich habe mich für den "süßen Tod" entschieden Der letzte Vers bildet nun mit dem ersten auch eine schöne "Klammer".

    Lieben Gruß
    albaa

  10. #10
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    Liebe albaa,

    anders als MK würde ich dem neuen Ende (der süße Tod kann niemals lügen) eine der anderen Varianten vorziehen, mit dem ersten Vers bilden sie eine genauso schöne Klammer, vor allem aber bleiben sie im Bild, der „süße Tod“ (im Salzwasser) kommt mir ein wenig brachial auf den Punkt.

    Du hast die Qual der Wahl übersichtlich zusammengefasst: „ob einfach Leichtigkeit (vergnügen), oder ernsthafter (fügen) oder mehr Aktion (getrieben)“. Mir selbst ist eher nach „fügen“ zumute, zumal die „Lüste“ erhalten bleiben. Allerdings würde ich die Grammatik ein wenig glätten, nämlich:
    ich will mich endlos mit dir wiegen,
    in Wirbeln, luftig leichtem Prickeln
    den Lüsten dienen, uns ganz fügen
    .
    Mehr im Bilde bliebe:
    ich will mich endlos mit dir wiegen,
    in Wirbeln, luftig leichtem Prickeln
    im Wellentakt der Lust vergnügen.

    Das würde allerdings, um die Wiederholung zu vermeiden, in der Vorstrophe einen Austausch von "Wellen" gegen "Wogen" (mit dem schönen o) erforderlich machen.

    Egal, wie „der letzte Vers hier über den Charakter des Gedichtes entscheiden“ wird – es bleibt ein sinnliches Gedicht

    Michael
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    Köln, Zum Goldenen Bock, 19.30 Uhr.

  11. #11
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    Vielen Dank, lieber Michael, für deine neuerliche, wieder so ausfühliche Einlassung.

    Wir beide sind uns meist uneinig, wenn es um Unlogisches geht, wie zb "süßer Tod" im/am Salzwasser.
    Wo mir gerade das Widersprüchliche gefällt, ist es für dich schon "brachial".

    Der Wellentaktvers gefällt mir allerdings auch wirklich gut; mich stört auch nicht, dass die Wellen sich wiederholen, ganz im Gegenteil bei diesem Thema

    Lieben Gruß
    albaa

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