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Thema: Blaue Stunde

  1. #1
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    Blaue Stunde

    du weißt deine zeit
    hoch in der blauen stunde

    heute schmücken federn den hut
    du schwenkst ihn, hoch oben
    trägst die pole als glitzernde spangen
    im windshaar, vom feuer zerzaust
    das dich inniglich liebt
    bei jedem abschied mehr
    deinen dunklen schoß
    er hält das blau und treibt es an

    ich hebe die offenen hände
    und schlage räder, den wunsch auf den lippen
    steche mich an der spindel
    treibe fort - weit hinaus
    schwinge auf dem trapez und
    verneige mich tief
    eine münze fällt, lautlos
    kopf wie auch zahl
    dann der sprung

    wenn es schwarz ist, ruft mich der mond
    und ich reibe ein Streichholz
    und zünde die Sterne an

  2. #2
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    guten morgen albaa
    da stecken so wunderschön lyrisch-poetische zutaten drin.
    als ganzes aber finde ich es überwürzt und ungeniessbar.
    so wie man sich dichtung vorzustellen hätte, wenn draussen keine amseln mehr pfiffen oder der mond auf ein streichholz wartete. dafür aber ist der text zu wenig klarnachtig, finde ich.
    lgw27

  3. #3
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    Guten Abend wilma,

    Danke fürs Verkosten und Dalassen deines Geschmackseindrucks.

    Ich freu mich über:

    so wie man sich dichtung vorzustellen hätte, wenn draussen keine amseln mehr pfiffen oder der mond auf ein streichholz wartete.
    Ja, so ähnlich war das gedacht, ungewöhnlich optimistisch (für meine Verhältnisse ), denn: Das LI besitzt das magische Streichholz!

    Schade, dass du es als Ganzes überwürzt und ungenießbar findest. Was stört dich?

    Lieben Gruß
    albaa

  4. #4
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    Hallo albaa,

    Die Bilder sind sehr schnell wechselnd und manchmal erschließt sich mir nicht gleich ein Zusammenhang, eher assoziativ, allerdings mag ich die Wucht und das "All-umfassende"neben den schwebenden Eindrücken , ist wohl, wie immer, Geschmacksache. Ich fühlte mich an weibliche Urmythen/Urkraft erinnert, naja und da darf dann auch ein bisschen Magie im Spiel sein.
    Gern gelesen.

    Lg
    macin

  5. #5
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    bei weiblichen urmythen/urkraft setzt mein herzschlag aus.
    deshalb schaffe ich es nicht, diesen schnell wechselnden assoziationsvorgaben zu folgen.
    wo meinereins gerne genüsslich ein eis mit sahne schleckt, wird ihm hier in der gleichen zeit die ganze menükarte ins gesicht geschmiert.
    aber für einen lyrikwettbewerb erfolgversprechend.
    nur ist mir so einer so fern wie die weibliche urkraft.
    gute nacht
    w27

  6. #6
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    Hallo macin und wilma,

    @wilma: Ihr Männer mit eurer Fokussierung oder soll ich sagen Eindimensionalität!
    Was den Herzschlag betrifft, hoffe ich, es sind nur Extrasystolen.
    Unser Eisgusto scheint für unseren Lyrikgeschmack symptomatisch zu sein. Ein, zwei Kügelchen Eis (ohne Sahne) nach einem 8-Gang-Menü, das hat schon was!

    @macin, vielen Dank für deine Gedanken, bist du eine Frau - ich konnte das jetzt anhand seines Profils nicht feststellen? Mir gefällt wie du das liest, vor allem auch das mit der „weiblichen Urkraft/Urmythen“!

    Ich finde das Gedicht gar nicht so wechselhaft, zumindest nicht wirklich ohne System:

    Eine Einführung (V1+2), dann die Beschreibung des Abendhimmels im 2. Abschnitt.

    Im 3. schwenkt die Kamera zum LI und das bewegt sich irgendwo zwischen Himmel und Erde oder zwischen Traum und Wirklichkeit, nicht so wirklich der Schwerkraft unterworfen: zb die Münze "fällt" lautlos, zeigt "kopf und zahl", was auch auf die Quantenphysik verweist. Die Anspielungen auf Märchen (Spindel: langer Schlaf und rot) wird mit dem Bild des Federhuts (ich denke ganz spontan an den gestiefelten Kater) im 1.Abschnitt eingeleitet. Und dieser Federhut soll ganz grundsätzlich die Richtung weisen, also er symbolisiert das Märchenhafte, Fröhliche, Leichte, etwas Exaltierte und vielleicht sogar etwas Affige des Abendhimmels (männl.).
    Und das mit dem Streichholz, brauche ich vermutlich jetzt nicht mehr erklären (?).

    Michel Houellebecqs schreibt (in "Interventionen" in Die schöpferische Absurdität), die Poesie sei ein sympathisches Überbleibsel einer prälogischen Mentalität, der Mentalität des Primitiven oder Kindes. Und: Sie bricht die Ketten des Kausalen und spielt unentwegt mit der Explosivkraft der Absurdität; aber sie ist nicht Absurdität. Sie ist Absurdität, die zur Schöpferin gemacht wird; zur Schöpferin eines anderen, seltsamen, aber unmittelbaren, unbegrenzten, emotionalen Sinnes.

    Und das treibt mich im Moment lyrisch um, auch wenn ich nicht sicher bin, ob ich das verstehe

    Es würde mich freuen, wenn jemand etwas dazu sagen möchte, was er von diesen Ausführungen oben hält.
    ...
    na ja, natürlich auch zu meinem Text, vor diesem Hintergrund

    Lieben Gruß
    albaa

  7. #7
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    ich bin mir nicht sicher, ob monsieur houellebecq mit seinem ausflug in die prälogische mentalität so etwas wie deinen pot-pourri aus quantenphysik und grimms märchen usw. gemeint hat. kann sein, denn ich kenne ihn nicht. kann aber auch nicht sein, denn dein gedicht geht mmn nicht schöpferisch mit absurdem um, sondern versucht, alles unter seine logik zu pressen. eine überladene menükarte eben.
    w27

  8. #8
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    ... dein gedicht geht mmn nicht schöpferisch mit aburdem um, sondern versucht, alles unter seine logik zu pressen.
    Interessante Sicht, die aber in sich widersprüchlich ist. Das Gedicht versucht gar nichts unter "seine" Logik zu pressen, weil es nämlich in sich nicht logisch oder/und das "Geschehen" nicht folgerichtig ist, also ist es absurd; diese Absurdität ist aber schöpferisch:

    zB der Vers mit dem Federhut: Der Abendhimmel trägt keine Federhüte, es geht nicht um die Beschreibung/das Ding (Hut) an sich, sondern um das, was man mit einem Federhut verbindet (siehe oben) und das ist das Schöpferische an diesem absurden Hut, und man könnte darin auch ein Bild für den Abendhimmel sehen auf dem feine Wölcken dahinziehen (auch dieses Bild löst dann wieder angenehme Gefühle aus) - auch das ist ein schöpferischer Gedanke, der in diesem Hutbild/formulierung steckt.

    Du meinst aber vermutlich ohnehin nicht "die Logik des Gedichts", sondern was ich daraus ableite, also meine Meinung über die Bedeutung der verwendeten Bilder bzw. die Vorstellungsbilder. Ja, aber da wird es schwierig, denn wie soll der Autor wissen, welche Vorstellungen andere Menschen mit bestimmten Bildern/Worten verbinden.

    Gerade habe ich Michaels "Krambambuli" kommentiert, ich wusste weder was schüttern heißt noch was betüttern bedeutet, aber ich fand betüttern jedenfalls unerotisch und lächerlich - warum ist das so - prälogisch?

    Lieben Gruß
    albaa
    Geändert von albaa (25.09.2017 um 21:49 Uhr)

  9. #9
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    Hallo Albaa,

    was prälogische Assoziationen angeht, bin ich - glaube ich - ziemlich empfänglich, besonders für die aus der Natur und der Märchenwelt. Und so habe ich vieles in Deinem wunderbaren Gedicht intuitiv erfasst: den Abendhimmel mit seinen Federwolken im Sonnenuntergang, die rauschhafte Stimmung des LI - alles in verwegen schöne Bilder und Sprache gefasst.
    Einzig Münze, Kopf und Zahl konnte ich nicht unterbringen und nachdem ich Deine Erklärung gelesen habe, muss ich sagen, das scheint mir ein bisschen weit hergeholt. Auch nervt es mich zunehmend, dass die Quantenphysik ständig von Leuten in Anspruch genommen wird, die überhaupt nichts davon verstehen.
    Fazit: Wenn Du Münze Kopf und Zahl ersatzlos streichen würdest, hättest Du meine uneingeschränkte Begeisterung für dieses Gedicht.
    Und als Schöpferin käme mir nicht die Absurdität in den Sinn sondern die Kraft der assoziativen Phantasie.

    LG
    Okotadia

  10. #10
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    Liebe Albaa,

    ich weiß nicht, ob sich Erwachsene noch gut an ihre kindliche Gedankenwelt erinnern. Auch wenn ich mich stark konzentriere, fallen mir nur einzelne, unverbundene Bilder ein. Aber die Logik ist zweifellos ein unzuverlässiger Freund der Poesie. Ich glaube, Poesie weist stets auf überraschend einfache Details, die normaler Weise wegen ihrer angeblichen Selbstverständlichkeit unerwähnt bleiben. Logisch! - Einfach muß Poesie allerdings schon sein, sonst versteht sie ja keiner. Spontan fällt mir ein:

    seht ihr den Mond dort stehen
    er ist nur halb zu sehen
    und ist doch rund und schön
    so sind wohl manche Sachen
    die wir getrost verlachen
    weil unsre Augen sie nicht sehn.

    Poesie ist für mich das einfache Nugget im Flußbett, an dem alle vorüber eilen, weil sie dort nur wertloses Geröll vermuten. Wohl deshalb findet jede poetische Zeile tausende Nachbeter, weil diese auf ihren eigenem Wegen wahrscheinlich keine Poesie vermuten. Im Gegensatz zu Picassos: "Ich suche nicht, ich finde." Wobei ich Picasso ja auch als prälogisch empfinde, seit ich ihn in der Doku: "Picasso malt" mit kindlicher Freude und Selbstsicherheit drauf los pinseln sah

    Hingegen dein Gedicht empfinde ich aus der Ferne als recht kompliziert, also verkopft. Obwohl mich meine Freundin zur blauen Stunden nur zu gern auf Anhöhen verschleppt. Doch wenn schon poetisch, dann erzählt mir dein Gedicht eher von dem Versuch, mit gefesselten Gliedern hinter starken Mauern eine alternative Realität zu erdenken. - Wobei dir natürlich frei steht, alternativ bei mir das Schlimmste, nämlich postlogische Primitivität zu vermuten.

    lg
    Geändert von Artname (26.09.2017 um 01:30 Uhr)
    Wortfüsse, wohin ich auch seh!

  11. #11
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    wenn ein kinderlallen den reim ersetzt, dann ist das nicht prälogisch, sondern hat eine geradezu schmetternde logik. trotzdem ist es absurd und, wenn man von langen diskussionen absieht, auch kreativ. ob du darüber lächeln magst, ist dir freigestellt.

  12. #12
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    Hallo Okotadia,
    Vielen Dank! Ich freu mich, über deine positive Beurteilung. Ja, mit der Quantenphysik hast irgendwie recht, sie bekommt so langsam den Status moderner Mystik ---- aber der Wunsch und die Münze gehören zusammen; aber ich werde darüber nachdenken.

    Hallo Artname,
    Danke für deine Einlassung. Ja, Picasso ist ein gutes Beispiel - Figuren, wo kein Körperteil am richtigen Fleck sitzt und trotzdem, gerade durch dieses Auseinandernehmen und wieder auf seine Art Zusammensetzen, entsteht Kunst. P. hat auch Gedichte geschrieben. Leider kenne ich keines.

    Zitat Zitat von Artname
    Doch wenn schon poetisch, dann erzählt mir dein Gedicht eher von dem Versuch, mit gefesselten Gliedern hinter starken Mauern eine alternative Realität zu erdenken.
    Das ist eine Metapher für deine Einschätzung meine Unfähigkeit als Poetin. Hahaha, da muss ich natürlich lachen, dens besser kann man ein Scheitern auf ganzer Linie kaum umschreiben. Eigentlich bleibt nach einer solchen Vernichtung nur noch Harakiri übrig (aber mit gefesselten Gliedern ist auch das schwer möglich).

    Halolallaalall willma!

    Lächeln kann ich noch. Kannst du bitte meine Fessel durchschneiden, und mir dein Messer borgen!!?

    Lieben Gruß
    albaa

  13. #13
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    Das ist eine Metapher für deine Einschätzung meine Unfähigkeit als Poetin. Hahaha, da muss ich natürlich lachen, dens besser kann man ein Scheitern auf ganzer Linie kaum umschreiben. Eigentlich bleibt nach einer solchen Vernichtung nur noch Harakiri übrig (aber mit gefesselten Gliedern ist auch das schwer möglich).
    Na gut, du fühlst dich falsch verstanden, ich mich auch. Also durchatmen, Mund abwischen und weitermachen.

    Gruß

    P.S. : Albaa, ich lese deine Gedichte und Kommentare immer mit positiven Interesse. Ich halte dich für eine Dichterin! Punkt. - Möglicherweise bevorzugen wir unterschiedliche Dichter. Mehr schlußfolgere ich aus diesem Gedicht nicht.

    Lg
    Geändert von Artname (28.09.2017 um 14:39 Uhr)
    Wortfüsse, wohin ich auch seh!

  14. #14
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    Hallo Artname,

    Bevor du deinen Kommentar das X-ste Mal relativieren musst: Keine Sorge, ich lebe noch! Außerdem gibt wilma sein Tantō nicht her.

    LG
    albaa
    Geändert von albaa (28.09.2017 um 21:05 Uhr)

  15. #15
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    mit kinderlallen meine ich wörter wie "betüttern".
    da sehe ich wenig raum für harakiri.
    also nimm deinen bleistift als waffe.
    w27

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