Thema: sentir

  1. #1
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    Arrow An Carl Rogers - sentir

    bücherwände voller toter schreie
    herr gib mir noch ein paar stunden
    ich habe abitur gemacht
    psychologie studiert
    der beischlaf war therapiegespräch
    nach rogers

    den kuss der mutter erekelt
    des vaters grinsen sexualisiert

    gemeinheit der deutschen kälte
    nur bezahlte loben dich

    das dicke arabermädchen
    vermannt
    in schwarzen strumpfhosen

    von ost nach west

    in kopftüchern das
    schwanzhärtende

    bewahren

    das lächeln alis hinterm gemüsestand

    was hält ihn

    normal

    am leben

    gehen nicht sonntags

    graue dauergewellte

    witwen

    zur kirche

    um wie beim friseur

    ihrer leere nie

    zu entkommen



    im ansehen der bungalows münchens
    sich mutter zurückwünschen

    die heisse milch am morgen

    mit haut

    darüber
    Geändert von S69 (27.09.2017 um 20:20 Uhr) Grund: Die Pfarrerzeile entfernt, da pauschal und abwertend.
    Ich schreibe klar aus mir selbst heraus

  2. #2
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    Liebe Sabiene,

    auch wenn das nicht unter „Erotik“, sondern unter „Gesellschaftskritik“ gehört: Chapeau!

    Ich kenne nicht genug Deiner Gedichte, um meinen Eindruck zu belegen: Hier hast Du, statt scheinsoziologischer Momentaufnahmen in lakonischster Sprache, geradezu poetisch geschrieben: „bücherwände voller toter schreie“, „der beischlaf war therapiegespräch nach rogers“ (phantastisch!), „die heisse milch am morgen“ (in Anlehnung an Celan) – wo Dein Text nicht ungeheure Metaphern aufbietet, überrascht er Zeile für Zeile mit den überraschendsten Wendungen. Ich hasse es, wenn die Typografie einem die Übersicht über den Text verwehrt, aber hier unterstützen die Verzögerungen die Pointen: in kopftüchern das / (ja was?) schwanzhärtende (oioi, und jetzt?) / bewahren. Wow!
    … ali … / was hält ihn (ja, wie hält er sich aufrecht? Nein: ) was hält ihn / normal (!, statt auszuticken ?), Nein, was hält ihn / normal / am leben.
    Ich hasse die Staccatobenutzung der Entertaste, hier hat alles seinen Sinn.

    Um das Gedicht weiter zu loben, müsste ich Zeile für Zeile zitieren, also hör ich hier mal auf und wiederhole:

    Chapeau ! Ich wusste das nicht: Du bist eine Dichterin!

    Michael
    .................................................................................................... ..........................
    poetry trifft Poesie, der Slammer Christian Gottschalk als mein Gast "Zum Goldenen Bock", Köln, Do., 25.1.18, 19.30 Uhr

  3. #3
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    Hallo Sabiene,

    Ja, das ist wirklich gut. Ich bin zwar nicht so uneingeschränkt begeistert wie Michael, weil es mir teilweise zu plakativ ist, ein bisschen zu viel Klischees vielleicht:
    vor allem die dauergewellten Witwen und schwulen Pfarrer/ das wird langsam fad; da hättest du vielleicht besser an die "modernen" Mutterkreuzträgerinnen auf AfD-Veranstaltungen denken sollen - da spielt sich doch derzeit die größere Scheinheiligkeit ab, oder?

    Was mir besonders gut gefällt, nämlich wird ganz besonders (wobei der Celan Bezug Schwarze Milch am Morgen, wenn man ihn denn herauslesen will, die Monstrosität der Welt anspielt, der man entfliehen möchte - war das deine Absicht? - das wär mir doch etwas zu viel) ist diese Sehnsuch nacht Einfachheit und Geborgenheit am Ende:

    im ansehen der bungalows münchens
    sich mutter zurückwünschen

    die heisse milch am morgen

    mit haut

    darüber
    Da steckt ganz viel Symbolik drin! (Das Ganze kann natürlich auch eine bloße Scheinidylle andeuten - der Celan-Bezug - die Haut drüber, da müsste dann aber schon wirklich Missbrauch und Gewalt in der Familie vorgefallen sein, worauf das obige Mutter/Vater Bild ja hinweisen könnte) Ich liebe das geradezu - obwohl man das bei der Thematik natürlich nicht falsch verstehen darf.

    und auch das:

    in kopftüchern das
    schwanzhärtende

    bewahren
    Das war nur mein erster Eindruck, ich werde es bestimmt wieder lesen und aufmerksamer als jetzt wo ich bald los muss. Toll jedenfalls, macht mich richtig neidisch

    LG
    albaa
    p.s. Die große Schrift tut dem Gedicht mE nicht gut.
    Geändert von albaa (27.09.2017 um 08:24 Uhr)

  4. #4
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    Dieses Gedicht beeindruckt mich. Ich habe zu jeder Zeile sofort ein Bild. (Gut, Rogers mußte ich ergoogeln). Ich glaube kaum, dass ich das Gemeinte treffe. Und ich bin mir auch nicht sicher, welche Zeilen zusammengehören, um das richtige Bild zu finden. Aber will ich überhaupt richtige Bilder? Ist nicht gerade das ständige Verfließen des Einfachen die Poesie des Lebens? Heißt träumen nicht ergänzen und verstärken? Jedenfalls klettern meine Augen zeilauf, zeilab, zeilauf. Ich vergesse die Zeit, die Autorin, mich selber.

    Was ist der Unterschieden zu deinem vorherigen Gedicht? Ich glaube, jenes interessiert mich einfach weniger. Es passte mir nicht. Ich bin wohl ein Romantiker. Mir fehlte noch Vertrauen - entnehme ich nun dem Vergleich. Das beginnt schon beim Titel. Jener plakativ, dieser rätselhaft: "sentir", was ich kurzentschlossen mit "sich einfühlen" übersetze. Keine Ahnung, ob das stimmt. Aber mein "sentir" fühlt sich leicht an. Es verspricht mir Neuigkeiten, statt Vorurteile...

    ( Da schreib ich nun, umgeben vom toten Geschreie der Dichter. Und sehne mich angesichts deines Bildes nach einem leeren Zimmer mit weiter nichts als einer Rose in der Vase auf dem Tisch. Ich denke über süße und eklige Küsse nach, über sexualisiertes und sexualisierendes Lächeln, wie zu nah oder zu fern mir Mutter und Vater waren, wie nah ich und meine Partner sich beim Sex kamen und kommen, was ich für ein Lob bezahlen muss, wer wohl das dicke Arabermädchen in den schwarzen Strumpfhosen sein mag und warum "vermannen" in meinen Ohren männerfeindlich klingt, wie sexy ein Kopftuch und sein verborgener Inhalt wohl sind, sein könnten oder sein sollten, wie authentisch wohl mein türkischer Gemüsehändler ist, wenn wir jeden Samstag lachend feilschen, (ich verlasse mich auf sein lautes Lachen), lasse mich direkt aus der Metropole auf die Empore meiner fast leeren, kleinstädtischen Kirche entführen, den kindlichem Blick Sonntag für Sonntag auf einige Graulöckchen und Glatzköpfchen und den verheirateten Pfarrer, frage mich, ob sich mein Leben geändert hätte, wäre er schwul gewesen, erinnere mich, dass gerade München für mich eine Stadt ist, voll von Kleinbürgerlichkeit, die mich schon an meiner Mutter störte, und apropos "Mutter": Mutter benutzte beim milchkochen immer so eine Keramikscheibe, die "Milchwunder" hieß. Ein Milchwunder gegen die Haut, die ich eklig fand. Vergangen, vergessen, vorüber... Und nun finde ich dieses Wunder wieder - versteckt in deinem Gedicht. Am krönenden Ende! So simpel wie einfach lieb ich Gedichte. )

    S69, ich liebe Nahaufnahmen. Ich mag es, dank knapper und urteilskräftiger Detailvorgaben gezwungen zu werden, eigene Geschichten spinnen zu müssen. Zu dürfen. Ich mag aufkeimendes Vertrauen. Das ist es, was dieses wundervolle Gedicht aus mir raus holt. Wie du das schaffst, bleibt (zunächst) dein Geheimnis.
    Geändert von Artname (27.09.2017 um 14:36 Uhr)
    Wortfüsse, wohin ich auch seh!

  5. #5
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    Dieses Gedicht beeindruckt mich. Ich habe zu jeder Zeile sofort ein Bild. (Gut, Rogers mußte ich ergoogeln). Ich glaube kaum, dass ich das Gemeinte treffe. Und ich bin mir auch nicht sicher, welche Zeilen zusammengehören, um das richtige Bild zu finden. Aber will ich überhaupt richtige Bilder? Ist nicht gerade das ständige Verfließen des Einfachen die Poesie des Lebens? Heißt träumen nicht ergänzen und verstärken? Jedenfalls klettern meine Augen zeilauf, zeilab, zeilauf. Ich vergesse die Zeit, die Autorin, mich selber.
    Es gibt hier keine richtigen Bilder, alles ist Chaos. Mein Leben ist Chaos, auch wenn ich es bisher unter einer angepassten Decke verstecken konnte.
    ( Da schreib ich nun, umgeben vom toten Geschreie der Dichter. Und sehne mich angesichts deines Bildes nach einem leeren Zimmer mit weiter nichts als einer Rose in der Vase auf dem Tisch. Ich denke über süße und eklige Küsse nach, über sexualisiertes und sexualisierendes Lächeln, wie zu nah oder zu fern mir Mutter und Vater waren, wie nah ich und meine Partner sich beim Sex kamen und kommen, was ich für ein Lob bezahlen muss, wer wohl das dicke Arabermädchen in den schwarzen Strumpfhosen sein mag und warum "vermannen" in meinen Ohren männerfeindlich klingt, wie sexy ein Kopftuch und sein verborgener Inhalt wohl sind, sein könnten oder sein sollten, wie authentisch wohl mein türkischer Gemüsehändler ist, wenn wir jeden Samstag lachend feilschen, (ich verlasse mich auf sein lautes Lachen), lasse mich direkt aus der Metropole auf die Empore meiner fast leeren, kleinstädtischen Kirche entführen, den kindlichem Blick Sonntag für Sonntag auf einige Graulöckchen und Glatzköpfchen und den verheirateten Pfarrer, frage mich, ob sich mein Leben geändert hätte, wäre er schwul gewesen, erinnere mich, dass gerade München für mich eine Stadt ist, voll von Kleinbürgerlichkeit, die mich schon an meiner Mutter störte, und apropos "Mutter": Mutter benutzte beim milchkochen immer so eine Keramikscheibe, die "Milchwunder" hieß. Ein Milchwunder gegen die Haut, die ich eklig fand. Vergangen, vergessen, vorüber... Und nun finde ich dieses Wunder wieder - versteckt in deinem Gedicht. Am krönenden Ende! So simpel wie einfach lieb ich Gedichte. )
    Dieser Text ist an und für sich selbst schon ein Gedicht. Was soll ich dazu sagen?
    S69, ich liebe Nahaufnahmen. Ich mag es, dank knapper und urteilskräftiger Detailvorgaben gezwungen zu werden, eigene Geschichten spinnen zu müssen. Zu dürfen. Ich mag aufkeimendes Vertrauen. Das ist es, was dieses wundervolle Gedicht aus mir raus holt. Wie du das schaffst, bleibt (zunächst) dein Geheimnis.
    Das ist kein Geheimnis - ich schreibe ohne Imitation, klar aus mir selbst heraus.
    Ich schreibe klar aus mir selbst heraus

  6. #6
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    hallo S69,

    habe mir gestern nochmals deine Gedichte nebst Kommentare durchgelesen. Heute meine ich mich zu erinnern, dass Du oft geantwortest hast, du schriebest, wie du schreiben mußt. Und plötzlich stellte ich mir vor, dass in diesen Worten sogar ein leises Bedauern mitschwingen könnte. Denn du gibst viel preis...

    Ich frage mich mein halbes Leben, warum die meisten Menschen auch dann nur Harmloses und Geschöntes preisgeben, wenn sie vorgeben, mit offenen Karten spielen zu wollen. Und dann bin ich froh, Gedichte wie deine zu lesen zu können, die sich äußern, ohne spürbar den Umweg über einen kleinsten akzeptablen Nenner zu suchen. Die ich wirklich als bewußt, ehrlich, aufrichtig und konsequent formuliert empfinde.

    KLAR aus sich selber heraus zu schreiben: Ein schönes und anschauliches Schreibziel.
    Wortfüsse, wohin ich auch seh!

  7. #7
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    Hi Sabiene, alles normal eben und doch der totale Wahnsinn, dabei, mit offenem Mund und Sehnsucht. Bravo. MfG, Lorenz
    ausgezogen
    um die welt zu sehen - der versuchung zu entgehen - und sich selber zu verstehen
    lebenslinien wie mäander - führten beide zueinander - wurden voneinander
    angezogen

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