1. #1
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    Gegen das Böse

    Unbekannte Riesenfreude,
    du bist so, dass ich fast heule,
    schickst mich tanzend auf den Weg.
    Links und rechts sind schöne Wiesen,
    voll von schönen Blumensprießen,
    das hab ich noch nie erlebt!

    Windig weh ich wie ein Reiter,
    über Wiesen weit und weiter
    durch die ganze Weltenluft.
    Ich will schöne Lieder singen,
    Zeiten nur noch froh verbringen,
    riechen nur des Glückes Duft!

    Mit den Menschen fühl ich Freude,
    Einsamkeit ist Zeitvergeude,
    Einsamkeit heißt Trauer siegt.
    Heut seh ich im Menschenflusse
    nur noch Liebe, gleich dem Kusse,
    einer Biene für die Blüt!

    Früher ließ mein Herz sich gängeln,
    wusste nichts von Freudenengeln,
    wusste nur was Teufel sind.
    Gutes will es nur noch lieben,
    Böses lässt es nimmer siegen,
    Kämpfen wird es Freudgedüngt!

    Bös bist du Geschöpf und mistig,
    fies, gemein und hinterlistig,
    schleichst dich heimlich an mich ran.
    Doch ich kann dich Ekel riechen,
    mich zum Schutz vor dir verkriechen,
    greif dich aus der Deckung an!

    Zeit für dich, jetzt musst du weichen,
    viel zu lang standst du gleich Eichen
    vor mir und in meiner Sicht.
    Du warst wirklich widerwertig,
    doch mit dir bin ich nun fertig,
    steche zu – aus dir strömt Licht!

    Da erstrahlt das Licht der Liebe
    dir vom Herzen, bildet Triebe,
    schimmert wie ein Sternenschweif.
    Wärme schmilzt dein böses Leben,
    Gutes, danach sollst du streben,
    lächeln tust du, als Beweis!

    Alles Gute soll gedeihen,
    froh nur soll die Menschheit seien,
    Trauer führt sie in ein Loch!
    Glücklich soll sie lieber lachen,
    Gutes gar noch besser machen,
    jeder sei des Glückes Koch!

    Fröhlich, tanzend, dabei lachend,
    allem Bösen Beine machend,
    steig ich ab in seine Gruft.
    Steig empor heraus als Sieger,
    tanze, lache, singe wieder,
    denn das Böse ist verpufft!

    Anmerkung zum Gedicht:
    Warum schreibe ich das hier rein?
    Das Thema des Gedichtes ist sehr alt (ich schrieb es vor 16 oder 17 Jahren, als ich 17 war). Ich hatte es jedoch letztes Jahr einmal grundüberarbeitet. Ich kann mich nicht von dem Gedanken lösen, dass es pathetisch, übertrieben und Klischeehaft geworden ist. Ich fühlte mich irgendwie ... "wirkungsvoll" als ich das schrieb, als wolle ich die Welt verändern wollen (ich habe viel Friedrich Nietzsche gelesen, zu der Zeit als das Gedicht entstand).

    Weil ich nicht weiß, ob mein Gefühl mich da trügt, bitte ich um Hilfe bei der Einschätzung, ob es wirklich so ist, wie ich denke. Ist darin überhaupt Substanz? Es stammt einfach aus einer Zeit, als ich die Welt in Gut und Böse geteilt habe, ohne Grauzonen und ich wollte das Alles ändern, dass Böse abschaffen. Technisch meine ich ist es halbwegs ausgereift, aber ist die Thematik nicht ... völlig überzogen? Hier sollen Gut und Böse kämpfen, das lyrische Ich bekämpft das böse. Kommt das heraus? Sollte ich einige Strophen streichen? Ist die Form überhaupt angemessen?

    Danke für eure Mithilfe.

  2. #2
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    Hey MiauKuh, von mir kriegst du eine Meinung - meine...
    Also, die Sprache klingt teilweise pathetisch, aber an manchen Stellen auch leicht und einfach fröhlich. Achte ich nur auf den Inhalt, dann bin ich beeindruckt, dass ein 17-jähriger ein solches Plädoyer für Freude, Liebe und Leichtigkeit hinlegt in einer Lebensphase, die als problembelastet gilt. Da du das Böse und Schlechte nicht konkret benennst, habe ich überhaupt kein Problem mit etwas schwarz/weiss. Das LI will also das Böse bekämpfen? Nach der S1 dünkt mich, es ist schon auf der Sonnenseite angekommen. Mir gefällt der Glaube an das Gute, der aus dem Text spricht.
    Mit einem Lachen ist das Leben leichter. Ich mag also die Aussage des Gedichts, formal ist es mir mit Wörtern wie freudgedüngt zu prunkig. Ich denke, da könnte man mit wenig Aufwand etwas Samt und Blattgold entfernen.
    E liebe Gruess, gugol
    ausgezogen
    um die welt zu sehen - der versuchung zu entgehen - und sich selber zu verstehen
    lebenslinien wie mäander - führten beide zueinander - wurden voneinander
    angezogen

  3. #3
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    Zitat Zitat von Gugol Beitrag anzeigen
    Hey MiauKuh, von mir kriegst du eine Meinung - meine...
    Also, die Sprache klingt teilweise pathetisch, aber an manchen Stellen auch leicht und einfach fröhlich. Achte ich nur auf den Inhalt, dann bin ich beeindruckt, dass ein 17-jähriger ein solches Plädoyer für Freude, Liebe und Leichtigkeit hinlegt in einer Lebensphase, die als problembelastet gilt. Da du das Böse und Schlechte nicht konkret benennst, habe ich überhaupt kein Problem mit etwas schwarz/weiss. Das LI will also das Böse bekämpfen? Nach der S1 dünkt mich, es ist schon auf der Sonnenseite angekommen. Mir gefällt der Glaube an das Gute, der aus dem Text spricht.
    Mit einem Lachen ist das Leben leichter. Ich mag also die Aussage des Gedichts, formal ist es mir mit Wörtern wie freudgedüngt zu prunkig. Ich denke, da könnte man mit wenig Aufwand etwas Samt und Blattgold entfernen.
    E liebe Gruess, gugol
    Dankeschön Gugol!
    Hab ichs doch gewusst, es ist pathetisch! Ha! Ich wette es lag an Nietzsche und meiner Grundstimmung damals. Fröhlich und "Verändern wollend". Ja ich war ja damals auch auf der "Sonnenseite", wie du schreibst. Bis ich dann böse gestürzt bin, dann war alles für eine Weile wieder kaputt im Kopf. Wenn es dir gefällt, will ich Milde mit dem Text walten lassen und ihn aus meiner "Jugendgedichte - überarbeitet" Ordner rauspulen und ... doch noch einmal draufschauen.

    Ich habe, da du so nett warst und mir eine Antwort auf mein Anliegen geschrieben hast, nach einer längeren CD-Suchaktion die 16 Jahre alte Fassung rausgekramt (!). Damals habe ich nie ein Gedicht überarbeitet. Das war mein "Vorsatz". Wie gut das ich mittlerweile davon abgewichen bin ...

    So ist es, ohne Ahnung von Metrum und allem nunmal damals für mich gewesen, Grammatik war auch noch nie meins :°( Trotzdem. Sicherlich ist es interessant zu sehen, wie sich alles verändert.

    Eine uneinheitliche Strophenform, verkorkste Reime, all das habe ich letztes Jahr ein bisschen geändert und grade gezerrt.
    Die Grundstimmung ist erhalten geblieben. Prunkig? So,so. Ich schrieb noch so ein Gedicht. Heute klingt es mir selber ein bisschen wie "Jugendhochmut" ... Wie auch immer ich fühlte mich als wüsste ich, was ich wollte.

    Hier also speziell für dich Gugol, und alle die es interessiert, die Urfassung davon.
    Ich möchte mich hier selber an Willkommen und Abschied von Goethe erinnern. Die Urfassung ist fern von dem, was sie letztlich war. Hey, da schreibe ich es ja grade selber, ändern ist erlaubt! Was habe ich mir nur als junger Bengel gedacht, meine Gedichte nie wieder zu überarbeiten ...

    Sonnenaufgang der Seele

    In der tiefen Welt der Stille,
    denken wir nur vor uns hin,
    langsam ohne derbes Gebrülle,
    wandert es uns in den Sinn.

    Wir tanzen langsam in den Röcken,
    tiefer durstiger Leidenschaft,
    wir raffen uns der Liebesböcken
    große herrlich’ Menschenkraft!

    Wir tanzen hier und reisen dort,
    lachen aus und schwinden,
    sehen die böse Wiedergeburt.
    Wissen nicht wo zu finden.

    Ach oh weh du Riesenfreude,
    Liebste komm zu mir – ich heule!
    Tanzend wandere ich auf Wegen
    tiefer wunderschöner Pracht,
    erteile allem was ich acht,
    meinen großen Menschensegen!

    Ich renne nun und fliege weiter,
    lasse mich und all die Reiter,
    ihre großen Lieder singen,
    lass sie Menschenlieder trödeln,
    lass sie mich und dich verblödeln,
    lass sie mich um Nächte bringen!

    Heile da und hier die Leute,
    lass sie hier und da doch gehen,
    denn ich weiß, dass es gefällt –
    sehe heut in jeder Welt, jedem Flusse,
    stets der der Liebe gleich dem Kusse,
    Menschen feiern durch die Welt.

    Grob lass ich mich nicht mehr drängeln,
    Ach was wollte mich verengen,
    weiß ich nun worum ich bestimmt.
    Lasst mich kämpfen, lieben, leiden,
    lasst mich alle Brücken sprengen,
    ha! ich bin mit Freude gedüngt!

    Heil da Geschöpfe es ist aus,
    ich weiß nun mehr wofür es ist!
    Ich weiß worum der Sinn der Sache,
    in der großen Stadt so lange,
    in der ich gleich so tief und bange-
    langsam immer vor mich schritt.

    Nun lasst mich gehen und auch drehen,
    so lasst mich meine Wege verstehen.
    Ich werde bangen, schluchzen, weinen,
    auch werden neue Wege keimen,
    und sei es ein schwerer Weg da noch,
    so werd auch ich mich immer reimen!

    Tief unten in der Schlucht,
    lachen Gott und Teufel, voller Wucht.
    Sie wissen es beide, es ist nun geschehen,
    müssen nun langsam Anderer weichen,
    standen sie doch so lange gleich Eichen,
    werden sie beide nun nicht mehr gesehen.

    Was auch immer gleich den Welten,
    tiefer in die Schluchten stürzt,
    ist nicht sicher, wird wohl welken,
    denn es ist gleich diesen Welpen,
    die da liegen in dem Neste,
    tief dort unten wo das Feste,
    langsam die Moralen würzt!

    Lasst sie alle neu gedeihen,
    fröhlich froher Menschenwahn -
    lasst mich alle Brücken sprengen,
    mögen Wege nie verengen,
    ach was soll das doch!
    Ich werde weise, werde lachen,
    wohl wird alles noch zerkrachen,
    und wahnsinnig noch!

    Doch soll dies sein und ist es gut,
    lock ich hier mit neuem Mut,
    denn das Böse und das Gute,
    Gott und Teufel, die beiden Mute,
    sind gefallen, nun auch für mich,
    hach was ist dies herrelich!

    Lachend tanze ich nun weiter,
    jenseits der Welten, wie ein Reiter,
    es gibt und gab hier keine Wunden.
    Hoch surren noch die Lichter,
    denn dieser Dichter, er ist Richter,
    hat gar dieses Lied gesungen.

    Fröhlich! Tanzend! Lachend!
    Alten Werten Beine machend,
    begebe ich mich in die Gruften,
    um dann aufzustehen wieder,
    Haha! ich komme immer wieder,
    auf das alte Werte pufften!

  4. #4
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    Hallo M.K.

    Süß ist das,, vielleicht sollte man wirklich mit über 20 keine Gedichte mehr schreiben (wie Rimbaud) ; im übrigen mag ich trochäische Vierheber sehr gerne, weil sie so schön dahingrooven, hier passt das sehr gut (in wenigen Stellen hakt es noch ein bisschen), die handwerklich Überarbeitung hat sich vermutlich ausgezahlt - sage ich jetzt einmal ohne die Urversion zu kennen.

    LG
    albaa

  5. #5
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    Hallo Miaukuh,

    ich lese eine 4hebige Ballade auf trochäischen Versfüßen mit teils reinen, teils unreinen Paar- bzw Kreuzreimen. Syntaktisch gesehen handelt es sich überwiegend um einfache Aussagesätze, also um parallele Satzkonstrukte, was für mich schon mal die Tendenz zum Leiern begünstigt. Auffallend auch, dass manche Reime noch recht gängig und inhaltlich voraussehbar sind. Selbst Liebe|Triebe dürfen munter mit fabulieren.

    Der Inhalt wird sehr allgemein dargeboten. Die Gegenparts sind irgendeine Freude (heute) und irgendetwas Böses (früher) schlechthin. Das Gute und das Böse werden nicht gleichzeitig in die Arena geschickt, sondern sauber von einander getrennt, nacheinander. Eine derartige Einteilung in gut und böse ist mir leider etwas zu naiv, um mich über 36 Verse gut unterhalten zu können.

    Wenn ich von mir ausgehe, hatte auch ich mit 17 viel stärker das Bedürfnis, gut und böse zu trennen. Heute sehe ich im Guten (leider) gleichzeitig auch Böses und umgekehrt. Um meinen einzelnen Gefühlen poetisch auf die Spur zu kommen, brauche ich automatisch eine recht konkrete Vorlage! Egal ob diese im Gedicht auftaucht oder nicht! Aber ich denke, ich deute sie wenigstens an. - Ich schrieb schon immer, von Popmusik inspiriert, recht konkret. Aber mit den Jahren wird der konkrete Bezug für mich zwingend Motiv und Wegweiser beim Schreiben.

    Richte ich die Lupe auf meine Gefühle, dann sind diese fast immer gemischt. Ein Königreich für ein anhaltend reines Gefühl! . Und so gefällt mir an deinem Gedicht paradoxer Weise deine Lust, so ausführlich über reine Gefühle zu schreiben. Du siehst: mein Kritikergeist ist willig - allein, mir fehlt der Glaube.
    Geändert von Artname (11.10.2017 um 09:39 Uhr)
    Wortfüsse, wohin ich auch seh!

  6. #6
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    Red face

    Zitat Zitat von Albaa Beitrag anzeigen
    Hallo M.K.

    Süß ist das,, vielleicht sollte man wirklich mit über 20 keine Gedichte mehr schreiben (wie Rimbaud) ; im übrigen mag ich trochäische Vierheber sehr gerne, weil sie so schön dahingrooven, hier passt das sehr gut (in wenigen Stellen hakt es noch ein bisschen), die handwerklich Überarbeitung hat sich vermutlich ausgezahlt - sage ich jetzt einmal ohne die Urversion zu kennen.

    LG
    albaa
    Hi albaa!

    Dankeschön für deine Worte hierzu. "Süß" klingt, als wäre das Gedicht recht naiv auf dich wirkend. Im Grunde war ich das ja auch, die Textliche Überarbeitung aus der Urversion (die übrigens in Post #3 zu lesen ist) hat die ursprüngliche Stimmung und viele der Reime beibehalten. Trochäische Vierheber, jaja! Ich hatte sie mir bei dem einzigen Dichter, den ich mit 17-18 wirklich "las" abgeguckt: Friedrich Nietzsche. Allerdings habe ich mich selber wieder eingemischt und in der Urversion keine einheitlichen Strophen geschrieben und das Metrum war ja auch hinüber. In der überarbeiteten Fassung, die du kommentiert hast, sind diese Dinge einheitlich gemacht worden. Die Stimmung blieb hoffentlich gleich, jedoch ist auch sie schon abgemildert, fürchte ich. Über Rimbaud mache ich mich mal schlau. Da bin ich ja sehr gespannt, über 20 keine Gedichte mehr.
    Danke!

    Liebe Grüße.

    Zitat Zitat von Artname Beitrag anzeigen
    Hallo Miaukuh,

    ich lese eine 4hebige Ballade auf trochäischen Versfüßen mit teils reinen, teils unreinen Paar- bzw Kreuzreimen. Syntaktisch gesehen handelt es sich überwiegend um einfache Aussagesätze, also um parallele Satzkonstrukte, was für mich schon mal die Tendenz zum Leiern begünstigt. Auffallend auch, dass manche Reime noch recht gängig und inhaltlich voraussehbar sind. Selbst Liebe|Triebe dürfen munter mit fabulieren.
    Hey Artname, vielen Dank für deine exakte und ausführliche Analyse meines Gedichtes.
    Ich gehe, weil du so viele Punkte angesprochen hast, nacheinander auf alle ein. Es ist schön so viele Punkt darin ansprechen zu dürfen, so etwas habe ich mir gewünscht.

    Wo du es anmerkst: ja tatsächlich unreine Reime! Das Reimschema jeder Strophe ist [a a b c c b], auf die passenden Silbenlängen und ein eingehaltenes Metrum habe ich geachtet. Die Reime sind jedoch wirklich, aus jetziger Sicht, nicht immer klanglich schön gewählt. Du siehst in dem Text viele einfache Aussagesätze, "parallele" Satzkonstrukte (wie du das meinst, verstehe ich nicht), was das Leiern begünstigt. Dir fehlt die Dynamik der Sätze? Kurze, lange, wendige. Überraschungen sind ja ganz raus, es ist eine einheitliche VorsichhinStrophendichtung ohne jegliche Abwechslung im Schema. Ja, das muss leiern. Die Reime sind "vorraussehbar". Das würde mich in einem "heute" von mir gedichteten Werk treffen, weil es dann ja: "Reim um des Reimes willen" wäre, nicht um des Inhalts Willen und das möchte ich nicht mehr. Danke für den Hinweis genau darauf.

    Zitat Zitat von Artname Beitrag anzeigen
    Der Inhalt wird sehr allgemein dargeboten. Die Gegenparts sind irgendeine Freude (heute) und irgendetwas Böses (früher) schlechthin. Das Gute und das Böse werden nicht gleichzeitig in die Arena geschickt, sondern sauber von einander getrennt, nacheinander. Eine derartige Einteilung in gut und böse ist mir leider etwas zu naiv, um mich über 36 Verse gut unterhalten zu können.
    Zu der Zeit, als ich so 17-19 war, befasste ich mich sehr viel mit Friedrich Nietzsche, habe sehr viel von ihm und Moral und besonders Gut und Böse gelesen. Das hat mich derart beeinflusst, dass ich schon zu dieser Zeit einen kleinen Gedichteordner mit "Gut und Böse" auf dem Computer hatte. Nichts davon wäre heute irgendwie dem Thema angemessen, aber ich habe mich intensiv damit, auch auf dichterischer Ebene, befasst. In meinem jugendlichen Hochmut und meiner extremen Art, überschwänglich zu schreiben (zu dieser Zeit), metaphorös und voller Beschreibungen die ich ja selbst kaum verstanden habe, kam wohl dieses Gedicht heraus. Das Gedicht ist wohl eher meine Unterhaltung geworden, als die eines anderen. Das Gedicht ist vermutlich eher ein Zeugnis meiner Befassung mit der Thematik.


    Zitat Zitat von Artname Beitrag anzeigen
    Wenn ich von mir ausgehe, hatte auch ich mit 17 viel stärker das Bedürfnis, gut und böse zu trennen. Heute sehe ich im Guten (leider) gleichzeitig auch Böses und umgekehrt. Um meinen einzelnen Gefühlen poetisch auf die Spur zu kommen, brauche ich automatisch eine recht konkrete Vorlage! Egal ob diese im Gedicht auftaucht oder nicht! Aber ich denke, ich deute sie wenigstens an. - Ich schrieb schon immer, von Popmusik inspiriert, recht konkret. Aber mit den Jahren wird der konkrete Bezug für mich zwingend Motiv und Wegweiser beim Schreiben.
    Aber deine Ansicht ist doch Yin-Yang mäßig, Artname. Im guten ist böse und im bösen ist das Gute, so denke ich heute auch. So extrem würde ich nicht mehr schreiben, gar nicht mal über dieses Thema. Die SchwarzWeiß-Sicht ist verschwommen zu einem mehr grauigem Gebilde. Durch deine Hilfe habe ich zumindest den Schatten einer Ahnung bekommen, wovon du hier über Motiv und Wegweiser beim Schreiben schreibst. Bleib bei einem und einem Thema!

    Zitat Zitat von Artname Beitrag anzeigen
    Richte ich die Lupe auf meine Gefühle, dann sind diese fast immer gemischt. Ein Königreich für ein anhaltend reines, dominierendes Gefühl! . Und so gefällt mir an deinem Gedicht paradoxer Weise deine Lust, so ausführlich über dominierende, reine Gefühle zu schreiben. Du siehst also: mein Kritikergeist ist willig - allein, mir fehlt der Glaube.
    Es ist auch schwer. Da lese ich Vermischung heraus, ineinandergreifende Zahnräder, weil alles irgendwie zusammenhängt.
    Dein vorletzter Satz mit "ausführlich über dominierende, reine Gefühle zu schreiben", erinnert mich an meine Jugendjahre und die Gedichte, die andere junge Menschen im jungen Alter schreiben. Das sind, finde ich, oft sehr reine Gedichte, noch unschuldig vom Leben geschriebene. Einige sind davon wirklich Perlen. Manchmal kommen sie mir vor, wie die von Goethe oder Schiller, in ihrer Aussagekraft meine ich, nicht in ihrer Weisheit natürlich, wie könnte jemand die in so jungen Jahren haben. Aber die Aussagekraft, das direkte Erreichen von einer Gefühlsregung bei mir, das geschieht bei Gedichten durch junge Menschen oft häufiger bei mir, als bei Dichtungen älterer Menschen. Zumindest wenn es um "Empfindungen" geht, die beschrieben werden.

    Vielen Dank noch mal, Artname, für deinen langen, ausführlichen und hilfreichen Kommentar.
    Ich weiß jetzt das Gedicht durch sowohl dich, gugol und auch albaa besser einzuordnen.

    Liebe Grüße!
    - Werner.

  7. #7
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    Lieber Werner,

    vielen Dank für deine offene Reaktion.

    zu den Reimen:

    Der Schweifreim (aabccb) liest sich natürlich nicht so flüssig wie etwa Kreuzreim oder gar Paarreim. Bei 36 Zeilen verliert man als Leser schnell die Konzentration. Und wenn dann die Reime oft unrein sind.... (zwischendurch war ich in Urfassung geraten. Dort war das Reimschema völlig unklar)

    Ich habe ansonsten nichts gegen unreine Reim oder Assonanzen. - Mein wichtigster Anspruch an Reime ist, ob sie mich nach Möglichkeit überraschen. Mal aus der Hüfte geschossen:
    a) entweder das Reimwort ist überraschend (Windig wehe ich als Reiter / über Wiesen wie kein zweiter. Hier habe ich auch die Allitertation berücksichtigt. )
    b) oder der inhaltliche Zusammenhang überrascht mehr oder weniger. (Windig wehe ich als Reiter / immer mutig und so weiter/)

    Du schreibst, ein vorhersehbarer Reim sei „Reim des Reimens willen“. Das sehe ich etwas gnädiger. Wir werden von jedem Versende automatisch manipuliert. So gehören „Reiter“ und „weiter“ durchaus in eine logische Kette von Bewegung. Das geht wohl jedem so. Man sollte eben mehrmals über seinen Text gehen. Am besten dann, wenn sich die erste Euphorie gelegt hat. Und dann eben hier und da nach raffinierterem Lösungen suchen


    Zur Satzstellung:


    Du verwendest AUSSAGESÄTZE. Enweder Subjekt Prädikat Objekt (SPO) oder OPS. Das nenne ich parallelen Satzbau. Aussagesätze haben einen sachlicherer Tonfall als Fragesätze oder Ausrufesätze. Letztere fehlen bei dir gänzlich. So kommt man beim !esen in einen leiernden Tonfall.

    Syntaktische Abwechslung kann viel Abwechslung bringen. Bei dir heißt es „Einsamkeit ist Zeitvergeudung“ SPO das kann man auch Umdrehen:
    Einsamkeit ist Zeitvergeudung
    Zeitvergeudung Einsamkeit

    Oder nimm mal das Enjambement + Zäsur. In der anderen Version heißt es in Strophe 4 u.a.:
    Tanzend wandre ich auf Wegen
    tiefer wunderschöner Pracht

    Es ginge aber auch:

    Tanzend wandre ich auf Wegen
    tiefer. Was für eine Pracht!

    zu Inhalt und Aussage

    Ich habe auch nix gegen Schwarz-Weiß-Vergleiche. Die Form muss eben zum Objekt passen. Einem Spielewürfel muss ich keine farbigen Seiten verpassen. Ein Träumer soll ruhig schwelgen. Ein Bösewicht ruhig abgrundtief böse sein. Das Mittel ruhig dem Zweck dienen. Hauptsache ist, man macht sich als Autor dann und wann den Zweck bewußt.

    Ich versuche gerade, mir MEIN jugendliches Schreiben vorzustellen: Ich bin voller Selbstzweifel, fühl mich böse dran–>suche Rat bei Nietsche—>der schreibt so klug über gut und böse, und plötzlich versteh ich die Welt–>plötzlich fühle ich mich klug... und gut–> Hurra, die Zeit der bösen Zweifel ist vorbei–> und da ich sowieso ein Gedicht schreiben wollte...—> schreibe ich begeistert über meine ungeheure geistige Reifung.... Und so verwirren sich Schreibanlass und Schreibmotiv zunächst köstlich... aber nach Jahren eher nur noch komisch Heute suche ich beim Lesen fremder Zeilen keine Antworten mehr, sondern lediglich einen ehrlichen ( oder wenigstens formal geschickten) Einstieg in das Wirrwarr meiner Gedanken und Gefühle.


    lg
    Geändert von Artname (11.10.2017 um 19:18 Uhr)
    Wortfüsse, wohin ich auch seh!

  8. #8
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    Zitat Zitat von Artname Beitrag anzeigen
    Lieber Werner,
    Ich bin voller Selbstzweifel, fühl mich böse dran–>suche Rat bei Nietsche—>der schreibt so klug über gut und böse, und plötzlich versteh ich die Welt–>plötzlich fühle ich mich klug... und gut–> Hurra, die Zeit der bösen Zweifel ist vorbei–> und da ich sowieso ein Gedicht schreiben wollte...—> schreibe ich begeistert über meine ungeheure geistige Reifung.... Und so verwirren sich Schreibanlass und Schreibmotiv zunächst köstlich... aber nach Jahren eher nur noch komisch
    Ach Artname,

    da hast du aber gut getroffen, mit deinen Worten hier. Ich möchte dir dafür danken, dass du sie gesagt hast. Irgendwie spiegeln sie schon einen guten Teil dessen wieder, wie es mir so ginge und also wohl auch ganz vielen anderen Menschen, denn sowas wiederholt sich.

    Deinen Schlusssatz, finde ich sehr schön, den hatte ich sogar an meine Frau weitergegeben. Er ließ mich auch über meine Gründe dafür, warum ich Texte lesen nachdenken.

    Letztlich ist das Gedicht in seiner Urfassung eine Katastrophe, ganz jugendlich und in der überarbeiteten Fassung zwar herausgearbeitet, aber ebend auch nicht mehr als es ist. Das ist in Ordnung. Das habe ich jetzt auch begriffen.

    Meine eingehende Frage, warum das hier eigentlich in der Werkstatt steht, ist für mich auch beantwortet, durch alle Kommentare hier.
    Ich habe Meinungen dazu bekommen und ich glaube grade den Fransen zu ergreifen: alles hat seine Zeit, auch das Gedicht seine.
    Eine Überarbeitung war nicht nötig, es war nicht mehr darin, als da steht, ob nun in schick mit ordentlicher Form, oder halt in straffgezogen ...
    das ist in Ordnung.

    Herzlichen Dank für deinen Beitrag,
    Artname.

    - Werner.

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