1. #1
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    An einem Nachmittag in Köln

    Seit zwei Wochen führt mein Gipsarm mich gelangweilt spazieren.
    Heute zog es ihn zu einem begrünten Weg zwischen Häuserzeilen. Beliebt bei Stadtbewohnern mit Hunden.

    Eine alte Frau kommt mir mit einem entgegen. Undefinierbare Rasse. Langer Körper, kurze Beine, Schwanz schön hoch für freie Sicht aufs Arschloch.

    "Wat han Sie denn jemaach? Jefallen?"

    "Ja, mit dem Fahrrad. Gebrochen."

    "Wou. Isch bin och jefalle letz. Do hinge." zeigt auf die Stelle. "Beide Ellenbogen kapores. Un die Knie dun et och nit mieh. Der Aaz hät jesaat: "Entweder Spritze, Ackepunktur oder ... Prothese für beide Knee".

    "Letzteres, ...", so beginnt mein zum Scheitern verurteilter Versuch, aktiv am Gespräch teilzunehmen. "... sollte man so lange wie möglich rauszögern".

    Mehr Text krieg ich nicht.

    "Dä Hund han isch aus Rumänien. Dä es eso ruhisch, mit dem han isch kein Arbeid, der hält fit. Eigentlich möt isch für dä Hund vom Amt ene Zuschuss krijje. Die Flüschlinge krijje ija och Jeld, wisu mi Hund dann nit? Isch hatt och zwei Wellensittische. Die han isch nem Freund jeschenkt, der is behindert, singe zwei Penz och, die sin och behindert. Do han die die Wellensittische flejelossedatmüssenSesischensvorstellen!!"

    Ich krieg meine Augen nicht vom Barthaar der Lady abgelenkt. Borsten. Über der Oberlippe, unterm Kinn ... In alle Richtungen weisend.

    "Die Wellensittische wohren janz zahm. Die han esu jän an minge Hoor am Kinn jezoore. Isch han jo he esu Hoor" und zeigt auf den Urwald an ihrem Kinn. "Dat han die esu jän jemaat."

    "Ach." sage ich und "So. Ich muss dann jetzt weiter."

    "Ene schöne Dach noch" hör ich.

    "Ja." Sag ich, schon im Weggehen.

    Es liegt wohl mehr als 30 Jahre zurück, als mir eine Psychologin eimal sagte: "Sie dürfen eine Situation auch ruhig verlassen, wenn sie Ihnen nicht behagt."

    Heute war es dann endlich so weit.
    Heute war der große Tag.
    Geändert von Richmodis (11.10.2017 um 22:56 Uhr)
    "Frauen haben auch ihr Gutes"
    Loriot

  2. #2
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    Hallo Richmodis,

    nee, was hab ich gelacht … Ich habe eine gefühlte ½ Stunde für die „Übersetzung“ des Textes von der bärtigen Dame gebraucht.
    Bei manchen Gesprächspartnern kommt man einfach nicht zu Wort. Ich kenne das auch. Fünfmal Luft holen, um einen Satz zu sprechen und immer noch keine Chance zum Reden ...

    Du fandst die Situation sicher nicht lustig, aber ich hatte Spaß beim Lesen.

    Alles Gute für Deinen gebrochenen Arm.

    Liebe Grüße
    Dabschi
    Man trägt das vergangene Schöne wie ein kostbares Geschenk in sich.
    (Dietrich Bonhoeffer)

  3. #3
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    Hallo Dabschi,

    nun, ich verließ das Geschehen mit einem Anflug von denzenter Übelkeit und in Wiederholung vor mich hinmurmelnd: "kann nicht wahr sein ... gibts denn sowas ... war das jetzt real ... ".

    Meine erste persönliche Hürde habe ich heute - dem Ratschlag von vor 30 Jahren folgend - genommen, indem ich die Dame mitten im Redeschwall stehen ließ.

    Lass nun noch weitere 30 Jahre ins Land ziehen. Dann werde ich ihr raten, aus Ihrem Barthaar einen Zopf zu flechten. Und ein Schleifchen drumzubinden.

    Jedenfalls hast du Spaß gehabt. Das freut mich.

    Lieben Gruß und danke für deine Genesungswünsche
    Richmodis
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    Loriot

  4. #4
    Verbalcarpaccio ist offline redseliges rohes raspelrindfleisch
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    Hallo Richy,

    auch ich hatte meinen Spaß. Zunächst mal am Dialekt - der ist echt niedlich. Und dann noch (womit ich gar nicht mehr gerechnet habe) mit deiner köstlichen Konklusion "Heute war es dann soweit..."

    Und ob das nun real war oder erfunden wurde, darüber will ich eigentlich gar nicht nachdenken. Irgendwo habe ich mal gelesen: "Wahr ist, was der Leser für wahr hält" So oder sinngemäß so.

    lg VC
    x
    xXx
    X
    x
    *Z³ - zensiertes zentriertes Zitat in unregelmäßigem Metrum


  5. #5
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    Hallo VC,

    Merci.

    Der niedliche Dialekt ist "kölsch". Ich selbst beherrsche es nicht, da ich aus dem Umland von Köln stamme, wo schon ein anderer Dialekt gesprochen wird. Ich verstehe es zwar, spreche auch etwas (mehr schlecht als recht), aber die Schriftform ist mir in weiten Teilen fremd ... Daher musste ich für meinen allerersten Prosatext das Übersetzungsprogramm "Kölsch-Deutsch" bemühen..

    Und: Die Geschichte ist wahr, so wahr ich hier stehe (äh. liege, derzeit).

    Liebe Grüße
    Richy
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    Loriot

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