1. #1
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    Das Alptraumlein

    Ein Hündchen kommt an mir vorbei,
    gefolgt von Kätzchen, derer drei.
    Ein Schäflein steht am Wegesrand,
    durchs Fell ich streich, mit meiner Hand.

    Dem Blick nun plötzlich wird gewahr,
    ein Bienchen bietet mir sein Ärschlein da.
    Der Stachel, ich seh ihn noch kommen
    ins Äuglein mir fährt, fern nun all die Wonnen.

    Der Blick getrübt von tausend Tränchen,
    Mein Sinn streicht bald das letzte Fänchen,
    von oben naht eine Hand voll Früchtchen,
    gleich trifft es mich, den wahrlich Tüchtgen.

    Kastanien sind's in ihrem Kleidelein,
    bohren sich mir ins weiche Fleischlein rein.
    Am Buckel hängt mir jetzt die Schar,
    Da wird mir meine Nacktheit klar.

    Der Nacken schwillt nun ebenfalls
    Das Gift der Biene kriecht zum Hals.
    Ich stolper weiter im warmen Sonnenlicht,
    Nach vorn und klar, ich seh ihn nicht

    Den Skorpion mit seinem langen Hinterteil,
    auf meinem Weg, bietet er was spitzes Feil.
    Mein Füßlein rauscht von oben drauf,
    Ein neuer Schmerz flammt unten auf.

    Da fall ich in ein Loch vor mir,
    Dort wimmelt mannigfaltig Schlangentier.
    Am Rand, ich seh ihn grinsend in 'nem Karren,
    Gevatter Tod, mit seinem Senslein harren.

  2. #2
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    Hallo tassilok,

    dein Gedicht fängt metrisch vielversprechend an, lässt dann aber stark nach. Ich weiß nicht, ob das Zufall und Unwissenheit ist, oder ob du die Lust daran verloren hast, darauf zu achten. Nichts desto trotz habe ich mal eine Metrumsanalyse durchgeführt, um dir aufzuzeigen, wo was im Argen liegt. Ich lasse dir das mal im Text unten stehen, damit du auch direkt siehst, was zu welcher Stelle gehört. Auf das eine oder andere werde ich aber noch genauer eingehen.
    Offensichtliche Tipp-/Rechtschreibfehler werde ich dir auch gleich dort einzeichnen, auch wenn es nicht viele sind.

    (X=betonte Silbe x=unbetonten Silbe)

    Ein Hündchen kommt an mir vorbei,
    xXxXxXxX
    gefolgt von Kätzchen, derer drei.
    xXxXxXxX
    Ein Schäflein steht am Wegesrand,
    xXxXxXxX
    durchs Fell ich streich, mit meiner Hand.
    xXxXxXxX

    Dem Blick nun plötzlich wird gewahr,
    xXxXxXxX
    ein Bienchen bietet mir sein Ärschlein dar.
    xXxXxXxXxX
    Der Stachel, ich seh ihn noch kommen,
    xXxxXxxXx
    ins Äuglein mir fährt, fern nun all die Wonnen.
    xXxxXXxXxXx

    Der Blick getrübt von tausend Tränchen,
    xXxXxXxXx
    Mein Sinn streicht bald das letzte Fähnchen,
    xXxXxXxXx
    von oben naht eine Hand voll Früchtchen,
    xXxXXxXxXx
    gleich trifft es mich, den wahrlich Tüchtgen.
    xXxXxXxXx

    Kastanien sind's in ihrem Kleidelein,
    xXxXxXxXxX
    bohren sich mir ins weiche Fleischlein rein.
    XxXxxXxXxX
    Am Buckel hängt mir jetzt die Schar,
    xXxXxXxX
    Da wird mir meine Nacktheit klar.
    xXxXxXxX

    Der Nacken schwillt nun ebenfalls,
    xXxXxXxX
    Das Gift der Biene kriecht zum Hals.
    xXxXxXxX
    Ich stolper weiter im warmen Sonnenlicht,
    xXxXxxXxXxX
    Nach vorn und klar, ich seh ihn nicht
    xXxXxXxX

    Den Skorpion mit seinem langen Hinterteil,
    xXxXxXxXxXxX
    auf meinem Weg, bietet er was spitzes Feil.
    xXxX|XxXxXxX
    Mein Füßlein rauscht von oben drauf,
    xXxXxXxX
    Ein neuer Schmerz flammt unten auf.
    xXxXxXxX

    Da fall ich in ein Loch vor mir,
    xXxXxXxX
    Dort wimmelt mannigfaltig Schlangentier.
    xXxXxXxXxX
    Am Rand, ich seh ihn grinsend in 'nem Karren,
    xXxXxXxXxXx
    Gevatter Tod, mit seinem Senslein harren.
    xXxXxXxXxXx

    Was mich an deinem gesamten Text stört, sind die vielen Verniedlichungen. Klar, das Gedicht heißt "Das Alptraumlein" (warum nicht "Alpträumchen", wie es grammatikalisch richtig wäre?), aber wenn alles klein ist, woher weißt du/das lyrische Ich dann, dass es klein ist? Ist dann der Gevatter Tod, der so ziemlich das einzige ist, das nicht im Diminutiv da steht, nicht einfach riesig? Abgesehen davon, dass ich sprachlich von den vielen -chen und leins genervt bin. Es kann sein, dass das eine Einzelmeinung ist, aber mir ergeht es so.
    Außerdem solltest du dich entscheiden, ob du die Versanfänge groß oder normal beginnen möchtest. Mittendrin änderst du hierzu deine Meinung.

    Zur Einzelkritik.

    Ein Hündchen kommt an mir vorbei,
    gefolgt von Kätzchen, derer drei.
    Ein Schäflein steht am Wegesrand,
    durchs Fell ich streich, mit meiner Hand.
    Die Reime sind recht einfach gehalten. Der Paarreim passt zu einem fröhlichen/lustigen Gedicht. Dennoch würde ich mir überraschendere Reime wünschen. Mal sehen, was noch kommt.
    "durchs Fell ich streich, mit meiner Hand" ist mir zu verdreht, als dass es mir gefallen könnte. Zumal ich mich hier noch frage, mit was man sonst normalerweise durchs Fell streicht, dass man es extra erwähnen muss, wenn nicht des Reimes wegen. -and/-ant Reime gibt es so viele, da kann man doch kreativ sein. Den Vers würde ich wie folgt gerade biegen, ohne ihn an seinem Inhalt zu packen:
    Ich streich durchs Fell, mit meiner Hand

    Dem Blick nun plötzlich wird gewahr,
    ein Bienchen bietet mir sein Ärschlein da.
    Der Stachel, ich seh ihn noch kommen,
    ins Äuglein mir fährt, fern nun all die Wonnen.
    Auch hier ist der Satzbau etwas verdreht, was mich stört. So würde ich es schreiben:
    Dem Blick wird plötzlich das gewahr:
    ein Bienchen bietet mir sein Ärschlein dar.
    Den Stachel sehe ich noch kommen,
    ins Äuglein fahren, entfernt mir alle Wonnen.

    Metrisch ist das ähnlich, aber annehmbarer, der Inhalt ist eigentlich der selbe, aber die Sprache ist glatter.
    Der Reim "kommen" "Wonnen" ist ziemlich unrein. Ich würde beide Wörter ersetzen wie folgt:
    Den Stachel sehe ich noch fliegen,
    ins Äuglein fahren, mein Missmut ist gestiegen.

    Der Blick getrübt von tausend Tränchen,
    Mein Sinn streicht bald das letzte Fänchen,
    von oben naht eine Hand voll Früchtchen,
    gleich trifft es mich, den wahrlich Tüchtgen.
    Hier finde ich alles, außer den Tränchen im Blick, nicht logisch. Aber das passt zu dem einen oder anderen Traum. Darum werde ich die Logik nicht mehr weiter ansprechen. Dafür passt hier der Satzbau. "Früchtchen/Tüchtgen" gefällt mir klanglich nicht unbedingt, weil er für mich nicht gleich klingt.

    Kastanien sind's in ihrem Kleidelein,
    bohren sich mir ins weiche Fleischlein rein.
    Am Buckel hängt mir jetzt die Schar,
    Da wird mir meine Nacktheit klar.
    Wessen Kleidelein? (Eigentlich "Kleidchen") Das der Hand? Ist die Bekleidet? Die Bekleidung des Träumers kann es ja nicht sein, weil der ja nackt ist. Oder meinst du das Kleidelein der Kastanien? Dann ist der Bezug mir zu unklar. Klarer würde es mit "Kastanien sinds, verpackt im Kleidelein,"
    Die Reihung von V3 und V4 klingt für mich so, als würden die Kastanien dem lyrischen Ich klarmachen, dass es nackt ist. Das passt für mich nicht. Ich würde also nach V3 einen Punkt setzen.
    "Rein" und "Klar" auf die betreffenden Endsilben zu reimen, ist mir auch zu plump.

    Der Nacken schwillt nun ebenfalls
    Das Gift der Biene kriecht zum Hals.
    Ich stolper weiter im warmen Sonnenlicht,
    Nach vorn und klar, ich seh ihn nicht
    Warum ebenfalls? Das Auge ist bisher nicht geschwollen, sondern tränt lediglich. Und der Sprung zum Nacken ist schon etwas weit. Aber bei letzterem könnten wir auch wieder bei der Logik sein, die ich beiseite lassen wollte.
    Beim letzten Vers frage ich mich "Wer"? Und scrolle hinauf, um zu sehen, dass da nichts ist. Also lese ich weiter. Da kommt der Sinn dann. Warum schreibst du nicht:
    "Nach vorn und klar erkenn ich nicht"


    Den Skorpion mit seinem langen Hinterteil,
    auf meinem Weg, bietet er was spitzes Feil.
    Mein Füßlein rauscht von oben drauf,
    Ein neuer Schmerz flammt unten auf.
    Feilbieten würde ich es nicht nennen, da es keinen Gegenwert gibt. Dafür gefällt mir der Reim besser.
    Der Gegensatz zu unten und oben in V3 und V4 gefällt mir.

    Da fall ich in ein Loch vor mir,
    Dort wimmelt mannigfaltig Schlangentier.
    Am Rand, ich seh ihn grinsend in 'nem Karren,
    Gevatter Tod, mit seinem Senslein harren.
    Auch hier passen V3 und V4 für mich nicht wirklich. Besser klänge es für mich so:
    Am Rande seh ich grinsend in nem Karren,
    Gevatter Tod mit seinem Senslein harren.

    Vielleicht hilft dir das ja weiter.

    nächtlicher Gruß, gutes nächtle und carpe noctem
    Nachteule
    Meine Sydnatur:
    Greis und Greisin miss u <3
    Hier stehe ich! Ich kann nicht anders! Gott helfe mir! Amen!
    (Der Buchstabe)
    Du verstehst Nachteules Kommentar nicht? Lyrisches Lexikon der Nachteule; für Einsteiger: der Kommentarfaden; wenn dir ein Kommentar besonders gefällt, kannst du ihn zur Kritik des Monats nominieren
    Drama: Das Gericht; Prosa: Fernreise als Kurztrip, Krieg im Frieden, Die Tote

  3. #3
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    Hallo Nachteule,

    erst mal vielen Dank für Deine sehr ausführliche Kritik. Sie ist fundiert, durchdacht und für mich auch schlüssig. Du hast dich ernsthaft und tiefgehend mit meinem Gedicht beschäftigt und bist vollkommen konstruktiv geblieben. Das ist sehr selten.

    Aus ästhetischer und handwerklicher Sicht des Außenstehenden, kann ich die Kritik zum allergrößten Teil vollkommen nachvollziehen und nehme sie dankend an. Der kommunikative Aspekt, also die Präsentation nach außen, ist für mich ein sehr wichtiger Aspekt.

    Ein weiterer wichtiger Aspekt, ist die Relativierung der Korrektheit, Perfektion und Makellosigkeit, genauso wie die Relativierung von Wahrheit, Notwendigkeit, des Erwarteten. Ihnen will ich Aspekte, wie Inkorrektheit, mangelnde Perfektion, den Makel, das Falsche, das Unnötige und das Unerwartete zur Seite stellen.

    Hinzu kommt der wichtige Aspekt der Widersprüchlichkeit, den ich in den Werken, die ich schaffe, ob nun bezüglich des Schreibens oder Komponierens von Musik, integrieren möchte, um eine bestimmte Art von künstlerischer Ganzheitlichkeit zu erreichen. Die planerische Systematik ist in die Zukunft oder Vergangenheit, nach außen und in Richtung der Mehrheit gerichtet, die Intuition hingegen auf das Jetzt, die Minderheit und das Innere.

    Es geht also um die konstruktive Kombination von positivistischen (geplant, wahr, notwendig, erwartet, makellos) und spekulativen (intuitiv, falsch, unnötig, unerwartet, Makel) Aspekten im Schaffensprozess, als eine Art Hommage an eine zweite Aufklärung, die das anders Denkende mehr in den Vordergrund bringen und mit dem Denken des jeweiligen Diskurses versöhnen will.

    Ein Konzept ist hierbei die Nutzung von Gegensatzpaaren, wie die Verniedlichung im Gegensatz zur allumfassende Größe des Todes. Deshalb wollte ich eine Art Spannungsbogen bezüglich der Verniedlichungen schaffen. Das ist mir im Gedicht leider nicht so richtig gelungen. Ein anderes Konzept ist das Vorstellen eines Versmaßes und das darauffolgende Durchbrechen. Ich versuche beispielsweise auch, peinliche oder unpassende Begriffe und Textpassagen einzufügen, um einen ästhetischen Widerspruch spürbar zu machen. Das letzte Konzept, dass ich für mich vor einiger Zeit entdeckt habe, ist die Integration der Beweggründe der Gedanken in das Gedicht. Diese Integration einer Metaebene in die Objektebene, ist gleichzeitig nach innen und nach außen gerichtet.

    Ich arbeite seit Jahren an einer Software im Themenbereich der künstlichen Intelligenz, die es erlaubt, diese beiden Seiten des Schaffens gleichberechtigt in formalisierte Arbeit zu integrieren. Dabei bin ich wesentlich weiter, als in der Rolle des Künstlers.

    Deine Kritik ist sehr hilfreich, weil sie mich sozusagen inspiriert, mein Konzept einer Art integrativen Konstruktivismus, in meinen künstlerischen Werken genauer heraus zu arbeiten und gegenständlicher zu gestalten.

    Vielen Dank noch einmal.

    Tassilo

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