1. #1
    Registriert seit
    Nov 2014
    Ort
    Dorf im Nordschwarzwald
    Beiträge
    861

    Herbstmelancholie




    Herbstmelancholie


    Was ist der Herbst,
    wenn er dich innen trifft?

    Ein Schock, ein Grubenlift,
    der abwärts fährt?
    Ein Feuerzauber,
    der nicht lange währt?
    Ein Dank-und Erntefest,
    gefüllt mit lebensreifer Frucht?

    Was ist der Herbst,
    wenn viele Herbste
    deinen Rücken drücken,
    wenn du die Knochen spürst,
    wenn von des Sommers Glück
    was Liebgewonnen bleibt zurück,
    wenn kriegslüsterne Schatten wachsen,
    wenn langes Leiden eines Freundes schmerzt?

    Erinnerungen bleiben, herb und süß,
    durchtönt von einer Schicksalsmelodie,
    die ständig Dur und Moll vermischt
    in einem Abgesang tröstender Melancholie.
    Geändert von Carolus (21.11.2018 um 18:08 Uhr)

  2. #2
    Registriert seit
    Nov 2005
    Ort
    Basel CH
    Beiträge
    5.010
    Lieber Carolus

    Ein sehr schöner, wehmütiger Text.
    Ja, was ist der Herbst des Lebens? Du triffst die vielen verschiedenen Töne, die da mitschwingen (mögen; ich kann ja noch nicht sagen, dass ich es weiss).

    Die allerletzte Zeile allerdings liest sich für mich wie gegen den Strich gebürstet. Das "tröstliche" ist irgendwie sperrig, stachlig und will doch in den Arm nehmen. Aber alle meine spontanen Versuche, daran etwas zu ändern, sind nicht besser, treffen den Ton nicht.
    Vielleicht findest du etwas Weicheres.

    Oder vielleicht ist es auch einfach mein Gefühl, dass sich sträubt.

    Gern gelesen

    LG
    yarasa
    Saitenweise Ideen
    aber vielleicht leckt das Gehirn so sehr, dass ich auch mal wieder dichtend unterwegs sein werde

    Eine Art Grundsatzpapier zu meinen Kritiken
    yarasas Fingerübungen

    Die Frederick-Maus hat mich schon als Kind nachhaltig verdorben. Von da an wollte ich Dichterin sein.

  3. #3
    Registriert seit
    Jan 2017
    Ort
    "Schäl Sick"
    Beiträge
    970
    Lieber Carolus,

    ein berührender Text, mit dem du den Herbst des Lebens beschreibst.
    In mir klangen beim Lesen viel mehr Moll- als Dur-Töne an. Mich hat es ziemlich traurig gestimmt.
    Ich finde dein Gedicht sehr bewegend.

    Nur am Rande: Ich habe eher das Wort "bluthungrige" als etwas aus dem schönen Rhythmus herausfallend empfunden.

    LG Richmodis
    "Aber es muss gehen, andere machen es doch auch!"
    Loriot

  4. #4
    Registriert seit
    Nov 2014
    Ort
    Dorf im Nordschwarzwald
    Beiträge
    861


    Liebe Yarasa, liebe Richmodis,

    hab mich von Herzen gefreut über eure anerkennende Einschätzung des Gedichts. Auf jeden Fall euch Beiden ein liebes Dankeschön!
    Die Zeilen entstanden im Laufe des heutigen Tags. Beim ersten Sonnenlicht, angesichts der umwerfenden Herbstfarben am Waldrand, kamen mir die ersten beiden Zeilen in den Sinn. Später, während der Arbeit im Gelände mit dem letzten Grasschnitt ging mir ständig diese Frage durch den Sinn. Nach und nach ergab sich eine Frage nach der anderen. Die Antwort kam mir erst zögernd am Nachmittag.

    Yarasa, du schreibst: "Die allerletzte Zeile allerdings liest sich für mich wie gegen den Strich gebürstet. Das "tröstliche" ist irgendwie sperrig, stachlig und will doch in den Arm nehmen." Vielleicht stört dich das "tröstliche" aufgrund deines Verständnisses von Melancholie.
    Ich verstehe M. als ein Heraustreten aus dem durchgestalten Alltag, um in absichts- und gedankenloser Ruhe die eigne Mitte wieder zu finden, mag sein in einer Art Tagträumerei, worin ein tieferes Verstehen des Lebens und der menschlichen Erscheinungsformen möglich wird, was etwas "Tröstendes" beinhaltet.
    (Einige Kleinigkeiten habe ich verändert: "Grubenlift" statt "Zeitenlift"; "tröstende Melancholie" statt "tröstlicher" M.; "blutdürstende Schatten" statt "bluthungrige"...)

    Nochmals mein aufrichtiges Dankeschön euch Beiden!

    Carolus

  5. #5
    Registriert seit
    Nov 2009
    Ort
    München, Berlin, London
    Beiträge
    7.714
    Ein weiteres buntes Blatt das nicht wie Millionen seinesgleichen von dem Baum fallen auf dem wir sitzen bevor wir in es hineinspringen, um die Vereinigung wie hier hinzubekommen. Dass alle Lebensenergie zum Vergleich mit der Natur herangezogen wird. Insofern sehr psychotech!
    Der Roman: "Verballistik"
    Die Gedichte: "Auf dem Silbertablett"

  6. #6
    Registriert seit
    Nov 2014
    Ort
    Dorf im Nordschwarzwald
    Beiträge
    861
    Hallo Schulz und Sühne,

    vielen Dank für deine lobende Würdigung der "Herbstmelancholie". Hab mich sehr gefreut.
    Nur deine vieldeutige Bemerkung "Insofern sehr psychotech!" vermag ich in den Zusammenhang nicht so recht einordnen.

    Freundlichen Gruß
    Carolus

Was dich vielleicht auch interessieren könnte:

  1. Herbstmelancholie
    Von Disillusions im Forum Trauer und Düsteres
    Antworten: 5
    Letzter Beitrag: 28.02.2009, 14:45
  2. eine ohne-titel-herbstmelancholie
    Von hippy im Forum Nachdenkliches und Philosophisches
    Antworten: 4
    Letzter Beitrag: 19.11.2002, 16:51

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Nein
  • Themen beantworten: Nein
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •  

Anmelden

Anmelden