1. #1
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    Traum eines belesenen Tippelbruders

    Traum eines belesenen Tippelbruders, verursacht durch den Biss eines Mittelschnauzers in einen Granatapfel, drei Sekunden vor dem Aufwachen





    „Hmm...Wie kann es denn sein, dass du plötzlich älter als ich bist? Du warst doch in der Schule eine Stufe unter mir. Jetzt bist du 43.“
    „Ja. Bei uns im Dorf wird man schneller alt.“
    „Hm...43. Unglaublich.“
    „Ich habe letztens deine Mutter gesehen.“
    „Meine Mutter?“
    „Ja, deine Mutter.“
    „Aber...die ist nicht im Altenheim.“
    „Woher weißt du, dass ich sagen wollte, ich hätte sie im Altenheim gesehen?“
    „Weiß nicht.“
    „Meine Freundin ist im Altenheim.“
    „Ich muss jetzt, glaub ich, gehen.“


    „So was träumst du?“
    „Das ist einer meiner normaleren Träume. Da gibt’s wenigstens ne durchgehende Handlung.“
    „Bis zu dem Punkt, wo du sagst Ich muss gehen.“
    „Das sag ich am Ende aller meiner besseren Träume. Wenn ich nicht gehe, wird’s ein Albtraum.“
    „Es muss scheiße sein, du zu sein.“
    „Ich muss jetzt, glaub ich, gehen.“
    „Nein, nein, war nicht so gemeint! Darf ich dich was fragen?“
    „Hm...kommt drauf an.“
    „Wieso bist du eigentlich so viel jünger als ich?“
    „Ich bin doch gar nicht jünger.“
    „Nein. Aber innerlich. Du bist und bleibst ein Kind. Man hätte von dir einen anderen Werdegang erwartet.“
    „Man...was erwartet man von einem, der dem Leben hinter die Kulissen geschaut hat? Ich tue das, was meine Sehnsucht mir vorgibt.“
    „Musst du immer reden wie ein Rorschach-Test? Was soll ich darin sehen?“
    „Du musst in dich sehen.“
    „Und wie mach ich das?“
    „Nietzsche sagt: Werde, der du bist.“
    „Aber...ich muss doch erst was werden. Ich bin doch zunächst gar nichts.“
    „Wie du meinst. Ich aber war immer schon jemand. Deswegen bin ich auch jetzt noch so. Es gab keinen Grund, sich zu ändern.“
    „Und was wird man, wenn man immer schon jemand war?“
    „Man wächst. Man bildet sich darin weiter.“
    „Du bist ein nichtsnutziger Seppel. ...Tschuldigung!“
    „Nur zu...als Kantianer muss ich jetzt dazu die Schnauze halten.“
    „Wieso? Wehr dich doch!“
    „Ich kann nicht wollen, das Leute wie du im Allgemeinen für ihr Unwissen grob angefahren werden.“
    „Ein Hoch auf Kant.“
    „Ein Hoch auf jeden der Vernunft fähigen, der diese auch bei moralisch relevanten Entscheidungsfindungsprozessen zu Rate zieht.“
    „Du solltest Politiker werden.“
    „Politiker tun dies ja eben nicht.“
    „Deswegen solltest du einer werden.“
    „In der Politik geht es am wenigsten um Vernunft.“
    „Was weiß ich...vielleicht solltest du Leute beraten, was sie vernünftigerweise mit ihrem Leben anfangen sollten.“
    „Ich könnte mit dir anfangen und dir raten, mehr den Mund zu halten. Das wird vielleicht nicht dir, aber mir helfen.“
    „Ich rede wann und wie viel ich will. Du redest zu wenig.“
    „Sagst du.“
    „Sagt man.“
    „Wer so viel denkt, wie ich, hat zum Reden nicht viel Zeit übrig.“
    „Manche tun das gleichzeitig.“
    „Ich pflege nur Zusammenfassungen von dem zu äußern, was ich gedacht habe.“
    „Daher auch deine Rorschach-Sätze.“
    „Daher langweile ich mich wenigstens nicht selber.“
    „Es ist interessant zu reden, wenn andere zuhören.“
    „Es ist langweilig, vorher gedachte Sätze nochmals laut zu wiederholen.“
    „Gibt es auch etwas, das du spannend findest?“
    „Ich finde es spannend herauszufinden, wie lange du noch brauchst, um zu merken, dass du mich von wichtigen Gedanken abhältst.“
    „Die müssen auf sich warten lassen. Kannst du nicht mal ein Buch aus unserem Jahrhundert, oder zumindest dem ausgehenden letzten lesen, dann könnten wir uns über Bücher unterhalten.“
    „Das neunzehnte Jahrhundert hat noch zu vieles, was ich noch nicht gelesen habe.“
    „Der Sinn deines Lebens liegt also im neunzehnten Jahrhundert.“
    „In diesem Jahrhundert finde ich viel Inspiration, das Leben betreffend.“
    „Dann erleuchte mich, O großer Weiser.“
    „Deinen Sinn musst du selber finden. Ich, für meinen Teil, bin nur dankbar, dass mein Einfluss nicht nur aus Schule und Gesellschaft gekommen ist. Die Lektüre, eigentlich das Studium aller Künste hat mich auf eine ganz andere Bahn gelenkt. Dort habe ich etwas gefunden, was meinen Sinn berührt.“
    „Jeder muss nach der Schule schnell Entscheidungen treffen.“
    „Ich habe mir nach der Schule Abstand verschafft.“
    „Was haben deine alten Texte schon mit heute zu tun, mit der Situation junger Leute in unserer Gesellschaft!“
    „Nietzsche nennt das...“
    „Ach hör auf, deine tollen Genies zu zitieren!“
    „Alles kommt wieder. Romantik und Rationalismus ziehen sich unter verschiedenen Namen immer wieder durch die Geschichte. Die Leute in anderen Jahrhunderten hatten ähnliche Probleme wie die jungen Leute heute, auch ohne Computer. Abstand hilft mir, klarer zu sehen. Ich sehe nicht viel Sinn darin, mich in eine Karriere zu schmeißen, die mir von der Gesellschaft fast aufgezwungen wird, wenn ich ins Schema passen soll. Hör mal zwei Wochen lang jeden Morgen Radio und sieh jeden Nachmittag bis abends fern.“
    „Viele tun das.“
    „Das ist Scheinwelt. Du wirst umgarnt. Du solltest lernen, klar zu sehen.“
    „So. Wie sehe ich dann also klar. Sag mir etwas Sinnvolles für mein Leben.“
    „Es wäre sinnvoll, sich eine Weile abzukapseln. Kein Internet, kein Fernsehen, oder andere Medien. Kein Massenmedium.“
    „Also auf die Alm fliehen.“
    „Mach dein Zimmer zur Alm. Geh durch die Straßen der Stadt und beobachte einfach.“
    „Was soll ich beobachten?“
    „Das Werden! Das Werden der Menschen, die Bühnen, die überall aufgebaut sind für uns.“
    „Bühnen?“
    „Überall sind Kulissen für uns, die uns etwas suggerieren, etwas von scheinbarer Wichtigkeit.
    Danach richtet man sein Leben aus. Wenn du mich also fragst, wie du deinem Leben Sinn geben kannst, solltest du eben herausfinden, was dich wirklich innerlich zutiefst berührt.“
    „Wenn du aber jetzt einen tollen Job in einer Bank hättest...?“
    „...würde ich an meiner wahren Berufung, die ich ja in mir spüre, vorbeileben. Kein gutes Gefühl.“
    „Du hast vielleicht Recht, ich muss aber etwas machen und mein Job gefällt mir.“
    „Glückwunsch.“
    „Ich weiß nie, wann du etwas ernsthaft meinst.“
    „Vielleicht ist es in etwa so, wie in einigen Romanen von Thomas Mann. Es gibt Künstler- und Bürgertypen. Betrachte mich als Künstler. Ich komme in der Bürgerwelt nicht zurecht. Mein Empfinden kann ich aber für dich nicht zugrunde legen. Also...Glückwunsch.“
    „Verstehe, ich bin also bloß der Bürger.“
    „Das ist keine Wertung. Es ist auch nicht immer schön, in kein Schema zu passen. Aber vielleicht eine Voraussetzung, gute Kunst zu produzieren. Denn dies geschieht oft aus einer Not heraus.“
    „Du meinst also, Leute wie Goethe, Nietzsche oder Monet waren in Not.“
    „Sie passten nicht hinein, in den Anzug, den sie tragen sollten. Er war ihnen zu eng. Sie waren Beobachter. Sie taten, was ich dir eben empfohlen habe. Unverständnis umgab sie und eine Melancholie, die die Schöpfungskraft beflügelt.“
    „Dich kotzt also alles an und du brauchst das, um kreativ zu sein?“
    „Mich kotzt vieles an und ja, mein Schaffen ist die Reaktion auf die Zustände, die ich sehe und innerlich verarbeite.“
    „So hast auch du deinen Platz gefunden.“
    „Weißt du, was mich immer beflügelt hat?“
    „Was?“
    „Das Bestreben, etwas zu schaffen, was- würde es mich nicht geben- keiner geschaffen hätte.“
    „Etwas individuelles, was sonst keiner geschafft hätte.“
    „Geschaffen, nicht geschafft. Nachmachen kann man es sicher. Es geht darum, dass man in seinem Beruf ersetzbar ist. Wenn du es nicht mehr machst, setzt sich ein anderer an deinen Platz und macht weiter. Bei den Dingen, die ich mache, soll es sich um solche handeln, die es ohne mich nicht geben würde, die nur ich machen kann. Solche Dinge brauchen natürlich die nötige Auseinandersetzung von anderen, um gutgeheißen zu werden, um als gut erkannt zu werden, oder genial. Humboldt nennt das Objektivationen des Geistes. Ich möchte möglichst viele meiner reiferen Ideen objektivieren.“
    „Und wer bezahlt dich solange?“
    „Es macht mich glücklich, das muss zunächst als Bezahlung reichen. Es gibt kaum ein größeres Glücksgefühl, als gerade ein Werk, eine Komposition fertiggestellt zu haben.“
    „Ich sags ja...It must suck to be you. Soll ich dir das auf Latein übersetzen?“
    „Sprühs dir auf dein T-Shirt!“
    „Was mach ich, wenn ich bei meinen Beobachtungen darauf gestoßen bin, dass ich kein Künstlertyp bin?“
    „Darum geht es nicht. Du kannst auch innerhalb dieser Scheinwelt etwas finden, was dich beschäftigt. Ich sollte für dich kein Beispiel sein damit, was ich mache, sondern darin, wie ich dazu gefunden habe.“
    „Ich weiß nicht, ob du für irgendwen als Beispiel dienen solltest. Du könntest das Wort zum Sonntag sprechen.“
    „Meine Argumente basieren nicht auf Religion.“
    „Wenn du dich als Kantianer nicht wehren darfst, ist das doch so, wie die andere Backe auch hinzuhalten.“
    „Nein, es gibt einen feinen Unterschied und der liegt in der Motivation zu dieser Handlung.“
    „Kenne keinen, der motiviert dazu ist, sich schlagen zu lassen.“
    „Dann kennst du keinen echten Christ. Nietzsche kritisiert es als Sklavenmoral. Ok, ok, lassen wir Nietzsche außen vor. Der Christ kommt zu diesem Ergebnis aus einem Gefühl heraus. Das der Liebe. Außerdem aus der Einsicht heraus, in diesem Leben viel erleiden zu müssen, um im Jenseits dafür entschädigt zu werden. Kant jedoch kennt nur durch die Vernunft erwirkte Gefühle. Gefühle sind ihm zu unzuverlässig und können bei jedem anders geartet sein. Die Vernunft sollte bei jedem zu gleichen Ergebnissen führen.“
    „Wie erwirkt die Vernunft Gefühle? Meine Gefühle kommen nicht aus der Vernunft, sie arbeiten vielmehr oft dagegen.“
    „Das ist halt typisch Kant. Dieser Mann war ganz Kopf. Es ist eine Art erhabenes Gefühl, ein Respekt ähnlich dem, den man beim Anblick des Ozeans hat oder eines hohen Berges. Dieses Gefühl der Achtung vor der Vernunft bewegt dazu, sich den Einsichten der Vernunft zu beugen. In der Religion ist das Gott.“
    „Ich weiß nicht, ob das bei mir funktionieren würde.“
    „Es funktioniert bei den meisten nicht. Weder Gott, noch die Macht der Vernunft hält die Menschen davon ab zu tun, was in greifbarer Entfernung liegt.“
    „Du sprichst davon, was sie nicht abhält. Was bewegt sie dann?“
    „Eine gute Frage. Das, denke ich, führt uns aber von der Philosophie und Religion hin zur Psychologie.“
    „Dann ist Nietzsche also mal weg vom Fenster?“
    „Nicht ganz. Immerhin hat er Der Wille zur Macht geschrieben und hat überhaupt glänzende Einsichten in unser Inneres gegeben. So akkurat sogar, das Sigmund Freud angeblich bewusst seine Nietzschelektüre sehr früh aufgegeben hatte, weil er sehr ähnliche Gedanken hatte und nicht von ihm beeinflusst werden wollte.“
    „Angeblich.“
    „Es gibt Wissenschaftler, die Freud einen Nachdenker nennen, also einen Nachdenker nietzschescher Gedanken.“
    „Was können die beiden denn nun zu unserer Sache beitragen?“
    „Sie zeigen uns, jeder auf seine Weise, dass es mit unserer Moral nicht weit her ist. Im Grunde ist sie im Weg, besonders für die Politik und Wirtschaft hält sie manchmal kurzzeitig von wichtigen Geschäften und Errungenschaften ab.“
    „Und was macht man, wenn die Moral stört?“
    „Man schmeißt beispielsweise eine hitzige Diskussion im Vorfeld in die Medien, um die Leute schon mal gedanklich an das zu gewöhnen, was nachher sowieso Realität wird. Wir haben ja auch eine sehr rege Triebwelt in uns, worauf Freud damals hingewiesen hat. Gier, das Empfinden von Lust, Zweckrationalität, das sind Zustände, die alle etwas verschwommen miteinander verwoben sind und sehr mächtig in uns rühren.“
    „Und dagegen sind Gott oder die Vernunft machtlos?“
    „Nicht machtlos, aber es bedarf eben einer Hinsicht aufs Leben, die viele nicht haben. Wir sind vernunftbegabte Tiere. Wir nennen uns Menschen, doch sind die meisten unserer Handlungen kein Ergebnis der edelsten unserer inneren Instanzen.“
    „Was kann man dagegen tun?“
    „Laut Nietzsche werden wir zu früh schon geknickt, das machen nun hauptsächlich die Schule und die Medien. Dort bekommst du zwar nicht ausdrücklich gesagt, dass das eben geschilderte, also die zweckrationale, machterstrebende, lustwollende Seite die wichtigere ist, aber zwischen den Zeilen, in der Atmosphäre, die herrscht, wird es ganz klar. Gott spielt in der Schulausbildung des Schülers zu einem wettbewerbsfähigen Mitstreiter in der Gesellschaft keine Rolle und auch nicht die Vernunft.“
    „Naja, es geht ja schon um rationale Entscheidungen.“
    „Ja, zweckrationale Entscheidung. Nicht um die Vernunft geht es. Dann würde, dann müsste vieles in der Gesellschaft ganz anders angesprochen werden, andere Wege würden eingeschlagen. Nein, es geht nicht um Vernunft. Die Schüler lernen natürlich von den Problemen, die in der Welt herrschen. Komischerweise werden sie aber in einer Art geschult und behandelt, die zwischen den Zeilen schreit: Wappne dich, qualifiziere dich, lerne, was dich weiterbringt, einen Job bringt. Mach dafür, was du tun musst. Werde etwas, irgendetwas. Versuche im Kampf um den guten Job nicht unterzugehen...und dergleichen mehr. Wo bleibt da die Zeit und vor allem das Bewusstsein dafür, vernünftig auszuloten, was man tun sollte.“
    „Von manchen Themen in der Schule bin ich aber schon irgendwie mitgenommen worden emotional.“
    „Letztendlich lernt du Stoff. Stoff für die nächste Klausur und nach der Klausur ist vor der Klausur. Es sind nur auswechselbare Themen. Bleiben wir mal beim Gymnasium, denn dort kommen wohl in der Regel die her, die am meisten Einfluss auf das Weltgeschehen haben werden. Nach dem Abitur steht der Schüler mit einem NC da und sieht, was er dafür bekommen kann. So wie früher bei Eins, Zwei oder Drei mit Michael Schanze. Du hast dir eine bestimmte Punktzahl erkämpft durch Wissen. Nun siehst du einen Raum mit Preisen, die du mit den Punkten bekommen kannst. Natürlich nimmst du den mit deiner Punktzahl höchstmöglichen Preis. Mit neun Punkten nimmst du keinen Preis, für den du nur fünf Punkte brauchst. So ist es auch zumeist mit den NCs. Es ist in den allerseltensten Fällen Gott, der dich lenkt bei der Studienwahl, selten auch deine Vernunft. Bei den meisten wird es der NC sein, der sie in der Wahl leitet, oder zweckrationale Gedanken, basierend auf Infos darüber, welche Fächer gute Jobaussichten haben oder mit gut bezahlten Jobs aufwarten können.“
    „Da magst du Recht haben. Aber verständlich ist es schon.“
    „Wenn wir eine Welt schaffen wollen, in der vorausschauende Entscheidungen getroffen werden, die dann auch wirklich eingehalten werden. Wenn wir rücksichtsvollere Regulierungen aktiv sehen wollen und mehr Bewusstsein für dringende Missstände, muss sich dies schon in der Schule ändern. Von Menschen, die in eben geschilderter Art beschult wurden, kann man nicht ernsthaft erwarten, drastische Änderungen herbeizuführen, um diese dann auch ernsthaft einhalten zu wollen. Pädagogik und Philosophie müssten die wichtigsten Wissenschaften werden für uns im Bestreben, eine verantwortungsvolle Gesellschaft zu schaffen.“
    „Ein Freund von mir studiert Philosophie und ist zu einer Job Messe gegangen.“
    „Ein mutiger Schritt.“
    „Ja, er ist dort aber weitgehend ignoriert oder belächelt worden.“
    „Das meinte ich eben. Die Vernunft ist auf der Job Messe nicht vertreten. Dort geht es um Karrierechancen, um Zusatzqualifikationen, eigentlich um alles, aber nur als Qualifikationsmerkmal. Dein Philosoph hätte sich dort mit einer Laterne bewaffnet auf die Suche nach Gott, nach Vernunft und Besonnenheit machen sollen, das hätte ihn zwar einem Job nicht näher gebracht, hätte ihn aber doch schneller zu der Einsicht gebracht, dass er dort nichts zu suchen hat.
    „Das ist eben die Frage, die mir schon unausgesprochen im Kopf herumgeisterte. Was habe ich wo zu suchen?“
    „Es ist schade, dass wichtige Erkenntnisse so banal klingen. Das lässt sie so belanglos erscheinen.“
    „Was meinst du?“
    „Das ich dir etwas mit auf deinen Weg geben will.“


    „Da bist du ja wieder! Du bist wieder älter geworden.“
    „Ich habe ja auch lange gewartet auf dich.“
    „Kam mir gar nicht so vor.“
    „Reden wir nicht übers Altern.“
    „Es scheint mir, du weißt vieles.“
    „Teste mich.“
    „Jetzt wo ich die Chance habe, weiß ich gar nicht, was ich wissen will. Oder ob ich noch wissen will, was ich wissen wollte.“
    "ما قلته هو الصحيح حول أخلاقية "
    „Don't screw with me!“
    “Ég er þreytt á að hugsa um heiminn.”
    „Kennst du alle Sprachen?“
    „Ich kenne alles, was sich in den Köpfen der Menschen befindet.“
    „Also kennst du nicht die Wahrheit der Dinge an sich. Du enttäuschst mich.“
    „Die Dinge an sich sind irrelevant. Was die Menschen in ihnen sehen, ist wichtig.“
    „Hm...verstehe. Du denkst also auch, dass Wahrheit letztendlich etwas Menschliches und nichts Ewiges ist. Eine Theorie wird so lange als wahr betrachtet, wie sie uns praktische Lösungen liefert.“
    „Es gibt keine Dinge an sich. So viel Wahrheit kann ich dir sagen.“
    „Nein, bitte sag nicht, dass alles in meinem Kopf ist!“
    „Natürlich, du lässt sie entstehen.“
    „Also stelle ich mir doch alles nur vor. Bin ich der Einzige hier? Das war immer meine Urbefürchtung.“
    „Lebe so, als ob du die Verantwortung für alle zu tragen hättest.“
    „Ist das der kategorische Imperativ für Götter?“
    „Für diejenigen, die sich ihre Welt einbilden. Du hast eine göttliche Aufgabe und sie ist schwer. Keiner wartet auf dein Handeln.“
    „Wer ist denn noch außer mir da?“
    „Alle sind sie da. Sie sind da und auch nicht da.“
    „Auch Nietzsche?“
    „Du bist Nietzsche.“
    „Also hat er nie gelebt?“
    „Doch.“
    „Aber...“
    „Versuche nicht, es zu verstehen.“
    „Was willst du eigentlich von mir?“
    „In caput tuum erit iudicium.”
    „Ok, du weißt natürlich, das ich irgendwann mal mein großes Latinum bestanden habe. Aber wenn du denkst, dass ich dir jetzt auf Latein antworte...”
    „Das zukünftige Verhalten der Menschen muss in deinem Kopf entschieden werden.”
    „Ich habe es geahnt. Ich werde deine Hilfe brauchen!”
    „Habe keine Angst! Es wird alles so, wie du es dir vorstellst.”
    „Was ich mir gerade vorstelle, ist gar nicht gut.”
    „Dann werden wir alle...”
    „Vergehn.”

    „Inwiefern ist das etwas, was du mir unbedingt mit auf den Weg geben willst?“
    „Weil ich das mulmige Gefühl habe, dass wir geradewegs auf den Abgrund zurasen. Wir wissen es eigentlich und tun nichts daran. Ich denke auch ...ich denke, dass das Wesen in meinem Traum Recht hatte. Ich bin wirklich der Einzige hier.“
    „Und ich?“
    „Du bist meine Einbildung.“
    „Du spinnst. Du kannst doch nicht wissen, was ich sage.“
    „Das weiß ich im Traum auch nicht und doch träume ich es. Nur ich.“
    „Du drehst am Rad.“
    „Ich glaube ferner, das Schicksal, das der Menschheit blüht, schon zu kennen.“
    „Wie das?“
    „Weil ich sie loslasse. Ich halte nichts mehr von der menschlichen Moral. Es gibt sie nicht. Wenn es sie aber nicht gibt...wird vieles gleichgültig. Ich werde nun alles ...ziehen lassen. Weg.“
    „Was... ?“

    „...ist passiert?“
    „Du bist in meinem Traum. Du warst es die ganze Zeit. Nur jetzt erkenne ich es endlich als Traum!“
    „Ich bin nicht ich selbst!?“
    „Nein, du wirst durch mich gelenkt. Ich spüre nun die Macht, dich zu lenken.“
    „Du könntest uns einfach allein lassen und dich zurückziehen.“
    „Du redest tatsächlich nur, was ich gerade gedacht habe. Das wird sinnlos. Ich muss die Sache beenden.“

    „Mama, Mama, guck mal! Der Penner da vorn ist gerade im Schlaf von der Parkbank gefallen!“
    „Schatz, die heißen nicht Penner, die heißen Tippelbrüder.“

  2. #2
    Verbalcarpaccio ist offline redseliges rohes raspelrindfleisch
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    Hallo Markunbehagen,

    ein starker Text ist das, sowohl vom Inhalt her, der eine Menge Ansatzpunkte zum Nachdenken und diskutieren bietet, als auch von Aufbau, Stil und Struktur. Ein Lesevergnügen, weil es trotz der vielen Aspekte immer auch für den Philosophielaien verständlich bleibt.

    Musste es letztlich ein Obdachloser (Trippelbruder sagt mir gar nichts) sein, der diese Gedanken so ausformuliert? Scheinbar schon. Der Logik folgend müsste ja jeder, der (Vernunft anwendend) sich nicht in das System zwängen lässt, an ihm scheitern. Aber gibt es nicht auch die (zumindest in der Theorie), die sich aus der Vernunft heraus für etwas entscheiden, was sie für ihre Bestimmung halten; also das tun, was sie schon sind (um bei deiner Formulierung zu bleiben)? Sich also trotz 1,0 Abi für ein Leben als Tischler zu entscheiden, weil das das Größte für einen ist und man trotzdem davon leben kann?

    Trotzdem finde ich vor allem das hier zentral:
    Von Menschen, die in eben geschilderter Art beschult wurden, kann man nicht ernsthaft erwarten, drastische Änderungen herbeizuführen, um diese dann auch ernsthaft einhalten zu wollen.
    Nun wurden diese von Leuten beschult, die genauso beschult wurden - von ebensolchen Leuten. Wer bringt die Kraft auf, diesen Teufelskreis zu durchbrechen?

    Und noch etwas:
    Wir sind vernunftbegabte Tiere. Wir nennen uns Menschen, doch sind die meisten unserer Handlungen kein Ergebnis der edelsten unserer inneren Instanzen.“
    Hier finde ich den Anspruch an den Menschen etwas zu hoch. Zwar ist er vernunftbegabt, aber doch nicht bei jeder Entscheidung vernunftverpflichtet. Ergibt sich die Verpflichtung denn aus der Begabung? Nun, bei essentiellen Dingen wahrscheinlich schon. Da gehe ich mit. Aber muss ich gleich den Kontakt zu Leuten abbrechen, nur weil die Frühstücksradio hören?

    Vielen Dank für diese Gedanken, mit denen ich mich sehr gern beschäftigt habe.

    lg VC
    Das System sagt, ich will das, aber ich will das nicht.
    Peter Arbeitsloser

  3. #3
    Registriert seit
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    Hallo Verbalcarpaccio,

    danke für deine ausführliche Antwort!
    Da lasse ich natürlich jedem seine Meinung drüber und natürlich gibt es Leute, die auch in dieser schnellebigen Zeit ihre Bestimmung finden, auch trotz oder wegen 1,0 Abi. Insgesamt glaube ich aber, dass dieses Werden von irgendetwas, wie ich es oben beschreibe, mitverantwortlich ist für den psychischen Druck, den man unserer Gesellschaft auch anmerkt und dafür, dass man letztendlich eben doch nur wenig ändern kann.
    Bei deinem letzten Zitat gebe ich dir recht. Das könnte man etwas entschärfen.

    Viele Grüße!

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