Thema: abschied

  1. #1
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    abschied

    verblasstes graffiti zerschrammt den zement
    wir liegen uns stumm in den armen
    am grüngelben schild. das morgenlicht brennt
    die kreidigen wolken hoch ins firmament
    die zeit kennt für uns kein erbarmen

    ein flüchtender schatten: die straßenlaterne
    wir stehen versunken im kuss
    im auge den nachhall verblichener sterne
    im ohr die gesänge von trostloser ferne

    und dann kommt der bus


    (wettbewerbsbeitrag sept./oktober 2017) - nochmals mein herzlicher dank an alle, die mein gedicht gewählt haben und für alle lobenden worte dazu.
    ich glaub, mit meinem kater
    muss ich mal zum psychiater
    ich glaub, der hat nen knall
    sieht mäuse - überall

  2. #2
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    Liebe Lilisarah,
    ein sehr stimmungsvolles Gedicht!
    A bisserl habe ich immer zu meckern:

    "im auge den nachhall verblichener sterne
    im ohr die gesänge von trostloser ferne"

    vielleicht und um im Bild zu bleiben:

    im auge den nachglanz verblichener sterne
    im ohr die gesänge aus trostloser ferne

    Im Auge einen Nachhall zu haben ist anatomisch problematisch und Gesänge im Ohr kann ich mir nur vorstellen, wenn sie aus der Ferne oder über die Ferne kommen.
    Dass verblasstes Graffiti den Zement verschrammt - schwer vorstellbar, aber als dichterische Freiheit kann man es gelten lassne.

    Übrigens: Wenn das LI in meinen Armen gelegen hätte, dürften gut und gerne drei Busse kommen und vorbei fahren.

    Liebe Grüße,
    Festival

  3. #3
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    Liebe Lilisarah,
    eine schöne Momentaufnahme, stimmungsvoll, eindringlich und ein wenig sentimental.
    Und nach dem "Kuss" kommt der "Bus"... eine Prise Humor ist also auch mit dabei.
    Liebe Grüße Georg

    PS: @Festival: gute Tipps!
    Bei AMAZON + Infoverlag erhältlich:
    KAISER BARBAROSSA RIEF AUF EINMAL "HOSSA"
    Heitere Historische Heldenepen (Georg C. Peter/ Infoverlag)

  4. #4
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    @lilisarah


    Grüße.

    Mein Punkt ging an dieses Gedicht. Der metrische Aufbau (Amphibrachys, hats mir angetan. Und natürlich der Inhalt.
    Der Einwand von Heinz ist, glaube ich, nicht ganz richtig. Man kann es auch wie das Original schreiben.

    Tschüss.
    der Gedankenspringer

  5. #5
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    Lieber horstgrosse,
    Du Böser, Böser! Mein Einwand sei nicht ganz "richtig"?
    Dann erklär mir bitte mal, wie es im Auge zu einem Nachhall kommen kann!
    An den Amphibrachys wird nichts verändert, aber sinnvoller erscheint mir, mit den Augen einen Nachglanz wahrzunehmen. Und hört das LI Gesänge von (über eine) trostlose Ferne?
    Liebe Grüße,
    Festival

  6. #6
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    Hallo Lilisarah,

    ein stimmungsvolles Gedicht. Die erste Zeile beschreibt anschaulich einen tristen Ort, an dem eigentlich keine romantische Stimmung entstehen kann. Doch wenn sich zwei Herzen lieben, nehmen sie ihre Umwelt mit anderen, zum Teil verklärten, Augen wahr. Dann, in der nächsten Zeile, holt sie wieder die Wirklichkeit ein.

    Zitat Zitat von lilisarah
    die zeit kennt für uns kein erbarmen
    Dass damit der Bus gemeint ist, war mir an dieser Stelle noch nicht bewusst, klasse.

    Mit "Nachhall" habe ich keine Probleme, dichterische Freiheit.

    Platz eins ist verdient.

    Ich muss Schluss machen, der Bus kommt.
    Sidgrani

    Lust des Poeten
    Wörtern Leben einhauchen
    Menschen berühren


  7. #7
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    lieber heinz,

    entschuldige bitte die späte antwort. ich hab mich gefreut, dass du mir ein paar anregungen zum überdenken dagelassen hast.

    rein technisch gesehen hast du natürlich vollkommen recht. der (nach)hall ist der akustik zuzuorden und somit unmöglich im auge anzutreffen. das war mir bewusst. trotzdem habe ich es beim nachhall belassen. zum einen müssen ja die nachfolgenden generationen, die dann vielleicht mal meine gedichte interpretieren müssen, noch was zum rätseln haben - wie hat sie das bloß gemeint. zum anderen weißt du ja, dass auch ereignisse, stimmungen u. ä. in uns nachhallen können. dieses nachhallen hat dann nichts mehr mit akustik zu tun, sondern findet auf einer gefühlsebene statt. da die augen als spiegel der seele bzw. der gefühle gelten, finde ich das hier passend. denn es geht ja nicht um das echte licht von erloschenen sternen im auge. das ist ja nur eine methapher für etwas wunderschönes, aber vergangenes, dessen strahlen aber noch in uns nachhallt. kannst du mir noch folgen?

    deinen einwand zu den gesängen kann ich ebenfalls nachvollziehen, bleibe aber auch hier bei meiner variante, weil es mir nicht um irgendwelche gesänge aus der ferne geht, sondern für mich die ferne selbst singt. und zwar ein trostloses lied von sehnsucht und einsamkeit. deshalb *von ferne* oder vielleicht auch *der ferne*.

    hab dank für deine anregungen, auch wenn ich sie diesmal nicht umgesetzt habe.

    lg
    lilisarah

    PS: es gibt tatsächlich graffitiformen, die wände zerschrammen (z. b. scratching)



    lieber georg,

    ich danke dir für deine worte. der bus musste ja kommen, da hatte ich keine wahl.

    lg
    lilisarah



    hallo horst,

    vielen dank für deine stimme. mir war, ehrlich gesagt, gar nicht bewusst, dass das amphibrachys sind. aber cool, dass ich auch mal welche geschrieben habe. schön auch, dass du bei mir bist, was die eigenheiten der zweiten strophe angeht. es ist sicher auch ansichts- bzw. geschmackssache, wie man manche bilder interpretieren mag oder ob man eher dem tatsächlichen wortlaut folgt.

    lg
    lilisarah



    hallo sidgrani,

    ja, wenn man liebt, ist die welt eine andere. ich hatte kein spezielles bild vor augen beim schreiben außer natürlich das der wbl von der haltestelle, aber inzwischen kann ich mir gut vorstellen, dass es in meinem gedicht um eine urlaubsliebe gehen könnte, mit der man die letzte nacht verbracht hat - nun kommt bald der reisebus und bringt einen zurück in trostlose ferne, in den grauen alltag und man weiß genau, dass man diese liebe nicht über den urlaub hinaus retten kann, sie ist bereits etwas vergangenes, auch wenn sie noch eine zeit lang in uns nachhallen wird.

    danke für deine netten worte.

    lg
    lilisarah
    ich glaub, mit meinem kater
    muss ich mal zum psychiater
    ich glaub, der hat nen knall
    sieht mäuse - überall

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