1. #1
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    Eindrücke und Meinung gefragt

    Hallo,
    Ich schreibe in meiner Freizeit häufig Gedichte, vorallem um den Kopf frei zu bekommen, und würde gerne einmal ehrliche Kritik erhalten wollen. Liebe Grüße



    Einsamkeit erfüllt meinen Körper,
    Wie Luft ein leeres Glas,
    Mein müdes Gesicht ertrinkt,
    Im Tränenmeer.

    die Luft ist dünn,
    da wo ich mich hingedacht,
    wo mich keiner kann finden
    ich will für immer verschwinden

    Jeder schritt zieht mich weiter Richtung Erde, saugt mich ein, begräbt mich unter sich,
    Betrunken von zu viel Luft

    Hinter dem glänzenden Spiegel steht
    Mein Feind
    Blickt mir ins Gesicht, mustert
    Verspottet mich

    Laut
    Stärke fehlt mir
    Du sprichst
    Laut, ich höre nichts

    ich habe angst vor
    Dir werfe ich spitze Worte nach
    Du bist wie ich nein ich
    Bin wie du

    Deine Augen weinen,
    Schenk ihnen Trost, Regentropfen
    Verschmelzen mit deinem weinendem
    Körper

  2. #2
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    Hallo Juliaa und willkommen hier! Was wohl das zweite a in deinem Namen bedeutet? Nun, ich habe keine Ahnung, ob du 16, 30 oder über 50 bist und bin unschlüssig, ob es für das, was ich zu deinem Gedicht sagen möchte, eine Rolle spielen würde.
    Ich versuche als erstes die Geschichte zu verstehen:
    Da ist am Anfang ein einsames, unglückliches, gar sterbenswilliges Ich.
    Dann gibt es einen Feind. Ein Du? Oder ein Teil des eigenen Ichs (weil hinter dem Spiegel und nicht IM Spiegel, weiss man das nicht so genau)?
    Und dann wird gesprochen. Das Du hinter dem Spiegel soll lauter reden, weil das Ich nichts hört. Gleichzeitig hat das Ich vor dem Du Angst und in seiner Angst wird es hand-/bzw. wortgreiflich.
    Dann kommt es zu einer Verschmelzung von Ich und Du, oder zumindest zu einer Angleichung und das Ich hat Mitleid mit dem auf einmal traurigen Du.
    In den Tränen dann die offensichtliche Verschmelzung.

    Was ist also die Aussage dieses Gedichts, das bestimmt mehr will, als nur eine Geschichte erzählen? Ich kriege es nicht klar zu fassen, sehe mehrere Möglichkeiten:
    - Durch Mitleid kann Angst überwunden werden und Feinde können zusammenfinden
    - Einsamkeit ist ein Feind, den man nur durch Anschreien/ihn Verletzen und nachher Mitleid mit ihm haben zum Freund machen kann
    - Es gilt, sich einzugestehen, dass man auch eine dunkle Seite in sich trägt, und nur wenn man sich mit ihr versöhnt, kann man .... puh nee, das führt dann doch zu weit...

    Juliaa, es mag an meiner Unfähigkeit liegen, dass ich nicht zur Intention des Gedichts vordringe. Es könnte aber auch daran liegen, dass im Text ein, zwei Haken zu viel geschlagen, zu viele einzelne Bilder verwendet werden.

    Zur Form: Ein Gedicht muss sich nicht reimen und muss nicht daherkommen wie ein Kindervers, das möchte ich vorausschicken. Für meinen Geschmack hat es aber hier formal zu viele Elemente, von allem ein bisschen. Es hat sogar einen Reim drin (finden/schwinden), für den du den Satz furchtbar verwursteln musstest. Dieser eine Reim wirkt ziemlich verloren. Dann kommt plötzlich und etwas zufällig eine ellenlange Zeile. Und gegen Ende weichst du auch noch von den zuvor verwendeten vollständigen Sätzen ab, arbeitest mit Wortwiederholungen usw. Das sind alles gute Stilelemente, aber hier für meinen Geschmack zu viele.

    Drittens hat es mindestens zwei unlogische Stellen drin:
    - Die Luft: In S1Z2 ist die Luft "nichts", ein leeres Glas. In der Langzeile macht die Luft betrunken, obwohl sie eben noch nichts war
    - Wenn das Ich nichts hört, dann weiss es auch nicht, dass das Du laut spricht

    Und dann sind da leider auch noch ziemlich viele Schreibfehler, was dem Ganzen einen unfertigen Anstrich verleiht. Da das Gedicht jedoch im Arbeitszimmer steht, muss es allerdings auch nicht "fertig" wirken.

    Mein Vorschlag: Überlege dir, was genau du dem Leser mitteilen möchtest und lass alles weg, was davon ablenkt. Nimm dir ein paar wenige von den verwendeten Bildern und mache daraus einen Text, der eine mehr oder weniger durchgängige Form hat, bzw. setze Formwechsel gezielt ein. Und dann raus mit den Fehlern und es wird ein sehr ansprechendes Gedicht. Dem Schreiben nach Gefühl folgt das Handwerk, so dürfte es in jeder Kunstrichtung sein.

    Ich hoffe, hier noch mehr von dir zu lesen! Würde mich freuen. E liebe Gruess, gugol
    ausgezogen
    um die welt zu sehen - der versuchung zu entgehen - und sich selber zu verstehen
    lebenslinien wie mäander - führten beide zueinander - wurden voneinander
    angezogen

  3. #3
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    Hallo Juliaa,

    ich will jetzt nicht auf das Schema eingehen, das wäre i.m.A. erst der nächste Schritt - der wird aber nicht einfach...wenn schon die "Bilder" nicht stimmen.

    Einsamkeit erfüllt meinen Körper
    "erfüllt" ist positiv besetzte (ich hatte ein erfülltes Leben)
    Du sprichst hier aber garantiert nicht von einem positiven Gefühl...deshalb benötigst Du ein entsprechendes Verb.
    Beispiel: Einsamkeit flutet meinen Körper....wie Luft.....- gibt natürlich noch jede Menge andere Möglichkeiten

    Wie Luft ein leeres Glas,
    kann man so schreiben, sehe aber die Notwendigkeit nicht...


    warum nicht "wie die Luft das leere Glas"

    wo man "ein" durch "der/die/das ersetzen kann...sollte man das auch tun - die Szene wir konkreter...die Atmosphäre dichter


    Mein müdes Gesicht ertrinkt,
    Im Tränenmeer.
    "ertrinkt" passt ganz gut zu "flutet" (siehe oben)...während das Tränenmeer ein oft bemühter und verbrauchter Begriff ist.
    Die einen schreiben Tränenmeer, andere reden von salzigen Tränen - es könnte also auch "im Salzmeer meiner....". Nach "meiner" könnte alles mögliche folgen..."Gefühle", "Wunden", "Erinnerung", "Sehnsucht", "Wehmut",....

    die Luft ist dünn,
    da wo ich mich hingedacht,
    wo mich keiner kann finden
    ich will für immer verschwinden
    die Luft hattest Du ja schon - eigentlich möchtest du sagen, dass dir das Atmen schwerfällt - und so würde ich es dann auch schreiben:

    Das Atmen fällt mir schwer
    in meinem Versteck

    die beiden letzten Zeilen kannst Du dir sparen, zumal der Reim hier kein Mehrgewinn ist

    Jeder schritt zieht mich weiter Richtung Erde, saugt mich ein, begräbt mich unter sich,
    Betrunken von zu viel Luft
    Hier widersprichst Du dir -die dünne spricht für zu wenig...und nicht für zu viel Luft

    Hinter dem glänzenden Spiegel steht
    wie muss ich mir einen glänzenden Spiegel vorstellen? Ein Spiegel ist schmutzig oder sauber...man kann ihn aber nicht zum Glanz polieren.


    Deine Augen weinen,
    Schenk ihnen Trost, Regentropfen
    Verschmelzen mit deinem weinendem
    Körper
    Das ist zu viel des Weinens

    Gruß, A.D.
    Der Abschied entziffert die Handschrift einer Begegnung

  4. #4
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    Hallo Gugol,

    vielen Dank für das ausführliche und sehr hilfreiche Feedback!
    Ich kann jeden von dir angesprochenen Punkt nachvollziehen und die Widersprüchlichkeiten sind mir nun auch klarer geworden.
    Zugegebenermaßen schreibe ich meistens einfach aus einem Impuls heraus los, ohne großartig über Formales nachzudenken somit Danke dass du auch darauf eingegangen bist.
    Zu den interpretatorischen „Fragen“ die du mir gestellt hast kann ich keine klare Antwort geben. Das Lyrische Ich sieht sein Ebenbild im Spiegel welches ihm gegenüber gehässig und verachtend ist. Das Lyrische Ich „leidet“ an Selbsthass und innerer Leere. Der Ort an dem „dünne Luft“ ist, sollte ein Himmelsgleicher Ort sein ( ich bin zwar nicht gläubig aber als Stilmittel ist es gut verwendbar).
    Die übermäßige Verwendung von Stilmitteln liegt wahrscheinlich daran, dass ich erst 16 bin und von den analytischen Strategien der Schule vorbelastet bin.
    Ich werde mein Gedicht überarbeiten und diese hoffentlich mithilfe deiner Ratschläge verbessern können.

    Liebe Grüsse Julia



    Hallo A.D,

    Vielen Dank dass du dich mit meinem Gedicht auseinandergesetzt hast.
    Deine Änderungsvorschläge machen für mich Sinn. Ich werde mein Gedicht überarbeiten und sehen was dabei rauskommt!
    Viele liebe Grüße Juliaa

  5. #5
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    Liebe Julia, ich hatte es "befürchtet", dass du noch ganz jung bist. Also versteh mich bitte nicht falsch, 16 sein ist wunderbar!! Aber es ist eben auch ein Alter, wo einem eine Kritik noch sehr verunsichern kann. Du jedoch gehst total erwachsen damit um, und ich bin froh, dich mit meinen Worten nicht verletzt zu haben.
    Wenn ich dein Gedicht nun mit diesem Wissen im Hinterkopf lese, dann möchte ich dir unbedingt Mut machen, das Schreiben weiter zu pflegen, denn für dein Alter gehst du schon sehr gekonnt mit Sprache um (ich habe Deutsch unterrichtet und weiss, was das Gros der 16-jährigen so schreibend zustande bringt).
    Es freut mich, dass ich dir ein paar Denkanstösse geben konnte und wünsche dir weiterhin viel Freude am Dichten, denn du verfügst über einen Fundus an Metaphern und Stilmitteln und über eine reiche Gefühlswelt, die es nur noch etwas zu ordnen gilt. Dieses Forum ist dafür der goldrichtige Ort.
    Liebe Grüsse, gugol
    ausgezogen
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  6. #6
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    Hallo Juliaa,

    kannst Du tun - es macht aber vielleicht mehr Sinn das Gedicht so zu erhalten wie es ist. So bleibt dir eine authentische Chronik deines Wirkens, deiner Entwicklung...auf die Du jederzeit zurückblicken kannst. Lass lieber das eine oder andere...das dich inspiriert... das für dich Sinn macht...in deine kommenden Texte mit einfliessen. Auf diese Art und Weise entwickelst Du dich weiter und bleibst dir dennoch selbst erhalten.

    Gruß, A.D.
    Der Abschied entziffert die Handschrift einer Begegnung

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