1. #1
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    Das Mädchen mit dem Zauberkleid

    Das Mädchen mit dem Zauberkleid

    Lisa war acht Jahre alt und ging in die dritte Klasse. Ihre Familie war sehr arm. Solange Lisa denken konnte, war ihre Mama sehr krank. Meistens lag diese im Bett, weil sie zu schwach war, um aufzustehen. Lisas Papa hatte schon seit vielen Jahren keine Arbeit und war darüber sehr traurig. Wenn Lisa von der Schule nach Hause kam, kümmerte sie sich liebevoll um ihre Eltern. Sie munterte die beiden auf und erzählte ihnen, was sie in der Schule Neues gelernt hatte.

    Ihre Mitschüler waren sehr gemein zu ihr. Jede Gelegenheit nutzten sie, um Lisa zu ärgern. Kein Kind wollte neben ihr auf der Schulbank sitzen. „Iih, die hat ja immer dasselbe an – mit der wollen wir nichts zu tun haben“, sagten alle Kinder. Lisa war oft sehr traurig und weinte in der Nacht, während andere Kinder schöne Träume hatten.

    Nach der Schule lief sie immer so schnell sie konnte nach Hause, um den Beschimpfungen ihrer Mitschüler zu entkommen. Denn sie riefen hinter ihr her: „Da ist sie ja die arme Maid mit dem schrecklich alten Kleid …“

    Was soll ich nur tun, dachte Lisa. Sie hatte nur zwei Kleider und die Eltern wenig Geld, um ihr ein neues zu kaufen. Sie schaute an sich herunter und stellte fest, dass die Kinder Recht hatten. Das Kleid, welches sie gerade anhatte, war ganz besonders hässlich. Der untere Saum war aufgerissen und hing unordentlich herunter und am Ärmel war ein langer Riss. Die einst gelben Blümchen auf dem Kleid sahen grau und schmutzig aus. „Ich will dieses Kleid nicht mehr tragen“, sagte sie zu ihrem Papa. „Die Kinder verspotten mich und waschen kann ich es auch nicht mehr, der Stoff ist schon sehr dünn, er würde dann wohl zerreißen.“
    „Liebes Kind“, sprach der Vater. „Du weißt doch, dass wir kein Geld haben, es tut mir furchtbar leid.“ Dabei streichelte er Lisa liebevoll übers Köpfchen. „Ich hoffe, es kommt bald eine Zeit, wo ich Arbeit finde und wieder für unsere Familie sorgen kann.“ Er gab ihr einen Kuss auf die Stirn. „Nun mach dir nicht so viele Sorgen und schlaf schön. Bald wird sicher alles gut werden.“ Mit diesen Worten ging er ins Bett.

    In dieser Nacht konnte Lisa wieder einmal nicht schlafen. Ich kann doch dieses Kleid nicht mehr tragen, ich schäme mich so sehr, dachte sie. Ich muss es wegwerfen. Die Eltern werden es gar nicht bemerken. Ich habe dann eben nur noch dieses andere Kleid, welches noch nicht ganz so schlimm aussieht. Sie stand wieder auf und schlich ganz leise auf Zehenspitzen hinüber zum Bett ihrer Eltern. Sie lauschte und konnte hören, dass sie tief und fest schliefen. Die Mama machte beim Ausatmen so komische Geräusche, die so klangen, als ob ein kleines Pferdchen schnaubte und der Papa schnarchte laut wie ein Bär.

    Mit dem hässlichen Kleid unter dem Arm schlich sie sich zur Tür hinaus. Ihr Herz schlug bis zum Hals. Es war tief in der Nacht und aus allen Ecken vernahm sie ein Rascheln. Von weitem hörte sie die Laute einer Eule. Ohne sich noch einmal umzusehen, rannte sie hinüber auf die andere Straßenseite, wo die Mülltonnen standen. Sie nahm den Deckel einer Mülltonne hoch und wollte das Kleid gerade hinein werfen, als sie plötzlich Stimmen hörte:

    Wirf uns nicht weg, du liebes Kind,
    ein Wunder bringt dir jetzt der Wind.
    Für uns ist nun die Zeit gekommen,
    die Freiheit wir zurück gewonnen.

    Lisa erschrak und dabei fiel ihr Kleid zu Boden. Mit weit geöffneten Augen schaute sie sich aufgeregt um. War da jemand, der ihr einen Streich spielen wollte? Aber es war niemand zu sehen. Plötzlich fuhr ein kräftiger Wind durch ihr Haar und das Kleid hob sich vom Boden ab. Vor lauter Erstaunen legte sie beide Hände auf ihren jetzt auch offen stehenden Mund. Ihr Kleid schwebte einen Moment und dann lösten sich die gelben Blümchen vom Stoff und tanzten um Lisa herum. Noch immer stand sie völlig erstarrt da.
    Aus den gelben Blümchen wurden plötzlich liebliche Elfen. Sie kicherten und flatterten mit ihren Flügeln.
    „Träume ich etwa?“, fragte Lisa nun verwirrt. Dabei rieb sie sich mit beiden Händen die Augen.
    „Nein, du träumst nicht, sondern du wurdest auserwählt, weil du ein ganz besonderes Kind bist“, säuselten die Elfen. „Du hast dich nie über die Armut deiner Eltern beklagt. Dir war es nur wichtig, dass deine Kleider sauber und ordentlich waren. Du bist anders als die meisten Kinder.
    Weißt du noch, wann du dieses Kleid bekommen hast? Es war zu Weihnachten. Deine Eltern kauften es auf dem Trödelmarkt, weil sie wenig Geld hatten. Unsere Oberelfe hatte deine Eltern zu diesem Verkaufsstand gelockt. Sofort hatten sie sich für dieses Kleid entschieden. Sie konnten auch nicht anders, weil ein Zauber sie dazu drängte.“

    „Aber ich verstehe nicht …“, stammelte Lisa.
    „Sie versteht nicht, sie versteht nicht“, wiederholten die Elfen. Sie kicherten nun noch lebhafter und flatterten aufgeregt umher. Selbst in der Dunkelheit der Nacht waren sie gut zu erkennen, weil das Gelb ihrer Farben leuchtete. Als sie wieder zur Ruhe kamen, setzten sie sich auf Lisas Schultern nieder. Eine der Elfen fing an zu reden: „Es gibt so viele arme Menschen auf der Welt und viele von ihnen sind ohne eigene Schuld in diese Armut geraten. Jedes Jahr zu Weihnachten werden Menschen von uns auserkoren, die sich bewähren können, um aus dieser Armut herauszukommen. Du hast die Probe bestanden. Laufe jetzt nach Hause, lege dich ins Bett und schlafe. Du wirst ein Wunder erleben.“
    „Was für ein Wunder?“, fiel Lisa der Elfe ins Wort.
    „Da du so ein bescheidenes und liebes Kind bist, möchten wir dich dafür belohnen.“

    Plötzlich tanzten die Elfen wieder um Lisa herum und sangen dabei mit einer lieblichen Melodie:

    Bevor du gehst nach Haus jetzt leise,
    drehe dich ganz schnell im Kreise,
    mit beiden Armen ausgestreckt,
    bis dich das neue Leben weckt.
    Alles nimmt dann seinen Lauf.
    Du wachst in deinem Bettchen auf.

    Lisa konnte nicht anders, sie streckte beide Arme aus und drehte sich mit geschlossenen Augen im Kreis, immer schneller und schneller. Dabei bekam sie ein so starkes Glücksgefühl, wie sie es schon lange nicht mehr hatte. Sie lachte und lachte und lachte.

    Lisa erwachte, als ihre Mama sie weckte. „Lisa, es ist Zeit, du musst aufstehen! Du musst bald in die Schule. Der Frühstückstisch ist schon gedeckt, also beeile dich ein bisschen mein Schatz!“
    Sie setzte sich auf und rieb sich die Augen. „Mama, du bist ja aufgestanden, geht es dir wieder besser?“
    „Wieso denn besser mein Schatz? Mir ging es doch nicht schlecht.“ Lisa schaute sich um. Was für ein schönes Kinderzimmer, bunt und fröhlich eingerichtet. Sie ging ins Badezimmer und staunte, wie schön alles aussah. Dann öffnete sie die Tür von ihrem Schrank im Kinderzimmer. „Wow, was ist das denn?“ Mit großen Augen bestaunte sie die ordentlich gestapelte Kleidung. Was soll ich denn bloß anziehen, dachte sie. Sie entschied sich für ein Kleid mit gelben Blümchen, welches sie sehr schön fand und ihr sehr vertraut vorkam.

    Auf dem Frühstückstisch standen viele Köstlichkeiten, die Lisa sehr gerne mochte. „Und wo ist Papa?“, fragte sie mit vollem Mund.
    „Na du bist ja lustig. Der Papa ist schon im Krankenhaus, wie jeden Morgen um diese Zeit. Er muss doch nach seinen kleinen Patienten schauen.“
    „Papa ist Kinderarzt?“, fragte Lisa ganz erstaunt.
    „Aber das weißt du doch, was ist denn heute mit dir los?“, lachte die Mama. „Träumst du noch?“

    War etwa das Leben, das sie vorher hatte, nur ein schlechter Traum, dachte Lisa und gewöhnte sich langsam an diese Gedanken.

    Sie schaute zum Fenster hinaus. Doch, was sie dort erblickte, konnte sie kaum fassen. Eine Elfe, die aussah wie ein kleiner Schmetterling saß dort am Fenster und flatterte mit den Flügeln. Sie lächelte, zwinkerte Lisa zu und flog davon.

    © Monika Benedix
    Man trägt das vergangene Schöne wie ein kostbares Geschenk in sich.
    (Dietrich Bonhoeffer)

  2. #2
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    Hallo Dabschi,

    ich hoffe, Du schaust ab und zu rein und siehst, was aus Deinen Werken wird. So wirst Du auch meinen Kommentar finden.

    Dein Märchen hat mir gut gefallen. Es ist einfühlsam geschrieben und erinnert an die Tradition der klassischen Märchen. Beinahe bis zum Ende denkt man, es wäre eine Variante der herkömmlichen Märchen. Ein Mädchen ist arm aber von Herzen gut und wird von übernatürlichen Kräften wie gute Feen und Elfen am Ende belohnt. Ich denke dabei an Aschenputtel, Goldmarie aus Frau Holle und Sterntaler. Doch bei Dir ist das Ende überraschend und gibt Rätsel auf. Es scheint, als habe Lisa sich selbst als armes Mädchen nur geträumt und dabei schon immer in einer aus Kindersicht optimalen Welt gelebt. Nur die schmetterlingshafte Elfe am Fenster wirft die Frage auf, ob es sich nicht vielleicht um eine Parallele zu Der Fischer und sin Fru handelt, wo durch den Zauber des Butts die ganze Welt des Fischers sich ändert.

    Wir alle werden in eine Welt hineingeboren, die wir uns nicht ausgesucht haben, die einen in eine reiche, die anderen in eine arme Welt, die einen haben gute Eltern, andere wiederum schlechte. Es liegt nahe, das Schicksal als ungerecht zu schelten. Warum sollte man überhaupt in einer solchen Welt noch gut sein wollen? Die Märchen geben eine Antwort: es gibt übernatürliche Kräfte, die am Ende für einen gerechten Ausgleich sorgen, die das Gute belohnen.

    Während die armen Kinder es als ungerecht empfinden, arm zu sein, denken die reichen Kinder selten nach, ob es nicht vielleicht ungerecht sei, reich zu sein. Sie haben ihren Reichtum ebensowenig verdient wie die armen Kinder ihre Armut. In Deinem Märchen könnte es nun so sein, daß ein sorgloses Mädchen, das in optimalen Umständen aufwächst, sich im Traum vorstellt, arm zu sein. Sie erlebt dabei auch, wie weh es tut, wegen seiner Armut von den bessergestellten Mädchen auch noch verspottet zu werden; der Gipfel der Ungerechtigkeit! Hat Lisa möglicherweise dabei mitgewirkt, zumindest tatenlos zugesehen?

    Dein Märchen verhilft dazu, sich Gedanken zu machen, ob man nicht ein unverdientes Glück genießt, während andere ohne eigene Schuld Verlierer sind. So z.B. frage ich mich, warum meine Eltern Krieg, Gefangenschaft und Vertreibung erleiden mußten, während mir es zeitlebens recht gut ging?

    Der 2011 verstorbene Wiener Dichter, Liedermacher und Schauspieler Ludwig Hirsch sang in einem Lied (der blaade Bua):
    Es gibt Kinder, die kommen ohne Schutzengerl auf d'Welt
    Und der Sandmann haut eane Reissnägel in d'Aug'n
    Unter'm Christbaum liegt jedes Jahr
    a Packerl Tränen als Geschenk
    und ein Märchenbuch
    wo der Teifel immer gwinnt
    Vielleicht hast Du Dein Märchen geschrieben, um daran zu erinnern?

    Liebe Grüße

    Friedrich

  3. #3
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    Hallo Friedrich,

    erst heute entdecke ich Deinen ausführlichen Kommentar zu meinem kleinen Märchen und freue mich sehr darüber. Vielen Dank dafür. Natürlich schaue ich hier öfter mal rein, aber wenn man nicht direkt die Themen unter dem eigenen Profil betrachtet, gelangen die Kommentare sehr schnell in der Versenkung.

    Als ich damals begann in einem Forum zu schreiben, trat jemand mit der Frage an mich heran, ob ich nur Gedichte oder auch Geschichten schreibe. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch keine Erfahrungen im Geschichten schreiben, empfand es aber als Herausforderung und entschied mich dafür ein kleines Märchen zu schreiben. Ich zerbrach mir den Kopf und ließ meiner Fantasie freien Lauf. Allmählich entstanden Bilder vor meinem geistigen Auge. Mein Märchen entwickelte eine Eigendynamik, die nicht mehr zu stoppen war. Ich befand mich mitten im Geschehen, hörte die Elfen kichern und konnte mich in Lisas Gefühle hineinversetzen.

    Der 2011 verstorbene Wiener Dichter, Liedermacher und Schauspieler Ludwig Hirsch sang in einem Lied (der blaade Bua):
    Es gibt Kinder, die kommen ohne Schutzengerl auf d'Welt
    Und der Sandmann haut eane Reissnägel in d'Aug'n
    Unter'm Christbaum liegt jedes Jahr
    a Packerl Tränen als Geschenk
    und ein Märchenbuch
    wo der Teifel immer gwinnt
    Vielleicht hast Du Dein Märchen geschrieben, um daran zu erinnern?
    Ich kannte Ludwig Hirsch und seine Lieder leider nicht. Es freut mich aber, dass mein Märchen Dich zu tiefgründigen Gedanken inspirierte. Ein Mädchen, das in wohlbehüteten Verhältnissen aufwächst und nur träumt, ein armes Mädchen zu sein …

    Während die armen Kinder es als ungerecht empfinden, arm zu sein, denken die reichen Kinder selten nach, ob es nicht vielleicht ungerecht sei, reich zu sein. Sie haben ihren Reichtum ebensowenig verdient wie die armen Kinder ihre Armut. In Deinem Märchen könnte es nun so sein, daß ein sorgloses Mädchen, das in optimalen Umständen aufwächst, sich im Traum vorstellt, arm zu sein. Sie erlebt dabei auch, wie weh es tut, wegen seiner Armut von den bessergestellten Mädchen auch noch verspottet zu werden; der Gipfel der Ungerechtigkeit! Hat Lisa möglicherweise dabei mitgewirkt, zumindest tatenlos zugesehen?
    Genauso hätte es sein können, obwohl ich offen gestehe, dass ich beim Schreiben nicht so weit dachte. Ich bewundere Deine Feinfühligkeit. Mir war es wichtig, am Ende dem Leser seiner eigenen Fantasie freien Lauf zu lassen und zum Nachdenken anzuregen.

    Vielen Dank für Dein Interesse und Deine Gedanken.

    Liebe Grüße
    Dabschi
    Man trägt das vergangene Schöne wie ein kostbares Geschenk in sich.
    (Dietrich Bonhoeffer)

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