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    Schulschwänzer

    Finn stand am Fahrradständer seiner Schule. Langsam stieg der Junge auf sein Rad.

    Seit sich in der Nacht diese seltsame Glas(?)-Glocke um ihn geschlossen hatte, war jede Bewegung noch etwas aufwändiger als vorher, und er musste erst recht Acht geben, dass er nicht überall anstiess.

    Am Tag zuvor hatte es mittags Pastetli gegeben, ein Essen, das er mochte. Mit der dicken weissen Sosse konnte man alles, vom Reis über die Dosenerbsen bis zum vorgebackenen Blätterteig, einwickeln, wie es eine hungrige Katze mit dem Menschen tut, der den Weg zu den Futterdosen kennt, oder wie es eine Bakterie im Urmeer mit einer andern tut, welche sich einzuverleiben sie sich anschickt.
    Weder Vater noch Mutter hatten viel Zeit zum Kochen gehabt. Sein Vorteil, hatte Finn gefunden, als er aus der Schule gekommen war und schnuppernd Bein für Bein über die Schwelle gehievt hatte.

    Danach hatte er den ganzen Nachmittag über in der Schule Speisen verdaut.
    Wie eine Schlange hatte er dagelegen, auf Schülerbank und Stuhl zusammengeringelt, und auf seinen Herzschlag gelauscht, während das Herz Blut zum Magen gepumpt hatte. Das dürre Holz der angerauten Tischplatte hatte das leise Wumm-wumm-wumm wie ein Schlaflied in sein Ohr übertragen.

    Als der Lehrer die Arbeiten ausgeteilt hatte, hatte er dreimal Finns Namen rufen müssen, bis der Junge sich aus einem dösenden Reptil in ein Wesen auf zwei Beinen, von einigermassen menschlichem Aussehen, verwandelt hatte. «Das ist originell, ja, ansatzweise gut geschrieben… Aber besonders bei Rechtschreibung und Zeichensetzung kannst du dich echt noch steigern.» Die Note war erneut unterirdisch geworden. Darauf hatte sich Finn wieder sein Schuppenkleid übergezogen und sich tief in den dampfenden Haufen aus zu Boden geflatterten Redefetzen vergraben, der sich im Schulzimmer seit der ersten Morgenstunde angehäuft hatte und immer weiter anhäufte.

    Das war jetzt fast 24 Stunden her. Inzwischen war da diese Glocke. Anscheinend nur aus festem Glas. Acrylglas? Vielleicht ein unbekanntes Material? Seine Finger tasteten die Innenseite ab, sendeten aber keine eindeutigen Signale. Über Nacht war er in einer Luftblase eingeschlossen worden. (Wie lange würde wohl der Sauerstoff reichen? Es musste eine unsichtbare Klimaanlage geben, sonst wäre er doch...)

    Am Morgen hatte ihn eine alles flutende Sonne geweckt, welche ins Zimmer schien und sich in der Hülle, die ihn umgab, brach. Einen Wecker hätte er nicht nur nicht hören wollen, sondern nicht hören können. Beim Frühstück mit Vater und Bruder fiel keinem der beiden auf, dass Finn in einer Glocke steckte wie ein Taucher in der Tiefsee. Alles war wie gewohnt. Wie gewohnt berührte Finn weder Tasse noch Teller, wie immer bewegte er nach einer Weile kurz die Lippen und verschwand.

    Auch in der Schule nahm man Finn so wahr, wie er immer gewesen war. Er selbst registrierte, dass Lehrer und Mitschüler wie Fische im Aquarium um ihn herumschwammen, den Mund öffneten und schlossen, ohne dass ein Ton zu ihm drang, ohne dass es ihn überhaupt etwas anging.

    Finn fühlte sich wohl. Die Schulstunden plätscherten vorüber wie sonst, mit dem neuen Vorteil, dass er in seinem Reptilienschlaf nie gestört wurde. Geschützt wie der Pilz im Pastetli. Fast hatte er den Eindruck, als lösche die Substanz, die ihn umgab, bei allen um ihn herum die Erinnerung an ihn.

    Als die Schule aus war, gingen alle ihren Weg, keiner fragte, wo eigentlich Finn den ganzen Tag über gesteckt hätte. Wie schon am Morgen wurde das Fahrrad irgendwie Teil von der Blase und Finn sass im Sattel, ehe er sich’s versah. Diesmal war er wach genug, das zu registrieren. Er sass nun ähnlich wie ein Raumfahrer im abgedichteten Raumschiff und der Lenker glich einem Armaturenbrett aus SF-Serien. Aber weshalb hätte er sich darüber wundern sollen? In seiner Fantasie war er sogar schon in veritablen Raumschiffen gefahren, auch auf dem Schulweg.

    Mit kundigen Griffen, als wäre er darin geübt, startete er den Antrieb, und schon zischte sein Fahrrad übers Schulhausdach hinweg. Gleich wollte er eine Steuerungsrakete zünden, doch das Gefährt gehorchte nicht. Was? Was denn jetzt? Noch ehe er seine Fragen laut äusserte, beugte sich eine fremd aussehende, Finn jedoch sehr vertraute Gestalt über seine Schulter, lächelte freundlich und zeigte mit einer Art Laserfinger auf den Steuerungskasten in ihrer Brust. Finn begriff: Von jetzt ab konnte er nur noch tun, was seine Bestimmung war.

    Abends fiel seine Absenz in der Familie nicht weiter auf. Kann sein, dass dabei eine Rolle spielte, dass er morgens seine Musikanlage nicht ausgeschaltet hatte. Durch seine Zimmertür drang Stairway to Heaven. Jedenfalls gingen Muttter, Vater und Bruder schlafen, die Eltern im Gedanken, am andern Morgen Finn wenn möglich daran zu erinnern, dass er seine Musikanlage ausschalte.

    Anderntags beim Frühstück starrte jeder wie gewohnt ein Loch in das eigene Handy, ging dann schlafwandlerisch durch die Türe und auf die Strasse hinaus.
    In der Schule stellten einige fest, dass Finn nicht da war. «Hat der nicht gestern schon blau gemacht?», fragte ein Mädchen in die Runde, hob dabei ihren Blick nicht vom Display.
    In der Lehrerschaft beruhigte man sich, als sich auf dem Lehrerpult ein Zettel fand: «Finn hat hoite einen wichtigen Dermin im Andromeda-Nebel. Wir bieten Sie, sein Fernebelieben zu endschuldigen.»
    Auf solche Scherze musste man bei diesem Jungen stets gefasst sein. Er würde dadurch letztlich nur sich selbst schaden. Man hatte oft genug versucht, einzuschreiten, auch die Eltern einbezogen.
    Nun würde es gottlob nicht mehr lange dauern bis zum Ende seiner Schulpflicht, da er eh schon eine Klasse wiederholt hatte.

    Könnten ich oder jemand von Ihnen, liebe Leser, Signale aus dem Andromeda-Nebel, der heute Abend im Zenit seht, nicht nur empfangen, sondern auch verstehen, dann wüssten wir jetzt diese Geschichte weiter zu erzählen… Da ich das nicht kann, ist für mich hier Schluss, aber falls Sie die richtige Antenne haben, dürfen Sie gerne die Fortsetzung aufschreiben und sie mir zuschicken. Danke.
    Geändert von kaspar praetorius (05.04.2018 um 22:03 Uhr)
    Kinder, jetzt gilt's ernst!
    Sie quatschen im Cybertalk
    über Cybersex.

    (StadtHaiku)

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