1. #1
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    Ein Tag wie jeder andere (eine Villanelle)

    Ein Tag wie jeder andere (eine Villanelle)

    #Wir haben hier ein kleines Mädchen namens Mai.
    Es trägt ein rosarotes Kleid und Ringelsocken.
    Die Eltern kommen bitte an die Kasse drei.#

    Die Mutter war zuvor in eine Streiterei
    vertieft - dabei, es mit dem Lover zu verbocken,
    dem Vater von dem kleinen Mädchen namens Mai.

    Das sass derweil bekümmert vor der Bücherei,
    denn wieder einmal ließen es die Alten hocken.
    Die stritten lieber weiter an der Kasse drei.

    Dann plötzlich hörten alle einen lauten Schrei.
    Vor diesem hatte sich die Kleine arg erschrocken,
    und jemand rief: “Wo ist mein Mädchen namens Mai?
    Ich brauche hier sofort die Bundespolizei,
    ansonsten lass ich eure ganze Bude rocken!”

    Die Eltern waren eh schon an der Kasse drei,
    wo Mutter weiter kreischte wie ein Papagei -
    bis eben, da gerät die Schimpferei ins Stocken:
    “Wir haben hier Ihr kleines Mädchen namens Mai.”
    “Schau, nur für dich kam Mami an die Kasse drei.”

    November 2017 - gugol / L.A.F. Strässler
    Geändert von L A F Strässler (10.11.2017 um 02:59 Uhr)
    ausgezogen
    um die welt zu sehen - der versuchung zu entgehen - und sich selber zu verstehen
    lebenslinien wie mäander - führten beide zueinander - wurden voneinander
    angezogen

  2. #2
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    Hallo gugol / L.A.F. Strässler,

    welch sonderbare Geschichte. Das kleine Mädchen namens Mai ist aber wirklich zu bedauern. Hoffentlich hinterlässt seine Kindheit keine bleibenden Schäden, bei solchen Eltern!

    Zum ersten Mal lese ich eine Villanelle, die zum Schluss mit zwei fünfzeiligen Strophen daherkommt. Das ist ungewöhnlich, vielleicht sogar nicht korrekt. Aber da ihr ausdrücklich darauf hinweist, kann es sich eigentlich nicht um ein Experiment eurerseits handeln, oder?

    Liebe Grüße
    Sidgrani

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  3. #3
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    Hallo Sidgrani
    Danke für deinen Kommentar. Im Grunde hat ja die Villanelle gar keine Strophen, sondern geht einfach von oben nach unten durch. Wir haben uns entschieden, den Text in vier Abschnitte zu gliedern und uns dabei nach dem Inhalt gerichtet. Dadurch wird der dritte A2-Refrain tatsächlich zum Strophenanfang. Das ist bestimmt nicht "konform", erschien uns aber inhaltlich sinnvoll. Würde man die Zeilenumbrüche entfernen, wäre es vom Aufbau her eine klassische Villanelle mit relativ frei gestalteten Refrainzeilen.
    E liebe Gruess, gugol
    Geändert von Gugol (10.11.2017 um 10:13 Uhr)
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  4. #4
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    Im Kaufhaus passiert sowas. Das ist eine nicht so leicht daherkommende Kost, funktioniert hat es trotzdem, ich war bis zum Schluss interessiert, was denn hier nun passiert ist. Dann musste ich es auch noch Mal lesen, weil hier grade wer gequatscht hat und nun: achso!
    Villanelle kannte ich mal wieder gar nicht

    - Strafe für meine Unwissenheit!! -

    Erstmal musste ich mich an die seltsame Reimerei gewöhnen, dann hats aber geklappt und nun, tja nun ist es eine ziemlich traurige Geschichte, denn das Mädchen wurde offenbar völlig ignoriert und die Mutter hat sich nicht um das Kind, sondern ihren Lover gekümmert, na klasse.

    Die Geschichte wird aufgrund der Bezüge dann ein bisschen diffus für mich, weil "Jemand" nach dem Mädchen namens Mai rief.
    Rief da die Mutter?

    Warum erschrickt das Mädchen vor dem Schrei, und wer hat da geschrien?
    Erschrickt man sich "vor" einem Schrei oder "von" einem Schrei, oder wird man nicht "durch" oder "aufgrund" eines Schrei's erschrocken?

    Sich vor etwas erschrecken heißt ja irgendwie, es zu sehen, weil "vor" (da-vor)?

    Boah, ich hab heute wieder meinen Kleinlichen Tag, das Gedicht fetzt aber, weil es eine gute Story hat.

    Redet da die Mutter: "ansonsten lass ich eure ganze Bude rocken" oder ist es der Papa? Die Art so zu sprechen klingt nach prügelbereitem Rocker, zumindest ist das meine Leseart.

    Ah, also kreischte wirklich die Mutter, achso: jetzt weiß ich warum das "vor" mich störte, ich hatte es als "zeitliches" - "vor" verstanden.
    Also "be-vor", und zusammen mit dem Schrei aufgrunddessen sich das Kind erschreckt, achso .... jaja!
    Nun ergibt das alles seinen Sinn.

    Allerdings:
    Wieso hockte das Mädchen an der Bücherecke, die Eltern streiten sich, und das Mädchen "ist" plötzlich auch bei Kasse 3 (denn da werden ja die Eltern hingerufen). War das kausal richtig?

    Also:

    Kind:
    Bücherecke --> Schrei --> Plötzlich ist das Kind an Kasse 3

    Eltern:
    Streit -> Schrei --> Eltern kommen bitte an die Kasse 3, aber da waren sie doch schon?

    Hääää, ach manno (

    Wird jetzt das Kind (nicht-erzählt) von der Bücherecke zur Kasse begleitet und dort wird nach den Eltern (die sowieso daneben stehen) ausgerufen?

    Oder hat jemand das Kind in der Bücherecke abgeholt?

    Ich sehe: es ist ein durcheinander für mich, trotzdem traurig, denn die Eltern haben auf ihr Kind aufzupassen!

  5. #5
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    Hallo MiauKuh, ich mach das sonst nicht so gern, in Zitiertes rein schreiben, aber hier würde es anders zu kompliziert. Also, meine/unsere Erklärungsversuche in blau:

    Zitat Zitat von MiauKuh Beitrag anzeigen
    Im Kaufhaus passiert sowas. Das ist eine nicht so leicht daherkommende Kost, funktioniert hat es trotzdem, ich war bis zum Schluss interessiert, was denn hier nun passiert ist. Dann musste ich es auch noch Mal lesen, weil hier grade wer gequatscht hat und nun: achso!
    Villanelle kannte ich mal wieder gar nicht

    - Strafe für meine Unwissenheit!! -

    Erstmal musste ich mich an die seltsame Reimerei gewöhnen, dann hats aber geklappt und nun, tja nun ist es eine ziemlich traurige Geschichte, denn das Mädchen wurde offenbar völlig ignoriert und die Mutter hat sich nicht um das Kind, sondern ihren Lover gekümmert, na klasse.

    Die Geschichte wird aufgrund der Bezüge dann ein bisschen diffus für mich, weil "Jemand" nach dem Mädchen namens Mai rief.
    Rief da die Mutter? Aus Sicht des Mädchens ist das zunächst eben auch nicht klar, es hört nur seinen Namen, was es erschrickt, weil da eben so hysterisch gekreischt wird und nicht liebevoll gerufen

    Warum erschrickt das Mädchen vor dem Schrei, und wer hat da geschrien? siehe oben
    Erschrickt man sich "vor" einem Schrei oder "von" einem Schrei, oder wird man nicht "durch" oder "aufgrund" eines Schrei's erschrocken?
    Um das zu klären (von/vor)diskutierten und suchten wir ca. drei Stunden, fragten x Leute und wurden letztlich in einem Artikel fündig, der klar sagt:
    - von etwas erscheckt worden sein (transitiv)
    - vor etwas erschrocken sein (intransitiv)
    - sich vor etwas erschrocken haben (reflexiv)


    Sich vor etwas erschrecken heißt ja irgendwie, es zu sehen, weil "vor" (da-vor)?

    Boah, ich hab heute wieder meinen Kleinlichen Tag, das Gedicht fetzt aber, weil es eine gute Story hat.

    Redet da die Mutter: "ansonsten lass ich eure ganze Bude rocken" oder ist es der Papa? Die Art so zu sprechen klingt nach prügelbereitem Rocker, zumindest ist das meine Leseart. genau, etwa 2 Zeilen weiter unten dürfte es sich klären

    Ah, also kreischte wirklich die Mutter, achso: jetzt weiß ich warum das "vor" mich störte, ich hatte es als "zeitliches" - "vor" verstanden.
    Also "be-vor", und zusammen mit dem Schrei aufgrunddessen sich das Kind erschreckt, achso .... jaja!
    Nun ergibt das alles seinen Sinn. siehe oben, es muss so sein, "von" wäre falsch und das "erschrocken" brauchten wir für den Reim, also ging die transitive Version nicht, weil die ist immer "erschreckt"

    Allerdings:
    Wieso hockte das Mädchen an der Bücherecke, die Eltern streiten sich, und das Mädchen "ist" plötzlich auch bei Kasse 3 (denn da werden ja die Eltern hingerufen). War das kausal richtig?

    Also:

    Kind:
    Bücherecke --> Schrei --> Plötzlich ist das Kind an Kasse 3 Am Anfang weiss, man, dass Kind am Ende an Kasse 3 ist (Ausruf der Verkäuferin via Lautsprecher. Alles dazwischen ist der Rückblck, deshalb auch die Änderung auf Präsens in S5Z3 und das "davor" in S2Z1

    Eltern:
    Streit -> Schrei --> Eltern kommen bitte an die Kasse 3, aber da waren sie doch schon? Wie gesagt, S1Z1-3 sind der Ausgangspunkt, danach Rückblick, warum denn Kind an Kasse 3 abgeholt werden muss.

    Hääää, ach manno (

    Wird jetzt das Kind (nicht-erzählt) von der Bücherecke zur Kasse begleitet Ja, wenn du so willst, dann geschah das alles schon VOR dem Gedicht, denn dieses beginnt mit dem Ausruf, dass das vermisste Kind eben an Kasse 3 abgeholt werden kannund dort wird nach den Eltern (die sowieso daneben stehen) ausgerufen? Genau, die haben sich zufällig dort gestritten, wo ihr Kind war, die Mutter panisch, als sie auf einmal merkt, dass ihr Mädchen weg ist, dabei steht sie direkt daneben (was man bei vielen Leuten im Kaufhaus ja tatsächlich nicht unbedingt merkt)

    Oder hat jemand das Kind in der Bücherecke abgeholt?

    Ich sehe: es ist ein durcheinander für mich, trotzdem traurig, denn die Eltern haben auf ihr Kind aufzupassen!
    Ich muss zugeben, es ist nicht ganz einfach zu verstehen, da passiert vieles parallel und mit den wenigen Zeilen möglicherweise wirklich zu viele Sprünge?

    Danke MiauKuh, dass du dir die Mühe gemacht hast, einen Überblick über das Geschehen zu bekommen. E liebe Gruess, Karin und Lorenz
    Geändert von Gugol (10.11.2017 um 13:51 Uhr)
    ausgezogen
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  6. #6
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    Hey Karin,

    danke für die Erläuterung. Dann buche ich das Gedicht jetzt als komplizierte Geschichte in meinen Kopf ein!
    Viele Zeitsprünge machen es schwer für mich, dass Geschehene zu begreifen.

    Liebe Grüße an euch zwei!

  7. #7
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    Hallo Gugol und Lorenz,

    ich hatte mir gestern früh schon vorgenommen, etwas zu eurem Gedicht zu schreiben, weil es mich angesprochen hat. Inzwischen habt ihr schon so viel dazu geschrieben, da ist einiges bei, was ich auch aufgreifen wollte.

    z. B. das Erschrecken vor dem Schrei hatte ich auch so interpretiert, dass es kein liebevolles Rufen war, daher der Schreck.
    Und dass nach der ersten Strophe die Rückblende kommt, hatte ich auch erst nach dem zweitenmal lesen gesehen. Ja, ist vielleicht ein bisschen verwirrend, man muss erstmal wieder zurück einen neuen Anlauf nehmen. Aber das finde ich jetzt nicht weiter schlimm.

    Dass das Mädchen bekümmert vor der Bücherei sitzt, hatte mich irritiert, bei uns werden nur die öffenlichen Leihbibliotheken Bücherei genannt, nicht aber die Bücherecke im Kaufhaus.

    Ihr beschreibt, dass das Kind da bekümmert sitzt. Die Wortwahl unterstreicht, wie ich finde, gut das gestörte Verhältnis zwischen den Eltern und dem Kind. Ein Kind mit guter Bindung zu den Eltern ist eher verzweifelt, nicht nur bekümmert, wenn die Eltern plötzlich verschwunden sind. Also eine alltägliche Situation, vor der das Kind wohl schon halb resigniert hat, so interpretiere ich es jedenfalls. Das sagt ja auch schon der Titel ganz treffend.

    Zum Schluss lasst ihr das Geschrei der Mutter lediglich ins Stocken geraten, so dass man sich vorstellen kann, wie wenig sich die Mutter freut, dass das Kind gefunden wurde. In meiner Vorstellung wird sie es in Empfang nehmen und vielleicht noch fragen, warum es denn weggelaufen ist, also ihm noch die Schuld geben.

    Ein Aufwachsen zwischen Streiterei, Geschrei und Gleichgültigkeit habt ihr gut beschrieben. Ganz schön traurig.

    Euer gemeinsames Gedicht hier hätte auch gut zum Thema unseres aktuellen Wettbewerbs "verloren" gepasst.

    Liebe Grüße an euch beide
    Richmodis
    Geändert von Richmodis (11.11.2017 um 01:58 Uhr)
    "Frauen haben auch ihr Gutes"
    Loriot

  8. #8
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    Hi Werner, danke fuer deine brutale Offenheit. Werden zukuenftig versuchen, dein Wohl zu beruecksichtigen, damit am Ende vom Einkauf alle gluecklich und zufrieden und zur selben Zeit und zusammen nach Hause gehen koennen. MfG, L G

    Hi Richmodis, Buecherei (das ist mir, ohne Scheiss jetzt, durch den Kopf gegangen, ob sich das mit einem Einkaufszentrum vereinen laesst), Baeckerei hi hi, nun denn, du hast feinfuehlig und aufmerksam gelesen, danke, wir schrieben bereits 2 Gedichte zum neuen Wettbewerb(s)thema “verloren”, von welchem, wie du offenbar richtig erkannt hast, dieses hier inspiriert worden ist. Wir sind jetzt bereits am Beginn eines dritten Gedichtes zum Thema “verloren”. LG, L G
    ausgezogen
    um die welt zu sehen - der versuchung zu entgehen - und sich selber zu verstehen
    lebenslinien wie mäander - führten beide zueinander - wurden voneinander
    angezogen

  9. #9
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    Zitat Zitat von L A F Strässler Beitrag anzeigen
    Hi Werner, danke fuer deine brutale Offenheit. Werden zukuenftig versuchen, dein Wohl zu beruecksichtigen, damit am Ende vom Einkauf alle gluecklich und zufrieden und zur selben Zeit und zusammen nach Hause gehen koennen. MfG, L G

    Ach Quatsch, bedenkt mich nicht beim Dichten. Ich bin unwichtig. Wichtig ist das Wortgeflecht
    Wenn das Kind stirbt, stirbt es, wirds erschossen, ist dem so, stirbt die Mutter ist das auch so und rockt der Vater die Bude, tja, dann ist auch das eben so.

    Lg!!

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