1. #1
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    Auf den Weg gebracht

    Neulich schoß das Blut mir aus der Nase,
    als ich hinfiel, mitten in der Nacht.
    Irgendwer hat was in meine Straße,
    noch dazu auf meinen Weg gebracht.

    Nebenbei: Es war nicht mal was Großes,
    eher unscheinbar und roch nicht gut.
    In die Welt gesetzt. Gedankenlos. Es
    wächst der Phrasenberg, es steigt die Flut.

    Meine Nachbarn haben keinen Schimmer
    sagen sie am Tage, doch bei Nacht
    hör ich manchen leis vor Schmerzen wimmern.
    Scheiß, wer hat den Dreck hierher gebracht.

    Längst sind die Verdächtigen ermittelt:
    Bundestag, UN, Europarat.
    Überall wird pausenlos geknüppelt,
    gnadenlos was auf den Weg gebracht.

    Präsidenten, Kanzler und Minister:
    jeder bringt was Tolles auf die Bahn
    lädt es ab, gesprächig und sinister,
    und legt neue Offshorekonten an.

    Neulich schoß das Blut mir aus der Nase
    Heute schreib ich mutlos das Gedicht
    Morgen liegt die Zukunft auf der Strasse
    Oder auf dem Pflaster das Gesicht.
    Geändert von Artname (10.11.2017 um 14:50 Uhr)
    Wortfüsse, wohin ich auch seh!

  2. #2
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    Hi Artname,

    ist es nicht ein Jammer, dass das Wort "mutlos" hier mutig betont werden muss? Gibt es kein trostloseres Wort, das da passt?
    Wie dem auch sei, dein Gedicht ist meiner Meinung nach einwandfrei.

    Die Aussicht, dass Morgen entweder die Zukunft im Eimer ist, oder das Gesicht die Pflastersteine küsst, ist furchtbar düster.

    Oder aber: die Zukunft liegt im Streik auf der Straße, das könnte ja auch so verstanden werden.
    "Auf die Straße gehen" oder halt (salopp gesagt): Aufs Maul fallen.

    Beachtung findet von mir hier auch, dass die Vorwürfe sich ausschließlich gegen Männer richten.

    Gut gemacht.
    *lern*

    Liebe Grüße!

  3. #3
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    Hallo Werner,

    herzlichen Dank, dass du mein Gedicht positiv besprichst! Hm, wie kommst du denn darauf, dass ich nur Männer anspreche?
    Wortfüsse, wohin ich auch seh!

  4. #4
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    Hi! Na wegen der Präsidenten, Kanzler und Minister
    Ich weiß, das ist spitzfindig. Trotzdem, grade in der heutigen Welt, in der es männliche und weibliche Formen für alles gibt, ist es wohl wichtig das darauf Acht gegeben wird :-/ ...

    Zumindest in offiziellen Mitteilungen, Gedichte sind natürlich nicht unbedingt formal korrekt.

    Wie sieht wohl ein behördlich autorisiertes Gedicht aus?

    Hehe!
    Geändert von MiauKuh (11.11.2017 um 08:05 Uhr)

  5. #5
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    hallo Werner,

    Ich meine, wir leben (noch) im Patriarchat. Und das hat seine eigene, einseitige Sprache. Eine Sprache, die tief verwurzelt ist. Eine Mehrzahl, die beide Geschlechter betrifft, wird fast immer männlich symbolisiert. Das erschien mir mein Leben lang immer mal wieder ungerecht. Aber wie du richtig sagst, lesen sich alle Änderungsversuche vordergründig leider wie ideologische Pamphlete. Wenn ich ehrlich bin, bin ich als Mann in Sachen Matriarchat kein überzeugter Vorkämpfer. ich lebe von einer Sprache, die äußere Szenen und innere Bewegungen authentisch abbilden soll. Ich schreibe wie ein Patriarch, wie ich auch deutsch schreibe. Würde ich anders empfinden und schreiben, wäre ich ein überzeugter Matriarch. ich sehe durchaus positive Gründe für ein Matriarchat. Aber dieser Umbruch wird letztendlich revolutionär erfolgen müssen, wird Herzblut kosten, mit Schmerzen verbunden sein. Bei den meisten Männern. Siehe die großen Irritationen zum Thema sexuelle Belästigungen...

    Lass es mich anders sagen. Als geborener Ostdeutscher werde ich mein ganzes Leben ostdeutsche Sichten in mir tragen. Sehr oft ärgere ich mich über diese Prägung, weil sie mit den Jahren vergessen machen will, wie stark ich damals unter der ideologischen Unfreiheit gelitten habe. Aber der Befreiungskampf von der eigenen Kindheitsprägung währt lebenslänglich. Sobald die aktuellen Lebensumstände unbefriedigend sind, will die Seele in die angeblich unbeschwerten Kindheit zurück. Das nennt man bekanntlich Heimweh. Wer, wenn nicht die Dichter, sollte diese Tatsache kritisch würdigen?!
    Wortfüsse, wohin ich auch seh!

  6. #6
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    Genau, deswegen ist es auch weniger eine Kritik gewesen was ich schrieb, als ein Hinweis.
    Die Gleichberechtigungsdebatte beim Schreiben halte ich für kompliziert und ich denke auch, dass wir in einem Umschwung leben, in dem sich hinsichtlich der Bezeichnungen sehr viel ändert. So viel zu meiner Sicht über diese Situation.

    Auch ich sehe es wie du, wir leben nach wie vor in einer Welt als Patriarchat. Wie es mit einem Matriarchat wäre? Wer weiß! Ich halte aber die Gleichberechtigung generell für sehr gut und auch in die Zeit passend. Es ist gut, dass die Dinge sich angleichen.

    Trotzdem habe ich auch die Sicht, dass Männer und Frauen verschieden sind und nicht in allen Bereichen gleichfähig sind. Allein aus natürlichen Gründen begründet. Es sollte aber die generelle Möglichkeit der Gleichbehandlung immer geben und sie sollte auch ein vordergründiges Ziel sein.

    Darüber muss noch viel geredet und debattiert werden!

    Ja, aber mal von diesen Dingen abgesehen, ich bin auch ein ostdeutscher Bürger (geboren in Zerbst, 1984).

    Noch mal zu deinem Gedicht, Artname, es ist wirklich gut, weil es sich flüssig lesen lässt. Aber über den Punkt 'was wirklich gut ist' bis du ja schon lange hinweg, deswegen ist es für mich viel schöner, ihn einfach zu lesen und dir zu sagen, dass du das schön gemacht hast.

    Die Art und Weise so Text zu schreiben lässt den Text halt auch übrig bleiben, weil er so viele Facetten die beachtet werden müssen auch bedient hat. Ja, aber genug der Lobeshuddelei!

    Achso: bei Präsidenten, Kanzler und Minister dachte ich an "Jungfrau, Mutter, Königin, Göttin ..." ich mag das. Hier hat die Aufzählung großer Räte sogar gepasst, und es war nicht mal eine Steigerung, nein es war einfach ein Plateau an Regierungsbeauftragten.

    Liebe Grüße

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