Thema: Rohkost

  1. #1
    Registriert seit
    Aug 2017
    Ort
    Retschow
    Beiträge
    487

    Rohkost

    Die Verbindung zwischen ihren Haaren,
    ihrem Kopf und ihrer Hand war stützend
    und dahinter lag, dezent verborgen,
    der Magnet all meiner Blicke zu ihr:
    ihr noch ungeküsster Hals, der heimlich
    darauf hoffte einen Kuss zu spüren,
    den ich bisher nur gedanklich setzte,
    auf den zarten, unverfälschten Polpunkt
    ihrer klopfend heißen Halsschlagader.

    Sie bewegte ihren Kopf in meine Richtung
    und verschob die Stütze ihres Kiefers
    nur um Zentimeter, doch das reichte,
    denn ich sah die Augen auf mich fliegen,
    die so einfallsreich an Küssen waren
    mir den Mund mit Glitzern zu umsäumen,
    damit alles was ich rieche, schmecke,
    mich erinnert: Sie ist mehr als Rohkost,
    Sie ist Fleisch und will von meinem naschen.

  2. #2
    Registriert seit
    Feb 2017
    Ort
    ...
    Beiträge
    968
    Hallo Werner, das Gedicht liest sich für mich etwa so erotisch wie ein physikalischer Laborbericht.
    Aber:
    1. eröffnet gerade diese Abgeklärtheit ein weites Feld für eigene Bilder. Einzig die an Küssen einfallsreichen Augen durchkreuzen all meine Bemühungen, mir eine erotische Situation vorzustellen.
    2. könnte ich es auch nicht anders schreiben, weshalb diese Rubrik von mir so gut wie nicht mit eigenen Texten bedient wird.

    Liebe Grüsse, Karin
    Geändert von Gugol (22.11.2017 um 19:45 Uhr)

  3. #3
    Registriert seit
    Aug 2017
    Ort
    Retschow
    Beiträge
    487
    Hey Karin,

    mensch, dann hat er dich ja richtig in Fahrt gebracht, dieser physikalische Laborbericht.
    Es ist intersesant für mich, dass du das Gedicht als "abgeklärt" bezeichnest. Ist es tatsächlich so steril geworden?
    Das liegt vermutlich an der Form des Gedichtes, es ist überlang pro Zeile, jedenfalls vergleichen mit den Gedichten die ich sonst so schreibe,
    ich habe mich daran versucht es mit einem doppelten Auftakt zu schreiben.
    Vermutlich ist das derart unintutiv, dass mir dadurch der Sinn für das Wesentliche, das, worum es geht, nämlich das Anschmachten in Leidenschaft, ein wenig verloren gegangen ist?

    Sei es drum, es beschreibt den Anblick eines jungfräulich wirkenden, zarten Halses, der geküsst werden will (jedenfalls denkt das lyrische Ich das hier) und danach, wie er sich dem Anschmachtendem zuwendet, nur um tatsächlich geküsst zu werden, wieder in Gedanken.

    Eine Selbstverstärkung einer Fantasie, die nicht das sein muss, was es vielleicht scheint, aber ein Gedankenspiel ist es doch allemal.

    Danke für deinen Kommentar
    und liebe Grüße an dich,
    Werner.

  4. #4
    Registriert seit
    Jan 2011
    Ort
    schweiz/bw
    Beiträge
    8.486
    nein, es ist nicht steril, denke ich
    du nimmst den leser mit auf eine zeitlupenreise ohne worte
    und du gibst ihm die freiheit, das erotische in diesem augenblick von nicht mehr als fünfzig wimpernschlägen selbst zu fühlen
    das mag zu anfang formal etwas komisch wirken, wird aber gerade durch diese nüchterne formale eigenart zu einem heissen bericht aus der realen pheromon-schlacht
    keiner (jedenfalls ich nicht) käme auf die idee, dass der autor hier etwas erzählt, was er sich mehr wünscht, als dass er's erlebt hat (womit ich nichts aussagen will über ihn udn seine erlebnisse!!).
    und keiner wird hier komische fragen stellen wie "können schwänze sprechen?" oder "woher weisst du so genau, was dein gegenüber denkt, fühlt, will?" denn der ganze text bleibt in jedem moment "inside the author".
    denn in seiner ganzen bildhaften nüchternheit gibt es der szene diese knisternde realität, die gerade der erotischen dichtung (und nicht nur dieser) leben (das eigene und/oder das des lesers) verleiht.
    nein, ich finde das nicht steril
    ich finde das sehr originell, kreativ, spannungsvoll, kurz: sexy
    kaspar

    und es erinnert mich irgendwie an den film "being john malkovich", den ich sehr mochte
    Geändert von kaspar praetorius (22.11.2017 um 15:19 Uhr)

  5. #5
    Registriert seit
    Feb 2017
    Ort
    ...
    Beiträge
    968
    Hey Werner, das lesende Du versteht schon, was gemeint ist und kann sich das anhand der nüchternen Beschreibung gut vorstellen. Im Labor der angewandten Physik kann es ja durchaus lebhaft und verspielt zugehen. Ich schrieb nämlich nichts von "steril" und meinte das auch nicht. Und ich denke, mein Eindruck liegt mehr an der Wortwahl als am Versmass. So finde ich "Verbindung war stützend", "verfälschter Polpunkt", "Stütze des Kiefers um Zentimeter verschieben", so wunderbar physiker-typisch beschrieben. Ich hab ja auch so ein Exemplar an meiner Seite, weiss also, wovon ich spreche hihi. Und ja, wie gesagt, es lässt Spielraum offen für eigene Phantasien.
    Liebe Gruess, Karin

  6. #6
    Registriert seit
    Jun 2016
    Beiträge
    886
    Lieber Werner,

    Interessanter Einblick in die erotische Welt eines Physikers. Hauptsache es wird dann tatsächlich geküsst und davor nicht viel be/gesprochen, außer das LD ist auch PhysikerIn . Aber originell finde ich es allemal, vor allem diesen ungewöhnlichen, abwechslungsreichen Versbau. Ja, du bist für mich schon ein besonderer, sehr eigenwilliger Dichter.

    LG
    albaa

  7. #7
    Registriert seit
    Aug 2017
    Ort
    Retschow
    Beiträge
    487
    Zitat Zitat von Albaa Beitrag anzeigen
    Lieber Werner,

    Interessanter Einblick in die erotische Welt eines Physikers. Hauptsache es wird dann tatsächlich geküsst und davor nicht viel be/gesprochen, außer das LD ist auch PhysikerIn . Aber originell finde ich es allemal, vor allem diesen ungewöhnlichen, abwechslungsreichen Versbau. Ja, du bist für mich schon ein besonderer, sehr eigenwilliger Dichter.

    LG
    albaa
    Hi albaa!

    Wer weiß, was nach diesem Blickwechsel so passiert, alles ohne Kuss wäre doch Folter! Wie furchtbar!

    Zitat Zitat von Gugol Beitrag anzeigen
    Hey Werner, das lesende Du versteht schon, was gemeint ist und kann sich das anhand der nüchternen Beschreibung gut vorstellen. Im Labor der angewandten Physik kann es ja durchaus lebhaft und verspielt zugehen. Ich schrieb nämlich nichts von "steril" und meinte das auch nicht. Und ich denke, mein Eindruck liegt mehr an der Wortwahl als am Versmass. So finde ich "Verbindung war stützend", "verfälschter Polpunkt", "Stütze des Kiefers um Zentimeter verschieben", so wunderbar physiker-typisch beschrieben. Ich hab ja auch so ein Exemplar an meiner Seite, weiss also, wovon ich spreche hihi. Und ja, wie gesagt, es lässt Spielraum offen für eigene Phantasien.
    Liebe Gruess, Karin
    Jap, akribisch beschrieben, nicht wahr? Wir Physiker haben einen Blick für die "Kräfte" die Wirken (Stütze, Kiefer, Polpunkt, Verbindung) kein Wunder das da so viel Physikerwortschatz drinnesteckt ... was soll ich tun!

    Danke!

    Zitat Zitat von kaspar praetorius Beitrag anzeigen
    nein, es ist nicht steril, denke ich
    du nimmst den leser mit auf eine zeitlupenreise ohne worte
    und du gibst ihm die freiheit, das erotische in diesem augenblick von nicht mehr als fünfzig wimpernschlägen selbst zu fühlen
    das mag zu anfang formal etwas komisch wirken, wird aber gerade durch diese nüchterne formale eigenart zu einem heissen bericht aus der realen pheromon-schlacht
    keiner (jedenfalls ich nicht) käme auf die idee, dass der autor hier etwas erzählt, was er sich mehr wünscht, als dass er's erlebt hat (womit ich nichts aussagen will über ihn udn seine erlebnisse!!).
    und keiner wird hier komische fragen stellen wie "können schwänze sprechen?" oder "woher weisst du so genau, was dein gegenüber denkt, fühlt, will?" denn der ganze text bleibt in jedem moment "inside the author".
    denn in seiner ganzen bildhaften nüchternheit gibt es der szene diese knisternde realität, die gerade der erotischen dichtung (und nicht nur dieser) leben (das eigene und/oder das des lesers) verleiht.
    nein, ich finde das nicht steril
    ich finde das sehr originell, kreativ, spannungsvoll, kurz: sexy
    kaspar

    und es erinnert mich irgendwie an den film "being john malkovich", den ich sehr mochte
    cool! freut mich das es dir gefallen hat.
    Den Film muss ich noch gucken, John Cusack ist so klasse (High Fidelity, mein Lieblingsfilm)!

  8. #8
    Registriert seit
    Mar 2017
    Ort
    Karlsruhe
    Beiträge
    240
    Hallo MiauKuh,

    mit gefallen Deine Zeilen auch sehr gut. Vor allem - was für mich wichtig ist - sie sind weder "schmuddelig" noch voyeuristisch. Es ist natürlich eine gewisse emotionale Distanz heraus zu lesen, insofern verstehe ich, was Gugol meint: Du könnest ebenso ein Bild oder eine Statue beschreiben. Es ist kein "Miteinander", es ist die Beschreibung eines "Kunstwerks".
    Aber mir gefällt das sehr gut, ich finde ist nicht "steril" und ich fühle mich durchaus angesprochen und habe ein "Halskino" in 3D!

    Liebe Grüße von
    Georg
    Bei AMAZON + Infoverlag erhältlich:
    KAISER BARBAROSSA RIEF AUF EINMAL "HOSSA"
    Heitere Historische Heldenepen (Georg C. Peter/ Infoverlag)

  9. #9
    Registriert seit
    Aug 2017
    Ort
    Retschow
    Beiträge
    487
    Hey Georg,

    entschuldige die verspätete Antwort, ich wollte dir noch für den Kommentar danken. Es hat mich gefreut, dass ich hier in deinen Augen ein kühl aber trotzdem erotisches Gedicht verfasst habe und kein Pornogelübde abgelegt. Ein "Halskino" in 3D trifft es. Manche Hälse sind so Fantasie erweckend, dass daraus Gedichte entstehen. "Schläft ein Lied in allen Dingen ..." (Eichendorff)

    Liebe Grüße!
    -Werner

  10. #10
    Registriert seit
    Aug 2010
    Ort
    Köln
    Beiträge
    1.935
    Lieber Werner,

    wenn „ein Lied in allen Dinge schläft“, mag das Zauberwort im 21. Jh tatsächlich im Fotorealismus zu finden sein statt in der Eichendorffchen Gefühligkeit. Nachdem Dein Gedicht jetzt noch mal an die Oberfläche geriet, kann ich ihm doch etwas abgewinnen, es hört sich nachgerade zärtlich an.

    Und ist auch gar nicht so nüchtern oder kühl, wie behauptet, mag die Wortwahl (streckenweise!) auch die eines Physikers sein.
    Aber die Form, hier das Versmaß und insbesondere die verschlungene Grammatik sind doch einigermaßen geziert, d.h lyrisch. Das ergibt eine, wenn man so will, erotische Spannung, eine der feineren Art. Und dann solche Romantizismen wie Küsse, die den Mund mit Glitzern umsäumen, ja hör mal.

    Nur „die an Küssen einfallsreichen Augen“, das reißt mich raus wie Gugol (#2), da sollte man dann auch hier exakt sein: Augen küssen nicht. Schon, dass sie fliegen, mag ich mir ungern vorstellen.

    Und ein kleines rhythmisches Problem, das einfach zu bewältigen ist, durch Weglassen: der Magnet all meiner Blicke zu ihr – "zu ihr" streichen, ist doch sowieso überflüssig.

    Ungewöhnliches Gedicht, gelungenes Experiment

    Michael
    .................................................................................................... ...............................................................
    Am Do., 30.8., sind bei "poetry trifft Poesie" die Slammerin Anke Fuchs und die Lyrikerin Adrienne Brehmer meine Gäste, am Do., 27.9., kommt der Slammer Christofer mit f.
    Köln, Zum Goldenen Bock, 19.30 Uhr.

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Nein
  • Themen beantworten: Nein
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •  

Anmelden

Anmelden