Kindheit in Fetzen

2. Meine neugierige Zunge

Als ich klein war, verbrachte ich unsere Familienfeiern am liebsten unter den Tischen und begutachtete die Unterkörper meiner Verwandtschaft. Ihre Gesichter konnte ich mir kaum merken, aber an ihren Beinen erkannte ich sie immer sofort.

Eine besondere Leidenschaft entwickelte ich für Kleider und Röcke, denn sie boten mir die Möglichkeit einer weiteren Passion von mir nachzugehen: Aus irgendeinem Grund glaubte ich damals, man könne etwas nur richtig kennenlernen, wenn auch man es auch schmeckt.

So lernte ich, dass die nackten Beine meiner hübschen Cousinen besser schmeckten als die Stützstrümpfe meiner Oma. Ich lernte, dass Tante Emmas Knie nach Leberwurst schmeckte und der Fußknöchel von Onkel Ernst nach Blut (er trat mir ins Gesicht).

Meine Verwandtschaft wiederum lernte mit der Zeit, dass es ratsamer war, bei Familienfeiern nur noch unterkörperverhüllt zu erscheinen.