1. #1
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    krönender abschluss nach schwerem jahr

    nikolaus mit schlitten und rentieren
    im tannenwald, beleuchtete
    holzschnitzkunst- fensterdekoration
    landete kostenlos in meinem haus

    wir müssen jetzt draussen rauchen
    14 pfleger haben zeitgleich gekündigt
    und unsere betriebliche weihnachtsfeier
    fällt zum ersten mal ersatzlos aus

    der verschleiss ist allgegenwärtig
    doch ist unser team darüber
    nicht besonders schwer betrübt

    weil es zusätzlich, für alle überraschend,
    zum weihnachtsgeld
    noch eine sonn/feiertagszulage-nachzahlung
    vom gesamten 2017 gibt.
    "Ich möchte wissen, was da draussen ist." -Stephen Hawking-

  2. #2
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    Hallo GE-wicht,

    dein Gedicht hat etwas sehr Realitätsnahes für mich. Es klingt, als hätte es sich wirklich so zugetragen bzw. als würde es sich in diesem Augenblick so zutragen, wie du es hier beschreibst, auch wenn ich den Zusammenhang, die Story, beim ersten Lesen noch nicht so ganz durchdrungen habe.

    Strophe 1:
    Woher bekommt man kostenlose Weihnachtsdeko ?

    Strophe 2:
    „wir müssen jetzt draussen rauchen“: Konnten die „wir“, von denen du hier schreibst, bislang noch drinnen rauchen? Was für ein Luxus muss das gewesen sein in der heutigen Zeit!
    Dass 14 Pfleger (scheint mir eine ganze Menge) auf einen Schlag kündigten, weist hin auf eine Pflegeinstitution, also ein Krankenhaus, ein Altenheim, ein Wohnheim, eine Kurklinik … Hier also kann ich den Ort des Geschehens erahnen.

    Strophe 3:
    Beim Wort „Verschleiss“ denke ich sofort an die oftmals für das Pflegepersonal inakzeptablen Arbeitsbedingungen: Zu wenig Personal für zu viele zu Pflegende, harte Arbeit, sowohl in Bezug auf Schichtdienste als auch auf die körperliche Herausforderung, mal ganz abgesehen von der psychischen Belastung für alle Beteiligten, also auch die zu Pflegenden.
    „unser team“: Womöglich ist das lyrische Ich gar nicht Teil des Teams, sondern eher ein Bewohner dieser Pflegeinstitution?

    Strophe 4:
    Da denke ich mir, dass man dem verbliebenen Pflegepersonal, um es zu halten, schnell mal etwas nachzahlte, was eigentlich allen zustand, also auch den 14 Pflegekräften, die die Zustände in der Pflegeinstitution, von der du hier schreibst, nicht länger ertragen wollten und den Dienst quittierten.

    Nochmals zurück zu Strophe 1:
    Die kostenlose Weihnachtsdeko bekommt man wohl, wenn man Bewohner einer Pflegeinstitution ist, weil in der Advents-/Weihnachtszeit auch in Pflegeinstitutionen das eine oder andere weihnachtliche Accessoire aufgehängt, aufgestellt wird.

    Alles in allem ein eher düsteres Bild der heutigen Pflegesituation, das sich zwischen deinen mir ironisch-sarkastisch erscheinenden Zeilen zeichnet. Und das lyrische Ich scheint nicht etwa Pfleger/in zu sein. Das Gedicht ist aus der Sicht, aus dem Erleben eines Bewohners/einer Bewohnerin geschrieben.

    Die subtile, Art, wie in deinem Gedicht das lyrische Ich hinter dem wechselnden „Wir“ versteckt wird, beeindruckt mich

    Ich glaube, ich habe jetzt verstanden, wie du deine Zeilen meinst. Aber vielleicht liege ich auch gänzlich daneben mit meiner Lesart.

    Herzlich
    Honigblume

  3. #3
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    Hallo Honigblume,
    ja, ich denke auch du hast verstanden, das beruhigt wirklich enorm

    woher ich diese kostenlose deko bekam? aus unserem betrieb, der cafeteria in einem pflegeheim, das prunkstück wollte meine chefin wegwerfen und ich befand es als grenzwertige kitsch-kunst, die nun in etwas zu groß für mein küchenfenster, meine nachbarn erfreuen kann.

    wir müssen jetzt draussen rauchen! es hängt ein schild am rauchersaal, nur für bewohner und ihre angehörigen (verbot für das personal was vorher dort wenigstens 5 minuten sitzen konnte)

    und ja, der verschleiss, alles, die körper und die mechanik, die technik (nach 10 jahren ist fast täglich was defekt, wie pürierstab, wärmewagen, kessel, kipper, wasserschläuche, und bei den pflegern blutdruckmessgeräte, elektronische waagen...) und natürlich auch die psyche.


    und ich weiss nicht ob dem pflegepersonal auch was nachgezahlt werden musste, unsere firmen sind getrennt voneinander, sie haben andere verträge,
    als wir vom küchenteam , die nachzahlung bezieht sich auf die tage an denen wir nicht dort waren, im urlaub oder krank, ich habe keinen schimmer, wem wir das zu verdanken haben, es muss nicht von unserem haus stammen, wir sind an 5 weitere häuser angeschlossen (wir freuen uns natürlich auch über die entgangene mehrarbeit die eine weihnachtsfeier für uns bedeuten würde, wofür wir noch nicht mal ein danke erhalten, insbesondere unsere frühschicht, die dann den kompletten verklebten dreck spülen muss)


    an vielen tagen weiss ich echt nicht wen ich mehr bemitleiden soll, die bewohner oder die pfleger (zuwenig personal ist an vielen tagen aufgrund krankmeldungen und urlaub, bei uns wie bei ihnen auch)

    sanktionieren halte ich für den falschen weg (ich glaube wir raucher könnten schneller krank werden bei frost, verschwitzt vor der tür)
    angebracht wären jetzt, kostenlose cola im sommer und obst zur stärkung, damit wir alle wieder personal bekommen


    ne echt,
    ich wusste nicht wie ich alles möglichst lässig verdichtet niederschreiben sollte
    deswegen bin ich wirklich froh dass du mir bestätigst...was nicht hier steht, kann sich jeder denken

    lg vom GE-wicht
    "Ich möchte wissen, was da draussen ist." -Stephen Hawking-

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