1. #1
    Registriert seit
    Aug 2010
    Ort
    Köln
    Beiträge
    1.931

    Herbst und dann


    Foto: Frauke Seemann

    Herbst und dann

    Wenn ich nun immer weiter liefe
    in deinen späten Herbst hinein,
    was hörte ich, dass es mich riefe,
    was, in der Stille, könnt das sein.

    Lass uns in diesen späten Herbst spazieren,
    der Wind hat frisch gefegt, Laub liegt am Rand,
    um Rostrot in das Leuchten zu radieren,
    das Wald und Weg und Busch entflammt.

    Im Kiesgrund wachsen Gräser in der Mitte,
    das Grün vertieft sich zu den Seiten hin,
    der Boden dämpft die Takte unsrer Schritte,
    wir wandern, wandern wie von Anbeginn

    und weiter bis zum Bogen, den dort hinten
    der lichte Weg in den November nimmt,
    hinaus aus allen Farbenlabyrinthen,
    in denen noch ein Rest von Gelb verglimmt.

    Die Bäume kahl und grau – wir wandern weiter
    unter des Himmels fahler Helligkeit
    und sind uns zuverlässige Begleiter,
    auch dann noch, wenn es friert und stürmt und schneit.

    alte Fassung:

    Lass uns in diesen späten Herbst spazieren,
    der Weg ist frisch gekehrt, das Laub am Rand,
    um matt die letzten Farben zu grundieren,
    die uns begleitend leuchten wie entflammt.

    Es wachsen Gras und Moose in der Mitte,
    das Grün vertieft sich zu den Seiten hin,
    gepolstert laufen unsre festen Schritte,
    wir wandern, wandern wie von Anbeginn

    und weiter bis zum Bogen, den dort hinten
    der Weg sehr hell in den November nimmt,
    hinaus aus allen Farbenlabyrinthen,
    wo noch ein letzter Flecken Gelb erglimmt.

    Die Bäume kahl und grau – wir wandern weiter
    unter des Himmels fahler Helligkeit
    und sind uns zuverlässige Begleiter,
    bis in den Winter rein, wenn's friert und schneit.
    Geändert von Michael Domas (22.01.2018 um 02:42 Uhr) Grund: Sidgrani, ,Perry, vor allem Sneaker
    .................................................................................................... ...............................................................
    Am Do., 27.9, ist bei "poetry trifft Poesie" der Slammer Christofer mit f mein Gast.
    Köln, Zum Goldenen Bock, 19.30 Uhr.

  2. #2
    Registriert seit
    Mar 2017
    Ort
    Karlsruhe
    Beiträge
    224
    Hallo Michael,

    ein wunderbar farbiges Gedicht zu einem wunderbar farbigem Bild!
    Die Bewegung und die Beobachtung mit allen Sinnen läßt uns wunderbar leer werden
    und setzt unseren inneren Computer auf Null.
    Schön umgesetzt in Versen!

    Viele Grüße,
    Georg
    Bei AMAZON + Infoverlag erhältlich:
    KAISER BARBAROSSA RIEF AUF EINMAL "HOSSA"
    Heitere Historische Heldenepen (Georg C. Peter/ Infoverlag)

  3. #3
    Registriert seit
    Jan 2017
    Ort
    "Schäl Sick"
    Beiträge
    798
    Lieber Michael,

    Du hast Maß genommen und dem Bild von Frauke Seemann einen Text auf den Leib geschneidert!

    (Kannst du mir noch erklären, warum die erste Strophe sich absetzt von dem Rest?. Sie könnte auch ein eigenständiges Gedicht sein. Ist das der Grund?)

    LG Richmodis
    "Aber es muss gehen, andere machen es doch auch!"
    Loriot

  4. #4
    Liara ist offline free flying butterfly
    Registriert seit
    Feb 2017
    Ort
    Im dritten Nistkasten von Links.
    Beiträge
    384
    Ein faszinierendes Bild und ein sehr schönes Gedicht. Der Weg führt manchmal ins Nichts, in die Kälte, aber bislang kam noch nach jedem Herbst ein Winter und gottseidank auch wieder ein Frühjahr.
    Es wäre schön, wenn du es noch für uns hörbar machen könntest.

    Es war mir eine Freude, dein Werk mehrmals zu lesen unter diesem schönen Foto.

    Liebe Adventsgrüße
    Liara
    Für verlorenes Vertrauen gibt es kein Fundbüro!
    - wenn das auge nicht sehen will, hilft auch kein licht -
    ist auch das herz blind, erkennt man die dinge nicht mehr, wie sie wirklich sind

  5. #5
    Registriert seit
    Jul 2011
    Ort
    Irgendwo am Niederrhein
    Beiträge
    1.170
    Hallo Michael,

    gerne bin ich mitgewandert und habe die vielfältigen Eindrücke auf mich wirken lassen. Dein Text fließt ruhig und entspannt das Gemüt, so soll es im Spätherbst auch sein.

    In der letzten Strophe reißt mich ein Wort ein wenig aus der schönen Stimmung, ist das beabsichtigt?

    Die Bäume kahl und grau – wir wandern weiter
    unter des Himmels fahler Helligkeit
    und sind uns unerschrockene Begleiter,
    bis in den Winter rein, wenn's friert und schneit.
    Der Winter bedeutet für mich keine Bedrohung und jagt mir auch keinen Schrecken ein. Würde sich nicht ein anderes Wort wie z.B. zuverlässige Begleiter harmonischer in den Text einfügen?

    Das Bild wiederholt zu betrachten und den Text auf mich einwirken zu lassen, lässt mich das Wesentliche dieser Zeit immer wieder neu empfinden.

    Lieben Gruß
    Sidgrani
    Dichten und dichten lassen

  6. #6
    Registriert seit
    Aug 2010
    Ort
    Köln
    Beiträge
    1.931
    Ihr Lieben,

    es freut mich, dass Euch mein Gedicht erfreut hat. Wenn es hilft, „leer zu werden
    und unseren inneren Computer auf Null zu setzen“, lieber Georg, wäre viel gewonnen.

    S1, liebe Richmodis, ist deshalb vom Rest abgesetzt, weil sie das Motto bildet.

    und sind uns unerschrockene Begleiter, lieber Sidgrani, habe ich ersetzt, durch
    und sind uns wärmespendende Begleiter. Danke für den Hinweis.

    Und hoffen wir, liebe Liara, dass Du Recht behältst mit dem Frühjahr

    Dankschön

    Michael
    .................................................................................................... ...............................................................
    Am Do., 27.9, ist bei "poetry trifft Poesie" der Slammer Christofer mit f mein Gast.
    Köln, Zum Goldenen Bock, 19.30 Uhr.

  7. #7
    Registriert seit
    Mar 2007
    Ort
    Laberweinting in Niederbayern
    Beiträge
    2.333
    Hallo Michael,
    Bilder sind oft Inspiration, sobald sie aber Vorlage werden, liegt der Teufel oft im Detail.
    Für mich hätte die "Mottostrophe" vollauf genügt, denn im Detail bin ich an einigen Stellen, trotz des "gepolsterten oder doch eher geschotterten" Wegs gestolpert:

    Lass uns in diesen späten Herbst spazieren,
    der Weg ist frisch gekehrt, das Laub am Rand,
    um matt die letzten Farben zu grundieren, -> grundieren tut man den Untergrung, mattieren ev. die Farben.
    die uns begleitend leuchten wie entflammt.

    Es wachsen Gras und Moose in der Mitte,
    das Grün vertieft sich zu den Seiten hin,
    gepolstert laufen unsre festen Schritte,
    wir wandern, wandern wie von Anbeginn

    und weiter bis zum Bogen, den dort hinten
    der Weg sehr hell in den November nimmt,
    hinaus aus allen Farbenlabyrinthen, -> Farblabyrinthen klänge besser, auch wenn dann ein Silbe fehlt
    wo noch ein letzter Flecken Gelb erglimmt.

    Die Bäume kahl und grau – wir wandern weiter
    unter des Himmels fahler Helligkeit
    und sind uns wärmespendende Begleiter,
    bis in den Winter rein, wenn's friert und schneit.

    Ich weiß, dass ist ein wenig Erbsenzählerei, aber ich lese es halt nicht so gern, wenn die Form das Bild diktiert.

    LG
    Perry

  8. #8
    Registriert seit
    Aug 2010
    Ort
    Köln
    Beiträge
    1.931
    Lieber Perry,

    ja, „der Teufel liegt oft im Detail“, da bin ich ganz Deiner Meinung, gerade bei Gedichten, zumal bei formgebundenen.

    Aber in S1Z3 „die Farben zu mattieren“, scheint mir noch problematischer, als sie zu „grundieren“. Immerhin liegen ja die Blätter auf dem Untergrund, da halte ich den Ausdruck für hinnehmbar.

    Ebenso wie „Farbenlabyrinthe“ in S3Z3. ,Jedenfalls würde ich die Silbe ungern aus dem Metrum nehmen. Wie ist der Sprachgebrauch? Mauernlabyrinthe statt Mauerlabyrinthe geht nicht. Aber Heckenlabyrinthe?

    Immerhin aber habe ich nach Deiner Hervorholung eine andere Wendung ersetzt, das „wärmespendende Begleiter“ in S4Z3 durch „zuverlässige Begleiter“, so wie Sidgrani es vorgeschlagen hatte.

    Danke für's genaue Hinschauen, Perry

    Michael
    Geändert von Michael Domas (09.12.2017 um 02:01 Uhr)
    .................................................................................................... ...............................................................
    Am Do., 27.9, ist bei "poetry trifft Poesie" der Slammer Christofer mit f mein Gast.
    Köln, Zum Goldenen Bock, 19.30 Uhr.

  9. #9
    Registriert seit
    Sep 2017
    Ort
    Neuholland
    Beiträge
    23
    Lieber Michael,
    ich bin nicht so die große Analytikerin, aber vielleicht reicht es Dir ja, dass mir Dein Gedicht super gefällt. Ich liebe die Natur und so auch gelungene Beschreibungen dieser. Die Vorstellung auf dem Weg weiterzulaufen und irgendwann auf den Winter zu treffen, finde ich sehr reizvoll. Ich habe Dein Gedicht mit Genuss gelesen.

    LG Wilhelmine

  10. #10
    Registriert seit
    Aug 2010
    Ort
    Köln
    Beiträge
    1.931
    Liebe Wilhelmine,

    dass Dir mein Gedicht super gefällt, freut mich sehr, das Gefallen vor aller Analyse ist mir immer das wichtigste. Wenn hier durch die Bildbeschreibung die der Natur zum tragen kommt, was will ich mehr.

    Dankschön

    Michael
    .................................................................................................... ...............................................................
    Am Do., 27.9, ist bei "poetry trifft Poesie" der Slammer Christofer mit f mein Gast.
    Köln, Zum Goldenen Bock, 19.30 Uhr.

  11. #11
    Sneaker Guest
    Hallo Michael,

    das ist ein tolles Bild und dein Text ist nicht von schlechten Eltern. Wenn ich trotzdem dran mäkle, dann ist das auf hohem Niveau. ICh lass dir ein paar Anregungen zum Überdenken hier:

    Zunächst finde ich Perrys Einwand mit dem "Grundieren" berechtigt, das hat mich auch irritiert. Als Idee vielleicht:


    Lass uns in diesen späten Herbst spazieren,
    der Wind hat frisch gefegt, Laub liegt am Rand, -> auf dem Bild hat niemand gekehrt.
    um Rostrot in das Leuchten zu radieren,
    das Wald und Weg und Busch entflammt. die Idee des Begleitens ist mir zu bildich. Das sehe ich gedanklich das Laub mitwandern.

    Im Kiesgrund wachsen Gräser in der Mitte, -> Moos auf Wegen kenn ich eher nicht
    das Grün vertieft sich zu den Seiten hin,
    gepolstert laufen unsre festen Schritte, -> wenn der Untergrund federt, gepolstert ist, dann ist das mit den "festen" Schritten eher nix
    (das Grasbett dämpft die Takte unsrer Schritte so ins Unreine)
    wir wandern, wandern wie von Anbeginn

    und weiter bis zum Bogen, den dort hinten -> Bogen finde ich sehr technisch, wie wärs mit "Schlenker"
    der Weg sehr hell in den November nimmt, -> das "hell" finde ich schon gut, aber "sehr hell" klingt nach MEtrumsfüller
    (der lichte Weg in den November nimmt vll?)
    hinaus aus allen Farbenlabyrinthen,
    in denen noch ein Rest von Gelb verglimmt. "das wo noch gefiel mir nicht so sehr. Aber andererseits sehe ich ein Problem. Farblabyrinth ist ein kräftiges Wort, da passt der "Flacken Gelb erglimmt" nicht wirklich. Die Stelle gefällt mir trotzdem sehr.



    Die Bäume kahl und grau – wir wandern weiter
    unter des Himmels fahler Helligkeit -> fahl ist doch eher stumpf, das passt mir nicht so recht zu Helligkeit
    und sind uns zuverlässige Begleiter,
    bis in den Winter rein, wenn's friert und schneit. -> klingt, als ob im Winter dann Schluss sei mit "zuverlässiger Begleiter")
    selbst dann noch, wenn es friert und stürmt und schneit ?

    Habs gern gelesen und hoffe, du nimmst das nicht als Verriss. Das solls nicht sein.

    lG

    Sneaker

  12. #12
    Registriert seit
    Aug 2010
    Ort
    Köln
    Beiträge
    1.931
    Lieber Sneaker,

    ne, ich bin Dir dankbar für die Kritik. Erstens ist sie von Dir, zweitens geht es ja darum, ein gutes Gedicht hinzukriegen.
    (1. Fassung / Deine / meine)

    der Weg ist frisch gekehrt, das Laub am Rand,
    der Wind hat frisch gefegt, Laub liegt am Rand,
    übernehme ich
    um matt die letzten Farben zu grundieren,
    um Rostrot in das Leuchten zu radieren,
    An Perris Vorschlag, „mattieren“ (statt „grundieren“), war auch schwierig für mich, dass das Wort „matt“ schon vorkam.
    Um Deinen Vorschlag zu übernehmen, musste ich lange ich mich reinhören, er schien mir erst zu ausgefallen für dieses ja insgesamt einfache Gedicht. Aber je länger ich es mir ansehe, desto mehr gefällt es mir, auch der Klang von „Rostrot“ natürlich. (Erst hielt ich das große R für einen Schreibfehler.)
    Vor allem kriege ich ohne diese Zeile die nächste nicht

    die uns begleitend leuchten wie entflammt.
    das Wald und Weg und Busch entflammt,
    das ist wunderbar einfach.

    Es wachsen Gras und Moose in der Mitte,

    Im Kiesgrund wachsen Gräser in der Mitte,
    „Kiesgrund“
    ist natürlich besser als „es“.
    gepolstert laufen unsre festen Schritte,
    das Grasbett dämpft die Takte unsrer Schritte
    Ja, aber ohne Gras („Gräser“) zu widerholen, also
    der Boden dämpft die Takte unsrer Schritte

    und weiter bis zum Bogen, den dort hinten
    "Schlenker". Ne, ist zu putzig irgendwie, und dann der Klang, das schöne o von „Bogen“. Ich weiß nur nicht, wie es mit dem „Boden“ in der Vorzeile interferiert.
    der Weg sehr hell in den November nimmt,
    der lichte Weg in den November nimmt
    Ja!
    wo noch ein letzter Flecken Gelb erglimmt.
    in denen noch ein Rest von Gelb verglimmt

    unter des Himmels fahler Helligkeit
    fahl ist doch eher stumpf, das passt mir nicht so recht zu Helligkeit
    Aber das ist doch sogar eine feststehende Wendung.

    bis in den Winter rein, wenn's friert und schneit.
    selbst dann noch, wenn es friert und stürmt und schneit.

    Klasse, Sneaker!

    Michael
    Geändert von Michael Domas (22.01.2018 um 02:35 Uhr)
    .................................................................................................... ...............................................................
    Am Do., 27.9, ist bei "poetry trifft Poesie" der Slammer Christofer mit f mein Gast.
    Köln, Zum Goldenen Bock, 19.30 Uhr.

  13. #13
    Registriert seit
    Jan 2011
    Ort
    schweiz/bw
    Beiträge
    8.546
    hallo michael domas
    die diskussion mit sneaker brachte dich auf super ideen, wie man flow in diese im original etwas starre szenerie bringen kann. mir gefällt es immer wie besser.
    was ich unschön finde:
    - Laub liegt am Rand, um Rostrot in das Leuchten zu radieren (das klingt ein wenig nach Möchtegernromantik und ist grammatikalisch ein Schmunzler. Ich wäre versucht, das "Laub liegt am Rand" in Klammern zu setzen statt zwischen Kommas.
    - warum wird ein Kiesweg zu Kiesgrund? "Im Kiesweg wachsen" ginge nicht?
    - für das Polstern hoffe ich noch auf die Prävalenz des Dämpfens
    - wandern, wandern wie von Anbeginn - das ist mmn ein Ausrutscher auf nassem Laub. wandern, wandern ohne Zweck und Sinn?
    Bin gespannt, wie die endgültige Fassung aussieht (naja, keine Fassung ist endgültig, ich weiss, aber ich meine, wie es aussieht, wenn du dein grün in grauschwarz umgesetzt hast)
    kaspar praetorius
    Geändert von kaspar praetorius (22.01.2018 um 11:04 Uhr)
    Kinder, jetzt gilt's ernst!
    Sie quatschen im Cybertalk
    über Cybersex.

    (StadtHaiku)

Was dich vielleicht auch interessieren könnte:

  1. Schöner Herbst, trauriger Herbst
    Von Arotnow im Forum Natur und Jahreszeiten
    Antworten: 0
    Letzter Beitrag: 21.10.2008, 21:06
  2. Dann...
    Von Cyparis im Forum Natur und Jahreszeiten
    Antworten: 23
    Letzter Beitrag: 13.05.2008, 13:39
  3. Erinnere dich vom Herbst zum Herbst
    Von Ewige Blume im Forum Liebe und Romantik
    Antworten: 3
    Letzter Beitrag: 24.08.2005, 16:33

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Nein
  • Themen beantworten: Nein
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •  

Anmelden

Anmelden