Thema: Aneignung

  1. #1
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    Aneignung

    Man weiß nicht, woher er kommt. Manche Bäume beugt er, andere nicht. Er spielt mit den Windrädern. Du gehörst uns, flüstern sie, uns, unss, unsss, aber er lacht: nur zum Schein, Schschein, Schschschein…
    Die Landschaft breitet ihre veränderliche Oberfläche aus für ihn. Er verantwortet nichts, verlässt sie unvermittelt und putzt dem Himmel Winterblau zwischen die Wolken.
    Den Klang meiner Stimme nimmt er mit, als sei es seine.
    Manchmal taumelt er und stürzt sich aufs Wasser. Im Schlepptau seiner Lust Wellen und Gischt.
    Im Schlepptau meiner Sinne Worte.
    Der Wind trägt mich fort. Er wurde mir geschenkt. Er gehört mir.
    Geändert von Okotadia (12.01.2018 um 22:42 Uhr)

  2. #2
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    Liebe Okotadia,

    Deinen Text zu besprechen hatte ich mir schon länger vorgenommen, nun Du mit „Sandkorn und Perle“ eine ähnliche Form vorgelegt hast, wird es Zeit.

    Auch dort ist die Form die eines Prosastücks, hier aber sind so viele poetische Momente enthalten, da ließe sich durchaus ein Gedicht draus machen, einfach mit der Entertaste. Das Verfahren ruft zu Recht Kritik hervor, wenn mit willkürlichen Zeilensprüngen aufgehübscht werden soll, aber hier ließen sich doch sinnvolle Betonungen erzielen und ein Innehalten in dem lyrischen Naturbild.

    Man weiß nicht, woher der Wind kommt.
    Das Gedicht mit „Man“ anzufangen bringt mich direkt in Distanz.
    Manche Bäume beugt er, andere nicht.
    Das finde ich ein wenig banal, ließe sich aber wohl doch aufladen, wenn es mit den Windrädern in eine Aufzählung verbunden würde,
    Er spielt mit den Windrädern. Du gehörst uns, flüstern sie, uns, uns, uns, aber er lacht: nur zum Schein, Schschein, Schschschein
    Das ist schön, und da drängen sich Zeilenumbrüche doch von selbst auf.
    Die Landschaft streckt ihre vergängliche Oberfläche aus für ihn. Er verantwortet nichts,
    da muss man ja erstmal drüber nachdenken, auch dabei hülfen Umbrüche.
    verlässt sie unvermittelt und putzt dem Himmel Winterblau zwischen die Wolken.
    Schön, so wie das Folgende.
    Den Klang meiner Stimme nimmt er mit, als sei es seine.
    Manchmal taumelt er und stürzt aufs Wasser. Im Schlepptau seiner Lust Wellen und Gischt.
    Im Schlepptau meiner Sinne Worte.
    Der Wind nimmt mich mit. Er wurde mir geschenkt. Er gehört mir.


    Schreib doch wieder Gedichte, Okotadia

    Michael
    .................................................................................................... ...............................................
    poetry trifft Poesie, der Slammer Christofer mit f als mein Gast "Zum Goldenen Bock", Köln, Mi., 11.7.18, 19.30 Uhr

  3. #3
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    Lieber Michael,

    seit ein paar Wochen beschäftige ich ich mit Zbigniew Herbert. Sein in Deutschland bekanntestes Gedicht ist, meine ich, Nike wenn sie zögert. Mir haben es aber besonders seine Prosagedichte angetan.
    Sie sind sehr verschieden, manche poetisch, andere sarkastisch, einige erinnern an verstörende, kurze Märchen. Immer sind sie zeitlos und er versteht es ungemein, Nachhall zu erzeugen.

    Weil das Experimentieren mein Lebenselexier ist, musste ich natürlich auch so was versuchen. Dieses hier ist eine poetische Version (ich habe übrigens noch ein paar Änderungen vorgenommen, Du beziehst Dich auf die alte Version).
    Ich überlege gerade, ob man nicht auch kleine poetische Rätsel/Geschichten für Kinder (Enkel in spe) so anlegen könnte.
    Mich reizt es jedenfalls sehr, solche Texte zu verfassen, weil man die Sprache so rigoros dem Thema anpassen kann. Dafür gibt es ganz andere Hürden und Haken. Probiers mal!

    Tranströmer hat übrigens auch Prosagedichte geschrieben, die wirken sehr verwunschen. Oder wenn das zu neumodisch ist, wie wärs mit Rilke Der Löwenkäfig

    Danke fürs wohlwollende Besprechen.
    LG Okotadia

  4. #4
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    Gehts wieder mal drum was man schreiben kann oder nicht? Da ist der Wind wohl mehr Antwort als man ihm zuliebe selber sein kann. Somit ist das Gedicht ein sich selbst widersprechendes Bestätigungsritual über die Grenzen hinaus welche uns da halten wo es herkommt was mal abgesehen von irgendwelchen Luftatomen bewegenderals diese ist. Hauptsache wir machen den entsprechenden Bogen um falsche Fahnen und Banner! Weil es ja nicht alles durchflattert was flatterhaft ist wie die Vorbildkrücke.
    Der Roman: "Verballistik"
    Die Gedichte: "Auf dem Silbertablett"

  5. #5
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    Du bist der Leser.
    Du nimmst den Text mit wohin Du willst.

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