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  1. #31
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    das "geschleifter spondeus" verstehe ich eh nicht. mir scheint einfach diskussionslos, dass feldschlacht eine im hexa sehr passende art des versabschlusses ist. (übrigens: wenn ich wiki betr. geschl. spon. richtig verstehe, passt der begriff hier wirklich gar nicht.)
    im übrigen hatte ich dich genau so verstanden, wie du's erklärst. wenn auch die wertigkeit dieses "zur" immerhin eine spezielle bemerkung rechtfertigen kann, denke ich.
    gute nacht
    kaspr

  2. #32
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    Hi Kaspar,

    eigentlich wollte ich meine Sicht auf dieses "zur" nur kurz einschieben. Aber ich habe das Gefühl, dass wir in Bezug auf schwere Silben sehr unterschiedliche Vorstellungen haben. Deine geklammerten (X)e finde ich verwirrend. Ich ahne, was Du damit andeuten willst, aber vielleicht können wir uns auf eine deutlichere, weniger missverständliche, Schreibweise einigen?

    Díe er sodánn / sáumselig erfánd / zur tráurigen Féldschlacht
    X (X) (X)X / X(X)x x X / (X) Xxx X(X)
    voilà: sechs hebungen, rhythmisch verteilt, mit cäsuren usw.
    Hier mal nur das Metrum ohne Zäsuren. Die Hebungspositionen mache ich fett, sehr schwere Silben, die in einer Einfachsenkung stehen, blau:

    Die er so- / dann saum- / se- lig er- / fand zur / traurigen / Feldschlacht

    "er" und "so" bilden zusammen eine Doppelsenkung und können also keine großen Xe sein. Mögliche X-Schreibweisen wären demnach:

    XxxX XXx xX XXxx XX oder so:
    XxxX XXx xX xXxx XX oder so:
    XxxX XXx xX xXxx Xx

    Sind wir uns so weit einig?

    LG Claudi
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  3. #33
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    Hallo Claudi!

    "-fand zur" ist alles, nur kein geschleifter Spondeus. Und wenn, stünde er im vierten, nicht im fünften Fuß, wie der Eintrag behauptet. Ich habe nicht nachgeschaut, aber ich denke, der Vers ist aus "Spondeus" übernommen?! Da steht eigenartigerweise "vierter Fuß". Ich habe jetzt frech einen anderen Homer-Voß-Vers eingesetzt:

    Höre den Schwur Zeus selber, der donnernde Gatte der Here!

    Schon, weil es besser ist, wenn auf verschiedenen Seiten verschiedene Verse stehen - mehr Anschauungsmaterial; und ich finde es auch hilfreicher, wenn nur die Sache, um die es geht, verdeutlicht wird. Mal sehen, ob die Wikipedianer ihn mögen ...

    Für "drei Spondeen in einem Vers" schau ich mal; vielleicht findet sich da beim Lesen ja zufällig auch ein besseres Beispiel.

    Gruß,

    Ferdi

  4. #34
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    hi ferdi und alle anderen,

    ein Versuch:

    Allzeit spotten des Spotts mag gern frohlockender Wahnsinn

    Idee aus >Brod und Wein< von Hölderlin:
    aus der 3. Strophe V11/12
    Drum! und spotten des Spotts mag gern frohlockender Wahnsinn,
    X xXxxXXXXXxxXx
    Wenn er in heiliger Nacht plötzlich die Sänger ergreift.

    Wie lest ihr diesen 11 Vers?

    Ferdi, du kennst den Vers von Schlegel aus dem Gedicht >der Hexameter< ?


    Wie vom Okeanos quellend, dem weit hinströmenden Herrscher,
    Alle Gewässer auf Erden entrieselen oder entbrausen.
    Wie oft Seefahrt kaum vorrückt, mühvolleres Rudern -
    Fortarbeitet das Schiff, dann plötzlich der Wog' Abgründe

    https://www.gedichte.com/gedichte/Au.../Der_Hexameter

    Betreff der Zeichen für die Noten plädiere ich für die Xse: X x x
    Die er so- / dann saum- / se- lig er- / fand zur / traurigen / Feldschlacht
    XxxXxXxxXxXxxXx
    oder eben:
    XxxXxXxxXxXxxXx
    lg
    f
    Geändert von Butenlänner (28.12.2017 um 03:01 Uhr)

  5. #35
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    bei hölderlin hört man den neckar plätschern, bei schlegel reisst der metrikgeier happenweise brocken aus einem aas.
    die beiden zu vergleichen, kommt dein neuster beitrag gerade recht.

  6. #36
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    Hallo Butenlänner!

    Der Schlegel-Text ist wichtig, schon allein darum, weil er im 19. Jahrhundert in so gut wie allen Metriken als Bezugsgröße vertreten war, zum Guten oder Schlechten. Dillschneider in seiner Verslehre (1839) schreibt zum Beispiel: "Seine (des Hexameters -F.) Herrlichkeit preist und zeigt A. W. v. Schlegel in folgendem Gedichte:", betrachtet den Text also als Mustertext; Knapp siebzig Jahre später schreibt Kaufmann in seiner Neuhochdeutschen Metrik (1907) "Zu den besten Hexametern konnte man die von A. W. v. Schlegel nur rechnen, solange man den griechischen, nicht den deutschen Hexameter suchte:", betrachtet den Text also als Beispiel für ein falsches Versverständnis. Aber beide geben nach dem jeweiligen Doppelpunkt den vollständigen Text, und so, oder doch zumindest in Ausschnitten, halten es die allermeisten anderen Lehrbücher! Insgesamt ist das Stück von Schlegel auch als Lehr- und Schautext geschrieben, sein "dichterischer Wert" stand da sicher nicht im Vordergrund. Will man Schlegel in dieser Hinsicht beurteilen, müsste man andere Texte von ihm ansehen. (Der von dir verlinkte Text hat einen fehlerhaften Schlussvers, "Dein will ferner gedenken ich noch andern Gesanges." statt, richtig und hexametrisch, "Dein will ferner gedenken ich noch, und andern Gesanges." Der Gedankenstrich hinter "Rudern", oben bei dir, gehört da nicht hin?!)

    Du hast gegenüber Hölderlin doch eigentlich nur den ersten Fuß ein wenig beschwert, oder? Was man machen kann. Die zweisilbigen Füße klingen als Trochäen sehr gut (und auch sehr hölderlinisch); man kann langsamer und mit mehr Nachdruck lesen, dann taugen sie auch als Spondeen, aber das wäre ein anderer Text, nicht "Brod und Wein".

    Gruß,

    Ferdi

  7. #37
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    Da ist ja richtig was los! Ich komme gar nicht mit dem Lesen nach. Also zunächst einmal

    Lieber Ferdi und alle

    Danke für deine ausführliche Antwort zu meinen Fragen in #17. Ich musste schmunzeln, dass du sogar Verse aus der Tasche ziehst, die beinahe wirklich ein Kochrezept sind. Außerdem finde ich diese historischen Blick in die Küche des 18 Jh. ausgesprochen nett. Man ist da wirklich mit allen Sinnen dabei in Oma Voß Küche, wo Kaffee bestimmt noch etwas sehr wertvolles war. Voß habe ich ja mehr als Sprachgelehrten als als Dichter verschlüsselt; vielleicht ist das ein Fehler (?).

    Und ja auch Brechts Kommunismus ist erlebbar. Durch die Arbeiter bekommt er ein Gesicht, an den beschriebenen Orten schlägt er Wurzeln, er ist also kein Gespenst mehr.

    Ja, aber was nun die Form betrifft, bin ich einigermaßen verwirrt. Ich lernte die Doppelsenkungen mit leichten Silben zu befüllen (wobei nun sogar hier im Fader darüber gestritten wird ob "zur" eine leichte Silbe ist - das geht wohl jedenfalls zu weit), dass die Zäsur vor einer Hebung außer vor dem fünften Fuß ist ein Sakrileg ist und Pfingstochsen (XXx) und Kretiken (XxX) Teufelszeugs in Doppelsenkungen sind und dann fegen die Herrn Brecht und Hauptmann (mit Zustimmung von Ferdi!!!) all meine mühsam erlernten Überzeugungen mit wenigen Versen einfach vom Tisch - in den Müll.

    Besonders das hier:
    Zitat Zitat von Ferdi
    "Lustig! Lustig!", ruft Till. Und da Galle, das Pferdchen, die Schnute
    hängend, schläft, springt er jählings der schläfrigen Stute aufs Rückgrat.

    Da ist "schläft" Hebung, das baugleiche "springt" aber Teil einer zweisilbigen Senkung - und ja, das kann der Vortrag dann auch leisten, ohne dass die Bewegungslinie verlorengeht?!
    Zitat Zitat von Ferdi
    Hm. Gerhart Hauptmanns "Till Eulenspiegel" ist mit das wüsteste, aber auch da: es ist stimmig, da ist halt Rausch, und Fieber, und Wahnsinn; warum soll der Vers das nicht spiegeln?

    V1: „Lustig! Lustig!, ruft Till“ : da ist ja "ruft" weit schwerer und auch länger als "till" und zusammen mit dem -ig in der Senkung! Drehen sich da nicht Voß, Schlegel und Klopstock im Grab um?

    V2: "hängend schläft, springt er.." auch völlig wahnsinnig! Aber während es sich Hauptmann mit dem V1 mE einfach leicht gemacht hat (schlampig war), finde das hier raffiniert verspielt: weil ich hier "schläft" klar in der Senkung sehe, im unmittelbaren Anschluss daran hebt das "springt" ab, von der Bedeutung her, aber auch von der Helligkeit. Und wenn man will, oder eine Entschuldigung für Hauptmann sucht, hat man dann zumindest auch ein "Gegengewicht zu "lustig ruft Till".

    Allerdings frage ich halt nun ernsthaft, besonders bei V1, was sollen dann all die Regeln? Und was ist hier dann noch die "Bewegungslinie"? Ein bloßes Abstraktum?

    Allerdings sehe ich mich dann auch mit meinem Penta aus meiner „Unschuld“ gut dabei:

    Z18 selbst Apophis schläft tief, lauscht deinem Sonnengesang.
    wo das „schläft“ auch in einer Doppelsenkung steht - ich habe das an dieser Stelle ganz bewusst so gemacht, weil ich der Sonnenbewegung folgen wollte.

    Zitat Zitat von Ferdi
    aber das hindert mich ja nicht, Brechts Verse anzuerkennen - und wir Jetztzeitigen haben ja auch klassische Grundsätze aufgegeben: nimm die Vermeidung des Hiats.

    Immer - wenn, wie gesagt, "Hexameter" nicht zu "Silbenfolge" verzwergt wird. Es gehört die Versinnlichung und die Überführung in Handlung dazu.
    (Was ist die Vermeidung des Hiats?)

    Ja, aber warum müssen sie dann überhaupt in (altvatrischen) Hexametern schreiben? Brecht hätte genauso gut Prosa schreiben können, ausgerechnet diese prätentiöse Art zu schreiben, wenn er sich an Arbeiter richtet, das überzeugt mich nicht sehr! Nun ja, es hat sich auch herausgestellt, dass Brecht unrecht hatte:
    Ewig zu bleiben gekommen: sein Name ist Kommunismus.
    Aber gut, diese Fragen haben nichts mit der Form an sich zu tun.

    Warum macht Jan Wagner das? Der will ja nicht einmal irgendeine Botschaft vermitteln, so wie Brecht – die sich vielleicht durch den Rhythmus in das Ohr oder Gehirn der Leser einprägen sollte/könnte (?)

    Falls du dich wirklich nochmals mit Jan Wagners Elegien beschäftigst, achte auch auf die vielen Adjektiven und Adverbien; so beiwortlastig zu schreiben ist ja in der Jetztzeit überhaupt aus der Mode (verpönt).

    Ja und weil ich Schillers Art, die alten Versmaße zu schreiben, besonders mag, hier noch ein mE Leckerbissen in Distichen von ihm, der mE auch gut in die Diskussion hier passt :

    Der Fuchs und der Kranich


    Den philosophschen Verstand lud einst der gemeine zu Tische,

    Schüsseln, sehr breit und flach, setzt' er dem Hungrigen vor.

    Hungrig verließ die Tafel der Gast, nur dürftige Bißlein

    Faßte der Schnabel, der Wirt schluckte die Speise allein.

    Den gemeinen Verstand lud nun der abstrakte zu Weine,

    Einen enghalsigten Krug setzt' er dem Durstigen vor.

    »Trink nun, Bester!« So sprach und mächtig schlurfte der Langhals,

    Aber vergebens am Rand schnuppert das tierische Maul.


    LG
    albaa
    Geändert von albaa (28.12.2017 um 11:11 Uhr)

  8. #38
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    Hallo Albaa!

    Das X X x ist ein ziemlich heftiger Verstoß, das haben nur wenige Verfasser geduldet; das X x X ist weniger tragisch, da findet sich einiges.

    Schlegel und Voss waren viel stärker am griechischen Vers ausgerichtet als Klopstock, die drehten also deutlich stärker ...

    Den Vers von Hauptmann läse ich so:

    hängend, / schläft, springt er / jählings || der / schläfrigen / Stute aufs / Rückgrat.

    "Regelverstöße", ja ... Da hat Hauptmann erstaunlich wenige, weniger als Brecht; das wären so Fälle wie fünf Füße statt sechs, Zäsur nach der dritten Hebung und ähnliches, was die Hexameterlinie stark verändert oder sogar aufgibt. Was Hauptmann aber durchgängig macht: Er ordnet das Recht der Wörter, so ausgesprochen zu werden, wie sie es gewohnt sind, dem Versschema unter. Heißt, wenn das Metrum eine Silbe als "Hebung" kennzeichnet, dann wird sie auf jeden Fall gehoben - die Bewegungslinie wird "gegen das Wort" durchgesetzt. Und da stehen dann schon einmal konsonantenreiche, zweisilbige Prädikate in der Senkung. Das hier:

    schwingt und / ruft: / "Betet / an!|| Fallet / nieder! die / Missgeburt / bin ich,

    ist da noch harmlos. Aber wenn du dir den Vers anschaust, ist das sehr bewusste Hexameterarbeit: Die Zäsuren sind regelgerecht und wirkungsvoll, die metrischen und die Sinneinheiten schneiden sich, der Vers ist in sich geschlossen und weist doch über sich hinaus: Das ist feine Handwerkskunst!

    Aber das ist eben auch ein Äußerstes; nichts, was man grundsätzlich machen kann. Aber der "Till" ist ein Anfang der 20er geschriebener Text, eine Antwort auf den verlorenen Krieg und die daraus entstandenen Umwälzungen; Und er setzt das in Sprache um, von den Hexameter-Texten, die damals geschrieben wurden, sicher am heftigsten. Du kannst ja mal Thomas Mann (Gesang vom Kindchen) vergleichen, dessen Hexameter allerdings oft darum handwerklich minderwertig wirken, weil der das Hexameter-Handwerk nicht wirklich beherrschte, und natürlich Anton Wildgans (Kirbisch). Der hat in einem Brief allerdings geschrieben, er wäre mit vielen Versen unzufrieden, aber ihm fehle die Zeit, sie zu verbessern. Und wenn du Zeit hast, lies den "Till"; unbedingt! Aber nur, um zu sehen, was möglich ist; nicht, um (andauernd) genauso zu schreiben.

    Bei Brecht stand der zweite Weltkrieg im Hintergrund; aber der eigentliche Antrieb war ein antiker Autor, Lukrez, der das berühmte hexametrische Lehrgedicht "de rerum natura" geschrieben hat; vom dem war Brecht begeistert und fasste daher auch einen Lehrgedicht-Plan.

    Ich denke, im Allgemeinen ist es schon richtig, sich erst einmal auf den klassischen Standpunkt zu begeben und zu versuchen, Satz-Recht und Vers-Recht miteinander auszusöhnen - den Vers zu finden, der beiden gerecht wird und aus der sinnvoll gestalteten Spannung beider seine Lebendigkeit gewinnt. Erstens, weil das die Grundlage von allem ist, nicht nur im Hexameter, sondern in jedem metrisch geregelten Vers; dann aber auch, weil es gerade dem Hexameter Gleichmut und Würde gibt, dem Verfasser somit das Zurücktreten hinter den Text ermöglicht. Und das zeichnet den Hexameter als (vor allem) epischen Vers ja seit jeher aus?!

    Es hängt aber auch ein wenig davon ab, was man selbst will. Ich zum Beispiel bin in die rhythmischen Möglichkeiten des Hexameters vernarrt, und um die gestalten zu können, brauche ich Gewissheit über die Silben "an sich"; sonst verschwimmen die Dinge auf der zweiten oder dritten Ebene.

    "Vermeidung des Hiats":

    Der Zusammenstoß von Vokal am Wortende und Vokal am folgenden Wortanfang (eben der Hiat) wurde von den antiken Verfasssern streng gemieden, und von den deutschen Klassikern genau so. Die waren ja auch von kleinauf an der Antike geschult ... Das ist uns heute abhanden gekommen. Deshalb heißt es bei Butenlänner

    Träume, unsterbliche Seele, die Sprache der Götter verstummt nicht!

    bei Klopstock aber

    Sing, unsterbliche Seele, der sündigen Menschen Erlösung,

    Und deswegen war für Voß ein "Küch und", was uns heute hart erscheint, selbstverständlich. Schau diesbezüglich bei Gelegenheit Hölderlin an, das von Butenlänner genannte "Brod und Wein" zum Beispiel - eine der staunenwertesten Leistungen Hölderlins ist die Natürlichkeit, mit der er den Hiat vermeidet.

    Gruß,

    Ferdi
    Geändert von Ferdi (28.12.2017 um 12:15 Uhr)

  9. #39
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    Hallo zusammen!

    Fietje, Hölderlins Brod und Wein haben wir ja auch hier bei den alten Meistern. Da kann man sich gut einen Geamteindruck verschaffen. Hier nur mal die angrenzenden Verse zu Deinem Beispiel:

    Allen gemein, doch jeglichem auch ist eignes beschieden,
    Dahin gehet und kommt jeder, wohin er es kann.
    Drum! und spotten des Spotts mag gern frohlockender Wahnsinn,
    Wenn er in heiliger Nacht plötzlich die Sänger ergreift.


    Ich denke, dieser kleine Ausschnitt lässt gar nicht den Verdacht aufkommen, Hölderlin hätte sich bemüht, Spondeen nachzubilden? Kannst ja mal den ganzen Text danach durchsehen. Ich lese den Vers so:

    Drum! und spotten des Spotts mag gern frohlockender Wahnsinn,
    X xXx xX || xX xXxx Xx

    und glaube, die schweren Einfachsenkungen sind eher trochäisch gedacht.

    Bei Voß wissen wir, dass er den altgriechischen Vers möglichst originalgetreu in die deutsche Sprache übertragen wollte. Ihm würde ich im Wikipedia-Beispielvers weiter oben bei "fand zur" einen beabsichtigten Spondeus gerade noch zutrauen (wenn auch nicht wirklich unterstellen). Bei Hölderlin sehe ich das anders.

    Albaa, wie ich gerade sehe, war Ferdi schneller. Fein, da kann ich erstmal ein Päuschen machen.

    LG Claudi
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  10. #40
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    "Lustig! Lustig!", ruft Till. Und da Galle, das Pferdchen, die Schnute
    hängend, schläft, springt er jählings der schläfrigen Stute aufs Rückgrat.
    Zitat Zitat von Ferdi
    Den Vers von Hauptmann läse ich so:

    hängend, / schläft, springt er / jählings || der / schläfrigen / Stute aufs / Rückgrat.
    Zitat Zitat von albaa
    V2: "hängend schläft, springt er.." auch völlig wahnsinnig! Aber während es sich Hauptmann mit dem V1 mE einfach leicht gemacht hat (schlampig war), finde das hier raffiniert verspielt: weil ich hier "schläft" klar in der Senkung sehe, im unmittelbaren Anschluss daran hebt das "springt" ab, von der Bedeutung her, aber auch von der Helligkeit. Und wenn man will, oder eine Entschuldigung für Hauptmann sucht, hat man dann zumindest auch ein "Gegengewicht zu "lustig ruft Till".
    Interessant! Wer hat nun Recht?
    (Wetten werden nicht angenommen)

  11. #41
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    Zitat Zitat von Albaa
    Interessant! Wer hat nun Recht?
    "Lustig! Lustig!", ruft Till. Und da Galle, das Pferdchen, die Schnute
    hängend, schläft, springt er jählings der schläfrigen Stute aufs Rückgrat.


    Ich lese das wie Ferdi. "hängend, schläft" halte ich für sehr unwahrscheinlich. Erstens, weil ich das so nie sprechen würde, und zweitens, weil ich es naheliegend finde, die langsame Bewegung beim Schlafen* und die schnelle beim Springen anzunehmen.

    Wenn ich darüber nachdenke, warum ich Deine Betonung so nicht über die Lippen kriege, liegt es wohl daran, dass "schläft" zwischen zwei Kommas steht, d.h. vor und nach der Silbe ist eine kleine Pause. Deswegen kann "schläft" für mich nicht unbetont sein.

    Edit:

    * Ach ja, liebe Albaa, auch in Deinen Apophis-Pentameter fände ich das Schlafen gut in einer langsamen Bewegung aufgehoben:

    selbst Apophis schläft, lauscht deinem Sonnengesang.
    Geändert von Claudi. (29.12.2017 um 11:31 Uhr) Grund: Ergänzung
    com zeit - com .com

  12. #42
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    Hallo!

    Albaa, wer "Recht hat", ist bei solchen Dingen nicht zu entscheiden, glaube ich. Welcher Dirigent hat "Recht" mit seiner Auffassung einer Sinfonie?!
    Hier betonte ich "schläft" schon darum sehr stark, weil es mir dann leichter fällt, das "springt" zu drücken. Oder anders: Eines der beiden Prädikate muss ich drücken, damit die Bewegunslinie steht. Betone ich das erste stark, weiß der Hörer "Hebung!" und wundert sich nicht, dass das zweite blass bleibt; "flüstere" ich aber das erste, ohne das dafür ein Grund ersichtlich wird, wundert sich das Ohr? Ich kann das "schläft" auch stark betonen, und ihm Länge geben, ohne dass es auffällt, weil es so weit von seinem Satz entfernt steht (siehe auch Claudis "zwischen Kommata"); das nötige "Hinübertönen" rechtfertig den Nachdruck?

    Ganz allgemein muss aber nicht "unbetont" und "betont" stattfinden, sondern "betont" (keine Senkungssilbe ist ja wirklich "unbetont") und "ausreichend mehr betont". Meint: Wenn ich das "schläft" im äußersten Fall schreie, kann ich das "springt" in der gewöhnlichen Stimmlage sprechen (und muss es dann "nur noch" sinnvoll mit dem "er" in Einklang bringen) ... Alles schwierig. Aber wie schon gesagt: Wahnsinn, Fieber, Verzweiflung, alles da bei Hauptmann, im Inhalt (hier hat Till ein "Gesicht", eine Vison) und in der Form. Das ist nicht das gelassene, Abstand wahrende Erzählen eines homerischen Hexameters, aber wirksam wohl doch.

    Butenlänner, die "Hiatvermeidung" ist weitestgehend Geschichte - ich verwendete da nicht zuviele Gedanken drauf. Gut, wenn man sie kennt, dann versteht man viele Vers-Entscheidungen der Klassiker deutlich besser; aber sie im eigenen Schreiben zu verwirklichen, lohnt nicht wirklich. Ich mache es manchmal, aber ehrlich: Wofür? Die Leser kümmert es selten ... Ich habe das hier wirklich nur als Beispiel gemeint. (Und es geht immer um ein Wortende und einen darauf folgenden Wortanfang!)

    Gruß,

    Ferdi
    Geändert von Ferdi (30.12.2017 um 15:39 Uhr)

  13. #43
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    Hallo zusammen!

    V1 "Lustig! Lustig!", ruft Till. Und da Galle, das Pferdchen, die Schnute
    V2 hängend, schläft, springt er jählings der schläfrigen Stute aufs Rückgrat.


    Meine Frage war natürlich eine rhetorische. Ferdis Vergleich mit dem Dirigieren ist sehr erhellend. Natürlich kann bei V2 keine absolute Betonungs-Wahrheit geben, nur mögliche Auffassungen. Interessant sind aber die Begründungen für die möglichen Auffassungen.

    Ja, und der Unterschied in den Erzählweisen im speziellen Fall Hauptmann und Voß Homer natürlich auch.

    claudi spricht dazu noch von der meint offensichtlich auch, dass in der Doppelsenkung (grundsätzlich) mehr Speed aufgenommen wird; was mir hier nicht so wirklich entscheidend erscheint, weil "springt" dafür einfach zu stark ist, als das man einfach rasch (=unachtsam) darüberlese. In meinem Ohren hebt also einfach das "springt" ab, ich würde es so hören wollen, dass die Zuhörer, wie die Stute bei diesem Sprung von Till, erschrecken.

    Aber ja, alles ist möglich.


    Claudi bei meinem Penta hast du das "tief" vergessen, er lautet

    Z18 selbst Apophis schläft tief, lauscht deinem Sonnengesang.

    Hier gibt das Versmaß (und auch das Komma) vor, dass "tief" zu betonen ist; würde man "schläft" betonen, läge die Zäsur falsch, und wärs kein Pentameter mehr, oder? Es gibt hier als weniger Freiheit für den Dirigenten .

    Danke Euch sehr und guten Rutsch!

    LG
    albaa
    Geändert von albaa (30.12.2017 um 17:20 Uhr)

  14. #44
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    hi ferdi du adlerauge,
    es ist gut mal von dem Hiat, bzw der Hiatvermeidung gehört zu haben.
    Ich hoffe betreff deines Hinweises, das im letzten Vers des Gedichts >der Hexameter< von Schlegel ein >und< fehlt, die Mod sich Notizen gemacht hat, um es entsprechend bei Gelegenheit zu korrigieren. Ich kann mir vorstellen, es wird sehr oft angeclickt.

    Ich fragte dich:

    Ferdi, du kennst den Vers von Schlegel aus dem Gedicht >der Hexameter< ?

    Um den Vers auszumachen, hatte ich einen Gedankenstrich angefügt, der natürlich nicht im Original dort hingehört. Es ist so eine Eigenart von mir, Verse die ich besprechen, vlt bearbeiten will, mit einem Gedankenstrich zu markieren.
    Wie vom Okeanos quellend, dem weit hinströmenden Herrscher,
    Alle Gewässer auf Erden entrieselen oder entbrausen.
    Wie oft Seefahrt kaum vorrückt, mühvolleres Rudern --------
    Fortarbeitet das Schiff, dann plötzlich der Wog' Abgründe

    Wir alle wollen ja einen wilden Ritt auf dem Hexameter bringen, da bot sich dieser Vers von Schlegel an, wo ich sagenhafte 10 Hebungen vernehme, oder sollte ich hier lieber von Längen sprechen? Immerhin, bei mir funktionierte der Vers anscheinend?!

    Ich finde es passt zu Silvester einen Blick auf Kuriositäten der Hexameterkunst zu werfen und meine, dieser Schlegelvers ist kaum zu toppen.

    Könnte man im Hexa nicht auch in Gegensätzen denken und schreiben? Wie wäre es mit 2 Senkungen für eine Hebung?

    Ganz in Sylvesterstimmung
    lg
    f

  15. #45
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    Zitat Zitat von Albaa
    Claudi bei meinem Penta hast du das "tief" vergessen, er lautet
    Nene, Albaa, nicht vergessen, sondern gestrichen. Weil ich die Langsamkeit demonstrieren wollte.

    Zitat Zitat von Fietje
    Ich hoffe betreff deines Hinweises, das im letzten Vers des Gedichts >der Hexameter< von Schlegel ein >und< fehlt, die Mod sich Notizen gemacht hat, um es entsprechend bei Gelegenheit zu korrigieren.
    Das wird mein erster Vorsatz für das neue Jahr. Da nützt der Mod-Status nicht viel, das muss direkt bei MediaWiki geändert werden.

    LG Claudi
    Geändert von Claudi. (30.12.2017 um 20:09 Uhr)
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