Seite 8 von 8 Erste ... 678
  1. #106
    Registriert seit
    Dec 2017
    Beiträge
    76
    Hallo!

    So, jetzt vollständig (= zehn Gesänge und "Vorwort") beim Verserzähler: A.G. Eberhard: Der erste Mensch und die Erde.

    Eberhards "hexametrischer Fingerabdruck" ist ganz interessant:

    Quellen vereinigten sich zu vergnügt anwachsenden Bächen,
    Irrten die Täler entlang, oft stürzend felsab in die Tiefe


    Die Senkunssilben im dreisilbigen Fuß sind fast immer sehr leicht, da stehen nie "fallende Spondeen" wie "Versfuß"; aber "steigende Spondeen" wie hier "felsab" hat er, hier die erste Silbe, durchgängig in der Senkung?!

    Neu im Hexameter-Lexikon: Scheiß was drauf! Das wird, möglicherweise, irgendwann einmal in "Regelverstöße" oder etwas ähnlich langweiliges umbenannt; was am Inhalt aber nichts änderte.

    Gruß,

    Ferdi

  2. #107
    Registriert seit
    Aug 2009
    Ort
    Bremen
    Beiträge
    2.374
    Hallo Ferdi,

    Die Senkunssilben im dreisilbigen Fuß sind fast immer sehr leicht, da stehen nie "fallende Spondeen" wie "Versfuß"; aber "steigende Spondeen" wie hier "felsab" hat er, hier die erste Silbe, durchgängig in der Senkung?!
    stimmt, das war mir gar nicht aufgefallen, obwohl er es gleich im ersten Vers des fünften Gesangs macht (bergan):

    001 Kraftvoll stieg er bergan auf rauem, beschwerlichem Wege,

    Was heute auch sehr ungewöhnlich klingen dürfte, wenn man noch nicht viel Voß gelesen hat, sind solche unterdrückten betonten Silben (hier "un-") zugunsten einer eigentlich unbetonten, die dafür aber lang gelesen werden soll (hier "nun"):

    018 Als er des Brennstoffs nun unermessliche Massen geschichtet,

    Da muss man mehr nach quantitierendem Versprinzip denken, um richtig zu lesen.

    Schön, wie das Lexikon wächst! Der Eintrag zum Reim dürfte gerade bei Einsteigern auf großes Interesse stoßen. Die meisten haben anfangs ja einen starken Drang zu reimen. Bei mir dauerte es eine ganze Weile, bis ich für Versbewegung ein Ohr bekam und damit kam dann erst die wirkliche Einsicht.

    LG Claudi
    Geändert von Claudi. (22.02.2020 um 15:50 Uhr)
    com zeit - com .com

  3. #108
    Registriert seit
    Dec 2017
    Beiträge
    76
    Hallo!

    Ich nehme für die Fragen, die ich fragen wollte, einen anderen Text: "Die Schwestern von Lesbos" von Amalie von Imhoff. Vier (gelungene!) Verse aus dem dritten Gesang als Beispiel:

    Fröhlich tanzen die Schiffe vom fernen Saume des Himmels
    Auf den Wellen heran, die Aeos herrlich vergoldet.
    Stolzer schwellen die Segel im Morgenhauch', und schäumend
    Rauscht, von den Rudern bewegt, in gemessenen Tönen die Flut auf.


    Interessanterweise hat Wikisource in V3 "Morgenhauche" nach der Erstveröffentlichung in Schillers Musenalmanach; die eigene Ausgabe 1801 hat dann aber den Hiat vermieden und das "e" elidiert, wodurch freilich ein Spondiacus entsteht. Dessen Verzögerung wirkt hier gut vor dem holodaktylischen V4! Der ist nun der, um den es mir geht: Ein gestalterisches Beispiel für das Bewusstsein der Verseinheit! Erst einmal nur gut gemacht, keins, an das sich Fragen knüpften. Die sollen dann im weiteren gehen in Richtung: Was ist heute noch annehmbar an Satzlockerung, wenn es der Versintegrität zu Gute kommt?! Aber davon demnächst.

    Gruß,

    Ferdi
    Geändert von Ferdi (25.02.2020 um 17:35 Uhr)

  4. #109
    Registriert seit
    Dec 2017
    Beiträge
    76
    Hallo!

    Schnell noch zu diesem Vers aus dem vorigen Beitrag:

    Rauscht, von den Rudern bewegt, in gemessenen Tönen die Flut auf.

    Der ist einmal durch den Vorvers schön vorbereitet, zeigt dann aber für sich ein bewusstes Ausmessen des Versrahmens: Rauscht ... auf, setzt die klanglich-gleichen Grenzen, und dazwischen bewegt sich schnell, aber gegliedert der Rest. au - u - e / e - u - au ist als Vokalverteilung auch hörbar; und die Wortfüße sind schön unterschiedlich, so dass der Vers wirklich sehr lebending wird.

    Bleibt die Frage: Wieviel ist ein heutiger Leser hinzunehmen in Bezug auf dieses "Eigeninteresse" des Verses? Wenn der nicht damit zufrieden ist, der Raum zu sein, in dem ein Satz sich erreignet: dann fordert er Gestaltungshoheit ein, auch und gerade vom Satz! "Jene vielfachen Wendungen des Rhythmus sowohl, als diesen Reichtum des Wohllauts, verlangt der Hexameter, ohne Rücksicht auf seinen Inhalt, für sich selbst." Sagt Voß so schön wie treffend.

    Hm. Wo anfangen? Vielleicht bei der Wortstellung, denn da kann eigentlich jeder eine Rückmeldung geben.

    Abend senkte sich nun und still vertrauliche Dämm'rung
    Auf die Fluren herab, es streiften leiser die Winde
    Über der schlummernden Trift mit Kühlung wehendem Fittig.


    Der Anfang des zweiten Gesangs. V1 ist ganz typisch für Hexameter-Texte: Statt "Nun senkten sich Abend und stille, vertrauliche Dämmerung auf die Fluren herab" das Auseinanderstellen des eigentlich zusammengehörenden: "Abend senkte sich nun und still vertrauliche Dämm'rung auf die Fluren herab."

    Hier gibt diese Wortstellung dem Vers einen Rahmen. Das geht aber auch im Halbvers:

    Aber den lieblichen Born beschützte die Kette der Hügel,
    Feigen tragend und Wein, mit bräunlichen Früchten der Ölbaum,
    Gegen den stürmenden Nord;


    Aus dem ersten Gesang. Ich hätte noch mehr Beispiele, aber vielleicht fällt euch zu den beiden ja schon etwas ein? Brauchbar? Schrott?!

    Gruß,

    Ferdi
    Geändert von Ferdi (Gestern um 20:16 Uhr)

  5. #110
    Registriert seit
    Dec 2017
    Beiträge
    76
    Hallo nochmal,

    zu Claudis "unterdrückten betonten Silben", hier "un-": Daran musste ich heute denken, als ich in Wielands "Cyrus" las:

    Mutvoll wirft er alsdann auf die ferne Schlachtordnung des Cyrus
    Einen spottenden Blick. Sie naht sich, kleiner zu scheinen,
    Dicht im Gevierte zusammen gedrängt. Die Assyrer erblickten
    Frecher den unbeträchtlichen Feind, und wagen es wieder,
    Seiner zu spotten. ...


    Vierter Gesang. Da ist bei "unbe- / trächtlichen" nichts unterdrückt, dafür steht aber ein "Hammer" wie der Daktylus " ferne Schlacht-". Das war damals im Alternationsvers nicht unüblich, aber im Hexameter ist man schnell davon abgekommen.

    Etwas weiter:

    Nunmehr kommen die Persen dem wartenden Feinde so nahe,
    Dass nur dreimal der Raum, den ein Pfeil vom Bogen durcheilet,
    Beide Heere noch trennt. Schnell hemmt die Stimme des Cyrus
    Ihren harmonischen Schritt. Sie steh'n. Ein heiliges Schweigen
    Bindet das lauschende Heer, des Göttlichen Rede zu hören:


    Das "Sie steh'n." ist schön gemacht! "Des Göttlichen" Rede ist dann allerdings eher die Standard-Motivationsrede. Daraus:

    Freigeboren, im Schoß der strengen Tugend erzogen,
    Nur der Vernunft zu gehorchen gelehrt und den Trieben der Menschheit,
    Nur zu den sanften Banden der Lieb' und Treue gewöhnet,
    Sollten wir unser'n Nacken vor einem Wütenden beugen,
    Der ein Säugling einst war, dem sterbliches Blut in den Adern
    Rinnet, der atmet wie wir? In Fesseln sollen wir zuseh'n,
    Wie er trotzig das Erbe von unser'n Vätern verwüstet,
    Uns're Weiber entehrt und uns're Söhne zu Hütern
    Seiner Sklavinnen stümmelt? ...


    Die Antwort spare ich mir ... Aber V2 hier ist ein weiteres Beispiel für die "Rahmenstellung", die ich im letzten Eintrag angesprochen habe!

    Gruß,

    Ferdi
    Geändert von Ferdi (Gestern um 20:16 Uhr)

  6. #111
    Registriert seit
    Dec 2017
    Beiträge
    76
    Hallo!

    Ganz vom Ende der Ilias, in der Übersetzung von Voss: Priamos hat soeben Hektors Leiche heimgebracht.

    Aber die blühende Fürstin Andromache klagte vor allen,
    Haltend sein Haupt in den Händen, des männervertilgenden Hektors:
    Mann, du verlorst dein Leben, du Blühender, aber mich Witwe
    Lässest du hier im Palast und das ganz unmündige Söhnlein,
    Welches wir beide gezeugt, wir Elenden! Ach, wohl schwerlich
    Blüht er zum Jüngling empor! Denn zuvor wird Troja vom Gipfel
    Umgestürzt, da du starbst, ihr Verteidiger, welcher die Mauern
    Schirmte, die züchtigen Frau'n und stammelnden Kinder errettend.


    Hier reicht der Rahmen über zwei Verse, V3 und V4. Auch in diesem Umfang machbar!?

    Gruß,

    Ferdi

Seite 8 von 8 Erste ... 678

Was dich vielleicht auch interessieren könnte:

  1. Der Sammelfaden zur Ideenschmiede
    Von MisterNightFury im Forum Ideenschmiede
    Antworten: 0
    Letzter Beitrag: 31.03.2014, 11:22
  2. Sammelfaden aller Projekte
    Von MisterNightFury im Forum Projektgruppen
    Antworten: 0
    Letzter Beitrag: 18.02.2012, 09:05
  3. Ist das ein Hexameter?
    Von Evermore im Forum Arbeitszimmer - Die Gedichte-Werkstatt
    Antworten: 9
    Letzter Beitrag: 07.02.2012, 08:26

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Nein
  • Themen beantworten: Nein
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •  

Anmelden

Anmelden