Thema: Am See VIII

  1. #1
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    Am See VIII

    .


    Dein Gesicht erhellt
    rotwangige Frische erwärmend
    die Bernsteinfeuerblicke:
    Hand in Hand im Wunderland
    über Characeenwiesen
    Aug in Aug mit Amuren
    unter dem Spiegeleis
    dahingleiten - dahingleiten.





    1.Version:

    Dein Gesicht erhellt
    rotwangige Frische erwärmend
    die Bernsteinfeuer in den Augen
    Hand in Hand im Wunderland
    über wucherndem Seegras
    Aug in Aug mit riesigen Fischen
    unter dem Spiegeleis
    dahingleiten - dahingleiten


    .
    Geändert von albaa (03.03.2018 um 11:05 Uhr) Grund: neue Version

  2. #2
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    Liebe albaa,

    wirklich, Dein See gründet so tief, dass ein Elefant drin ertrinken und eine Mücke drin baden kann. (Ist leider nicht von mir, sondern hat mal irgendein kluger Mensch über das Schachspiel gesagt.)

    Die letzten drei Zeilen gefallen mir sehr gut, vor allem das „Spiegeleis“, aber auch die Wiederholung von „dahingleiten“. Auch das „Seegras“ in der Zeile davor gefällt mir, denn es bleibt im Bild, nicht aber „Wunderland“ in Z4. Das steigt aus dem Bild raus und behauptet etwas, statt es Gegenwart werden zu lassen. In den ersten 3 Zeilen verstehe ich die Grammatik nicht. „Erhellt“ das „Gesicht“ die „Bernsteinfeuer“? Es würde doch dadurch eher erhellt, wäre also Objekt. Aber als Subjekt erwärmt es sogar noch die „rotwangige Frische“? „rotwangig“ erscheint mir auch als ein wenig niedlich in diesem pathetischem, geradezu ozeanischem Zusammenhang.

    Aber helles Gesicht, bernsteinfeurige Augen, Wärme und Spiegeleis in 8 Zeilen unterzukriegen, wäre sicher reizvoll. Ein Hilfe könnte doch sein, dass der Bernstein immerhin durch's Meer angeschwemmt wird.

    Spannend

    Michael
    .................................................................................................... ...............................................................
    Am Do., 30.8., sind bei "poetry trifft Poesie" die Slammerin Anke Fuchs und die Lyrikerin Adrienne Brehmer meine Gäste, am Do., 27.9., kommt der Slammer Christofer mit f.
    Köln, Zum Goldenen Bock, 19.30 Uhr.

  3. #3
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    Hallo albaa,

    ich nehme an, erhellen bezieht sich auf die Frische und erwärmen auf die Bernsteinfeuer.

    Ich habe aber bei diesem Gedicht ein ganz anderes Problem:
    Der Titel Am See klingt nach Binnengewässer, das Seegras gibt es eigentlich nur im Meer. So hat ja Michael auch von ozeanischen Zusammenhängen gesprochen. Spiegeleis auf dem Meer? Unwahrscheinlich.
    Bei Spiegeleis auf einem See und Dahingleiten unter dem Eis muss ich aber fast automatisch an Wasserleichen denken, eingebrochen im Eis.
    Das ist natürlich nicht so romantisch.

    Schade, denn eigentlich hat der Text etwas märchenhaft Schönes.
    Ein anderer Titel und vielleicht nur Spiegel würde helfen (jedenfalls mir).

    LG
    Okotadia

  4. #4
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    Lieber Michael, liebe Okotadia,

    Vielen Dank für eure Gedanken - umso mehr, als dieses kleine Dings, eine so ausführliche Beschäftigung kaum verdient hat.

    Bist zu schon einmal auf Spiegeleis Schlittschuh gelaufen, Michael? Dann wüssest du, das Wunderland da durchaus ins Bild passt. Ich habe mich natürlich ein bisschen gespielt - mit Bezügen (deshalb fehlen die Satzzeichen), mit dem Spiegeln eben und gegensätzlichen Begriffen. Ich bin erstaunt, dass du es "pathetisch und ozeanisch" findest (was habe ich nur mit dem Seegras angerichtet): hier badet (läuft Eis) wohl eher die Mücke , obwohl Spiegeleis natürlich schon irgendwie unheimlich ist, man "spürt" die Tiefe, es zieht einem irgendwie in den See hinein, zumindest am Anfang. (Ich habe tatsächlich versucht, mich möglichst vorsichtig zu bewegen, um nicht verschlungen zu werden.)

    Okotadia hat schon geklärt, wie man Z1 bis 2 "richtig" liest; im übrigen wirkt das Eis wie ein Reflektor, der auch die Bernsteinfeuer in den Augen "entfacht".

    Okotadia : die Protagonisten gleiten natürlich über dem Eis, eigentlich sind "unter dem Eis" nur die Fische - aber diese Doppeldeutigkeit ist schon bewusst so gesetzt (Stichwort: Spiegelung, Sogwirkung).

    Seegras gibt es in unseren Seen tatsächlich (meine Erfahrung mit dem Spiegeleis stammen vom Weissensee in Kärnten auf fast 1000m Seehöhe - der ist wunderschhön! - ) - aber vielleicht ist Seegras ja auch nur die umgangssprachliche und nicht die botanisch richtige Bezeichnung?

    Lieben Gruß und ein gutes und freudvolles neues Jahr!
    albaa

  5. #5
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    Liebe albaa,

    Deine zweite Version ist mir fast zu ge- oder belehrt. Vorschlag:

    Hand in Hand im Wunderland
    über dem Spiegeleis
    Aug in Aug mit riesigen Fischen
    in Unterwasserwiesen
    dahingleiten - dahingleiten

    so vielleicht?

    LG Okotadia
    Früher waren die Stühle schöne, blütenfressende Tiere. Doch sie ließen sich zu leicht zähmen...
    Zbigniew Herbert

  6. #6
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    Liebe albaa,

    wundervolle Bilder!
    Aber auch ich möchte mich Okotadias Vorschlag anschließen.
    Ich weiß zwar, dass die erhellten, rotwangigen Gesichter das Klischee des Winterwunderlandes und des Schlittschuhlaufens besser bedienen und somit den Leser leichter auf die richtige Fährte führen, aber das ist hier meiner Meinung nach nicht nötig. Dieser Text verträgt eine winzige Portion Rätselhaftigkeit. Umso mehr Spaß macht es mir als Leser dann, wenn ich "das Spiegeleis" entschlüsselt habe und drüber nachdenken kann, von welcher Seite des Spiegelreiches aus ich die Graskarpfen lieber betrachte.

    Liebe Grüße

    Sabine
    Wir lesen uns!

  7. #7
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    @albaa


    Grüße.

    Das Spiegeleis ist hier fehl am Platz. Oben die warme Eröffnung und dann das Spiegeleis, Kälte?? Aber eine ruhige windstille See, beschert dir einen glatten Wasserspiegel, Wellenlos, also Spiegelstille, mein Denken.(und neue Wortschöpfung, grins) Was sind: Characeenwiesen und Amuren ?



    rotwangige Frische
    erwärmt dein Gesicht
    bannend dein Bernsteinfeuerblick:
    Hand in Hand im Wunderland
    über Characeenwiesen
    Aug in Aug mit Amuren
    unter der Spiegelstille
    dahingleiten - dahingleiten.

  8. #8
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    Ich bin ein bisschen in Verzug mit meinen Antworten!

    Herzlichen Dank!

    @Okotadia: Ja, du hast womöglich recht, dass die neue Version ein bisschen aufgesetzt - zu gelehrt - klingt, obwohl die Worte "Characeenwiesen" und "Amuren" schon auch schön klingen, außerdem gefällt mir die Doppeldeutigkeit "Amuren" wie "Amouren" gut. Die lass ich, aber vielleicht nehme ich doch deine Unterwasserwiesen, das ist schön. Und siehe weiter:

    @Isaban: Ja, Okotadias reduzierte Version ist gut, aber mir persönlich fehlt dann die Spannung zwischen Kälte und verspielter, verliebter Wärme; ja, das Eis, als eine Art Zauberspiegel, reicht mir an sich an Rätselhaftigkeit (siehe schon oben mein Beitrag #4).

    @horst: Siehe schon oben. Das Spiegeleis ist hier so quasi der Hauptdarsteller, da kann ich leider deinem Vorschlag nicht folgen. Aber es war auch ein Wintergedicht, deshalb kann ich verstehe, dass das Eis im Mai weniger gut ankommt . Die Wortschöpfung Spiegelstille gefällt mir aber sehr.

    Ich werde bei Zeiten (also im Winter dann ) noch einmal in Ruhe über eure Vorschläge nachdenken.

    Lieben Gruß
    albaa
    Geändert von albaa (22.05.2018 um 10:26 Uhr)

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