1. #1
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    am ufer der seine

    vergraben, tief im gestern, saß
    sie still am kindbett eines tages,
    angelehnt an einen baum. vergaß
    den ruf des glockenschlages
    und alles was an zeit
    sich um sie rankte -

    dankte

    ihm - der in weiter ferne
    an sie dachte. für seine worte,
    den duft von bergamotte,
    die heiterkeit in seinen zeilen

    sprach leise vor sich hin wie gerne
    sie heimzusuchen wünscht die orte,
    an denen sie so glücklich war
    mit sich, mit ihm

    der pinienwald, das meer, die grotte,
    der erste kuss, die morgenfrische,
    das alles lag in seinem brief -

    und auch etwas wie liebe
    Der Abschied entziffert die Handschrift einer Begegnung

  2. #2
    Sneaker Guest
    Hallo anDI,

    klingt schön im Ohr, hat so eine Art „Spieluhreffekt. Sehr gelungen, wie die Reime sich zum Schluss hin auflösen.Allerdings ist es für mich mehr Wehmut als Liebe und Romantik.

    LI hängt Erinnerungen nach, die nicht mehr sind, ist vergraben im Gestern.und vergisst die Zeit. Das finde ich nicht unbedingt positiv besetzt, eher traurig. Allerdings ist das schon großes Kino, das „tief vergraben sein“ an „Kindbett eines Tages“ zu koppeln.

    Creepy wird’s dann für mich mit der „Heimsuchung“. Das kenne ich nur negativ besetzt.

    Und dass auch „etwas wie liebe“ in den Zeilen lag ist nicht unbedingt romantisch. In trauer und düster wärs für mich passender gewesen.

    Gern gelesen

    Sneaker

  3. #3
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    Hallo Sneaker,

    vielen Dank für deinen Besuch und deine Gedanken zu meinem Gedicht. Ich versuche sie, die Geschichte, was man ja eigentlich nicht machen sollte, zu entknoten. Deine Einwände habe ich auch schon an anderer Stelle zu lesen bekommen...nicht nur deshalb nehme ich sie auch ernst und antworte auch gerne darauf.

    "heimsuchen" ist von seiner ursprünglichen Bedeutung ein neutraler Begriff (zu Hause aufsuchen...)....wird aber...das ist richtig...in der Regel negativ besetzt (von einer schweren Krankheit heimgesucht...)...kann aber auch positiv besetzt werden...z.B. "von Liebe heimgesucht"...was so viel bedeutet wie "von der Liebe übermannt, überfallen, überwältigt, ergriffen...) - der eigentlich negative Aspekt dabei ist also der, dass es den/die/das Heimgesuchte/n unvorbereitet, überraschend trifft...ohne jede Einladung.

    Es kommt also darauf an welche Geschichte man um meinen Text spinnt - nach der eigentlichen...nach meiner Intention...macht heimsuchen Sinn..denn - und nun komme ich zu den anderen Begriffen:

    "vergraben"...wann vergräbt man sich (selbst)?...eine Möglichkeit wäre z.B. bei einer schweren Krankheit. Sie vergisst für einen Moment die Stunde, die ihr schlägt (vergaß den Ruf des Glockenschlages - und alles was an Zeit sich um sie rankte) - "rankte" (schlängeln)...das Ende ihrer Zeit schlängelt um sie herum.
    Sie vergräbt sich und flüchtet in den Brief (den sie vielleicht nicht zum ersten Mal liest).

    Kindbett eines Tages - könnte dafür stehen, dass sie jeden neuen Tag als Geschenk betrachtet...jungfräulich...unvoreingenommen...naiv...kindlich.
    Sie lehnt sich an einen Baum an - der Baum steht für das Leben. Sie lehnt sich also am Leben an - versunken in seinen Zeilen...gibt es ihr Halt.

    ...dafür spricht: Die Heiterkeit in seinen Zeilen. Es ist ein aufmunternder Brief...einer...der an die schönen Dinge...an eine alte Liebe erinnert - ohne jedoch für eine Fortsetzung dieser Liebe zu werben...deshalb auch "nur etwas wie Liebe. Es ist ist eben die Kunst des Ly-D Hoffnung zu schenken...ohne falsche Hoffnungen zu machen.

    Jetzt zum eigentlichen Punkt, den Ort, die Orte heimsuchen: In ihrer Situation kann sie die Orte nicht auf geordnetem Wege aufsuchen/besuchen...im Sinne von einer Einladung folgend...oder einer Reise planend - sie kann aber gedanklich dort einfallen...über alle Grenzen hinweg. Es ist auch nicht per se das Zuhause eines anderen, oder ihres - erst in Verbindung mit alten Geschichten werden diese Orte zum gemeinsamen Heim vom Ly-I und dem LY-D

    Ich hoffe, dass ich das Knäuel ein wenig entwirren konnte. Vielleicht noch ganz allgemein: Wenn ich im ungebundenen Vers schreibe, dann ist mir die Bedeutung jedes einzelnen Wortes umso wichtiger. Nicht immer gelingt es mir meine Gedanken auch so zu transportieren...dass sie 1:1 ankommen, aber das muss auch gar nicht sein. Schön ist...wenn irgendwelche Bilder ankommen...ganz gleich welche Geschichte daraus entsteht.

    Viele Grüße, A.D
    Geändert von AndereDimension (29.12.2017 um 10:24 Uhr)
    Der Abschied entziffert die Handschrift einer Begegnung

  4. #4
    Sneaker Guest
    Hallo anDI,

    danke für die ausführliche Antwort. Ich habe um das nochmals deutlicher zu sagen, nichts gegen die Qualität des Gedichts einwenden wollen. Das finde ich großartig. Ich habe eben nur etwas mehr Chili und Bitterschokolade gelesen, als du das beabsichtigt hattest.

    Die Bilder die du positiv gesetzt hast, habe ich beim ersten Lesen witzigerweise so gesehen.

    vergraben tief im Gestern

    das Li erlebt einen neuen Tag, aber den will es nicht. Es hat sich vergraben und da rutscht mir auch ein Stück meines Dialekts rein. Man hat ihn gestern vergraben heißts hier in meiner Ecke. Also las ich dein "vergraben" als "begraben"

    Das Li lehnt an einem Baum (kann nicht stehen/ braucht einen Halt, eine Stütze)

    und vergaß den Glockenschlag und alles was an Zeit sich um sie rankte (die Forderungen des Lebens, an die die Uhr mit ihrem Glickenschlag erinnert).

    dankte (ist das einzige an Gefühlen, was sie noch anbieten kann)

    für das an sie denken aus weiter ferne usw. Und "Heiterkeit" nahm ich in dem Zusammenhang auf wie eine lose Beziehung, quasi ein "fröhlicher One-night-stand).

    Die Heimsuchung war dann soszusagen die Verbannung der Erinnerungen, das Lösen, das manchmal nicht ganz so einfach ist, wie man sichs wünscht.

    Viele schöne Bilder dann zum Schluss und so eine Art von leichten Gefühlen.

    Aber das bedeutet nicht, dass dein Text auf der Gefühlsebene nichts transportiert oder dass ich was anders schreiben wollen würde. Das ginge gar nicht, weil ich in dieser Art nicht schreiben kann. Angesichts diesen Texts muss ich wohl sagen "leider nicht schreiben kann".

    Sneaker

  5. #5
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    Lieber AD,

    ja, Du kannst schöne Gedichte, das hier hört sich für mich an wie Rainer Maria in seinen besten Tagen, total der Rilke. „Großartig“ (Sneaker).

    Interessant, wie unterschiedliche Interpretationen es zulässt, es liegen ja zwei ausführliche vor. Für mich selbst waren die Bilder „positiv besetzt“, so, wie „Wehmut“ als schön erlebt werden kann und sie Liebe und Romantik nicht ausschließt, Sneaker, im Gegenteil. Das Wort „heimsuchen“ jedoch halte ich hier für verunglückt, die negative Wertung, die Du selbst feststellst, AD, lässt sich meinem Empfinden nach nicht umkippen in die Suche nach dem „gemeinsamen Heim vom Ly-I und dem LY-D“.

    Ebenso tu ich mich mit der Schlusszeile „und auch etwas wie liebe“ schwer, das finde ich doch arg geziert. Wenn all das, was hier aufgerufen wird, nicht Liebe ist, was denn sonst. Deine Erklärung „Es ist ist eben die Kunst [sic!] des Ly-D Hoffnung zu schenken...ohne falsche Hoffnungen zu machen.“ verstärkt mein Unbehagen.

    Noch schwieriger finde ich den Titel. Obwohl es, trotz der Nennung des Meeres gegen Ende, doch nur der Fluss Seine sein kann, rutscht mir immer wieder das Possessivpronomen in den Sinn. Weshalb überhaupt „seine“? Wäre ein einfaches „am ufer“ nicht stärker?

    Am besten gefallen haben mir die Reime und Assonanzen, sie fallen wie die Wassertropfen von der Decke einer grotte.

    Chapeau!

    Michael
    .................................................................................................... ...............................................................
    Am Do., 30.8., sind bei "poetry trifft Poesie" die Slammerin Anke Fuchs und die Lyrikerin Adrienne Brehmer meine Gäste, am Do., 27.9., kommt der Slammer Christofer mit f.
    Köln, Zum Goldenen Bock, 19.30 Uhr.

  6. #6
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    hallo sneaker
    hallo michael domas,

    bitte verzeiht...wenn ich eure fragen in einer antwort zusammenfasse...


    ihr habt nichts falsch verstanden oder fehlinterpretiert...auch wenn ihr so manchem begriff eine andere bedeutung beimesst als ich sie im sinn hatte. das ist für mich das faszinierende an der melancholie...man kann sie nur schwer katalogisieren...es ist ein gefühl, eine stimmung...weder heiter noch tieftaurig, weder anklagend noch um verzeihung bittend. und genau in dieser zwischenwelt befindet sich das ly-i. deshalb war mir die formulierung " und auch so etwas wie liebe" so wichtig, bzw alternativlos. dass es gebau so...und auf keinen fall anders ankommt...war das ziel...als das ly-d diesen brief verfasste. das ly-i sollte diese liebe nicht als vorschuss wahrnehmen...sondern als verzinsung einer alten liebe - eine, die nichts verspricht, nach nichts verlangt...und doch alles hält. die beiden trennen viele jahre und noch mehr kilometer, aber etwas hat all diese zeit überdauert. keine freundschaft, den die muss gelebt werden...keine liebe, denn die will gelebt sein. es ist nicht mehr als das, auch nicht weniger - es ist anders, und es ist unverkäuflich...weil keiner von beiden es für sich alleine besitzt.

    und ja, die zeilen fielen mit tatsächlich wie von selbst in den schoß

    danke euch beiden und gruß,
    a.d.
    Der Abschied entziffert die Handschrift einer Begegnung

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