1. #1
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    Wie schmeckt der Frühling?

    Wie es duftet und blüht,
    wie platzende Knospen krabbelnde Käfer erschrecken,
    wie bald die erste Tulpe dunkelrot glüht
    und wir die blauen Veilchen entdecken,
    das haben schon tausend Gedichte beschrieben.
    Doch wie mag der Frühling wohl schmecken?
    Das Rätsel zu lösen ist bisher unterblieben.

    Karminrote Blütenbüschel des Rotdorns leuchten aus dem Blattgrün, sind uns Kindern aber weniger Augenschmaus als Gaumenfreude. Aufgepasst! Die Dornen sind spitz, aber die Blüten verführen zum Naschen; selbst der gewöhnungsbedürftige Geruch hielt uns nicht davon ab, die Büschel abzuknabbern. Sollen nur Götter Ambrosia naschen?

    Im Schatten, da sah er ein Blümchen stehn,
    ich glaube fast, es war ein Veilchen.
    Wir fanden, die Blümchen duften recht schön
    und nach einem kleinen Weilchen
    pflückten wir die Blauäuglein,
    naschten ihre Blütenblätter -
    o ja, der Frühling schmeckte fein,
    habt Dank, ihr guten Frühlingsgötter.

    Na klar, ein Kinderfäustchen voller strahlendblauer Veilchen, eingehüllt in sattgrüne Blätter,
    brachte das Herz der Mutter verlässlich zum Schmelzen, sei es wegen des berauschenden Duftes, sei es wegen der wunderbaren Farbe. Für das mühsame Sammeln entschädigten wir uns mit wohligen Schmatzgeräuschen, auch wenn Mama die Hände über dem Kopf zusammen schlug.

    Was lächelt in strahlendem Weiß auf der Wiese,
    bescheiden und wahrhaft kein Riese?
    Tausendschön, Gänseblümchen und Maßliebchen
    nennt man dich, und alle Mädchen und die Bübchen
    haben dich zum Fressen gern,
    beißen dir dein Köpfchen ab, verlieren
    alle Achtung vor dem Wiesenstern,
    Mama will den Salat mit dir garnieren.

    Sie sind die Tapfersten unter den kleinen Wiesenblümchen. Dem Kindesalter entwachsen, durfte ich mit meines Vaters Rasenmäher die Wiese in Facon bringen. Gnadenlos wurden zahllose Gänseblümchen geköpft und - nach einer halben Stunde, mir schien, sie hätten sich abgeduckt, als die rotierende Walze auf sie zukam - standen die Überlebenden samt Nachkommenschaft wieder da wie aufrechte Verteidiger des Lebens.

    Zum Muttertag gabs immer wieder
    lila oder weißen, in jedem Fall geklauten Flieder.
    Die Beschenkten erfreun sich am Duft, an den Farben,
    wir pflückten die Blüten, wollten nicht darben,
    saugten an den Blütenstängeln
    lutschten gleich geflügelten Engeln
    die Süße der Blüten, den köstlichen Nektar -
    so schmeckt der Frühling in jedem Jahr.

  2. #2
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    lieber festival
    das hier ist ein festival der entäusserung.
    du liebst doch das opulente, du liebst doch die möglichkeiten der satzumstellungen, du liebst doch das bunte der synonyme.
    was hast du da gegen sonette? dort sorgt die konzise form dafür, dass der leser nicht mitten im lesen einschläft.
    kaspar
    Geändert von kaspar praetorius (29.12.2017 um 23:45 Uhr)

  3. #3
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    Lieber kaspar,
    ich soll was gegen Sonette haben? Lass Dich von meinem "Sonettflüchter" nicht verwirren. Das betreffende Gedicht verbirgt nur meine mangelnde Fähigkeiten, selbst welche zu schreiben.
    Und bei diesem Gedicht (ein Experiment, verursacht durch eine Augenblickslaune, die ihrerseits entstand, weil ich heute die ersten, bereits 8 cm hohen Tulpenspitzen fotografiert habe) bist Du eingeschlafen? Das ist ein herber Verriss - morgen fress ich die Tulipanwinzlinge.
    Liebe Grüße,
    Festival

  4. #4
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    sind die nicht giftig? lass sie lieber in der erde!
    ich finde deinen text als experiment gelungen.
    aber die gedichtteile kannst du mit deiner barocken schwadronierlust bestimmt schöner, klangvoller gestalten. im moment wirken sie blass neben der prosa, ihr lyrischer wert hängt an kleinen unschönen fädchen wie dem fürchterlichen reim "farben-darben".
    kaspar

  5. #5
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    Lieber Kaspar,
    Du hast mir das Leben gerettet. Ja natürlich hast Du recht - Tulpen sind giftig. Die anderen (im Gedicht aufgeführten) Blüten kann man unbedenklich futtern.
    Recht hast Du auch mit Deiner Kritik und ich werde versuchen, das Ding noch ein bisschen zu verändern.
    Liebe Grüße,
    Festival

  6. #6
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    Lieber Festival,

    Das ist ja eine besonders köstliche Idee. Ich habe zu Weihnachten eine Schoko mit Rosenblüten - also richtige Rosenblüten auf der Schoko (Mitzi Blue von Zotter) geschenkt bekommen, auch Gänseblümchen und Algensalat habe ich schon gegessen und natürlich Löwenzahn. Wie auch immer, ich bewundere deine barocke Schwadronierlust (Zitiat kaspar) immer wieder (ein bisschen nachjustieren geht sicher noch) und bin wirklich froh und beruhigt, dass dich unser umfassend gebildeter kaspar gerettet hat.

    LG
    albaa

    Meine Lieblingstelle:
    Die Beschenkten erfreun sich am Duft, an den Farben,
    wir pflückten die Blüten, wollten nicht darben,
    saugten an den Blütenstängeln
    lutschten gleich geflügelten Engeln

  7. #7
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    Liebe albaa,
    sehr liebenswürdig! Ich selbst bin noch nicht zufrieden mit dem Ding (die Idee mag ganz hübsch sein, aber mit der Ausführung hapert es noch). Dein dennoch ausgesprochenes Lob soll mich zu besserer Tat anregen.
    Ein gutes neues Jahr!
    Festival

  8. #8
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    Lieber Festival,

    dein Poem hat mir gut gefallen, weckte es doch zahlreiche Kindheitserinnerungen.
    Du singst, was mich besonders beeindruckt hat, das Hohe Lied des Gänseblümchens, gehört es doch zu den tapfersten Rasen- und Wiesenbewohnern. Eben noch mit Schnee bedeckt, strahlt es Stunden später, als ob kein Wintereinbruch gewesen. Das kann derzeit im Freien keine Rose schaffen.
    Eifern wir solchen Überlebenskünstlern nach, dann kann uns auch der Rasenmäher der Geschichte nicht viel anhaben!

    Mein Wunsch: Erfüllung deines liebsten Wunsches im Jahr 2018, mindestens zu 75 Prozent! Damit kannst du gut leben.
    Herzlichen Gruß
    Carolus

  9. #9
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    Lieber Carolus,
    ich habe mich über Deinen Kommentar, der gnädigerweise darauf verzichtet, auf die Schwächen dieses Experiments einzugehen, sehr gefreut (und natürlich über Deine guten Wünsche zum neuen Jahr). Auch Dir alles Gute!
    Liebe Grüße,
    Festival

  10. #10
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    Hi Festival,

    das habe ich aber interessiert bis zum Schluss verfolgt. Kommentiert ist es ja bereits in sich selber, was gewissermaßen frech gegenüber dem Leser wirken kann, fast wie eine Bevormundung, mir gefällt es aber!
    Formal ist dein Gedicht wohl ein Experiment. Natürlich ist es, gemäß deiner sowieso eloquenten Sprache ausdrucksstark, aber das hilft dir hier auch nicht weiter.

    Der Frühling schmeckt, wie er riecht.

    Darf ich mal frech werden? Ich werds einfach mal:

    "wir [...]
    saugten an den Blütenstängeln
    lutschten gleich geflügelten Engeln
    die Süße der Blüten, den köstlichen Nektar -
    so schmeckt der Frühling in jedem Jahr."

    Egal, das war jetzt echt flach von mir, ich weiß. Trotzdem.

    Liebe Grüße

  11. #11
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    Lieber MiauKuh,
    an dem Gedicht, das Du treffsicher ein Experiment nennst, gibt es eine Menge zu kritisieren. Ich hatte gedacht: Wenn es Dichter gibt, die in ihre Prosawerke hin und wieder Texte in gebundener Sprache einbringen - warum dann nicht mal umgekehrt. Ich arbeite noch daran (und das ist die einzige Entschuldigung für ein nicht ausgereiftes Werklein).
    Liebe Grüße,
    Festival

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