1. #1
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    hallo artname! zu den synkopen im vers:

    hallo artname
    seit längerem schwelt mir eine glut zwischen den versfüssen betreffend synkopen.
    meine gebildeteren kollegen scheinen oft als ziel zu haben, dass sich auch die letzte syntaktisch oder semantisch bedingte melodie einem gnadenlosen "metrum" füge. und ich amateur betone immer wieder, wie wichtig mir gerade der kreative umgang beim verknüpfen von metrum und sprachmelodie scheint.
    ein wenig fühle ich mich unterstützt von claudi (manchmal) und thomas (seit neustem wieder und zu finden im musengarten, wo genau diese linie von der uns bestens, bzw. unbestens bekannten "Medusa" an den pranger gestellt wird). und natürlich oft von dir, artname.
    für deine augen und andere, welche im problem tatsächlich eines erkennen können, nicht zuletzt für mich habe ich ein paar beispiele aus meinen texten zusammengesucht, wo ich mehr oder weniger klar synkopen erkennen kann, die ich eigentlich auch ganz bewusst stehen gelassen habe.
    vielleicht kannst du an diesen beispielen aufzeigen, dass ich dich entweder vollkommen falsch oder ein bisschen richtig verstanden habe, was die versgestaltung angeht.
    hier also die textstellen:

    Lass nie leer sein, denn dann ist's vorbei!

    schon der Gedanke scheitert, du bereust

    Gelegenheit nie haben, zu entdecken,

    beginn ein Festival, jetzt oder nie!

    tat Eckern, Käfer, Eicheln, Würmer suchen,

    welchen er schützend, auf Kopfhöhe, vorantrug sich selbst.

    Qualvoll dringt ihr Wehklagen Kennern ins Ohr!

    butti und claudia freuen sich über die neuen triangel.

    michael kriegt (endlich) ein passendes kleid für sein müschen.

    Sprach ein Mann in Fassana:
    Schau, ich war schon vor dir da.
    Darum sollst beim Rausgehn
    bitte vorne anstehn.

    Also macht die Kneipe zu,
    wir gehn weg, ich und du.

    Nur das menschliche Tun und Lassen ist heute vergebens;
    eigentlich dünkt mich dies wenig bemerkenswert.

    zela jagte die männer
    wie papier durch den scanner

    sieben pferde suchen einen stall
    sieben pferde - überleg doch mal

    lachmöwen krächzen, als ich weiter surfe

    da sie gewahrte, dass dem holden jüngling
    an einem ohrläppchen ein goldner ring hing,

    welche den Tag verschlafen, des Nachts den Schlaf nicht gefunden.
    Kinder, jetzt gilt's ernst!
    Sie quatschen im Cybertalk
    über Cybersex.

    (StadtHaiku)

  2. #2
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    hallo kaspar,

    1. Versuch der Definition eines Ausgangspunktes

    1.1. zum Begriff Synkope

    Eine musikalische Synkope ist eine Verschiebung einer Phrase aus dem erwarteten Rhythmus (Grundbeat) heraus. Endet Verschiebuong der Phrase, kehrt die kehrt die Melodie zum gewohnten Rhythmus zurück. Während der Verschiebung vertauschen sich, mal stark vereinfacht gesagt, die Betonungen: betont wird unbetont. Und umgekehrt. Als zuhörer verliert man dabei kurz die Orientierung wie auf einem schwankendem Schiff.

    Die Lyrik kennt rhythmische Verschiebung natürlich ebenfalls. Sie setzt einen vorangehenden alternierenden Gewohnheits-Rhytmus voraus. Dazwischen tauchen Zäsuren auf bzw. eingeschobene Versfüße , die NICHT dem jeweils vorgegebenem Versmaß entsprechen. Mit meinen Worten entsprechen die "Abweichler" einer Versfußfüllung oder -verknappung.

    Wie auch immer, ob Musik oder Lyrik: Das Schiff schwankt, der Betrachtet kommt (vorübergehend) ins Stolpern.

    1.2. Die Funktion der Akzentverschiebung (Synkope)

    Bei einer Akzentverschiebung wird meist ein wichtiger "betonter" Ton nach hinten auf die letzte "unbetonte" Taktstelle verlängert. Also setzt dieser Ton quasi früher ein als erwartet. Damit wirkt er gedehnter, besonders betont.

    Für mich dient die Synkope neben der speziellen phraseologischen Betonung ansonsten AUCH simpel der Abwechslung. Bei der Tanzmusik stellt der Rhythmuswechsel an die Tänzer besonders hohe Anforderungen. Im Konzertsaal mag der Komponist dem Einschlafbedürfnis erschöpfter Zuschauer zuvorkommen wollen. Oder auch dem der Orchestermusiker.

    Wichtig erscheint mir aber: die einzelnen Musikformen sind gewöhnlich nicht über die Anzahl der Takte definiert. Wie lange ein Musikstück einen regelmäßigen Rhythmus besitzt, bevor das Schiff zu schwanken beginnt, ist der kompositorischen Willkür überlassen. Jeder halbwegs bewußte Komponist übt und benutzt die Synkope als typisches Gestaltungsmittel und nicht etwa Ausnahmeerscheinung.

    Anders in der Lyrik. Auch hier dient die Akzentverschiebung der besonderen Betonung wichtiger Silben und/oder der Abwechslung.

    In der Lyrik allerdings geben die einzelnen Gedichteformen meistens ein zeilenbasiertes, alternierendes Versmaß vor. Dieses zeilenbasierte Versmaß der lyrischen Urformen schränkt mMn die Freiheit des Rhythmus enorm ein. Deshalb wohl auch im Forum der momentane Spaß am Hexameter, weil dieser unter den Gedichteformen eindeutig den größten rhythmischen Gestaltungsraum einräumt.
    Im zeilenbasierten Versmaß vermute ich eine Ursache, warum immer mehr Dichter "freie" Gedichte schreiben. Anders als in der Musik, wo freie Formen (wie Jazz oder zeitgenössische Musik) nach wie vor ein Nischendasein führen.

    zu den Unterschieden der Beurteilungen von Akzentverschiebungen in Lyrik und Musik

    Die Akzentuierungen bekannter Musikwerke sind a) durch die Tonaufnahmen und b) durch die Notenschriften EINDEUTIG wahrnehmbar. Hingegen gibt es für die richtige Akzentuierungen von Versen und Gedichten keine Beweise. Alles bleibt im Spekulativen, ist stark abhängig von der semantischen Deutung der Verse. Etwas alternierend Gemeintes kann synkopisch verstanden werden - und umgekehrt.

    Vielleicht bietet die Musik auch deshalb mehr rhythmische (und dynamische) Freiheiten, weil der Musik eine klare Semantik fehlt. Und die Dichtkunst baut bewußt rhythmischen Spielereien vor, damit der Dichter sich stärker auf den Inhalt konzentrieren muß. Hm...

    2. zu deinen konkreten Beispielen

    (Wie bei keinem anderen Dichter im Forum fallen mir schon ewig deine tollen rhythmischen Spielereien auf. Gerade DEINE Formspiele brachten mich im letzten Jahr dazu, in meiner Freizeit mehr Gedichte als Lieder zu schreiben. Darüber hinaus inspirierte mich z.B. deine "wandernde Zäsur" nachhaltig in meiner Arbeit. )

    Was soll ich aber nun zu den ersten 9, durch Leerzeilen getrennten, Zeilen sagen? Sie entstammenden ja vermutlich verschiedenen Gedichten. Mir fehlt also jeweils der Grundrhythmus dieser Gedichte, um die Akzentverschiebungen beurteilen zu können. Da verstehe ich dich doch gewiß falsch?


    Sprach ein Mann in Fassana:
    Schau, ich war schon vor dir* da....* je länger man "FaSAna zieht, umso länger wird auch "dir".
    Darum sollst beim Rausgehn....
    bitte vorne* anstehn........ die Aussparung von sollst (sollst du), betont automatisch auch das "vorn" in der Folgezeile

    Also macht die Kneipe zu,
    wir gehn weg, *ich und du........ die unerwartete Pause nach "weg" betont gleichzeitig das folgende "ich"


    Nur das menschliche Tun und Lassen ist heute vergebens;
    eigentlich dünkt mich dies* wenig bemerkenswert. ...... * auch hier primt das Aussparung nach "dies" das Folgewort

    zela jagte die männer
    wie papier* durch den scanner....... *hier sorgt das endbetonte substantiv für Abwechslung

    sieben pferde suchen einen stall
    sieben pferde - überleg* doch mal.....* auch hier fühle ich keinen semantischen Hintergrund, aber schöne Abwechslung

    lachmöwen krächzen, als ich weiter surfe....
    hier fehlt mir das Gewohnheitsversmaß

    da sie gewahrte, dass dem holden jüngling
    an einem ohrläppchen ein goldner ring hing,

    welche den Tag verschlafen, des Nachts den Schlaf nicht gefunden.
    ... hier fehlt mir das Gewohnheitsversmaß

    So, lieber kaspar, da müssen wir vermutlich einige Mißverständnisse klären.

    vorher unmißverständlich die besten Wünsche für 2018.

    lg



    Geändert von Artname (02.01.2018 um 20:08 Uhr)
    Wortfüsse, wohin ich auch seh!

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