Dies ist eine Geschichte, in der der Autor Fragen versucht zu beantworten, die ihn die Welt mittels seiner 90jährigen Mutter gestellt hat. Was wirklich in dieser Welt ihm zugestoßen und geschehen ist, wird normal gedruckt, aber seine Antworten, die erfundene Realität, kursiv.
Bessere hat er nicht.



12.06.2017

Mutter weiß nicht mehr, wo sie zuhause ist. „Darf ich heute nacht hier schlafen?“, in ihrem Zimmer sitzend und ich kenne mich nicht mehr aus, murmelt sie vor sich hin, sie müsse zum Essen gehen, obwohl es dahin noch eine Stunde Zeit hat, doch kann sie nicht ruhig sitzen bleiben. Steht wieder auf, rennt aus dem Zimmer, beziehungsweise fährt mit ihrem Rollator heraus, um nach den Mitbewohner, den Schwestern oder sonst wem vom Pflegepersonal zu sehen, kommt bald wieder zurück, um sich hinzusetzen usw.



05.08.2017

17 Uhr 50

Bundesrepublik Deutschland – Bayern - Mittelfranken - Bad Windsheim – Reha-Klinik – Foyer

Mutter hat mich nicht erkannt. Auf das Wort „Werner“ hat sie ängstlich nachgefragt: „Was ist mit ihm?“ ich wollte sie nicht aus dem Essen herausreißen, bin deshalb erst einmal hierherunter gegangen zum Essen, Trinken. Langsam mit den jungen Pferden, immerhin habe ich aus der Situation gelernt. Ich muß mir Zeit lassen für sie, muss den älteren Menschen Zeit lassen.

19 Uhr 20

Herzliche Begegnung mit Mutter gehabt; ihr ging es auch vor meinem Eintreffen gut. Hatte ihr versprochen, morgen zu ihr z u kommen. „Ja!“ hat sie fest geantwortet, das war vorgestern.



26.07.2018

Bei Mutter gewesen. Wir sind vom Heim aus in den Garten hinausgefahren, also, ich habe sie, die auf dem Rollstuhl saß, von hinten die barrierefreien Türen in den Garten hinausgeschoben. Neben einem Raucherpavillon habe ich angehalten, sie mit einer Regenjacke zugedeckt. Als ich in den Pavillon getreten bin, in denen etliche Männer und Frauen gerade geraucht haben, habe ich einen Witz machen wollen und „Gaskammer“ gesagt, weil sie der dicke Qualm in diesem Rauchen unübersehbar in dem obigen Rund, der nicht besonders hoch war, versammelt hat. Die Raucher selbst mussten diese giftige Gas dann einatmen. Selbstmord aufgrund besseren Wissen. Über Idioten, wozu ich selbst zählte, lässt sich immer gute Witze machen. Leider empfand diese mein Mutter gegenteilig.
Sie hat es gehört und mir in anderer Weise als beabsichtigt aufs Butterbrot gestrichen mit den Worten: „Werner Pentz ist ein Nazi!“, wobei sie vor Kälte geschlottert und Angst gehabt hat.
Nachdem ich geraucht hatte, fuhr ich Mutter wieder ins Heimgebäude zurück, ich sah, das der Rollstuhl nass war, wischte ihn mit meinem roten Mantel trocken, wobei sie mich entsetzt ansah und sagte: „Nazi!“ „Na, das bin aber nicht!“, noch etwas belustigt. Vor dem Lift, auf dem wir warten mussten, sagte sie wieder, mich verängstigt und den Kopf nach hinten und zur Seite gelegt, wie als ob sie vor mir gerne fliehen möchte: „Nazi“, sprich ich sei ein Nazi. „Das bin ich aber nicht, Mutter“, erwiderte ich zurückweisend, wobei ich sah, dass ihre Beine feucht vom Regen waren und sie schlotterte dort. Schnell fuhr sich sie nach oben in den dritten Stock, damit man ihr ein warmes Tuch über die Bein legen solle, so dass sie aufhören würde zu frieren, zu schlottern und Angst zu haben. „Tun sie ihr etwas Warmes überlegen“, bat ich die Schwester, als ich in den Essraum fuhr. „Wo waren Sie? Sie müssen sich mit ihr abmelden“ „Aber es war eine Mitarbeiterin, der ich das gesagt habe.“ „Sie müssen das einer grün gekleideten Schwester sagen“, wobei sie auf ihren grünen Kittel deutete. Dann schob ich sie zum Essenstisch neben den bereits Speisenden, die mich konsterniert aus den Augenwinkeln beobachteten. Ich half der Schwester das Essenslätzchen ihr überzuziehen, streichelte sie über Gesicht und Arme, aber sie sagte entsetzten Auges und Stimme die niederschmetternden Worte: „Werner Pentz ist ein Nazi!“ „Nein, bin ich nicht“, sagte ich erneut. „Ich gehe jetzt.“ Ich ging zur anderen Seite, sie streichelnd und das Pflegepersonal sagte quasi: „Tun Sie das nicht!“ oder „Tschüss!“ „Tschüss!“, bemerkte ich dazu und: „Ich gehe jetzt“, nahm meinen Bündel, Tasche, übergezogener Anorak und machte mich auf den Weg aus dem Heim. Vorm Lift zog, vielmehr knöpfte ich meine lose, schwarze Kapuze auf den Anorak, um eine halbe Stunde früher zum Bahnhof zu laufen.
Allein kann ich nicht mehr mit ihr sein, da ich es dummerweise übertrieben habe, indem ich meiner Nikotinsucht nachgegangen bin und diese deplazierte Bemerkung gemacht habe, die sie wohl auf sich bezog. Die Pflegerin, als ich sie zurück auf ihre Station gebracht hatte, hat mir auch deutlich zu verstehen gegeben: „Tschüss!“ zuvor habe ich ihr die kalte Hand haltend mit meiner gewärmt, aber sie hat mich nicht mehr erkannt gehabt. Danach bin ich eben mir ihr in den Regen hinausgefahren, das hätte nicht sein sollen. Ich bin froh, die nächsten Tage beschäftigt zu sein und für ein paar Tage ins Ausland fliegen zu müssen und können, um nicht versucht z u sein, zu ihr gehen zu müssen, weil’s eben saublöd gelaufen ist und ich mir einbilden würde, ich könnte wieder etwas gut machen, was definitiv zerbrochen war, wie ein Krug, der tausendmal zum Brunnen gegangen ist.
Wie komme ich von meinen quälenden Gedanken weg?

Ich würde mich am liebsten verstecken, mich allein verkriechen wollen, was aber nichts hilft, so dass ich sehnsuchtsvoll einen Anruf von meiner Freundin erwarte und erheische.
Zum Glück wird jetzt umgestiegen im Zug. Abwechslung.

Hier Mutters Aussagen seit sie ihre Gehirnblutung hatte und im Schwabacher Krankenhaus lag:
Das erste Mal: „Du bist ein guter Junge!“
Das zweite Mal: „Ade!“
Das dritte Mal: „Wer bin ich?“ ich nannte ihr folgende Namen, ihren Familienahmen, den angeheirateten also. Keine Reaktion. Ihren Mädchennamen als nächstes, was wieder keine Antwort nach sich zog. Dann noch mal von vorne. Sie sagte: „Ich bin Ottilie Pentz“, verwundert und was sie ein paar Mal wiederholte, es akzeptierend mit der Zeit und sich damit identifizierend.
Im Klinikum zur Reha daraufhin hat sie mich möglicherweise nicht mehr erkannt, obwohl sie mich total herzlich angelacht und wie verliebt die Hand gedrückt hat. Dann hat sie den Namen meines Bruders gerufen, nachdem sie „ihrer Tochter“-Namen nennend gesprochen hatte. Mein Bruder war ja gestern und heute bei ihr, ich das letzte Mal allein bei ihr nach diesem Desaster total. Wie komme ich darüber hinweg?
Ich bimmle meine Freundin an, dieses mal auf ihrem Festtelefon.
10 Sekunden später: das habe ich gemacht; bei ihr angeklingelt. Jetzt bleibt mit nur über, geduldig auf ihren Rückruf zu warten.

Jetzt bin ich unterwegs von Neustadt/Puschendorf nach Nürnberg. Meine Freundin hat noch immer nicht angerufen. Jetzt Siegelsdorf tun wir gerade ankommen.
Ich habe meine Brille auf die Stirn zurückgeschoben, gähne und möchte schlafen, besser müde bin ich, ohne wirklich schlafen zu können und atme schwer. Tränen in den Augen spüre ich jetzt auch zudem. Ich muss schniefen, mich räuspern, schwer schlucken, ich schaue beschämt aus dem Zugfenster, während der Zug in Unterfürberg, wie die Ansage sagt, ein- und ausfährt.
Ankunft jetzt in Fürth.
Einfahrt nach Nürnberg – ohne Anruf von meiner Freundin.
Mein Herz ist schwer.
Noch einmal bei ihr klingeln lassen, ich bin jetzt in dem Zug nach Roth um- und eingestiegen.
Stelle mir vor, dass ich morgen im Unterricht in der Berufsschule traurig in der Hinterbank sitze, mich von den anderen in Ruhe lasse, während die Schüler den Ablauf selbstständig gestalten, nur ab und an so wenig als möglich verbessernd einmische – denke, das können sie gewiss verstehen und es könnte so geschehen.
Meine Freundin lässt auf sich warten... der Zug evtl. abzufahren?

Stattdessen ruft meine langjährige Ex an, Angela Merkl, mit rauchiger Stimme: „Das kostet!“, womit ihre nicht extra gewünschten Bemühungen um mein Flugticket, meine Boarding-Karte für den Wochenendflug ins Ausland meinte. Gleichzeitig bezog sie sich darauf, dass sie Umstände gehabt hatte, weil ich falsche Daten geschrieben hatte.
Kosten, was soll schon kosten, wenn einem die Mutter als Nazi wahrnimmt? Welch banale Sorgen sich da wiederspiegeln!
„Was kostet nichts?“, habe ich schlagkräftig zurückgesagt. „Da hat man schon wieder Umstände...“, sagt Angela Merkl, das Faktotum der Welt. Aber das Leben muss weitergehen...

Jetzt werde ich also nach Hause fahren, um Angela mit den richtigen Daten zu versorgen und diese ihr zuzuschicken, sofern meine Freundin nicht doch noch anruft und ich mich in ihren warmen Schoß zu ihrem Haus flüchten kann. Die Welt kann warten, wenn Mutters Herz blutet oder meins, ihres Sohnes, was das gleiche ist.
Mutters Schmerz geht mir wieder ans Herz.



24.09.2017

„Ich bin keine Deutsche!“, hat meine 90 jährige Mutter dauernd vor sich hingemurmelt. Wie kommt sie darauf? Niemand hat sie gefragt. Warum jagt sie dieser Gedanke noch in ihrem hohen Alter, wo sie kaum mehr richtig sprechen, reagieren und wahrnehmen kann? Ist es ihr so wichtig? Wenn ihr diese Frage so nachhaltig ist, muss es ein nachdrückliches Erlebnis gegeben haben.
„Ich bin keine Deutsche und ich brauche das nicht“, sagt sie dauernd, während er ihr zu essen und trinken gibt. Wurde ihr erster Satz ihr früher immer wieder vorgesagt: „Du bist keine Deutsche!“, eingetrichtert oder sagte sie sich das immer wieder selbst als Trotzreaktion gegenüber ihrer Umwelt? Man bedenke, sie ist in der Nazizeit aufgewachsen, ihre Familie war als einzige im ganzen Umland erklärte Nazi-Feinde. Liegt darin auch mein Widerstreben gegenüber den Lehrern, Staat, Heimat und deren Menschen, die, wie ich mir sage, „am Arsch vorbeigehen!“? Ich merke, auch bin ich wütend auf meine Umwelt, Bekannten, Landsmänner, Mitbürger...
Was ist hier nur los?

Dem Nazi war bekannt....
Der Nazi-Lehrer hatte zu Schulanfang die Namen jeglicher einzelner Schüler vorgelesen und diese den Adressen und Berufen zugeordnet. Er stieß dabei auf den Rückertshofener Bauernhof. „Moment“, hat er gedacht, irgendetwas sagt mir dieser Name doch. Tatsächlich! Letzthin, hatte er gedacht, hat er doch mit dem Obersturmbahnführer von einem renitenten Hof gesprochen, die einzigen oder fast, die es wagten, ihre Stimme gegen die nazistische Weltlehre zu erheben. Jener hatte zufällig beim Kirchgang, den er aus Kontrollgründen beging, vor den Toren der Kirche ein Gespräch belauscht, wo verräterische Reden gehalten worden waren: Wir seien zu brutal, wir, die Nazis, wir seien gottlos, vor allem dies wurde uns zum Vorwurf gemacht, welcher sofort mit einem zustimmenden Gemurmel von den anderen Kirchgängern beantwortet wurde, und überhaupt, was sollte all der Hass? Sei nicht Christentum die Religion der „Liebe?“ Auch dies wurde mit so etwas wie Zustimmung empfangen. Gegen die Juden – seien die nicht auch Menschen wie wir alle anderen? Menschen – pah!
Ein Kirchgänger, auch Mitglied der Partei, hatte dies gehört im Vorübergehen und in der Mitgliederversammlung im kleinen Kreis weitererzählt, aus Vize-Landrat, den Polizeipräsidenten, den Gau-Leiter und ihm, den Lehrer, der feierlich verkündete: „Und ich werde dies selbst in die Hand nehmen und ändern!“
Genau, daher kam ihm dieser Name „die Rückerts“ so bekannt vor, aber dieses Judennest würde ausgeräuchert werden, vor allem vor ihm, eine erhabene Tat, die nur ihm überlassen sein würde.
Besonders der Vertreter der Polizei, der zunächst sehr zurückhaltend gegenüber unserer neuen braunen Bewegung gewesen ist, aber schließlich irgendwann die Wende erkannt hatte und übergewechselt war, wenn auch versteckt und nicht offiziell, nickte heftig im Jähzorn, sein Kopf schwoll rot an und er schwor, etwas gegen diese rote Brut zu unternehmen.
Nur, was, da ließ er sich auf keine genaue Maßnahme fixieren und festnageln, der faule Beamte.
Nein, er würde dies alleine erledigen.
„Genau, von daher kam ihm dieser Name Rückerts so bekannt vor.“
Er hielt gerade die Deutschaufsätze in der Hand, die er zurückgeben wollte, als sein Blick auf den Namen derjenigen fiel, die aus diesem Rückertshof kam „Ottilie!“, schon ein seltsamer Name, französisch, soweit reichten seine Kenntnisse fremdsprachiger Idiome, utile, bildete er sich ein, Das-Zu-Benutzende, das Handwerkszeug, aber sie würde nicht gegen uns benutzt werden können, auch wenn sie den besten Aufsatz schreiben konnte.
Na ja, bei Ottilie, nicht Brunhilde, Kunigunde, genuin Deutsch, kein Wunder eben! Kein nordischer Name, hieß aber nicht eine Geliebte von J. W. Goethe so ähnlich? Na ja, egal.
Aber diese Ottilie hier hatte einer der besten Aufsätze geschrieben. Das ging nicht an, das durfte nicht sein. Nur gute Deutsche, sprich Nazis beherrschen auch hervorragend die deutsche Sprache, das war natürlich, logisch, zwangsweise so.
Also, streich die Note 2 plus.
Er legte den Aufsatz auf seinen Pult, las ihn noch einmal flüchtig durch; stieß tatsächlich auf zweifelhafte, vorher als originell wahrgenommene Stilblüten, die jetzt abstoßend wirkten und markierte sie mit rotem Stift als zweifelhaft, mangelhaft, bedenklich, mitunter gar hanebüchen.
Er übersah noch einmal den ganzen Aufsatz mit einem Blick und sagte sich: so, jetzt kann ich dieser Ottilie noch einmal eine vier geben, leider keine fünf, aber auch keine zwei plus und er war mit sich zufrieden.

Die hünenhafte, uniformierte Körper des Lehrers baut sich vor dem zarten 18jährigen Mädchen auf. Die schicke, neue, noch steife Uniform ist wie ein Rittergerüst, auf dem das Hakenkreuz deutlich herausstickt und blinkt am linken Schulterblatt, die zwei –SS-Zeichen auf dem rechten nicht minder, eine von seiner Mutter bewerkstelligte Sonderanfertigung, was weder erlaubt noch üblich war in der Lehrer-Berufsklasse, die juristisch dem Reichskulturminister und nicht der seit kurzem klammheimlich und doch offensichtlich an die Macht geputschte Partei der NSDAP, deren Schergen bis zum entscheidenden Wahltag 1933 ausübten, hier bereits mit Stahlheim und blankgeputzten und –blinkenden neuen Maschinengewehren an der Urne. „Wehe, du wählst anders! Wir werden dich zur Rechenschaft ziehen, wir werfen gerade ein –Auge auf Dich, Sieh nur her, damit Du Bescheid weißt!“ Wo war die loyale Partei, warum hatte sie die Formationen der Polizei und geradezu Aufmärsche undemokratischen Gebarens nicht verhindert, wie es ihr Pflicht gewesen wäre? Warum trug sie nicht Sorge für Recht und Ordnung....

Er plusterte seinen Oberkörper auf und weitete so seine Schulterblätter, Hakenkreuz und zwei S-Zeichen wölbten sich heraus, gingen zurück und waren so gestrafft.
Er ging noch einmal in die Knie, strich mit seinen Fingern über seine schwarzen Lederstiefel, deren Oberfläche sich angenehm anfühlten, sowohl hart, stabil, aber auch weich und nachgiebig.
Er erhob sich wieder und rannte los wie ein Bulle, der vom roten Tuch gereizt wird.
Er senkte seinen Kopf so weit es ging, dass er gerade noch geradeaus sehen konnte und sein Ziel taxieren, wobei er bei alldem das Bild von Gesichtern aus Filmen vor sich hatte von Kerlen, die ihren Kopf gesenkt hielten und deren Augen knapp unter den langen Wimpern hervorschauten, gleichsam aufblitzend in ihrer Zielgerichtetheit und Furchteinflößung, während der Betrachter instinktiv zurückschrecken musste.
Die Betrachterin, ein Mädchen, Ottilia, war, wenn man es im positiven Sinne fast, verwöhnt als das Jüngste von einer Kinderschar von 8, wobei drei Jungens darunter waren, die auch zu den Nachzüglern zählten. Die zwei zu ihr am nächsten liegenden Jungen kümmerten sich natürlich um das neue Geschwisterchen.
Gerade heute hatten sie sie wie so oft huckepack die 3 Kilometer Schulweg genommen: eine Königin, die auf der Kutsche oder ihrem Thron saß, oder Jesus, der mit seinem Esel in Jerusalem einzog. Sie wurde aber heute mit allem anderen als Palmwedeln begrüßt, schon gar nicht als Königin.
Da sie nun einmal so verspielt, verzärtelt und verwöhnt wurde insbesondere von den starken Brüdern, erlitt sie nun einen Alptraum pur, nichts bislang derartig brutal Dagewesenes, Feuer und Buschbrand im Paradies. Sie lebte bislang in dem von anderen Bauernhöfen etliche Hundert Meter entfernten eigenen Insel, wobei diese jeweiligen Inseln hinwiderum nur ein paar darstellten. Eigentlich war sie bislang wie ein Larve in ihrem eigenen Kokon Familie eingebettet gewesen und hatte geschlafen, geruht, gebrütet, was nun mit einem Krach, Eierschalensplitterung und Sprung ans Tageslicht krachte.
Blitze, Donner und Stürme aus heiteren Himmel, umso schlimmer erlebend, da Lesen, Schreiben und Rechnen einen hohen Stellenwert bei ihnen hatte, insbesondere bei Mutter, die oft mit leiser Stimme und bewegenden Mund und Lippen in dem einzigen dicken Buch, der Bibel, las. Alles andere jedoch, woran sie glaubte, war sie in Deutsch. Mutter würde den Kopf schütteln, unmerklich, aber für sie zu sehen, zu spüren, zu merken.
„Da hast Du Deinen Aufsatz, von dem Du froh sein kannst, dass der gerade noch Vier bekommen hat. Gerade noch, damit Du es weißt!“
Dieser Mensch, der Lehrer, hob dabei seinen Zeigefinger in die Höhe, wohingegen er mit seiner anderen Hand mit dem Heft dieses ihr geradezu unter die Nase reibend, als ob er eine Null, eine wertlose Karte, ein ekliges Stück Papier auf die Tischplatte der versammelten Kartenspieler war, nämlich aus dem Handgelenkt heraus und ziemlich heftig.
Erregte ergriff sie das Heft, schlug es dort auf, wo ihr Aufsatz mit roten Buchstaben des Lehrers übersät war. die Anmerkungen des Lehrer fielen ihr schwer, zu verstehen, sie las sie aber sorgfältig und wiederholt.
Unverständlich!
Eine Welt brach für dieses kleine Kind, das Hätschelkind, der Nesthocker zusammen.
Warum aber, sie bildete sich ein, besonders viel Phantasie zu haben und von daher gut im Aufsatz sein zu müssen.
Aber es kam noch schlimmer! Denn jetzt beugte sich der Lehrer, neben dem Pfarrer einer der höchstangesehensten Männer um sie herum, der Gesellschaft, dieses Kulturkreises, und sagte ihre geradezu ins Gesicht, als wäre es die lauterste Wahrheit: „Warum bist Du so schlecht? He!“
Sie fuhr zusammen, zog die Schulter ein wie ein frierender Schmetterling die Flügel.
„Weil Du keine Deutsche bist!“
Sie senkte den Kopf auf die Brust.
„So sieht es aus! Keine richtige Deutsche, sondern...“
Da stoppte aber der Lehrer, hielt inne, ließ sich nicht dazu hinreißen, seine Gedanken auszusprechen. Das würde schon noch kommen, dessen war er sich sicher. Und befriedigt wandte er sich wieder um, um vor die Tafel zu marschieren, sich davor aufzupflanzen, zu postieren, mit einem Zeigestock bewehrt und der ganzen Klasse nun das ABC, geschrieben an der Tafel, herunterbeten zu lassen, einzig von einer einzigen gebrochenen Stimme war dieser schöne Chor getrübt: der von Ottilia.

Erst einmal machte er ein Diktat nach der Pause.
Schreibübungen, immer wieder Schreibübungen, Schönschrift, die deutsche Schrift wurde geübt, die mittlerweile sich durchgesetzt hat im öffentlichen Lehrplan. Von oberster Stelle verordnet.
Sein Augenmerk fiel natürlich wieder auf dieses Frauchen, da diese Undeutsche. Sie schrieb mit linker Hand! Du Wut kochte auf. Er schritt wieder auf sie zu. Plusterte sich auf, senkte beide Arme herab und stützte sich mit eingeknickten Fäusten auf den Pult auf, wie das manchmal Affen, Schimpansen machen, was er jedoch nicht wusste und sich alles anderes als solch ein Bild von sich selbst machte, als Herrenmensch, der er sich verstand.
„Du bist keine Deutsche, du Närrin“, brüllte er ihr ins Gesicht, wobei sein Speichel in ihr Gesicht rieselte, dass dieses Mädchen unwillkürlich ihr Gesicht zur Seite wandte, ohne sich aber mit ihren Oberkörper nur einen Quadrat-Zentimeter von der Stelle zu rücken, denn das wäre Flucht und Respektlosigkeit gewesen.
„Und warum bist Du keine Deutsche? He!“
Sie bewegte nicht die geringste Faser ihres Körpers mehr, selbst ihre Wimpern trauten sich kaum zu zucken, auf- und nieder zu schlagen, wie es zur Salzsäure erstarrt.
„Weil eine richtige Deutsche, eine richtige, hörst Du, mit der rechten Hand schreibst. Was aber machst Du?“
Schnell wechselte sie den Stift in die andere. Leicht dahin, nachdem sie sich gebeugt hatte, schrieb sie damit weiter.
Er kriegte großen Augen. War das möglich, sie konnte sowohl links als auch rechts schreiben. Und er beugte sich über das Heft und fixierte die Leichtigkeit und Schönheit ihrer Schrift. Man sah keinen Unterschied zwischen links- oder rechtshändiger Schrift.
„Keine Deutsche!“, murmelte er jetzt mehr als, dass er noch schrie und wandte sich um. Er war schlau, er würde diese Göre noch beibringen, mit welcher Hand man zu schreiben hat, jawohl.
Die Erziehungsmaßnahme war würde mit einem Trick geschehen. Diese würde im Physikunterricht stattfinden. Er würde sie an ein Messgerät, eine Art Bandage anbinden, mit denen Mann die Kraft mal Meter messen konnte. Es war zu befürchten, dass beide Messfedern gleichen Abstand anzeigen würde, aber mit Hilfe eines Tricks, würde die rechte die stärkere sein, dafür würde er schon sorgen.

Nach der Pause machte der Lehrer Physikunterricht.
„So, du, du, was immer du bist“, dachte er. „Jedenfalls keine Deutsche. Aber warte ab, ich werde die schon noch kriegen.“
Erst einmal...




02.01.2018

Epilog: Das im Jahre 1945 gegebene Grundgesetz hatte den Passus: „Nach der Widervereinigung der beiden deutschen Staaten“ entscheidet die Bevölkerung über sein souveränes Grundgesetz.
Insoweit und so lange, so verstand ich das, hieß der Staat hier Bundesrepublik Deutschland, BRD.
Mit dem Fall der Mauer traten einige Staaten, die aus dem zweiten deutschen Staat, dieser BRD bei. Aber soweit ich weiß und ich war auch nicht zu einem Referendum zur Festlegung der neuen Grundverfassung aufgerufen, haben die Bürger dieser neuen und alten Staaten gemäß dem Grundgesetz nach 1945 nicht über den Modus eines neuen „Deutschlands“ abgestimmt. Trotzdem höre ich nicht mehr „Bundesbahn“, sondern Deutsche Bahn, sehe Briefmarken mit dem Titel „Deutschland“. Habe ich etwas verpasst, versäumt, wurde ich übergangen, oder gab es einen kalten Putsch, frage ich mich.


@ werner pentz