1. #1
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    in der wehraschlucht

    die wehraschlucht
    nach feierabend
    ist ziemlich dunkel
    und auch tief

    die felsenwände
    stückweis kragend
    schluckten still
    als einer rief

    er wolle wieder
    weites land sehn
    wolle frei und
    friedlich atmen

    wolle nicht
    am strassenrand stehn
    ohne worte
    ohne taten

    diese strasse
    führt in ränken
    nirgends hin
    und nirgends her

    und er konnt
    so lange winken
    wie er wollte
    sie blieb leer

    denn die wehra
    fliesst am abend
    ohne richtung
    ohne ziel

    und der dort steht
    frierend, klagend
    sagt zum ende
    nicht mehr viel
    Geändert von kaspar praetorius (21.01.2018 um 22:16 Uhr)

  2. #2
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    Hallo kaspar, mir fällt auf, dass du im Moment viele kurzzeilige Gedichte schreibst, zumeist im Arbeitszimmer. Bist du etwas Neues/Besonderes am Ausprobieren damit? Ich frage das aus rein persönlichem Interesse, weil ich spannend finde, wenn andere mit Formen experimentieren. E liebe Gruess, Karin
    ausgezogen
    um die welt zu sehen - der versuchung zu entgehen - und sich selber zu verstehen
    lebenslinien wie mäander - führten beide zueinander - wurden voneinander
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  3. #3
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    tschou gugol
    leÿdr muës y dy enttüsche: do isch nüt schpannend, do wird nüt nöys usprobiërt.
    merci drfür as de gläse-n und reagiërt hesch.
    schöne sunntig
    kaspar

  4. #4
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    Wenn einer in eine Schlucht geht, um das weite Land zu sehen, dann muss er ziemlich verzweifelt sein. Ich kenne die Wehraschlucht nicht, stelle mir aber hier bei uns die Taubenlochschlucht vor. Da war ich letzthin am Abend - zum Glück nicht allein, denn wie du es beschreibst, ist es auch dort ziemlich einsam und die Rufe würden ungehört verhallen.
    Dein Gedicht beschreibt - zumindest wie ich es lese - auf eindrückliche Weise, was Einsamkeit bedeutet. Gefällt mir sehr gut und wüsste nicht, was du anders machen solltest. Naja... bei "nirgends hin und nirgends her" ist der zweite Teil vielleicht ein bisschen überflüssig, weil ich mit einer Strasse sowieso kein Hin und Her verbinde. Aber das ist jetzt echt nach dem Haar in der Suppe gesucht.
    Karin
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  5. #5
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    es ist wie mit der zeit:
    es gibt kein hin und kein her, die beiden sind gleichermassen nicht vorhanden, trotzdem führt da eine strasse vor dir durch.
    alternative:
    führt nirgends hin
    kommt nirgends her

    aber das würde genau dieses problem killen.
    oder:
    führt nirgends hin
    und keinen her

    wäre zu überlegen, obwohl mir auch die wiederholungen halt wichtig sind.

    bei meiner aufgabe im schwarzwald kann es schon geschehen, dass ich mal nach feierabend so an der strasse stehe und sehnsüchtig drauf warte, dass die jemand herführt. vielleicht sollte ich nur als gruppe in den schluchten agieren? aber da fiele wiederum ein teil des zaubers weg, und das rauskommen wäre beileibe(n) nicht einfacher.

    kaspar

  6. #6
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    führt nirgends hin und keinen her!! Das finde ich äusserst passend. K.
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  7. #7
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    merci fürs feedback.
    luëge mr eÿnisch
    kaspar
    Kinder, jetzt gilt's ernst!
    Sie quatschen im Cybertalk
    über Cybersex.

    (StadtHaiku)

  8. #8
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    Dein Gedicht ist nicht unzulaenglich, im Gegenteil, jeder Tag kann verlangen, dass wir etwas in die Werkstatt geben, um wieder ans Leben und uns zu glauben. L.
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  9. #9
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    lieber lafsträssler
    um missverständnissen vorzubeugen:
    ich finde meinen text extrem spannend. bei der frage "unzulänglich" oder "zulänglich" würde ich mich für "zulangend" entscheiden.
    dass ich mich demonstrativ ins arbeitszimmer hineinwälze, muss mit einer undefinierbaren hoffnung zu tun haben, dass hinter dem strand dieses forums ein weites meer voller leckerer fische liege.
    diese hoffnung wurde nicht enttäuscht: immerhin habe ich von gugol eine brauchbare rückmeldung bekommen. wenig futter, aber doch futter.
    danke für deine gedanken
    kaspar

  10. #10
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    Das sei dir gewiss, lieber Kaspar, werde schauen, ob ich auch etwas fuer andere habe, dein Lorenz
    Geändert von L A F Strässler (08.01.2018 um 09:39 Uhr)
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  11. #11
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    Hallo kaspar,

    mir gefällt dein Gedicht. Zwar kenne ich die wehraschlucht nicht, aber mir bildet sich ein Tal mit einem Fluss vor dem Auge, an dem jemand einsam und verlassen sitzt. Was dein Gedicht aber zu mehr macht, als da steht ist wie es sich bis zum Schluss windet (wie ein Fluss) und grade das hier:

    "denn die wehra
    fliesst am abend
    ohne richtung
    ohne ziel"

    fügt sich auch noch ins Bild ein. Das zum Ende hin nicht mehr viel gesagt wird, klingt nicht nur gut, es versinnbildlicht noch mehr davon.
    Mir klingt also dein Gedicht schön im Ohr und mir vermittelt es ein Gefühl von verlorener Einsamkeit am Abgrund. Da ist so viel drinne in dem Gefühl versteckt, ich mag das!

    Überhaupt gefallen mir mehrere deiner jüngsten Gedichte, auch wenn ich sie nicht kommentiere.

    Was mich wunderte war in den ersten beiden Strophen der Rhythmus in deinem Gedicht, ich baue es mir mal um:

    die wehraschlucht nach feierabend
    xXxXxXxXx
    ist ziemlich dunkel und auch tief
    xXxXxXxX
    die felsenwände stückweis kragend
    xXxXxXxXx
    schluckten still als einer rief
    XxXxXxX

    der letzte Vers sticht dann heraus, weil er eine Silbe zu wenig hätte.
    Hier fällt mir auf das Vers 1 unbetont endet und Vers 2 unbetont anfängt, während du das bei Vers 3 zu Vers 4 nicht weiter machst, denn vor "schluckten" wäre dann eine Silbe zu wenig. Nun ist die Frage funktioniert es? Ich bin drüber gestolpert, bei mir hat es also nicht funktioniert.

    er wollte wieder weites land sehn
    xXxXxXxXx
    wollte frei und friedlich atmen
    XxXxXxXx
    wollte nicht am strassenrand stehn
    XxXxXxXx
    ohne worte ohne taten
    XxXxXxXx

    Die zweite Strophe beginnt unbetont und folgt dem xX Rhythmus bis zum Schluss, auf einer Senkung endend.

    doch die strasse führt in ränken
    XxXxXxXx
    nirgends hin und nirgends her
    XxXxXxX
    und er konnt so lange winken
    XxXxXxXx
    wie er wollte sie blieb leer
    XxXxXxX

    Die dritte Strophe ist in jedem Vers voll trochäisch.

    denn die wehra fliesst am abend
    XxXxXxXx
    ohne richtung ohne ziel
    XxXxXxX
    und der dort steht frierend, klagend // und wer dort steht frierend, klagend -> Alternative?
    XxXxXxXx
    sagt zum ende nicht mehr viel
    XxXxXxX

    Die vierte Strophe ist in jedem Vers voll trochäisch.


    So, wozu habe ich das ganze nun gemacht? Um festzustellen, dass die ersten Strophe

    "die wehraschlucht
    nach feierabend
    ist ziemlich dunkel
    und auch tief"

    beim Übergang von "feierabend" zu "ist" wirklich einen Betonungsmakel hat, der mich stört. Ansonsten ist mir das Gedicht klanglich stimmig.

    Verzeih die längliche Ausführung hier.

  12. #12
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    Hallo Kaspar,

    vielleicht regte dich hier der "2Heber" zum Spielen an. (Ich fand auf ferdis wababbel.de sehr anregenden Stoff dazu. Nun ist diese Seite zwar vom Netz, aber eine PN an ferdi dürfte dennoch für großen Wissensgewinn sorgen.) Allerdings irritiert mich das Reimschema. Du hättest das Gedicht genausogut als 4Heber schreiben können. Was ist also der Unterschied?

    Je häufiger ich es lese, umso mehr fällt mir auf, dass dein 2Heber sehr kurzatmig auf mich wirkt. Und schon komme ich auf das Bild eines Marathonläufers, der mit Weite im Herzen seinen Lauf vorbereitete.... und am Ende mit letzter Kraft hecheln sein Ziel erreicht.

    In deinem Bild: Da steht ein Mensch, inmitten schönster Natur... und fühlt sich am Ende nicht mehr als klein, einsam und eingeschlossen bzw. ausgeschlossen am Ende einer Reise. Und ja, diesen kurzatmigen Eindruck verstärkt dein 2Heber bei mir tatsächlich. Die dicht auf dicht folgenden Zeilenumbrüche symbolisieren förmlich eine enge Schluch mit hohen Felsenwänden.

    Sehr schön!
    Wortfüsse, wohin ich auch seh!

  13. #13
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    hallo miaukuh
    vielen dank für deinen prüfenden blick bis ins detail.
    ich meine, dass auch der balladeske zweitakter ab und zu einen schlenker machen sollte, wenn es nicht einfach darum geht, eine fröhliche tischrunde zu amüsieren. dass du deswegen ins stolpern gerietest, stellt meinen versuch in dieser hinsicht in frage. weil sich aber die schlucht und ihre kragenden felsstücke der regelmässigkeit widersetzen, möchte ich ein leier-metrum möglichst vermeiden. also muss ich nach deiner kritik nach einer verbesserung in diesem sinne suchen.

    hallo artname
    warum werden so viele vierheber als zweiheber geschrieben? vielleicht, weil in der schlucht des daseins links und rechts und hin und her ungeordnet ineinander kragen? ich weiss es nicht. aber deine quali kurzatmig nehme ich gerne als passend entgegen. obwohl der atem mit der zeit immer ruhiger geht. das kragen der abbrechenden felsnasen ist ein anderes bild, das mir in den kurzzeilen auftaucht.

    beiden dank und gruss
    kaspar

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