Rousseaus Beginn als Philosoph


Der Beginn von Jean-Jacques Rousseaus Karriere als Philosoph läßt sich ziemlich genau festlegen, denn er beschreibt ihn in seinen Confessions: Es ist der Sommer 1749 und er auf dem Weg nach Vincennes. Als er die Titelfrage eines Wettbewerbs der Académie de Dijon in der Zeitschrift Mercure de France liest, wird ihm rauschartig schwindlig er sinkt zu Boden unter einen Baum und als er wieder zu sich kommt, bemerkt er, daß er ohne seines Wissens seine Weste vollgeweint hat. Rousseau hatte schon vorher über vieles nachgedacht, doch dieses Thema der Akademie wirkte wie ein letzter äußerer Anstoß, der eine Flüssigkeit dazu bringt, plötzlich zu kristallisieren.

Das Thema der Akademie lautete:
Hat die Wiederherstellung (rétablissement) der Wissenschaften und Künste dazu beigetragen, die Sitten zu reinigen (épurer)?

Eigentlich ein harmloses Thema, so möchte man meinen: Die Sitten waren früher – z.B. im Mittelalter –noch roh und ungeschliffen und die Wissenschaften und Künste haben (wohl) dazu beigetragen, sie zu verfeinern oder von Überflüssigem zu befreien. Was führte also dazu, daß Rousseau derart heftig auf diese Frage reagierte?

Rousseau nahm an dem Wettbewerb teil und gewann 1750 sogar den ersten Preis. Allerdings änderte er die Fragestellung leicht ab. Er schrieb: Hat die Wiedereinsetzung der Wissenschaften und Künste dazu beigetragen, die Sitten zu reinigen oder zu zersetzen (corrompre)? Letzteres war für ihn der Fall und dementsprechend schrieb er auch seinen Beitrag.

Für Rousseau waren die Sitten in der Vergangenheit besser als die zu seiner Zeit und die Wissenschaften und Künste hatten eine schädliche Wirkung auf sie. Im Grunde attackiert er mit dieser Ergänzung des Themas die gesamte Elite seiner Zeit und dementsprechend hatte er auch keine große Erwartung, in dem Wettbewerb zu bestehen. Wenn dies dennoch der Fall war, so steht zu vermuten, daß die Akademie über die Neuartigkeit seiner Gedanken sehr beeindruckt war.

Jedenfalls lebte Rousseau durch das Thema „in einer anderen Welt“ und wurde ein „anderer Mensch“. (A l’instant de cette lecture je vis un autre univers et je devins un autre homme).

Wissenschaft und Tugend sind für Rousseau unvereinbar (incompatibles). An einer Stelle schreibt er:
unsere Seelen wurden in dem Maße zersetzt, in dem die Wissenschaften und die Künste sich vervollkommnet haben.

In dem von Rousseau abgewandelten Wettbewererbsthemas. geht es um zwei verschiedene Arten von Sitten: zum einen um die verfeinerten, höfischen Sitten und zum anderen um die ursprünglichen, inzwischen korrumpierten Sitten. Um diese zu verstehen, muß man sich auf die Einfachheit anfänglicher Zeiten (premiers temps) besinnen. Damals machten die Menschen Erfahrungen im Umgang mit der Natur lernten von ihren Eltern und gaben ihr Wissen an ihre Kinder weiter. Sie taten, was zu tun war und verteidigten bei Gefahr ihr Gemeinwesen. Irgendwann war es notwendig, einen besonderen Stand von Leuten zu berufen, der für den Schutz der Menschen zuständig war. Damit war die Aristokratie geboren, die selber nicht mehr arbeitete, sondern sich von den anderen ernähren ließ. Ihr privilegierter Stand verhalf ihnen dazu, ein angenehmes Leben (auf Kosten anderer) zu führen und die Wissenschaften und Künste drängten sich herbei, um ihren Teil dazu beizutragen und selber davon zu profitieren.

Die Notwendigkeit (besoin) errichtete die Throne und die Wissenschaften und Künste haben sie gefestigt.
Hochmütig geworden durch ihr Leben im Luxus verachten die Eliten die Bauern, „die ihnen Brot und ihren Kindern Milch geben“.

Dasjenige, was die Menschen vom Schlage der alten Sitten von denjenigen der höfischen unterscheidet, ist die Tugend (vertu). Um zu wissen, was diese ist, braucht man „sich nur in sich selbst zurückzuziehen und auf die Stimme seines Gewissens zu hören“.

Diese Stimme des Gewissens ist ähnlich der der Wahrheit, denn diese äußert sich auf gleiche Weise. Rousseau beschreibt seine Begeisterung (enthousiasme) für die Wahrheit, die „alle seine kleinen Leidenschaften erstickt“ und des „nachts in ihm arbeitet, bis er sie endlich zu Papier bringt“. Rousseau ergreift Partei für die Wahrheit und spricht sie aus, „egal welchen Erfolg er damit hat“. Im Gegensatz zu den von ihm kritisierten Wissenschaftlern und Künstlern sorgt er sich nicht darum, den Leuten zu gefallen und läßt sich auch nicht von den Meinungen seines Jahrhunderts unterkriegen (subjuguer).

Nach allem sehen wir, daß Rousseau radikaler und revolutionärer dachte als Voltaire. Dieser lebte selbst wie ein Edelmann, ließ sich von Königen (Friedrich der Große) einladen und starb als vermögender Mann. Rousseau hatte auf die elf Jahre nach seinem Tod stattfindende Große Revolution größeren Einfluß als er.

Stellen wir uns vor, Rousseau kehrte 240 Jahre nach seinem Tod zur Erde zurück und könnte betrachten, was aus seinem Werk geworden ist.

Er könnte feststellen, daß in seinem Sinne eine Revolution stattgefunden hat, die im Namen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit geführt wurde und in der die alten Eliten abgesetzt wurden. Er könnte allerdings auch feststellen, daß keines der drei berühmten Schlagworte tatsächlich auch umgesetzt wurde. Entsetzt wäre er bei der Kenntnisnahme, daß kurz nach der Revolution ein mörderischer Bürgerkrieg ausbrach, in dem Hunderttausende Bürger der Vendée ihr Leben verloren, nur weil sie ihren Glauben nicht aufgeben wollten.

Sähe er in die heutige Zeit, so stellte er wohl mit Genugtuung fest, daß nun überall in Europa die Demokratie etabliert ist. Allerdings nähme er sicherlich an einigen Dingen Anstoß, die ihm schon 1750 mißfallen haben.

In seinem Discours beklagt er sich über die akademischen Müßiggänger (lettrés oisifs). Um Abgeordneter im Bundestag zu werden bedarf es noch nicht einmal einer akademischen Bildung. Dennoch beziehen 709 Abgeordnete monatlich € 9541,74 an „Diäten“, haben davon eine „Altersentschädigung“ von 67,5% (= € 6440.67) und erscheinen trotzdem größtenteils noch nicht einmal zu den Debatten im Plenarsaal.

Wissenschaftstheoretiker glauben, der Mehrheit der Leute überlegen zu sein, da diese nur „ungeprüfte Hypothesen“ im Kopf hätten, während sie selber ständig unterwegs sind, solche zu „verifizieren“.

Nicht wenige, die ein Talent für Musik, Sprache und Bilder haben, gehen zu Werbeagenturen und prostituieren sich dort für deren Aufttraggeber.

An einer Stelle spricht Rousseau sich über die Bildung der Jugend aus. Man „bringe mit großem Kostenaufwand der Jugend alles Mögliche bei nur nicht ihre Pflichten (ses devoirs)“. Heute erwartet man von den Lehrern, daß sie die Schüler mit ihrem Unterricht unterhalten, so daß er ihnen „Spaß mache“. Pflicht wäre für den Schüler, sich mithilfe des Lehrers sein Wissen aktiv anzueignen.

Von den Eliten heißt es bei Rousseau, daß sie „Feinde der öffentlichen Meinung seien (c’est de l’opinion publique qu’ils sont ennemies). Das gilt heutzutage vor allem für unsere Politiker. Unserem Demokratieverständnis nach sollten sie „Mandatsträger“ des Volkes (populus) sein. Wenn allerdings als Politiker ein „Populist“ ist, wird er von den etablierten Politikern gemieden wie ein Aussätziger. Populisten sind nicht „salonfähig“. Was ist eigentlich die Alternative zu „Populismus“? Ist das Lobbyismus?

Zuletzt ermahnt Rousseau die Politiker, die dem Geld eine viel zu große Bedeutung beimessen.
Mit Geld kann man alles haben nur keine (ursprünglichen) Sitten und keine (tugendhaften) Bürger.

Nach allem bleibt festzuhalten, daß wir heute als Durchschnittsbürger in einem Luxus leben, um den uns die Aristokraten des 18. Jahrhunderts beneidet hätten. Daß man dabei den Boden unter den Füßen verlieren und dekadent werden kann, fällt uns meist nur bei den Gebaren einiger Superreicher auf. Dennoch denke ich , kann es nicht von Nachteil sein, sich mithilfe von Rousseau auf elemantare Dinge wie Sitten, Wahrheit Tugend und Pflicht zu besinnen.