1. #1
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    Späte Genugtuung

    Nachts hatte es abgekühlt, morgens auf den Straßen glitzterte glatter Eis-Belag. Da lag auch schon einer. Ich kam ihm zu Hilfe. Vor ihm stehend griff ich ihn mit meinen Armen unter die Achseln und hievte ihn in sitzender Position auf.
    „Okay!“, sagte er.
    „Geht es!?“
    „Ist Okay!“, sagte er.
    „Ich rufe nach Hilfe.“
    „Okay!“, sagte er.
    Ich wählte die Erste-Hilfe-Nummer.
    „Sie kommen sofort!“
    „Ist Okay!“, sagte er.
    „Tut’s weh?“
    „Okay!“, sagte er.

    Wippend auf dem 3-Meter-Sprung-Brett der Kleinstadt. Um mich herum spüre ich bewundernde Blicke. In der Schule hatte ich einen schweren Stand, hier einen leichten, den ich wippte immer wieder auf dem biegsamen Sprungbrett auf und ab. Dies konnte mir keiner nehmen, darin war ich der Beste, da stand ich im Mittelpunkt, nicht in der Nachsitzer- und Eselsecke und bevor ich einen makellosen Hechtsprung hinlegte, zelebrierte ich immer wieder auf und ab zu wippen, bevor ich denn in die Höhe schießen würde zwei Meter hoch, dann einen Halbkreis beschrieb in der Luft und nach unten kopfvoran zu hechten.

    „Okay!“, sagte er .

    Die selbe Stimme rief: „Du nasser Sack, spring endlich!“ In der Luft versteinerte ich wie Salzsäure, wurde zu dem, was ich geheißen, tituliert und beschimpft worden war: ein plumper nasser Sack.

    „Okay!“, sagte er.

    Wer den Schmerz, der so demütigend ist, kennt, wenn man in einem Zustand hängt, der Pubertät heißt, in dem man den lieben Blick, die traute Zärtlichkeit der gleichaltrigen Mädchen braucht wie niemals mehr, wird später kein Mitleid empfinden, wenn diese jetzt älter erscheinenden Frauen Dir den gleichen Blick heute zu werfen. Du wist Dich dennoch willfährigen Jüngeren zuwenden

    „Okay!“, sagte er.

    Wer meine Niedergeschlagenheit spürt, die ich nach dieser zurechtweisenden Rüge und Stimme als junger Kerl von dem nur wenige Jahre älteren Hilfsbademeisters tagelang mit mir herumgetragen hatte, wird jetzt auf die Situation diesen „Okay!“ ächzenden Stimmeninhabers, bloß jetzt älter, gedrungener und hilfloser als jemals zuvor, nur den Kopf schütteln und gleichgültig die Achseln zucken.
    Hinter mir hörte ich noch Ist-Okay!

    @ werner pentz

  2. #2
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    Lieber pentzw,

    in verschiedenen Situationen wird jedes Problem auch unterschiedlich empfunden. Das Negative erzeugt Niedergeschlagenheit. Mit zunehmender Erfahrung wird alles gleichgültiger betrachtet. Das Okay (Zustimmung) sehe ich hier als ein Zeichen der Gleichgültigkeit und auch eine Erkenntnis dass Vergangenes an Bedeutung verliert.

    LG Hans
    Mein erster Gedichtband Einmal durchs Leben mit Hans Plonka ist nun beim Daniel Gockel Verlag erhältlich. Bei Interesse schaut in mein Profil unter Homepage.

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