1. #1
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    Was soll das, Musik

    Da stolzierst du umher, mit verschlossener Miene,
    aufreizendem Gang und willst keinem dienen.
    Frei willst du sein vom Kleingeist der Menge
    von begeisterten Worten aus geistiger Enge

    Du willst einfach schwingen, so wie die Natur
    die fragt doch auch keiner, warum sie das tut.
    Warum in der Sonne die Halme verdorren
    und Katzen wie Psychos mit Mäusen rum schnurren.

    Warum ich ertrinke im wogenden Meere
    Das zeitgleich die Dichter als Freiheit verehren.
    Das Musiker wild und verzückt nachahmen
    für kalte Gemüter und hitzige Damen

    Was soll das, Musik
    was soll das, Musik
    Was soll das Musik

    Da stolzierst du umher, mit verschlossener Miene
    und läßt dich von Trommlern und Geigern bedienen
    die einen trommeln den Forschen den Marsch
    die anderen kriechen den Kriechern in Arsch

    Am liebsten spielen sie ganz ohne Sinn
    denn wenn sich die Menschen bei Lichte besehn
    dann sind sie zu feige, sich einzugestehn
    warum sie dich brauchen Musik,

    Die Töne die sagen mal hüh und mal hot
    und die Spieler die spielen am liebsten als ob
    und alle dürfen die Freiheit nachahmen
    mit brennend heißer Nadel gestrickt

    Was soll das, Musik
    was soll das, Musik
    Was soll das Musik

    Warum gibst du all diesen Menschen Asyl
    schenkst dem kleinlichstem Herzen
    ein großes Gefüüüüüüühl

    Was soll das, Musik
    was soll das, Musik
    Was soll das Musik
    Was soll das, Musik
    was soll das, Musik
    Was soll das Musik


    Wortfüsse, wohin ich auch seh!

  2. #2
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    Was soll das? - Nichts!
    Was soll das Nichts?
    Nichts ist nicht Halm, der verdorrt, nichts ist nicht Katz und Maus, nichts ist vielleicht nicht mal Schwingung. Aber was soll das? Vielleicht alles? Vielleicht Freiheit nachahmen? (Weil Freiheit nicht ist innerhalb der Kontingenz? )
    Ich mag deine kleinen Ausbrüche aus dem verordneten System hier, vor allem das "Freiheit nachahmen".
    Kaspar
    Geändert von kaspar praetorius (13.01.2018 um 12:28 Uhr)
    Kinder, jetzt gilt's ernst!
    Sie quatschen im Cybertalk
    über Cybersex.

    (StadtHaiku)

  3. #3
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    Was der Musik vergönnt ist, scheint uns Menschen bei allem Freiheitsdrang schwer zu fallen. Wir scheinen diese verdammten Katz- und Maus-Spiele einfach zu brauchen, da hilft alles Lamentieren über die "anderen ach so Unfreien" nichts. Zumindest machte ich mir vor ein paar Tagen folgende Gedanken, an die ich durch deine Zeilen soeben wieder erinnert wurde:

    Ich fand, sie seien so verlogen,
    kindsköpfig, schwach und kriecherisch
    und hätten sich allein für Lob verbogen.
    Sie würden alles wissen wollen,
    mich selber aber nie versteh’n.
    “Der Haufen von Idioten soll sich trollen,
    ich brauch das nicht!”, so mein Fazit,
    “Ihr Menschen seid halt einfach doof.”
    Doch selber misch ich weiter munter mit.
    Und dabei denk ich zaghaft eben:
    Wie schön! Ich bin auch nur ein Mensch.
    Drum sei mein Lamentieren mir vergeben.

    Aber auf jeden Fall ist dein Gedicht toll und macht Mut, einfach die Dinge zu nehmen, wie sie sich einem darbieten. Und Musik ist sooo heilsam, wenn der Geist mal wieder auf "analytisch" programmiert ist. LG gugol
    Geändert von Gugol (13.01.2018 um 13:21 Uhr)
    ausgezogen
    um die welt zu sehen - der versuchung zu entgehen - und sich selber zu verstehen
    lebenslinien wie mäander - führten beide zueinander - wurden voneinander
    angezogen

  4. #4
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    Hi Artname,

    das ist eine wunderschöne Homage an die Musik, übrigens geschrieben wie ein waschechtes Lied. Nicht oft lese ich mich so vor Länge erschlagende Texte einfach so mit Spannung weiter durch, bis zum Schluss, hier aber schon, hier war es gut. Müsste nicht nach "verehren." anstelle des "." ein "," kommen? Aber insgesamt: wunderschön, eine Liebeserklärung, darum Musik, darum, weil sie es tut. Sie ist gut ...

    Der Text ist einfach zu verstehen, geht sofort in mein Gehirn und es nimmt daraus einen langen Gedankenzug an Liebe zur Musik mit, die ich in mir ohnehin habe.

    Mir gefällt, dass du an verschiedenen Positionen unerwartet nicht reimst, (eingestehen - Musik, nachahmen - gestrickt), das passt!
    Das du fortwährend im Jargon für Musik bleibst, untermalt permanent die tonalische Umgebung um die es hier eben geht - Musik.
    Darum lobe ich das Lied (es ist für mich ein Lied) sowohl inhaltlicht als auch formell und dazu zusammenhängend im Kontext, als mich ansprechend und erreicht habend.

    Ich wünsche mir, auch so gut schreiben zu können, so glasklar.

    Liebe Grüße,
    Werner

  5. #5
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    Lieber Artname,
    man spürt schon, dass der Autor der Musikszene entschlüpft ist. Kann sein, dass Du vielleicht ein Lied im Hinterkopf hattest. Für mich ist dieser Text, rhythmisch gesehen, dennoch (auch ohne Noten) rhythmisch nachvollziehbar und laut lesbar. Das Metrum scheint, wenn man zu oberflächlich herangeht, unregelmäßig zu sein. Bei genauer Betrachtung aber lässt sich eine Struktur erkennen. Man muß sich nur darauf einlassen, nicht nur dem Ticketack der Wortsilben zu folgen. Ich versuche mich mal in einer Analyse Deines Metrums und kennzeichne die von mir empfundenen Hauptakzente mit einem X in größerer Schriftart.
    Was soll das, Musik

    Da stolzierst du umher, mit verschlossener Miene,
    XxXxxX|xxXxxXx
    aufreizendem Gang und willst keinem dienen.
    XXxxX|xXXxXx (die fehlende unbetonte Silbe in der Mitte wird durch ein Ausklingen in „Gang“ kompensiert.)
    Frei willst du sein vom Kleingeist der Menge
    XxxX|xXxxXx (die fehlende unbetonte Silbe in der Mitte wird durch ein Ausklingen des „sein“ kompensiert.)
    von begeisterten Worten aus geistiger Enge
    XxXxxXx|xXxxXx

    Du willst einfach schwingen, so wie die Natur
    xXXxXx|xXxxX
    die fragt doch auch keiner, warum sie das tut.
    xXxXXx|xXxxX
    Warum in der Sonne die Halme verdorren
    xXxxXx|xXxxXx
    und Katzen wie Psychos mit Mäusen rum schnurren.
    xXxxXx|xXxxXx

    Warum ich ertrinke im wogenden Meere
    xXxxXx|xXxxXx
    Das zeitgleich die Dichter als Freiheit verehren. Mit Singular (das der Dichter verehre) passt der Reim vielleicht besser, zumal letzterer den Rhythmus hier mitprägt.
    xXxxXx|xXxxXx
    Das Musiker wild und verzückt nachahmen
    xXxxX|XxXXXx Bei der Akzentuierung von "nachahmen" bin ich etwas irritiert. Eigentlich liegt der Akzent auf "nach...", auch scheint mir hier eine Silbe zu fehlen.
    für kalte Gemüter und hitzige Damen
    xXxxXx|xXxxXx

    Was soll das, Musik
    xXx|xX
    was soll das, Musik
    Was soll das Musik

    Da stolzierst du umher, mit verschlossener Miene
    XxXxxX|xxXxxXx
    und läßt dich von Trommlern und Geigern bedienen
    xXxxXxxXxxXx
    die einen trommeln den Forschen den Marsch
    xXxXxxXxxX
    die anderen kriechen den Kriechern in Arsch
    xXxXxxXxxX

    Am liebsten spielen sie ganz ohne Sinn
    xXxXxxXXxX
    sie finden kein Ende und keinen Beginn (Ich habe das Gefühl, hier fehlt eine Zeile- Inhalt bitte nicht ernst nehmen)
    xXxxXx|xXxxX

    denn wenn sich die Menschen bei Lichte besehn
    xXxxXxxXxxX
    dann sind sie zu feige, sich einzugestehn
    xXxxXx|xXxxX
    warum sie dich brauchen, dich brauchen, Musik, (Habe das Gefühl, ein Versfuß mehr lässt den Anachronismus der zwar lang gesprochenen ersten Silbe in „Musik“, die dennoch der zweiten unterliegt, besser ertragen. Aber dass ist wirklich nur ein Gefühl)
    xX|XxXx|xXxxX

    Die Töne die sagen mal hüh und mal hot
    xXxxXx|xXxxX
    und die Spieler die spielen am liebsten als ob
    XxXxxXxxXxxX
    und alle dürfen die Freiheit nachahmen
    xXxXx|xXx|XXx Akzentuierung von "nachahmen"?
    mit brennend heißer Nadel gestrickt
    xXxXxXxxX

    Was soll das, Musik
    was soll das, Musik
    Was soll das Musik

    Warum gibst du all diesen Menschen Asyl
    xXXxXXxXxxX
    schenkst dem kleinlichstem Herzen
    XxXxxXx
    ein großes Gefüüüüüüühl
    xXxxX_

    Was soll das, Musik
    was soll das, Musik
    Was soll das Musik
    Was soll das, Musik
    was soll das, Musik
    Was soll das Musik
    Ein sehr inspirierender Text, den lesen zu dürfen, ich dankbar bin. Gern schließe ich mich dem Lob der drei Vorkommentatoren an.

    LG
    Eremit
    Werkeverzeichnis: Die Gedichte eines Eremiten
    Neu: im rausch der graffitis, Straßenfest am Goldenen Reiter, Auf dem Olymp, traumreise

    -------------------------------------------
    Weh denen, die dem Ewigblinden
    Des Lichtes Himmelsfackel leih'n!
    Sie strahlt ihm nicht, sie kann nur zünden
    Und äschert Städt' und Länder ein. (F. Schiller)

  6. #6
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    Liebe Dichter,

    ich freue mich im vorliegenden Falle besonders über Euer Lob. Herzlichen Dank, lieber Kaspar, dass du diese meine Ausbrüche magst. Und ja, es geht mir um diese Nippesfigur Freiheit. - Danke Gugol, dass du unter anderem meine Selbst-Ironie mitfühlst. - Klar Werner, wütete während des Schreibens dieses Gedicht in meiner Seele eine höllische Metalband! - Und dir lieber Eremit ein besonderer Dank für die Mühe deiner sorgfältigen metrischen Analyse... und den Respekt, den du mir in deinen letzten Sätzen erweist. ich fühle mich wirklich geehrt!
    Ich wählte sehr bewußt eine romantische Ausdrucksweise für meinen Ausbruch- obwohl ich heutige Musikmacher anspreche - im Klaren - und keine der "Stolpersteine" liegt zufällig zwischen den teils fließenden Rhythmen. Aber ich hab auch nicht gezählt. DAS fließende Schreiben nebst genüßlich eingebauten Stolperern hab ich ja bei euch gelernt

    Wißt ihr aber, was mich neben der Wut noch durch die Zeilen trug? Ich schrieb sie erwachend in einem fürstlichen Bett im Schloß Rheinsberg, wo ich für 2 Tage Gast der Musikakademie war. Ich schrieb mit Blick auf den Schloßsee und fühlte mich... klar doch, wie ein König! Wirklich!! Ähm... zufällig noch 'n König hier?

    lg
    Geändert von Artname (Gestern um 00:25 Uhr)
    Wortfüsse, wohin ich auch seh!

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