Thema: der knoten

  1. #1
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    der knoten

    er war winzig
    sie überließ sich ihm
    und niemandem sonst

    er beherrschte sie nicht
    kam und ging, wuchs beständig
    ein knauf an welcher tür?

    es gab so viele, dahinter räume
    erfüllt von erdachtem licht oder
    düsternis, lauernd in allen fluchten

    sie verbarg ihn wie einen schatz
    befühlte ihn zart, fast zärtlich
    er war ihr geheimnis

    er gehörte ihr
    sie war seine heimat
    vertrauter nichts auf der welt

    kostgänger, vollstrecker
    sie teilte alles mit ihm
    sogar die liebe zum leben

    nur die zu manchen details
    blieb ihr allein
    blieb nicht

  2. #2
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    da denke ich, ich hätte ein ticket für die fahrt auf diesem lebensrad hier gelöst, und da wirfst du mich mit der letzten strophe aus der gondel. im sturz ein gruss
    kaspar

  3. #3
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    Liebe Okotadia,

    dass jemand zum „knoten“ ein intimes Verhältnis entwickeln kann, könnte ich mir vorstellen, aber eins mit solcher Hingabe? Obwohl es in S2 (noch?) heißt, „er beherrschte sie nicht“? Von knoten im Kopf kenne ich solche Verhältnisse.

    Der „sturz aus der gondel mit der letzten strophe“ (Kaspar), kündigt sich vorher an, finde ich; als „lebensrad“ habe ich das durchaus nicht gelesen, eher als eines des Todes. Umso eindringlicher die letzte Zeile.
    Überhaupt sind ja die kurzen Zeilen immer mit einem Maximum an Aussage gefüllt, das ist sehr dicht und dramatisch, jedoch nicht aufgedreht.

    So der so ist das Leben die Krankheit zum Tode
    Michael
    .................................................................................................... ...............................................................
    Am Do., 30.8., sind bei "poetry trifft Poesie" die Slammerin Anke Fuchs und die Lyrikerin Adrienne Brehmer meine Gäste, am Do., 27.9., kommt der Slammer Christofer mit f.
    Köln, Zum Goldenen Bock, 19.30 Uhr.

  4. #4
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    Lieber kaspar,

    sorry, aber danke für die Rückmeldung. Da kann ich ja jetzt schlecht sagen: Hat mich gefreut...

    Lieber Michael,

    früher habe ich an Tumorsupressor-Genen geforscht und es stimmt wohl, dass ich ein besonderes Verhältnis zum Krebs habe. Letztenendes sind in so einem Knoten ja auch nur Zellen, die leben wollen. Ihr Lebenswille ist sogar größer als der des restlichen Körpers. Und sie sind ein Teil von ihm; so vertraut, dass sie nicht als fremd erkannt werden können.
    Viele sprechen ja vom Feind im eigenen Körper. Als würde der Tod ihm nicht von vorneherein innewohnen. Oder, wie W. Szymborska so schön geschrieben hat:
    Der Abgrund zerschneidet uns nicht. Der Abgrund umfängt uns.
    Trotzdem können wir ihn ignorieren oder zumindest hin und wieder vergessen. Er beherrscht uns nicht, sogar dann nicht, wenn er sich nähert.

    LG Okotadia

  5. #5
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    Ein außergewöhnliches, ein mutiges Gedicht. Nicht etwa mutig, es hier zu veröffentlichen. Nein, deine ruhigen Worte beruhigen auch mich, als wärest du auch für mich diesen dornigen Weg gegangen.... sagt mir meine Freude am Lesen dieser Zeilen. Danke

    lg
    Wortfüsse, wohin ich auch seh!

  6. #6
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    Hallo Okotadia!

    Das ist wirklich ein außergewöhnliches Gedicht! Von so einer Einstellung zum Thema Krebs hatte ich vorher noch nie gelesen und fand diese Sichtweise richtig erfrischend - auch wie du es in deinem Kommentar beschreibst.

    LG
    k

  7. #7
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    Hallo klaatu,

    erfrischend ist ein erstaunliches Wort bei diesem Thema.

    Aber es ist ja so: Wer den Krebs besiegen kann, zwingt den Tod, das Werkzeug zu wechseln. Je nachdem wie schnell er ein neues findet, gewinnt man einige Jahre Leben.

    Und gleich noch ein schönes Zitat von Szymborska (aus Vom Tod ohne Übertreibung):

    Mit dem Töten beschäftigt,
    tut er es linkisch,
    ohne System und Übung
    Als müßte er's an jedem von uns noch erlernen

    Sieg hin, Sieg her,
    doch wie viele Niederlagen,
    Fehlschläge
    und immerzu neue Versuche!

    In diesem Sinne liebe Grüße
    Okotadia

  8. #8
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    Liebe Okotadia,

    kostgänger, vollstrecker
    sie teilte alles mit ihm
    sogar die liebe zum leben


    Ja, auf diese Idee, dass der Krebs ja auch nur überleben will, wäre ich nie gekommen, dazu muss man wohl Biologin sein.
    Eine solche Perspektive eröffnet natürlich auch eine besondere lyrische Ausdrucksweise, die dir hier sehr beeindruckend gelungen ist.

    Ich weiß nicht, ob ich den letzten Abschnitt verstehe.
    Ist hier gemeint, dass der Mensch weiß warum er leben möchte, wofür er viele Gründe angeben kann "Liebe zu Details", während der Krebs einfach auf Überleben "programmiert" ist. Aber wie auch immer du hast mich daran erinnert, wie erstaunlich doch Leben an sich ist.

    Lieben Gruß
    albaa

  9. #9
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    Lieber Artname,

    auch Dir Dank für diese sehr persönliche Rückmeldung.


    Liebe albaa,

    Ist hier gemeint, dass der Mensch weiß warum er leben möchte, wofür er viele Gründe angeben kann "Liebe zu Details", während der Krebs einfach auf Überleben "programmiert" ist
    Ja, so war es gemeint. Eine Gegenüberstellung von unterschiedlichen Vorstellungen von leben, die zwar Wirklichkeit ist, aber im Einzelfall doch nur vorübergehend.

    LG Okotadia

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