1. #1
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    Sternenschauer

    Du mußt gekommen sein, aus fernem Sternenschauer.
    An einem Sonntag im April vor ein paar Jahrn.

    Die Welt rieb sich die Augen, nur für kurze Dauer.
    Sie hat zu viel erlebt, um staunend zu verharrn.

    Und doch glaub ich, du bist
    die erste Frühlingsbotin,
    die einfach bleiben darf,
    wohin die Zeit auch treibt.
    Zwar sagt mir mein das Gespür,
    dass ich dich nie kapier,
    obwohl ich mich gerad von dir
    total verstanden fühl:

    Du bist stumm, wie jeder deiner Fische,
    die täglich hinter Glas ihre Runden drehen,
    friedlich fröhlich, in Stille vereint -
    nur geben, nur nehmen, nur leben.

    Du mußt gekommen sein, um stumm mit mir zu liegen
    Du lässt mich in den Obertönen deines Schweigens sein.
    Und während Tod und Höllenfeuer in mir wüten
    plündern Spatzen deine Blumen, und die Welt sie stürzt nicht ein.

    Und doch ich glaub, du bist
    die erste Frühlingsbotin,
    die einfach bleiben darf,
    wohin die Zeit auch treibt.
    Zwar sagt mir mein das Gespür,
    dass ich dich nie kapier,
    obwohl ich mich gerad von dir
    total verstanden fühl:

    Du bist stumm wie jeder deiner Fische
    die täglich hinter Glas ihre Runden drehen
    friedlich, fröhlich, in Stille vereint
    nur geben, nur nehmen, nur leben.
    Nur geben, nur nehmen, nur leben...
    Wortfüsse, wohin ich auch seh!

  2. #2
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    eine synthese von barbie und barbarella, so unmerklich und feinstichig aus der schwimmblase gedrückt und zum stoff zusammengenäht, dass ich noch keinen ansatz finde, um zu kommentieren, warum dieser kitsch kein billiger kitsch sei, sondern echt bewundernswert. vermutlich wäre einer (unter anderen) die gleichberechtigung von sprache und vers. aber lasst uns abwarten, was die vers-techniker dazu sagen.
    leider ziemlich sprachlos, obschon kein goldfisch im glas
    kaspar

  3. #3
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    Hey Kaspar,

    herzlichen Dank für deinen wirklich interesssanten Kommentar. Kann man den Zeilen entnehmen, dass sie eine Liedstruktur haben? - Ich denke du weißt, dass ich metrisch korrekt schreiben kann. Aber beim Liedtext stört mich das korrekte Maß. Es stört mich als Komponist. Die Gefahr ist mir zu groß, dass ein alternierendes Metrum den Komponisten einfach einschläfert. Selbst wenn ich mit Zäsuren für ordentlich Bewegung sorge.

    Bob Dylan Texte, der vermutlich ebenfalls mühelos alternierend schreiben könnte, haben ebenfalls sehr oft eine metrisch sehr sprunghafte Struktur. Rap, Hiphop, poetry slam, sind alles, nur nicht alternierend. sie alle eint vermutlich das Bedürfnis, einen Liedtext in einem freieren Versmaß zu schreiben - den Duktus der künstlerische Sprache mehr den der Alltagssprache anzunähern. Vermutlich geschieht das alles unter der verschwommenen Zielstellung, im Pop "authentischer" als Kunst der Kunst wegen rüber zu kommen....

    Der professionelle Schlagerkomponist läßt sich schon gern von einem alternierenden Versmaß inspirieren... Aber da will ich nicht hin. Schau dir mal Grönemeyers Texte an. Ein sehr sprachbegabter Popinterpret, der vermutlich wie ich bewußt allerhand Stoperstein einbaut, um nicht in den Spuren des Volksliedes zu versanden. Wie sonst läßt sich zum Beispiel folgendes erklären: In dem Hit "Was soll das" textet Grönemeyer final auf seine vorgegebene R&B-betonte Bridge:

    Hat Dich beim Wühlen in den / Kissen
    denn nie dein Gewiss/ en gebissen

    Als hiesiger Verstechniker würde ich doch garantiert für V2 vorschlagen:

    .... / denn dein Gewissen / nie gebissen /

    Nein, Grönemeyers wählt vermutlich eine subtile, humorvolle Variante, um sich vom Verdacht zu befreien, ein lyrischer Bausatzspieler nach den Regeln seines Deutschlehrers zu sein. (Keine Angst, DICH hätte ich sehr gern als Deutschlehrer gehabt. ) Und da dich lange Erklärungen stets vom Anworten abzuhalten scheinen... mache ich hier mal einen Break... und gehe auf Inhaltliches in meiner Antwort auf DEINE Antwort ein.

    lg
    Geändert von Artname (25.01.2018 um 12:26 Uhr)
    Wortfüsse, wohin ich auch seh!

  4. #4
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    Hallo Artname,

    der Text gefällt mir, der Rhythmus auch. Dafür bedarf es auch nicht der Rechtfertigung, es sei ja ein Liedtext. Was ist für Dich ein korrektes Maß und warum siehst Du den von Dir gewählten Rhythmus als Gegensatz zu einem „alternierenden Metrum“? Die deutsche Sprache ist m.E. immer eine Sprache, die durch den Wechsel von Betonungen charakterisiert ist, egal wieviele unbetonte Silben Du zwischen die akzentuierten schiebst. Dass Du Dich von der einfachen Jambenstrickerei, wie es gitano mal so schön formulierte, absetzen möchtest, ist was anderes und zeigt, dass Du bereits über ein ausgeprägtes Rhythmusgefühl verfügst. Als Musiker sollte das sicherlich auch kein Wunder sein. Du irrst aber, wenn Du glaubst, dass Rhythmuswechsel ein Privileg der Musik ist. Das Gegenteil ist der Fall. Gerade gesprochenen Texten kann mit solchen Wechseln richtig Leben eingehaucht werden, vorausgesetzt der Autor versteht dieses Handwerk. In Deinem Gedicht klappt das wunderbar. Ich fühle mich beim Lesen wie in einem Auto – mal wird Gas gegeben, dann wieder gebremst, um vielleicht mal nach links oder rechts zu schauen. Das hast Du gut und für mich nachvollziehbar hinbekommen.

    Zitat Zitat von Artname
    Zwar sagt mir mein das Gespür, ...
    Konntest Du Dich nicht zwischen „mein Gespür“ und „das Gespür“ entscheiden? Die Stelle bremst mich aus, weil ich über „mein/das“ sinnieren muß, wobei mir mein Gefühl sagt, dass dieses Sinnieren ohne Wert ist. „Mein Gespür“ unterstreicht die Subjektivität des Spürens. „Das Gespür“ verleiht ihm einen leicht überirdischen Charakter und schlägt über den Klang eine Brücke zu der Konjunktion, mit der der anschließende Nebensatz eingeleitet wird.

    Zitat Zitat von Artname
    total verstanden fühl
    Ich würde das Verb noch mit einem „t“ ergänzen, das die zwei Möglichkeiten offen hielte, dass in der Vergangenheit gefühlt wurde oder dem Fühlen ein konjunktiver Hauch beiwohnt. Eine Option aus meiner Sicht wäre auch die Steigerung von „total“ durch Wortwiederholung („total, total verstanden fühlt“). Klar, wenn es die Komposition erlaubt.

    LG Eremit

    PS: Sag mal Bescheid, wenn Grönemeyer dieses Lied in seinem Repertoire aufgenommen hat.
    Hinweis: Lyrik im Foyer 2018 in Frankfurt (Oder)

    -------------------------------------------
    Weh denen, die dem Ewigblinden
    Des Lichtes Himmelsfackel leih'n!
    Sie strahlt ihm nicht, sie kann nur zünden
    Und äschert Städt' und Länder ein. (F. Schiller)

  5. #5
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    Hallo Eremit,

    Was ist für Dich ein korrektes Maß und warum siehst Du den von Dir gewählten Rhythmus als Gegensatz zu einem „alternierenden Metrum“?
    Achte beispielsweise mal auf die beiden Langversstrophen: S1 hat durchgehend 6 H(ebungen)/Vers. in S2 geht es: 6H/7H/6H/8H/
    Ähnlich bdhanle ich S2 und S4. Eigentlich sind es nur anders umgebrochene 6Heber. Und die "Frühlingbotin" ist eine weibliche Katenz, im Gegesatz zu den 5 männlichen Katenzen. Aber eigentlich sind S2 und S4 nur anders gebrochen, um sie eventuell auch anders zu vertonen. Vielleicht würde aus einer anderen Vertonung resultieren, dass ich andere Verse auf die Musik schreibe...
    ... allerdings gefällt mir der Text so, wie er da steht schon recht gut

    Du irrst aber, wenn Du glaubst, dass Rhythmuswechsel ein Privileg der Musik ist. Das Gegenteil ist der Fall. Gerade gesprochenen Texten kann mit solchen Wechseln richtig Leben eingehaucht werden, vorausgesetzt der Autor versteht dieses Handwerk.
    Naja, wir müssen da wohl unterscheiden zwischen Zäsuren, die man in einem relativ alternierenden Text setzen ... oder lesen kann... und eben unregelmäßig gebaute Versen. Wie du netterweise schriebst, beherrsche ich mein Handwerk ja ganz ordentlich. Trotzdem oder gerade deshalb schreibe ich zunächst gern Rhythmen, die quasi freier sind. - DIESE Rhythmen wieder in ein engeres Korsett zu stecken, ist leichter, als aus einem alternierenden Metrum später wieder raus zu kommen.

    -----

    Für deine Anregungen betreffend "mein/ das" Gespür und "füh/fühlt" bedanke ich mich sehr, sehr herzlich. Beide Sichten öffnen andere Türen. Ich werde mich entscheiden, falls sich Interpreten und Produzenten für den Text finden.

    lg
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